Die Fürsorge Gottes

Liebe Gemeinde!
Zum ersten Mal begegnete mir in den 80iger Jahren das nicht ganz unbekannte Bonmot „Wissen ist Macht – Nichtwissen macht nichts“, gesprüht an die Wand neben dem großen Eingangsportal der altehrwürdigen Universität Freiburg. Und über dem Eingang prangt der seit den 30iger Jahren eingemeißelte Spruch: „Wahrheit macht frei“.

Welch ein geistreicher Kontrast, wie er auch witziger kaum sein könnte. Immerhin lehrten an dieser Universität z. B. der Humanist und Luthers Zeitgenosse Erasmus von Rotterdam oder auch Kardinal Karl Lehmann wie auch der ehemalige Präsident des Bundesverfassungsgerichtes Ernst Benda. Auf durchaus intelligente Art und Weise karikierte die Kombination von Sinnspruch und Bonmot das Streben der Menschen nach ständig mehr Wissen und Können auf allen Gebieten unseres Lebens, um so dann nach Belieben immer und über alles herrschen zu können.

Ja, wie aufregend und spannend könnte es doch sein, wenn wir soviel wissen und auch können, dass wir es sind, die bestimmen, wie lange wir z.B. leben wollen. Allwissend und allvermögend zu sein – ja, das sind hin und wieder unsere Phantasien, insbesondere waren sie es, als wir noch Kinder waren.

Ich denke, dies ist ein generelles Problem, seit es uns Menschen auf dieser Erde gibt. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, wenn dieses Thema auch in der Bibel in vielen Geschichten seinen Platz hat.

Hören wir aus dem 1. Buch Mose im 4. Kapitel:

[TEXT]
Liebe Schwestern, liebe Brüder! Diese Geschichte vom ersten Sündenfall begleitet zumindest die meisten unter uns seit unseren Kindertagen: Vielleicht wurde sie uns schon aus einer Kinderbibel vorgelesen, im Kindergottesdienst ist sie uns erzählt worden und im Religionsunterricht mussten wir als uns Schüler mit dieser Geschichte beschäftigen und in meinem Konfirmandenunterricht wurde sie auch thematisiert. Schließlich ist der erste Sündenfall alle sechs Jahre der vorgesehene Predigttext für Invokavit, für den ersten Sonntag in der Passionszeit. Immer wieder einmal werden wir also mit der Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies konfrontiert.

Die frühe Kirche hatte schon bald daraus die Lehre von der Erbsünde entwickelt, die bis heute unsere Moralvorstellungen maßgeblich und negativ geprägt hat: nämlich, die angeblich verführbare Frau, die vor sich selbst geschützt werden müsse, und der gerne leichtgläubige Mann, der sich nur schwer den Verführungskünsten seiner Frau erwehren könne; trotzdem aber derjenige ist, der maßgeblich das Sagen habe. So seien Mann und Frau nun mal veranlagt. Deshalb müsse sie auch unter Schmerzen ihre Kinder gebären und habe er mit viel Mühe und großer Plackerei für den Lebensunterhalt der Familie zu sorgen. Als Konsequenz aus der Erbsünde gelte: Geschenkt werde den Menschen nichts mehr, der Verlust des Paradieses ist total.

Wenn wir derart die Geschichte vom sogenannten „Sündenfall“ hören und lesen, dann stellt sich uns zwangsläufig die Frage: „Was hat Gott, als er den Menschen schuf, falsch gemacht? Wenn Gott so allwissend und allmächtig ist, dann hätte er doch dieses Desaster mit dem verbotenen Baum im Paradies vorherwissen müssen! Warum hat er nicht steuernd eingegriffen?“ Jedenfalls hatten mich immer wieder derartige Fragen beschäftigt; aber befriedigende Antworten darauf wurden mir nie gegeben.

