Menschen sind kein Spielzeug

Liebe Gemeinde,

Warmes Herz, nasser Waschlappen.

wenn man im Lukas-Evangelium blättert und liest, wird einem das Herz warm. Nicht nur, dass wir diesem Evangelisten die wunderbare Weihnachtserzählung verdanken. Seite um Seite erzählt er von Jesus Christus, wie er sich dem armen und bedrängten Menschen zuwendet. Immer geht es darum, wie Jesus den Menschen in seiner Bedürftigkeit sieht und wahrnimmt: den in Sorge um seinen Sohn verzweifelten Hauptmann, eine namenslosen „Sünderin“, einen psychisch Erkrankten, eine bittenden Witwe u.s.w.. Lukas überliefert die einzigartigen Gleichnisse, in denen Gott das Verlorene sucht. Auch hier steht der Einzelne im Mittelpunkt der Liebe Gottes, die in Christus aufblüht.
Und dann stößt man auf diesen Text, der auf den ersten Blick wie ein nasser Waschlappen wirkt, der einem um die Ohren fliegt:

(Text)

Auf einmal ertönt hier ein anderer, frostiger Ton. Ein greller Trompetenstoß mitten in einem Streichquartett. Befehl ist Befehl. Erwarte keinen Dank. Mach dich selbst nieder. Sprich: Ich bin ein unnützer Knecht. Ich tat nur, was ich tun musste.

In den Evangelien begegnen uns auch an anderen Stellen Worte und Gleichnisse, deren Sinn sich nicht auf den ersten Blick erschließt. Ich stelle mir immer vor, dass Jesus hier mit einem verschmitzten Grinsen spricht. Und seine Jünger kraulen sich nachdenklich ihre Bärte.

Missbraucht niemanden.

Wie aber nun wollen wir das Wort vom „unnützen Knecht“ verstehen?
Ich möchte sie um Geduld bitten und mit hinein nehmen in den Weg der Suche. Machen wir einen ersten Schritt. Wir schauen uns das Umfeld des Bibeltextes an.

Am Anfang des 17. Kapitels steht eine Warnung. Jesus sagt seinen Jüngern: Vorsicht, auch ihr werdet mit Verführungen konfrontiert. Unwillkürlich denkt man an all die Skandale um kirchliche Einrichtungen, die im vergangenen Jahr ans Licht der Öffentlichkeit kamen. Die Jüngern nun antworten mit einer Bitte: Herr, stärke unseren Glauben. Jesus erwidert mit einem Bildwort über die Macht des Glaubens: Mit senfkorngroßem Glauben könntet ihr die Welt verändern.

Unmittelbar darauf folgt dann unser Gleichnis vom gehorsamen Knecht und der Satz: Wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren. Der Blick ins Umfeld sagt uns: Hier geht es wohl darum, wie sich diejenigen verhalten sollen, die Glauben verkünden.

Gut, das Ergebnis klingt wirklich sehr abstrakt. Machen wir es uns deutlich. Stellen sie sich vor, sie hätten einen Religionslehrer gehabt, dem sie als Kind an den Lippen hingen, weil er ihnen die biblischen Geschichten ins Herz hinein erzählt hat. Und nun käme er andauernd wieder zu ihnen, um Dank, Anerkennung, Lob und dergleichen einzufordern. „Du weißt, ohne mich hättest du nicht zum Glauben gefunden.“ Das würde doch sehr befremdlich wirken, um nicht zu sagen: distanzlos.

So verstehe ich diesen Satz vom unnützen Knecht: Wenn du in Sachen Glauben unterwegs bist, dann ist dir durchaus Macht gegeben, andere Menschen zu beeinflussen. Aber sei gewarnt: Missbrauche diese Macht nicht, in dem du dich selbst in der Vordergrund stellst. Tu doch einfach das, was deine Aufgabe ist. Damit dienst du anderen Menschen und damit dienst du auch Gott.
Wir werden noch darüber nachdenken, wie schwer es manchmal sein kann, diese Weisung Jesu zu leben. Aber zuerst schauen wir uns um unserer Gegenwart: Wie gehen wir mit Menschen um?

Andere Menschen sind kein Spielzeug.

In Casting-Shows spielen wir öffentlich mit Menschen, meist jungen Menschen. Meinem Eindruck nach geht es in diesen Shows nicht wirklich um Musik und Können, sondern darum, Menschen vorzuführen wie man in früheren Zeiten Tanzbären auf Jahrmärkten präsentiert hat. Da sitzen zwei oder drei in der Jury, oft voll Häme und Verachtung für die Mitspieler. In nahezu absurd wirkendem Ernst werden Urteile gefällt. Man spielt mit Menschen, hebt sie empor und lässt sie je nach Laune wieder fallen. Das Gefährliche, was ich darin spüre, ist die enorme Respektlosigkeit, die unseren Umgang miteinander immer stärker belastet.

Vorsicht, sagte Jesus, wenn du Macht hast über andere Menschen. Missbrauche sie nicht. Widerstehe der Verführung, diese Macht zu feiern für dich. Sie macht dich überheblich und lässt nur Verachtung in deinem Herzen wachsen, Verachtung für andere.

Unsere Medien führen uns dieses Spiel immer häufiger und immer schamloser vor. In einem Jahr wird ein Künstler, ein Politiker oder auf wen immer die Medien aufmerksam geworden sind, hochgejubelt um im Jahr darauf in den Schmutz gestoßen zu werden. Mancher mag an solchen Spielen sein klammheimliches Vergnügen haben. Bestätigt es doch das oft verächtliche Bild, das man im Grunde seines Herzens von anderen Menschen hat. Und es befriedigt Neid.

