Der gute Augenblick

Können Sie sich noch an den Film „Titanic“ erinnern. Kate Winslet und Leonardo di Caprio. Viele sahen damals diesen Film – bis auf einen Bekannten von mir. Der meinte: „Ach weißt Du, den schaue ich mir nicht an, ich weiß ja jetzt schon, wie er ausgeht!“ – und so geht es mir jedenfalls immer wieder wenn ich diesen Text höre:

Am Ende weiß ich schon wie es ausgeht: Martha ist ein bisschen blöd und Maria ist die gute. Martha macht die Arbeit und die Schwester Maria genießt. Martha nimmt auf, lädt ein und hat die Arbeit und Maria wird fürs Nichtstun auch noch belobigt! Und geübte Kirchgängerinnen und Kirchgänger wissen schon im Voraus: So muss das sein, denn schließlich kommt die Gelegenheit in Jesu Nähe zu sein nur einmal im Leben und das versteht Martha eben nicht, Maria aber schon.

Nicht nur eine verstörende, nein auch eine ausgesprochen ärgerliche Geschichte, die Lukas hier von Jesus berichtet. Sie entspricht schließlich nicht dem, was wir uns leisten wollten und gerne täten, wenn wir denn das so einfach könnten.

Die Argumente dieser Geschichte sind doch schon so oft ausgetauscht worden: Bediente Martha die Gäste nicht, könnte sich Maria wohl nicht so entspannt zu seinen Füßen setzen. Erst die Arbeit und dann das Vergnügen. Wir werden uns in der Mehrheit immer lieber mit der Martha identifizieren. Nicht so sehr mit Maria, die kommt uns selbstsüchtig vor.

Erst die Arbeit und dann… So kennen wir es, viele sind von uns so erzogen worden. Viele leben und arbeiten auch so, nur um dann in den wenigen frei verfügbaren Ferienmomenten alles auf die vergnügliche Karte zu setzen. Alles muss dann auf einmal geschehen, jetzt oder nie!

„Eins aber ist not!“- so spricht Jesus zu Martha, um dann nur fortzufahren: „Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.“ – wenn das im Leben so einfach wäre!
Hätte die Geschichte auch anders laufen können? Hätten beide Frauen zu Füßen des Meisters sitzen können? Es kommt darauf an, welcher Seinslogik man folgt.

Meine Frage lautet: Was hätte Martha gebraucht, damit sie sich genauso wie ihre Schwester Maria hätte setzen können?
Es ist ja nicht so, dass Martha dümmer als ihre Schwester wäre. 
Sie spürt sehr genau, da geschieht etwas Außergewöhnliches. Da kommt kein alltäglicher Gast in ihr Haus – eine echte Ausnahmesituation. Denn sie tut alles dafür, dass sich dieser besondere Gast in ihrem Haus ausgesprochen wohl fühlt. Sie merkt genau: Da kommt der richtige Zeitpunkt, das bedeutendste Ereignis ihres Lebens geschieht vor ihren Augen und da will sie bereit sein!

Auf ihre Weise versucht sie einen sehr kostbaren Augenblick festzuhalten. Martha weiß, sie hat nicht alle Zeit der Welt. Jesus in ihrem Haus bleibt eine Episode – das ist bedrohlich, wenn man weiß, die Normalität kehrt zurück.

Ich stelle mir vor, Martha hätte mehr Zeit gebraucht. Jesus und seine Jünger hätten gesagt: „Martha wir bleiben eine Woche bei Dir!“ Aber vielleicht hätte genau dieser Satz ihr viel mehr Stress bereitet: „Wie soll ich das alles schaffen?“; „Wie bekomme ich die alle satt?“
Also Maria braucht nicht mehr Zeit, sondern Vertrauen zu sich selber, dass sie sich Zeit für sich selber nehmen kann.

Im Griechischen gibt es ein Wort für den günstigen Augenblick: „Καιρος“, das hat mit der ähnlich klingenden ägyptischen Hauptstadt nichts zu tun. Solche Momente sind selten im Leben, vielleicht fällt Ihnen persönlich der eine oder andere ein. Das sind die kostbaren, seltenen Momente, wo alles stimmt. Menschen, Zeiten und Orte zusammenpassen und die uns berühren.

Aber solche Momente kann ich verpassen, wenn ich mir meiner nicht sicher bin. Vor lauter Aufregung, dieser Moment tritt jetzt ein und ich weiß das, verpasse ich ihn.

Martha weiß um das Angebot Gottes an sie und kann diesem Angebot im Gegensatz zu Maria nicht trauen.
Sie verharrt lieber in ihrer Angst, in ihren alten bekannten Mustern und lässt sich nicht auf Gott ein, der zu ihr kommt, so wie Gott einst ins Zelt zu Abraham kam, um bei ihm zu sein.

Abraham, Maria bekamen offensichtlich die Erfahrung mit, das sie sich auf solche Momente verlassen können, wenn der „Καιρος“, der günstige Augenblick in ihr Leben tritt. Maria war bereit, einen neuen Weg einzuschlagen, etwas zu riskieren, wozu sie ihre Grenzen überwindet.

Das ist für Martha hochbedrohlich. Führt sie ihre Dienstbarkeiten weiter, wird sie später immer sagen können: „Tja Maria, wann hätte ich mich denn setzen können? Du hast Dir es ja nicht für nötig befunden, mich zu unterstützen! Ich habe schließlich meine Pflicht getan und dem Gastrecht genüge!“

Es geht um Schuld, um das darauf verweisen, keine Zeit für Gott zu haben, denn es gibt immer wichtigere Dinge im Leben zu tun: Einen Acker kaufen, Hochzeit halten, das Auto waschen, die Renovierungsarbeiten durchführen, die Wäsche waschen, dem Beruf nachgehen, weil einen keiner stört, usw. usw.

Dann stimmt meine Welt wieder, dann kann ich im selbsterzeugten Kreislauf darauf verweisen, dass die Wirklichkeit der Welt einfach immer wieder stärker ist, als meine grundsätzlich guten Erfahrungen, mich meinem Gott zu nähern. Ihm so nahe zu sein, wie er mir nahe sein will.

Wir versuchen es hier im Gottesdienst, Sonntag, für Sonntag, denn dieser Tag soll Zeit für ihn enthalten, die zur Zeit für mich wird.

Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist Not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden. Gott bietet Martha selber noch einmal die Wahl an. Ich entscheide, ob ich mich auf andere, neue Wege in meinem Leben einlasse. Ich entscheide, was ich zu meinem sicheren Felsen im Leben mache! Diese Verantwortung kann und will Gott mir nicht abnehmen, wir sind nicht seine Marionetten, sondern seine Geschöpfe, die mit allen Risiken und Nebenwirkungen Verantwortung in seiner Schöpfung übernehmen dürfen und sollen!

„Estomihi!“ „sei mir ein starker Fels!“- in der Fastenzeit geht es auch darum zu schauen, wo wir Verantwortung übernehmen und uns für unsere Entscheidungen haftbar machen lassen müssen, weil wir uns schuldig machen werden.
 Den guten Augenblick wie Maria zu ergreifen erfordert mehr Mut, als es auf den ersten Blick aussieht, denn sie verstößt gegen alle Konventionen und wir dafür belohnt. 
Diese Freiheit schenkt und mutet uns Gott zu!

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