Dagegen erinnert mich diese Geschichte inzwischen eher an die kleinen Kinder, wenn sie in das Alter der Warum-Fragen gekommen sind. Dann hinterfragen sie nämlich ständig alles. Und auf jede Antwort folgt wiederum „Warum?“, bis wir Erwachsenen genervt aufgeben. Wir ersticken das nächste Warum schon im Keim, indem wir die Aufmerksamkeit des Kindes auf anderes lenken. Daher meine ich, dass uns zum Verständnis dieser sogenannten Sündenfallgeschichte ein Wechsel der Perspektive gut helfen könnte.

Versetzen wir uns doch einmal in unsere eigene Kindheit zurück. War sie nicht eigentlich sorgenfrei? Wir mussten uns um nichts kümmern; was wir brauchten, bekamen wir von den Eltern: Essen und Trinken, warme Kleidung, Spielzeug. Von den Sorgen und Nöten des Alltags bekamen wir relativ wenig mit.

Doch mit unserem Älterwerden kamen zum einen immer mehr Forderungen auf uns zu, zum anderen wuchs unser Wissensdurst, wir konnten eigentlich nicht genug lernen. Zugegeben, vieles sollten wir lernen, wozu wir selber keine Lust hatten, was uns große Mühen und noch mehr Ärger bereitete; aber vieles lernten wir, weil es uns ein großes Bedürfnis war, weil es uns stark interessierte. Und am Ende waren bzw. werden wir erwachsen, sind auf uns selbst angewiesen, müssen alleine für uns sorgen, kein anderer ist mehr für uns verantwortlich. Ein Zustand, den wir als Kinder und Jugendliche immer angestrebt hatten. Wenn wir seinerzeit aus dem Paradies unserer Kindheit herausstrebten, dann bekamen wir zu hören: „Werd du erst mal erwachsen!“ Und als Erwachsene denken wir mit verklärtem, wehmütigem Blick an unsere sorglose Kindheit zurück, die es so nie wieder geben wird. Sie ist uns zu einem verlorenen Paradies geworden.

So ist unsere eigene Lebensgeschichte, die Geschichte unserer Kindheit, unseres Heranwachsens und unser Eintritt in das Erwachsenenleben, die für uns aktualisierte biblische Erzählung von der Vertreibung aus dem Paradies. Verboten war es Adam und Eva, vom Baum der Erkenntnis zu essen. Auch uns begleiten Verbote ein ganzes Leben lang. Und als Kinder waren wir erst recht immer wieder einmal versucht, aus Neugier dagegen zu verstoßen. Aber letztlich konnten wir nur so neue, wichtige Erkenntnisse gewinnen! Wir mussten unsere Finger selber an der heißen Herdplatte verbrennen, um zu lernen, vorsichtig zu sein.

Ich bin fest davon überzeugt, dass sich Gott uns Menschen als mündige, als verantwortungsbewusste Geschöpfe wünscht. Dazu gehört auch, dass wir nicht alles können und wissen wollen. Gott hat uns zwar zu seinem Ebenbild geschaffen, das heißt aber nicht, dass wir auch alles wie er können müssen. Ein Abbild ist eben nur die Kopie des Originals. Wohin wir Menschen mit unseren Allmachtsphantasien kommen, zeigt uns auf sehr drastische Art die Geschichte vom Turmbau zu Babel, die wir nur 7 Kapitel weiter im 1. Buch Mose lesen können.

So finde ich es z.B. gut und spannend, welche Weiterentwicklungen den Naturwissenschaften möglich wurden, nachdem der Physiker und Nobelpreisträger Albert Einstein die Relativitätstheorie gefunden und formuliert hatte. Und wie sehr wurden die Errungenschaften der sich nun rasant fortentwickelnden Atomphysik missbraucht, indem u.a. der bedeutende Physiker Werner Heisenberg gegen Ende des 2. Weltkrieges von den Nazis zum Bau einer Atombombe gezwungen wurde. Mit Geschick hatte er sich dem zwar entziehen können; aber dann brachten ihn die Amerikaner in die USA und dort war er dann gezwungen, nun wirklich an der Weiterentwicklung der Atomwaffen zu arbeiten.