Wir haben uns sehr daran gewöhnt, unsere Mitmenschen auf Bühnen zu stellen. Sie agieren und wir sind die Zuschauer: Im Fernsehen sowieso, in den Zeitungen und vor allem auch im Internet. Es ist nahezu unheimlich, wie sehr in all diesen Medien Menschen zu Spielern degradiert werden oder sich selbst degradieren. Menschen sind kein Spielzeug.

„Nehmt euch zurück“, sagt Jesus. Damit will er uns nicht klein machen, sondern uns befreien. Befreien davon, dass wir nach außen, für Zuschauer leben.

Menschenverehrung kann Götzendienst sein.

Das ist die eine Seite. Und nun schauen wir die andere an. Wir bleiben im öffentlichen Raum. Wir sind daran gewöhnt worden, dass wir Eitelkeiten und Machtbedürfnisse der in diesem Raum Tätigen zu respektieren haben. Und nicht wenige, eigentlich so dringend notwendige Entscheidungen bleiben aus, weil sich einer dazwischen drängt mit seinen Spielen um Einfluss und Geld.
Befördert wird diese Haltung aber auch dadurch, dass wir Menschen eine scheinbar unstillbare Sehnsucht nach Helden, nach besonderen, nach verehrungswürdigen Menschen haben. Von dieser Art Personenkult ist auch unsere evangelische Kirche, die sich dem Evangelium und nicht dem Evangelisten verpflichtet weiß, nicht ganz frei. Manchmal denke ich, wir brauchen diesen Personenkult, weil es uns so schwer geworden ist, an Gott zu glauben. So suchen wir uns Ersatzgötter und weil wir intuitiv spüren, dass dieser Weg falsch ist, zerstören wir sie, nachdem wir uns an ihnen berauscht haben. Menschenverehrung kann Götzendienst sein.

Wie gut es täte unserem Land in vielen Bereichen, wenn wir aus diesen stets überhitzten und oft so unwürdigen Streitereien heraus kämen um sachlich zu entscheiden. Nehmt euch nicht so wichtig, sagt Jesus: Wenn ihr das alles getan habt, sprecht: Wir sind unnütze Knechte gewesen. Nein, darin höre ich keine Herabsetzung, keine von Jesus ausgesprochene Demütigung. Ich höre darin einen Ruf, sich für das Reich Gottes, für das Leben, für Zukunft, für Heilung einzusetzen. In höre darin einen Ruf, frei von falschen Ansprüchen zu leben. Ich höre darin einen Ruf, andere Menschen nicht zu für mich und meine Bedürfnisse zu verzwecken, sie darin auch zu erniedrigen.

So einfach ist das nicht!

Eingangs hatte ich gesagt, wir wollen auch darüber nachdenken, wie schwer es manchmal sein kann, diese Weisung Jesu zu leben. Wie schwer es sein kann, diesen Satz zu sprechen: Bin halt nur ein Knecht gewesen. Wie schwer es ist, sich ganz zurückzunehmen. Wer diese Schwere spürt?
Fragen wir doch, wie Eltern diese Weisung hören?
Da war man über Jahre hinweg ein und alles für die Kinder, tagein tagaus. Und ehe man sich versieht, sind sie groß geworden, ziehen davon und wollen selbständig sein und leben. Den Eltern wird es dann irgendwann abverlangt, in je ihrer eigenen Weise diesen Satz Jesu nachzusprechen: Sind halt Knechte gewesen. Das Wort „unnütz“ lasse ich jetzt einmal beiseite. Es erscheint mir zu hart. Freiheit zum Leben aber haben wir- auch unsere Kinder – nur dort, wo Freiheit gewährt wird, weil andere sich zurücknehmen können und weil sie ihren Platz in Verantwortung vor Gott und den Menschen ausfüllen.

Fassen wir unseren Gedankengang zusammen. Eingangs hatten wir in das Umfeld unseres Bibeltextes geschaut. Vorsicht, hieß es dort, wenn euch Macht über andere Menschen gegeben ist. Missbraucht sie nicht. Denn euch ist Glauben gegeben und damit eine große Kraft, eine Kraft, mit der ihr andere prägen und beeinflussen könnt. Nehmt euch selbst zurück! Nehmt euch selbst zurück, damit Raum wird für Gott. Nehmt euch zurück, damit Freiheit wird für andere, zu leben. Dient einander, ein jeder mit der Gabe, die Gott euch gegeben hat, heißt es in der Bibel. Wie gut täte es unserer Welt, wenn wir zu dieser Demut zurückfinden könnten.

Im Anschluss an unseren Bibeltext schildert Lukas eine Heilung, die Heilung von zehn Aussätzigen. Hier nun leuchtet die Kraft des Glaubens: Menschen finden ins Leben zurück.

Darauf dürfen wir doch trauen, dass Gott heilt und rettet. Er nimmt uns dazu als Werkzeug, so wie er seinen Sohn als Werkzeug nahm. Unserem Glauben wohnt Kraft inne, mit der wir die Welt gestalten können. Natürlich dürfen wir dankbar sein, wenn uns das Evangelium, wenn uns Glaube, Lebenskraft, Hoffnung, Anstand und Halt durch andere gegeben worden ist. Diese Dankbarkeit kann doch gerade dann groß werden, wenn ich sie in Freiheit aussprechen kann, weil der Bedankte sich zurücknehmen kann: Bin halt nur ein Knecht gewesen. Wie großartig ist es doch, wenn man es so sehen kann: In meinem Leben konnte ich anderen dienen, dem Leben aufhelfen, diese Welt mit gestalten für andere und für Gott. Dafür mag man doch dankbar sein und stolz.

drucken