Eingegarnt

Es gibt Geschichten, die kennen alle, die Geschichte vom sogenannten Sündenfall gehört dazu, die mit Eva und dem Apfel, sagen die KonfirmandInnen und ich sage: Falsch, da gibt es keinen Apfel in der Geschichte, sondern nur eine nicht näher bezeichnete Frucht. Und das ist nur ein Missverständnis. Hören wir darum erst einmal hin, was in dieser Urgeschichte, dieser beispielhaften Geschichte über das Wesen des Menschen steht.

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Die Geschichte vom Sündenfall ist eine der großen Geschichten der Menschheit. Zugleich oft missverstanden: Hier läuft kein Film ab, sondern hier wird Urgeschichte erzählt, beispielhaft berichtet von den Urfehlern der Menschheit. Und genau nach Diesen dürfen wir suchen. Zwei Menschen leben in paradiesischen Zuständen. Sie gehen umher und essen von den Früchten des Gartens. Aber komischerweise sehen sie immer auch den einen Baum mit den Früchten, von denen sie nicht essen sollen.

Und dann spricht da eine Stimme zu ihnen. Die biblische Geschichte redet von der Schlange, aber vielleicht kam die Stimme auch aus ihnen selbst, aus der Situation. Sollte Gott wirklich gemeint haben? Ihr werdet erwachsen, wenn Ihr euch von solchen blödsinnigen Verboten befreit, wenn ihr tut, was euch einleuchtet, wenn ihr politische Emanzipation lebt. Ich kenne diese Einflüsterungen, die mir neue Möglichkeiten öffnen, auf die ich gerne höre.

Auf jeden Fall ist die Schlange ein ganz liebevoller, verständnisvoller Mensch: Ich habe gehört, dass … Da kann man leicht widersprechen: Da bist du einem Gerücht aufgesessen. Und schon wird man eingegarnt. Na wenn das so ist, dann kann ich dir sagen, es ist noch anders. Du wirst schlau, deine Erkenntnis steigt ins Unermessliche, wenn du von diesen Früchten isst. Unterschwellig die Botschaft: du würdest etwas verpassen, wenn du nicht von diesen Früchten isst.

Eine klassische Geschichte aus der Werbepsychologie finden wir hier in der Bibel. Und wie es weiter geht, das hat schon was:

Die Frucht wird genommen und der Mensch erschrickt: Er erkennt seine Nacktheit. Er erkennt, dass er Schutz braucht. Er sieht seine Nacktheit und begreift nicht, was geschehen ist.

Die Menschen sehen, und sie begreifen nicht, was sie sehen. Nicht die Nacktheit ist das Ärgernis. Mit der kommen Menschen vielleicht zurecht. Aber die Erkenntnis, dass die Beiden nun plötzlich etwas trennt, das bis dahin kein Problem war, dass ihre Erkenntnis darin besteht, dass sie sich fremd geworden sind, diese Erkenntnis tut weh.

Und sie führt dazu, dass sie sich verstecken, voreinander und vor Gott, der sie sucht. Er bleibt der liebevolle Vater, der sie auch in diesem Moment sucht, und als er ihr Elend sieht, sie auch versorgt, bekleidet, beschützt.

Was dann kommt ist wieder Urgeschichte pur. So sind die Menschen.

Jahrhundertelang wurde durch diese Geschichte der Vorrang des Mannes vor der durch leichte Verführbarkeit gekennzeichneten Frau begründet. Auch Jahrhunderte sind vor abstruser Dummheit nicht sicher. Denn wo liegt mehr Schuld bei Adam oder Eva.

Du bist Schuld oder Ich wars nicht: Zwei Seiten einer Medaille, nämlich des andauernden Versuches uns selber freizusprechen von Schuld, allen Andere mehr Schuld zu geben, als uns selber. Dem begegne ich bis heute immer wieder, auch bei mir selber: Der Versuch, eigenen Schuld klein zu reden und zu beschönigen, andere Schuldige zu finden: 1. Das Weib, 2. Das du mit gegeben hast. Adam ist eigentlich völlig unschuldig, es sind Eva und Gott, der für Evas Existenz verantwortlich ist.

Wäre Adam wirklich erwachsen geworden durch den Genuss, voller Erkenntnis, hätte er sagen können. Ich habe gegen dein Gebot verstoßen und Eva hätte dasselbe gesagt, statt: Die Schlange ist Schuld. Aber ich gebe gerne zu. Das ist so: Es ist einfacher, anderen die Schuld zu geben, als selbst Verantwortung zu übernehmen. Und darum werden Grenzen von Gott ausgesprochen. Eine Bewusstseinserweiterung wird den Menschen zugesprochen. Sie erfahren Endlichkeit und Frustration. In der Bibel ist nie was von Unsterblichkeit des Menschen im Paradies gesagt, aber nun wird ihnen bewusst gemacht, dass ihr Leben endlich ist. Das Leben vorher war auch nicht frei von Last und Plage, aber nun wissen sie etwas vom Hamsterrad des Lebens. Sie haben neue Erkenntnis gewonnen, aber diese Erkenntnis wollten sie eigentlich gar nicht haben.

Die Geschichte kann mir helfen, meine Rolle im Leben zu finden, meine Schuld zu bekennen und mit anderen Leben zu gestalten, dass sie sich nicht bloß gestellt fühlen.

Vielleicht kann ich lernen mein Miteinander zu regeln und vor Gott zu meinem Sosein zu stehen. Er lädt mich ein an seinen Tisch. Das kann mich frei machen, seinen Willen zu hören und zu tun.

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