Die zwei Schwestern in uns

Liebe Gemeinde,
ich habe zwei Schwestern. Schwestern haben es nicht leicht miteinander! Die Ältere kann sich ihre Rolle in der Familie noch aussuchen, die Jüngere muss nehmen was übrig bleibt. Schwestern sind sehr unterschiedlich, ist die Eine häuslich wird die Andere sportlich, gilt die Eine als klug dann gilt die Andere als schön. Schwestern, wirkt die Eine eher männlich dann die Andere eher weiblich, eine harte Konkurrenz!

Aber sind Schwestern nicht auch diejenigen Wesen auf der Welt, die sich am besten verstehen? Allerdings; meine Schwestern haben sich unterstützt und zusammengehalten gegen unsere Eltern und gegen mich, ihren Bruder. Schwestern, gibt es irgendetwas, das komplizierter ist als das Verhältnis unter Schwestern?

Unser Predigttext erzählt eine Geschichte von zwei Schwestern, die auch noch als Erwachsene zusammen leben.
Ich lese uns den Text bei Lukas 10,38-42:
(Aus dem Perikopenbuch vorzulesen)

Diese Geschichte ist bekannt. Sie wird normalerweise auf die Frage hin ausgelegt: Wie soll eine Frau sein? Soll sie die Arbeit machen oder soll sie den Mann anhimmeln, oder am besten beides?

Allerdings, in dieser Geschichte geht es nicht um das Wesen der Frau. Es geht um etwas völlig anderes. Lassen sie uns genau hinsehen.

Martha lädt Jesus und seine Reisegesellschaft zu sich ins Haus ein. Martha hat also Gäste und muss sich auch darum kümmern, dass die Gäste etwas zu essen, einen Schlafplatz und Wasser haben, letzteres um sich Hände und Füße zu waschen. Es sind viele Gäste, wahrscheinlich mehr als sie aus eigener Kraft bewirten kann.

Maria betrachtet das nicht als ihr Problem. Schließlich hat Martha die Leute eingeladen. Maria findet die Gäste hoch interessant, setzt sich zu ihnen und hört sich an, was diese Spannendes zu erzählen haben.

Martha ist überfordert und Maria kümmert sich nicht darum. Martha erwartet, dass Maria ihr hilft. Und entsprechend der berühmten orientalischen Gastfreundschaft kann sie dies mit Fug und Recht erwarten.

Aber Maria kümmert sich nicht darum. Und darauf reagiert Martha dann ziemlich giftig. Sie stellt ihre Schwester Maria vor dem geehrten Gast bloß: „Siehst du nicht, dass Maria ihre Pflichten vernachlässigt. Sag du doch Maria, dass sie mit anfassen soll.“

Das ist ziemlich übel und reichlich unverschämt. Sie versucht Jesus in die Auseinandersetzung mit ihrer Schwester reinzuziehen. Sie ist sauer und sie möchte die Konkurrenz zu ihrer Schwester öffentlich gewinnen.

Entsprechend der üblichen Arbeitsverteilung in dieser Zeit und der Konvention, dieser stillschweigenden Übereinkunft, im Umgang mit Gästen hat Martha völlig recht. Sie kann erwarten, dass ihre Schwester ihr hilft.

Allerdings könnte sie ihr auch unauffällig die Bitte zuflüstern: „Auf, hilf mir doch.“ Aber den Gast als Richter zwischen sich und ihrer Schwester aufzurufen, das ist nicht nur ihrer Schwester sondern auch besonders ihrem Gast gegenüber unhöflich.

Für Jesus ist dies eine unangenehme Situation, aber wie reagiert er darauf? Jesus ist höflich und zugewandt. Er lehnt es ab, die Konvention zu unterstützen und sich auf Marthas Seite zu stellen. Er stellt sich auch nicht einfach auf Marias Seite, auch wenn es auf den ersten Blick so aussieht.

Jesus sieht die Situation und beschreibt sie einfühlsam. „Martha du hast soviel Arbeit, dass du nicht mehr weißt, wo dir der Kopf steht. Ich sehe, was du tust, und ich erkenne an, was du für mich und die anderen Gäste tust. Glaub nicht, dass ich das für selbstverständlich erachte und deine Mühe übersehe. Ich würdige deine Arbeit.“ Damit befriedigt Jesus Marthas Recht und Wunsch von ihm gesehen und anerkannt zu werden. Aber er befriedigt nicht ihren Wunsch öffentlich über ihre Schwester zu triumphieren.

Was dann kommt ist überraschend, aber es ist keine moralische Wertung. Jesus beschreibt einfach, was geschehen ist: „Maria hat sich für das Bessere entschieden. Niemand wird es ihr nehmen können.“ Jesus sagt nicht, dass Maria das moralisch Richtige getan hat. Er sagt nicht, dass es richtig war ihm zuzuhören. Maria hat sich entgegen ihrer Pflichten als Frau im Haushalt ihrer Schwester einen Vorteil gegenüber ihrer Schwester verschafft. Das ist nicht zu rechtfertigen.

Diesen Vorteil hat sie nun und niemand kann ihn ihr wieder wegnehmen. Auch wenn sie jetzt anfangen muss ihrer Schwester zu helfen, was sie hat, das hat sie.

