Ich sehne mich nicht zurück ins Paradies

Liebe Gemeinde!
Wenn Sie heute die Möglichkeit hätten, zurückzukehren ins Paradies; das Gebrochene, Schizophrene des irdischen Lebens hinter sich zu lassen, abzulegen wie Kleider; die Erfahrungen – auch die bitteren – einzutauschen gegen eine kindliche Ahnungslosigkeit und sich ganz tragen zu lassen von einer alles umgebenden Geborgenheit, in der Zeit keine Rolle mehr spielt; würden Sie Ihr Leben aufgeben zugunsten dieser allumfassenden Unbefangenheit?

Ich nicht. Ich wünsche mir so manche Erleichterung, ja. Aber im Großen und Ganzen würde ich nicht zurück wollen. Vielleicht, wenn ich einmal sehr alt bin, Schmerzen, Verzweiflung oder Orientierungslosigkeit übergroß werden – vielleicht dann. Heute aber nicht.
Ich merke es an mir selbst und besonders deutlich an meinen Kindern: unser Leben besteht zu großen Teilen aus dem Drang, sich herauszuarbeiten aus dem Zustand der Ahnungslosigkeit und Unbefangenheit. Wir wollen spüren, dass wir leben – auch am Widerstand an anderen.

Vermutlich geht es Ihnen wir mir: Wir ärgern uns, wenn uns Kinder und Jugendliche provozieren. Es versetzt uns eine Stich, wenn wir merken, dass jemand auf unsere Kosten lebt, das beste für sich herausholen möchte. Es verunsichert uns, nicht zu wissen, ob jemand ehrlich zu uns ist.
Und dennoch fänden wir es wohl alle extrem erschreckend, wenn ein Kind, ein Mensch, nie ausloten würde, wo seine Grenzen sind; wenn Ahnungslosigkeit sein hervorstechendes Charaktermerkmal sein würde.
Erziehung heißt doch, einem Menschen eine tragfähige Beziehung anzubieten UND ihm ein Gespür dafür zu geben, was gut und böse, dumm und schlau, gefährlich und machbar ist. Ein Gespür für wahr und falsch, Lüge, Betrug und Macht gehört genauso dazu wie die Fähigkeit zu Zärtlichkeit, ein sinnvoller Umgang mit Enttäuschung oder Gewalt. Kurz: Wir bringen unseren Kindern bei, mit den Gebrochenheiten und Schizophrenien des Lebens umzugehen. Wir alle lernen täglich auch selbst weiter. Und wir wissen: Lernen geht am besten über die Praxis. Also betrügen und lügen wir genauso wie wir umgekehrt trösten und aufklären. Wir haben Mitleid aber ignorieren auch fremdes Leid. Wir lieben und hassen, unterdrücken und befreien, wir helfen und lassen allein. Wir leiden und freuen uns. Unsere Leben ist eine Sammlung scheinbar widersprüchlichster Verhaltensweise und doch ein meist stimmiger Lernweg.

Kaum einer wohl würde zurückkehren wollen in eine kindliche Ahnungslosigkeit und den aus Gutem und Bösem gemischten Erfahrungsschatz aufgeben wollen. Weil er doch unser Leben ausmacht.
Und wohl jeder wird es für gut heißen, Kindern all das und einen sinnvollen Umgang mit all dem beizubringen UND gleichzeitig eine tragfähige Beziehung anzubieten, auf deren Basis sie all das erproben können. Eine Basis, auf der sie eine eigene Persönlichkeit werden können, die ihnen auch die Möglichkeit gibt, sich loszusagen.

Diesen Prozess ins eigene Leben mit all seinen Gebrochenheiten und Widersprüchen, aber getragen von einer sicheren Beziehung schildert unser heutiger Predigttext:

1. Mose 03, 1-13. + 21-24)
3,1 Aber die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der HERR gemacht hatte, und sprach zur Frau: Ja, sollte Gott gesagt haben: ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten? 2 Da sprach die Frau zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; 3 aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbt! 4 Da sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, 5 sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esset, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.
6 Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon, und er aß. 7 Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan, und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.
8 Und sie hörten Gott den HERRN, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes des HERRN unter den Bäumen im Garten. 9 Und Gott der HERR rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du? 10 Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich. 11 Und er sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du nicht gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen? 12 Da sprach Adam: Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum, und ich aß. 13 Da sprach Gott der HERR zur Frau: Warum hast du das getan? Die Frau sprach: Die Schlange betrog mich, so dass ich aß. (…)
21 Und Gott der HERR machte Adam und seinem Weibe Röcke von Fellen und zog sie ihnen an. 22 Und Gott der HERR sprach: Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist. Nun aber, dass er nur nicht ausstrecke seine Hand und breche auch von dem Baum des Lebens und esse und lebe ewiglich! 23 Da wies ihn Gott der HERR aus dem Garten Eden, dass er die Erde bebaute, von der er genommen war. 24 Und er trieb den Menschen hinaus und ließ lagern vor dem Garten Eden die Cherubim mit dem flammenden, blitzenden Schwert, zu bewachen den Weg zu dem Baum des Lebens.