Und auch die Medizin fasziniert mich. Was ist ihr inzwischen nicht alles möglich? So kann ich mich noch gut an die allgemeinen Aufregungen und Erwartungen erinnern, als es dem südafrikanischen Herzchirurgen Christiaan Barnard 1967 gelang, das erste Herz zu transplantieren. 44 Jahre später gehören Transplantationen aller möglichen Organe zum chirurgischen Standard. Zwar ist bei weitem nicht jede Klinik personell und materiell so ausgestattet, dass sie eine solche Op durchführen kann; aber ist jede Herztransplantation heutzutage noch einen groß aufgemachten Artikel in den Zeitungen wert? Organtransplantationen gehören inzwischen zu unserem Alltag, wie auch die sogenannte Gentechnologie in der Medizin.

Mit Recht ist die Medizin stolz auf ihren erreichten Fortschritt, hat sie doch im Laufe der letzten Jahrzehnte vielen Patienten entscheidend zum Weiterleben helfen können. Und doch stößt sie auch immer wieder an ihre Grenzen, wenn trotz aller ärztlichen Kunst, Patienten sterben müssen. Wie sehr zweifeln dann wohl die Ärzte an ihrem Können und müssen die Angehörigen und Freunde der verstorbenen Patienten mit den zerstörten Hoffnungen und ihrer Trauer kämpfen!

Es ist wichtig, dass wir als Kinder lernen, falschen Einflüsterungen und Versuchungen zu widerstehen. Nicht alles, was uns als besonders verlockend erscheint, ist wirklich gut für uns. Deshalb gehört es zu unserem Erwachsenwerden dazu, dass wir lernen, zu unterscheiden und zu entscheiden, was wirklich gut ist für uns und was nicht und vor allem: Wer und was wir sind. Nach dem Probieren von der verbotenen Frucht erkennen Adam und Eva ihre Nacktheit. Dies ist durchaus auch bildlich zu verstehen als Erkenntnis dessen, wessen sie alles bedürftig sind. Die beiden wissen nun, dass sie allein mit ihrer Kindlichkeit ihr Leben nicht bewältigen können. Sie bemühen sich, ihre Blöße zu bedecken. Und sie haben bereits ein Gewissen, so dass sie, von Gott zur Rede gestellt, erst einmal die Schuld von sich weg auf andere schieben.

Ja, Adam und Eva sind nun erwachsen und nicht mehr auf das Paradies als ihre Lebensgrundlage und Sicherheit angewiesen. Aus fürsorglicher Liebe rüstet Gott sie für dieses neue Leben jenseits der Kindheit aus. Er stattet die beiden so aus, dass sie den Strapazen des Lebens gewachsen sind.

Auch wenn Wissen Macht bedeutet, muss ich aber nicht alles wissen. Dagegen liegt für mich in den Worten „Nichtwissen macht nichts“ ebenso viel Weisheit wie Wahrheit verborgen. Selbstverständlich bin ich selbst für mein Leben hier in dieser Welt verantwortlich. Dazu gehört aber auch, dass ich meine Grenzen kenne. Deshalb will ich weder mehr können noch mehr wissen, als gut für mich ist. Deshalb will ich für mich z.B. nicht jeden medizinischen Fortschritt in Anspruch nehmen, auch wenn so vielleicht mein Leben verlängert werden könnte oder meine Lebensqualität wesentlich verbessert würde. Aber wer weiß das schon vorher?

In Psalm 91 haben wir eingangs gebetet: „…Gott hat seinen Engeln befohlen, daß sie dich behüten auf allen deinen Wegen, daß sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.“ Lasst uns also dieser Fürsorge Gottes anvertrauen so wie Jesus, der diesen Psalm betete und der lebensbedrohenden Versuchung widerstand, von der Mauer des Tempels zu springen.

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