Du bist schuld!

Liebe Gemeinde,
Du bist schuld! Wie oft habe ich diese drei Wörter schon gesagt. Du bist schuld! Und ihnen sind sie bestimmt auch nicht unbekannt. Du bist schuld! So reden wir, wenn etwas nicht nach unseren Vorstellungen gegangen ist. Wir suchen einen Schuldigen, der möglichst nicht wir selbst sind. Das fängt schon im Kinderalter an. Ich habe mein Zimmer nicht aufgeräumt, aber schuld daran ist ein anderer. Ich habe eine schriftliche Arbeit in der Schule verhauen und eine schlechte Note herausbekommen. Schuld daran ist natürlich der Lehrer, der so eine schwere Aufgabe gestellt hat. Das Essen ist angebrannt, während ich mein Freund telefoniert habe. Schuld daran ist der neue Herd, der einfach anders funktioniert als der alte. Ein Mann fährt mit dem Auto gegen den Baum. Aber das liegt bestimmt nicht am Alkohol, denn was sind schon ein-zwei Maß für einen echten Bayern. Schuld ist vielmehr die Stadtverwaltung, die gerade an dieser blöden Stelle ein Baum gepflanzt hat.

Sie sehen, liebe Gemeinde, nach Schuldigen suchen wir gern. Es ist ja auch bequem, wenn ich nicht die Verantwortung übernehmen muss. Gut zu erkennen ist das gerade in Nordafrika: in Algerien, Tunesien, Ägypten. Die Herrscher, die da schon seit Jahrzehnten an der Macht sind und ihr Volk unterdrücken, die sind natürlich nicht an den Zuständen schuld. Schuld ist vielmehr der Westen, der mit seiner Freiheitsliebe das Volk aufgestachelt.

Du bist schuld! Ein Satz mit Symbolwert. Ein Satz, wie wir ihn immer wieder benutzen. Schließlich suchen wir den Sündenbock, denjenigen, der die Verantwortung übernehmen muss.

Du bist schuld! So sagt schon Adam zu Eva. Wir sind also einem uralten Phänomen auf der Spur. Was ist passiert? Wer hat wirklich schuld?
Du bist schuld! Sagt Adam zu Eva. Du bist schuld! Sagt Eva zur Schlange. Du bist schuld! Sagt Gott zu Adam, zu Eva und zur Schlange. Wer hat wirklich schuld?

Die Geschichte ist der eigentlich eindeutig. Es gibt ein Gebot oder vielmehr ein Verbot, das Gott den Menschen gegeben hat. „Ihr dürft von allen Früchten essen, nur nicht von den Früchten dieses Baumes!“ Die Auswahl ist groß, verlockend groß! Doch auch die Früchte dieses Baumes, die verbotenen Früchte verlocken. Die Schuld scheint klar: die Schlange verführt Eva, und Eva gibt Adam auch davon zu essen. Mit einer einfachen Erklärung ködert die Schlange Eva: „Ihr werdet keineswegs sterben, wie Gott sagt, sondern werdet vielmehr Kenntnis von gut und böse bekommen!“
Wer kann denn schon widerstehen? Das macht die Früchte doch noch viel verlockender. Endlich alles verstehen, endlich klug sein, endlich wie Gott sein!
Und so pflückt die Eva die Frucht und beißt hinein. Und auch ihrem Mann Adam gibt sie davon zu essen. Beide essen davon, und beide werden gewahr: Die Schlange hat recht. Sie müssen nicht sterben, sie erfahren vielmehr, was gut und böse ist. Als erste Erkenntnis teilt sich ihnen mit: Das, was sie gerade getan haben, die Frucht zu essen, das war böse.

Nun beginnt der erste Teil des Schuldspieles. Die beiden Menschen möchten gerne verbergen, was sie angestellt haben, und machen doch dadurch gerade darauf aufmerksam. Denn sie machen sich Schurze, weil sie erkannt haben, dass sie nackt sind. Daran erkennt Gott ihre Schuld. Er merkt, dass sie von der Frucht der Erkenntnis gegessen haben. Doch die Strafe folgt nicht auf den Fuß. Vielmehr will Gott wissen, warum die beiden Menschen das getan haben. Und so fragt er nach, fragt Adam: „Wer hat dir gesagt, das du nackt bist?“ Und fügt hinzu: „Hast du etwa von dem Baum gegessen, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen?“
Eine fast rhetorische Frage, die Gott an Adam richtet. Denn Gott weiß die Antwort ja schon längst. Doch hier beginnt nun der zweite Teil des Schuldspieles. „Ich bin nicht schuld!“ denkt sich Adam. Und sucht fieberhaft nach einem, dem er die Schuld in die Schuhe schieben kann. Und der ist schnell gefunden: seine Frau Eva hat ihn dazu verleitet. Du bist schuld! Und der Rest der Geschichte kennen wir.

Ich glaube, dass alle drei, Adam, Eva und die Schlange, gleich schuldig sind. Keiner kann die Schuld auf einen anderen schieben, jeder hat seine eigene Schuld. Adam hat sehr wohl gewusst was er tat, auch wenn er die Frucht von Eva bekam. Und Eva hat sich sehr wohl dem Gebot Gottes widersetzt, auch wenn die Schlange sie austricksen wollte. Und auch die Schlange wusste genau, dass es nicht recht ist, Eva dieses vorzuschlagen.
So wie Adam, Eva und die Schlange müssen wir alle Verantwortung tragen. Keiner von uns kann sich der Schuld entziehen, die wir tagtäglich auf uns laden. Und das ist sehr viel. Um das uns zu vergegenwärtigen, müssen wir nur einmal die zehn Gebote oder das Doppelgebot der Liebe betrachten:
Wie oft am Tag schenken wir Gott nicht die Aufmerksamkeit, die ihm gebührt?
Wie oft am Tag sind wir unaufrichtig und reden falsch Zeugnis wieder unsere Nächsten?
Wie oft am Tag betrachten wir unsere Nachbarn als Störenfried und nicht als Geschöpf Gottes?
Die Liste ließe sich noch unendlich lang fortführen. Wir sind schuld. Wir können uns dieser Schuld nicht entziehen. Wir können nicht sagen: „Du bist schuld!“ oder „Du bist schuld!“ Die Schuld bleibt an uns haften. Wir müssen sie annehmen. Denn Gott sagt zu uns: Du bist schuld!

Gut, dass es dennoch einen gibt, dem wir die Schuld in die Schuhe schieben können: Jesus Christus! Er trägt unsere Schuld, er nimmt sie freiwillig von uns und übernimmt die Verantwortung für das, was wir falsch gemacht haben. Am Kreuz trägt er unsere Schuld. Durch die Strafe, die Jesus für unsere Schuld erleidet, durch seinen Tod werden wir frei vor Gott. Doch das soll für uns kein Grund sein, in unseren Anstrengungen nachzulassen, Schuld möglichst zu vermeiden. Dann dürfen wir auch gewiss sein, dass Gott diese drei Worte nicht mehr zu uns sagen wird: „Du bist schuld!“

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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