Was sie erfahren hat, das hat sie sich gesichert. Jesus unterlässt eine moralische Bewertung, trotzdem ist es wirksam. Maria hat sich für das Bessere entschieden.

Mit diesem überraschend anderen Blick auf die Situation zwischen Martha und Maria eröffnet Jesus für alle Zuhörenden eine neue Welt. In dieser neuen Welt zählt keine Konvention und keine Pflicht. In dieser Welt kommt es darauf an, die Chance zu nutzen, die sich gerade ergibt.

Wenn Jesus da ist, dann ist das eine Chance, die man kein zweites Mal bekommt. Jetzt ist die Gelegenheit etwas zu lernen und zu erfahren. In seiner Person ist Gott gegenwärtig, dahinter muss erst einmal alles andere, sei es noch so wichtig, zurückstehen. Jetzt ist der Moment, sich ihm zu Füssen zu setzten und zuzuhören. Das ist wirklich nötig. Alles andere kann getan werden, wenn die Zeit ihm zuzuhören vorbei ist.

Jesus entscheidet sich nicht zwischen den Schwestern. Auch sagt Jesus nichts darüber, was Frauen entsprechend ihrem Wesen zu tun oder lassen haben. Jesus sagt zu allen Frauen, Männern und Kindern: „Hier ist die Gelegenheit, packt sie beim Schopf. Stellt die Fragen, was gesellschaftlich erwartet wird, was eure Rolle als Frau, als Mann, in der Familie ist, hinter das zurück was jetzt nötig ist. Und jetzt ist es nötig mir zuzuhören.“

Einen Mangel an Selbstbewusstsein kann man Jesus nicht vorwerfen. Trotzdem, er hat einfach recht.

Auch für unser Leben gilt: Packt die Gelegenheit beim Schopf und lasst euch nicht durch Konvention, erwartete Rollen oder was von euch sonst erwartet wird ablenken. Die Gelegenheit gibt es nur einmal. Das Leben wartet nicht. Und wenn sie vorbei ist, dann habt ihr sie eben verpasst.

Die Kinder sind nur eine kurze Zeit klein. Er gibt nur jetzt die Gelegenheit, mit ihnen zu spielen und die Welt zu entdecken.

Die Kinder sind nur eine begrenzte Zeit im Haus, nur jetzt dürfen wir mit ihnen reden und ihre Entwicklung fördern. Bald werden sie uns hinter sich zurück lassen und ihr eigenes Leben leben.

Die Eltern und Großeltern werden nur noch eine begrenzte Zeit bei uns sein. Wenn sie auf dem Friedhof liegen, dann wird es keine Möglichkeit mehr geben, ihre Geschichten zu hören oder die Missverständnisse, die sich angesammelt haben auszuräumen. Verpasste Gelegenheiten können sehr schmerzhaft sein und uns über Jahre hinaus belasten. Hätte ich damals doch …

Die Freunde sind nur jetzt zu Besuch, jetzt ist Zeit sich mit ihnen zu unterhalten und vielleicht ist es nicht so wichtig, dass sie mein Essen hervorragend finden. Vielleicht ist es wichtiger mit ihnen zu reden.

Zurück zu Maria, sie hat das gemerkt. Jetzt war Jesus in ihrem Haus und sie hat die Gelegenheit ergriffen, ihm zuzuhören, eine Gelegenheit, die sie vielleicht nie wieder bekommen würde. Wir haben nur dieses eine Leben. Und dieses eine Leben ist die Gelegenheit, sich Gott zuzuwenden. Eine Andere wird es nicht geben. Das ist nötig, das ist wichtig. Alles andere, was auch wichtig ist, kann demgegenüber zurückstehen.

Dies sagt Jesus seinen Jüngerinnen und Jüngern und uns in dieser Geschichte. Und glauben Sie mir, die Provokation ist heute noch genauso groß wie damals.

Wie, Jesus zuhören ist wichtiger als Gastfreundschaft zu zeigen? Jesus zuzuhören ist wichtiger als gutes Essen zu kochen? Jesus zuzuhören ist wichtiger als viel Geld zu verdienen? Jesus zuzuhören ist wichtiger als gut im Beruf zu sein? Jesus zuzuhören ist wichtiger als sich um die Familie zu kümmern? Also da geht es für mich ans Eingemachte, denn ich finde es sehr wichtig mich um die Familie zu kümmern. Spricht den Jesus nicht auch durch meine Familie zu mir? Da hilft nur eins, sich still, wie Maria, hinsetzen und darauf hören wie der HERR mit mir sprechen möchte. Aber damit beginnt dieser Prozess wieder von vorn.

Bis dahin erbittet ich für uns Gottes Segen, für unsere Versuche, uns Gott richtig zuzuwenden und dem zuzuhören, was Jesus uns zu sagen hat.

Und die Weisheit GOTTES, die größer ist als alle Vernunft führe unsere Herzen und Sinne zu den Einen was not ist. Amen

(Danke, Anregungen zu Teilen meiner Predigt habe ich erhalten von Pfarrerin Elke Burkholz in Messel.)

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