Dafür nicht!

Es gibt immer wieder Redewendungen,
die die Gesellschaft erobern.
Dann reden plötzlich alle davon, dass Dinge krass sind oder easy.
Unter Jugendlichen sind solche Modewendungen besonders auffällig.
Eine solche neuere Redewendung ist „dafür nicht“.
Wenn ich mich für etwas bedanke, dann höre ich in letzter Zeit immer wieder mal ein „dafür nicht“.
Gemeint ist: hier geht’s doch um etwas selbstverständliches,
dafür brauchst du dich doch nicht bedanken.
Nicht?

Mal abgesehen davon, dass ich das Danken einfach wichtig finde,
gibt es natürlich Dinge, die selbstverständlich sind.
An Ihrem Arbeitsplatz zum Beispiel wird von Ihnen erwartet,
dass Sie pünktlich da sind und nicht einfach früher abhauen,
und dass Sie zwischendurch schön freundlich und munter der Tätigkeit nachgehen, für die Sie bezahlt werden.
Niemand käme auf die, Idee, Ihnen dafür zu danken,
dass sie immer schön pünktlich zur Arbeit kommen.
Dafür nicht!

So etwas ähnliches sagt auch Jesus in einem Gleichnis, das ich Ihnen gleich vorlesen werde.
Es irritiert ein bisschen, weil sich ja sogar in den Chefetagen der weltumspannenden Konzerne inzwischen herumgesprochen hat,
dass ein wohlgesetztes Dankeschön die Motivation der Angestellten enorm steigern kann.
Und jeder weiß, dass ein freundliches Danke für die Kassiererin bei Aldi deren Arbeitstag freundlicher macht,
und wir uns ja auch nichts dabei abrechen,
noch eine nette Bemerkungen zu machen,
während wir das Wechselgeld in Empfang nehmen.

7 Wer unter euch hat einen Sklaven, der pflügt oder das Vieh weidet, und sagt ihm, wenn der vom Feld heimkommt:
Komm gleich her und setz dich zu Tisch?
8 Wird er nicht vielmehr zu ihm sagen:
Bereite mir das Abendessen, schürze dich und diene mir,
bis ich gegessen und getrunken habe;
danach sollst du auch essen und trinken?
9 Dankt er etwa dem Knecht, dass er getan hat, was befohlen war?
10 So auch ihr!
Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist, so sprecht:
Wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren.

Jesus nimmt uns mit seinem Gleichnis vom dienenden Sklaven in eine Welt mit, die wir nicht mehr kennen,
die uns vielleicht sogar abstößt,
weil wir sie für grausam und unchristlich halten.
Für die Jünger war es ein ganz und gar selbstverständliches Bild.
Sklaverei gab es nun einmal überall im ganzen römischen Reich.
In Israel wurde die Sklaverei allerdings längst nicht so erbarmungslos praktiziert wie zum Beispiel im antiken Rom.
In Israel wurden die Sklaven als Menschen angesehen,
sie waren rechtlich vor Willkür und Totschlag geschützt
und ihnen stand die Freiheit spätestens im 7. Jahr des Sklavendienstes zu.
Trotzdem war es Sklaverei.
Ein Mensch gehörte einem anderen Menschen und hatte diesem zu dienen.
Natürlich waren es nur reiche Leute, die Sklaven besaßen.
Meist auf großen Landgütern, wo Sklaven auf dem Feld oder in den Ställen arbeiteten und dem Besitzer zu dienen hatten.
In dieses Bild holt Jesus seine Zuhörer hinein.

„Stell dir vor, du hättest einen Sklaven.
Würdest du ihn an den Tisch bitten, wenn er vom Feld nach Hause kommt?
Oder würdest du ihn nicht vielmehr erst einmal das Essen für dich auftragen lassen?“
So fragt Jesus.
Ich weiß – etliche von Ihnen würden jetzt sagen:
Na klar würde ich den an den Tisch bitten.
Wir können doch nett zusammen essen.
Hat doch schließlich den ganzen Tag für mich gearbeitet, der arme Kerl!

Aber damals dachte man nicht so.
Für die Zuhörer des Gleichnisses zu Jesu Zeit, war die Antwort ganz eindeutig.
Der Sklave hatte zu dienen und sonst gar nichts.

Jesus steigert die Frage sogar noch, auch in dem Wissen,
dass die Zuhörer selbstverständlich: Aber nein! rufen werden.
Jesus fragt:
Bedankt sich etwa der Besitzer bei seinem Skaven?
Dafür nicht!

Und während wir uns gemütlich in die Position des Sklavenhalters hineinversetzt und in Gedanken däumchendrehend unserem Sklaven beim Kochen und Tischdecken zugesehen haben,
wechselt Jesus ganz unvermittelt die Perspektive.
So auch ihr!
Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist, so sprecht:
Wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren.
Jesus hat die Leute sozusagen an der Nase herumgeführt.
Ihr seid im Bild des Gleichnisses natürlich nicht die Sklavenhalter,
sondern die Sklaven.
Also verhaltet euch gefälligst so.
Wuff! Das sitzt!
Das muss ich mir sagen lassen als Pastorin.
Und Sie sich auch!
Ich höre es nicht gern, was vermutlich mit dem Bild aus der Sklavenhaltergesellschaft zu tun hat, das mir überhaupt nicht behagt.
Aber das ist ja nur ein Bild.
Das darf man nicht vergessen.