Liebe Gemeinde!
Ich träumte einmal, dass mein Vater auf mich schoss – nicht zum Spaß, sondern scharf von unserem Haus aus, in dem ich aufgewachsen war. Natürlich würde mein Vater das niemals wirklich tun. Aber der Traum war ziemlich real. Zwei Cherubim mit Feuerschwert vor dem Gartenzaun hätten auch nicht realer sein können.
Dass mein Vater auf mich schoss, träumte ich im Alter von 20 Jahren, als ich, nachdem ich im Zivildienst bereits außerhalb gewohnt hatte, wieder ein Jahr zuhause wohnte. Ich habe dieses Jahr als recht bedrückend und beengend erlebt: das kleine Dorf, in dem ich mich unverstanden fühlte und wohl auch war, erwachsen, aber den Vater als Arbeitgeber, pflegebedürftige Großeltern, ständig das Gefühl helfen zu müssen, keine rechte Ahnung, was aus mir werden sollte: ein Gefühl wie in der Dose. Die Schüsse, so tödlich sie hätten sein können, bewirkten, dass mir endlich bewusst wurde, dass ich weg musste. Mein Vater, auch der geträumte, war nicht potentieller Mörder, sondern der, der die richtigen Maßnahmen ergriff, damit ich mich dorthin bewegte, wo ich hingehörte. Die Schüsse waren eigentlich keine Verstoßung, sondern eine Befreiung. Ich bin mir sicher, dass ich zuhause nicht glücklich geworden wäre.
Vielleicht – ich bin mir nicht sicher – könnte ich heute wieder zuhause wohnen. Denn:
Ich habe gelernt, andere nicht ernster zu nehmen als mich selbst. Ich habe gelernt, meine Pflichten nicht ernster zu nehmen als meine Wünsche. Ich habe gelernt, dass ein Dorf auch nur irgendein Ort ist in der Welt, auch wenn man manchmal dazu neigt, es mit der Fülle des Kosmos zu verwechseln. Ich habe gelernt, dass das Leben diese eigentümliche Mischung aus Gut und Böse ist, die mir zeigt, wer ich bin und mich zugleich weiter formt. In Momenten großer Leere und Verzweiflung habe ich den Wunsch gespürt, dass alles ein Ende nimmt. Wenn ich zurückblicke, waren es Momente, die mir heute die Angst vor dem Tod nehmen, weil ich ihn mir bereits gewünscht hatte. Wäre er damals gekommen, würde ich das heute bereuen so ich das dann noch könnte.

Weil ich Vieles gelernt habe, auch Lügen, gemein zu sein, Macht auszuüben, aber auch mit Lügen umzugehen, Gemeinheit zu verhindern, Verantwortung zu übernehmen, ohne mich zu übernehmen, mich zu öffnen, aber auch abzugrenzen. Eben all das Viele, das man im Leben lernt, wenn man die Möglichkeit erhält, Ja oder Nein zu sagen, Gutes und Böses zu probieren – hineingeworfen ins Leben – aber nicht allein, sondern mit einer tragfähigen Beziehung im Rücken, jemand, von dem man sich lossagen kann wie in der Pubertät von den Eltern, aber der dennoch da ist, manchmal näher, manchmal distanzierter.

Ganz am Ende unseres Lebens, wenn wir vollgefüllt sind mit den Erfahrungen des Lebens, stelle ich mir vor, könnte ich mich sehnen nach – nicht nach der Rückkehr in die Ahnungslosigkeit – aber nach einer Art Reinigung. Denn ich spüre, dass es Kraft kostet, sich aufrecht zu bewegen in den Gebrochenheiten des Lebens. Ich spüre, dass es Kraft kostet, sich zusammen zu halten in den Schizophrenien des Lebens. Und ich spüre bei mir und im Gespräch mit alten Menschen, wie kompliziert die Muster werden, die das Leben immer wieder ineinander webt, sodass man mehr und mehr erzählen und wiederholen muss, um neue Erfahrungen mit der Mengen an Erlebtem zu verweben, das bereits in uns steckt.
Dass man nach vielen Jahren Leben alt und lebenssatt genug hat, das kann ich mir vorstellen. Das Leben soll sich nicht in alle Ewigkeit fortsetzen. Zu anstrengend, zu ermüdend ist es, zu viel sammelt sich an im Leben. Der menschliche Drang heraus aus der Ahnungslosigkeit hat ja einen Stein ins Rollen gebracht, der bist heute weiter rollt. Misstrauen, Skepsis, Egoismus, gehören unweigerlich zu dieser Welt, in der wir leben mit dazu. Der Drang, immer Neues auszuprobieren, immer noch weiter zu wollen, steckt in uns, bringt uns nicht immer nur Positives, sodass es am Ende gut ist, sich hinlegen zu dürfen und zu sterben: alt und lebenssatt. Dass Gott uns davor bewahrt, vom Baum des ewigen Lebens zu essen, auch das ist wohl ein Segen – wir würden es sonst wohl ausprobieren wie so ziemlich alles andere auch.

Ich sehne mich nicht nach einer Rückkehr ins Paradies, sondern nach einer Klärung. Und ich bin froh, dass die Bibel nicht von einer Rückkehr in den umgrenzten Garten des Paradieses spricht, sondern von der klärenden Kraft des Gerichts und von der Weite des Himmels, in der alle Erfahrungen Platz finden.
EIN Bild vom Gericht Gottes am Ende der Tage gefällt mir besonders gut. Der Prophet Maleachi schreibt, Gott packe unser Leben wie Gesteinsbrocken in einen Schmelzofen und schmelze die Essenz unseres Lebens wie Gold heraus und trenne es so von der Schlacke. (Mal 3,2) Es bleibt das Gute aus allen Erfahrungen: weit wie der Himmel, konzentriert und lauter – wie Gold.
Das gebe Gott!

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