Bei allen Absonderlichkeiten dieses Gleichnisses lohnt es sich, genau hinzusehen.
Hinsehen heißt auch, mal zu schauen, was eigentlich der Anlass für diese kleine Geschichte vom Herrn und seinem Sklaven war.
Und da entdecke ich etwas, was mir hilft zu verstehen.

Jesus spricht zu seinen Jüngern:
3 Hütet euch! Wenn dein Bruder sündigt, so weise ihn zurecht; und wenn er es bereut, vergib ihm.
4 Und wenn er siebenmal am Tag an dir sündigen würde und siebenmal wieder zu dir käme und spräche: Es reut mich!,
so sollst du ihm vergeben.

5 Und die Apostel sprachen zu dem Herrn: Stärke uns den Glauben!
6 Der Herr aber sprach: Wenn ihr Glauben hättet so groß wie ein Senfkorn, dann könntet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß dich aus und versetze dich ins Meer!, und er würde euch gehorchen.

7 Wer unter euch hat einen Sklaven, der pflügt oder das Vieh weidet, und sagt ihm, wenn der vom Feld heimkommt:
Komm gleich her und setz dich zu Tisch?
8 Wird er nicht vielmehr zu ihm sagen:
Bereite mir das Abendessen, schürze dich und diene mir,
bis ich gegessen und getrunken habe;
danach sollst du auch essen und trinken?
9 Dankt er etwa dem Knecht, dass er getan hat, was befohlen war?
10 So auch ihr!
Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist, so sprecht:
Wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren.

Da haben wir drei Teile,
die ich für mich erst einmal aneinanderfügen musste,
um ein Bild dessen zu bekommen,
worum es Jesus geht.

Zunächst geht es um die Vergebung.
Wenn jemand unsere Vergebung erbittet, so sollen wir sie gewähren,
und sei es siebenmal am Tag.
Wir sollen sie gewähren.
So fordert Jesus von seinen Jüngern.
Diese fühlen sich offenbar reichlich gefordert, überfordert.
Sie antworten auf Jesu Fordern:
Herr, stärke uns den Glauben.
Sie meinen damit offenbar, dass ihre kleine Glaubenkraft für ein solches Unterfangen nicht ausreicht.
Das kann ich nachvollziehen. Vergeben kann extrem schwierig sein,
vor allem wenn es immer wieder um die gleiche Person geht.
Jesus sagt: ein kleiner Glaube reicht.
Schon ein kleiner Glaube kann Unglaubliches.

Überhaupt hängt es nicht daran, ob der Glaube groß oder klein ist.
Die Grundfrage ist eine Entscheidungsfrage:
Glaube oder nicht Glaube!
Ja oder Nein!
Der kleinste Glaube reicht schon und hat seinen Lohn in sich selbst.
Da gibt es nicht groß oder klein, und auch nicht viel oder wenig,
sondern alle bekommen dasselbe,
im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg: einen Groschen,
in der religiösen Dimension: die Vergebung.
Nur dass es die Vergebung sozusagen vorschüssig von Gott gibt.
Er vergibt uns, wenn wir ihn bitten.
Das wissen wir im Voraus, darauf können wir vertrauen.
Und darum sind wir Schuldner, wenn es um die Vergebung geht.
Sklaven, die nur ihre Schuldigkeit tun, wenn sie anderen Vergebung gewähren.

Das Gleichnis vom Sklaven ist Übertragung,
es geht nicht um irgendwelche Werke im Namen des Herrn,
sondern es geht ganz konkret um die Vergebung.
Mit Jesus ist die Vergebung Gegenwart geworden,
er ist der Kyrios – der Herr – des Gleichnisses.
Wir beten im Vater unser nicht zufällig:
Vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Diese Vergebung darf man nicht nur als etwas jenseitiges ansehen,
wo wir an der Himmelstür im Bewusstsein unseres Sünderseins kommen und uns aus Gnade vergeben wird.
Vielmehr soll Vergebung unser Leben bestimmen und verändern.
Durch Vergebung kann die Wirklichkeit unseres gelebten Lebens ein anderes Gesicht bekommen.
Wir sind Knechte, weil Gott uns vergeben hat.
Und zu vergeben ist selbstverständliche Pflicht des Schuldners.
Tun wir also unsere Schuldigkeit!

Noch zwei Bemerkungen, die ich wichtig finde:
Jesus redet davon, dem zu vergeben, der um Entschuldigung bittet!
Zur Vergebung gehört also auch der andere.
Der, dem vergeben werden soll. Auch der hat seine Rolle.
Ohne den Anderen ist das ganze eh zwecklos, da müssen Sie sich kein Bein ausreißen.

Das andere: Lernen wir, um Verzeihung zu bitten!
Das ist eine ebenso wichtige Fähigkeit, wie zu verzeihen!
Und eine, die genauso schwer sein kann, möglicherweise sogar schwerer!
Wenn der andere nicht verzeihen will, ist es seine oder ihre Sache!
Aber wenn unser Gegenüber verzeiht – seinen wir nicht so!
Auch wenn Vergebung etwas Selbstverständliches sein sollte:
Ein Danke bringt niemanden um!

Und der Friede Gottes….

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