Unsere Schuldigkeit am HERRN

Liebe Gemeinde,
hören wir den Predigttext bei Lukas im 17. 7-10 Kapitel.
(Aus dem Lektionar vorlesen)

Liebe Gemeinde, mich hat dieser Text zunächst mächtig irritiert. Vielleicht ging es Ihnen ähnlich, als sie die Verse vom HERREN und vom Sklaven hörten. Es ist die Geschichte von Sklavenhaltern und Sklaven, in die uns unser heutiger Text wie selbstverständlich hineinführt.

Der Schlusssatz ist uns vielleicht noch im Ohr: "Wenn ihr alles getan habt, was euch zu tun befohlen wurde, sollt ihr sagen: Wir sind doch nur Sklaven, wir haben nur unsere Schuldigkeit getan." Wird hier einer Einteilung der Welt in oben und unten, in Befehlende und Dienende, das Wort geredet? Wird gar GOTT als antiker Sklavenhalter dargestellt? Soll sich die christliche Gemeinde an einem solchen Werteverständnis orientieren? Solche und ähnliche Fragen tauchen beim Lesen auf.

Es lohnt sich, den Text trotz unserer Irritation genau zu lesen. Ihm nachzugehen, wen wollte Jesus hier irritieren und warum.

Stellen wir uns die Situation vor: Jesus war mit seinen Jüngern unterwegs. Sie waren im Gespräch über ihren Glauben und über die Folgen dieses Glaubens. Einige Verse vorher wird im Lukas-Evangelium davon erzählt. Und mitten hinein in dieses Nachdenken erzählte Jesus eine kleine Geschichte. Wie so oft, wählte er eine Szene mitten aus ihrem Alltag. Da ist von einem Knecht die Rede, genauer gesagt von einem Sklaven auf dem Lande. Einem Mensch, der durch irgendwelche Umstände zum Eigentum eines anderen geworden war und nun diesem zu dienen hatte.

Dieses Bild konnten sich damals alle vorstellen. Uns ist es fremd. Allerdings wurde die Sklaverei im alten Israel längst nicht so hart praktiziert wie sonst im damaligen Römischen Reich. Dort wurde tatsächlich die Frage gestellt: „Ist ein Sklave ein Mensch?“ Und wenn wir nach zeitgenössischen Berichten deren Behandlung beurteilen, wurde diese Frage von vielen mit "nein" beantwortet. Sklaverei war in Israel erlaubt, aber das Gesetz schützte sie vor Willkür und Totschlag. Egal, ob sie durch Verschuldung oder Straftaten in die Sklaverei gerieten. Sie wurden als Menschen angesehen. Auch sah das Gesetz vor, dass dem Sklaven nach dem siebenten Jahr die Freiheit zu schenken war.

Und doch: Sklavendienst hieß Sklavendienst. Per Vertrag gehörte die Sklavin oder der Sklave einem anderen Menschen und hatte diesem zu dienen. Vor allem Reiche hatten Sklaven, auf ihren Landgütern, bei den Tieren, in der Küche und beim Bedienen der Gäste. In dieses für alle vorstellbare Bild holte Jesus die Zuhörenden hinein. Wie so oft machte er es mit Fragen, in denen die Antwort bereits enthalten war: "Wer von euch, der so einen Sklaven hat, wird, wenn er das Feld gepflügt hat, gleich sagen: Nimm Platz zum Essen?!" "Natürlich niemand!", lautete die einzig mögliche Antwort.

Und wenn die Arbeit getan ist, lässt sich dann nicht jeder, der einen Sklaven hat, zunächst selbst das Essen auftragen? Wird er nicht rufen: "Mach mir etwas zu essen, gürte mich und bediene mich!" „Ja, natürlich, so ist es üblich", werden da die Jünger geantwortet haben.

Und zum Schluss wird das kaum Vorstellbare noch gesteigert: Bedankt sich etwa der Besitzer bei dem Sklaven nach der Erledigung der Aufgabe, weil er getan hat, was ihm befohlen wurde? "Natürlich nicht, undenkbar – schließlich ist es seine Pflicht", konnte da nur die Antwort sein.

Ja, so war es üblich. So handelte, wer einen Sklaven besaß. Innerlich sahen sich die Jünger wohl selbst bei Tische liegen, sich zurücklehnen und auf das Essen warten, das die Sklavin oder der Sklave herein tragen würde.

Doch dann kam die Pointe, völlig unerwartet und verblüffend: "So auch ihr! Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen wurde, sollt ihr sagen: Wir sind nur Sklaven; wir haben nur unsere Schuldigkeit getan." In diesem letzten Vers steckt Sprengkraft. Da wechselt auf einmal die Perspektive. Das Selbstverständliche, das alle bejaht hatten, kehrte Jesus plötzlich um. Er fordert seine Leute heraus, damals wie heute.

Wir sind nur Dienerinnen und Diener, wir haben dass getan, was wir zu tun schuldig sind. Dieses Selbstverständnis mutet Jesus denen zu, die mit ihm gehen wollen. Lukas bettete die kleine Geschichte ein in die Wanderung Jesu von Galiläa nach Jerusalem. Auf diesem Weg folgten ihm die, die sich von ihm rufen ließen. Es war ein Weg, auf dem sie miteinander ein Leben nach GOTTES Willen einübten. Dieser Wille, zusammengefasst im größten Gebot heißt: "Du sollst GOTT deinen HERRN lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt und deinen Nächsten wie dich selbst".

Konsequent gegangen wird dieser Weg am Kreuz enden. Septuagesimae ist heute, 70 Tage vor Ostern. Es war also der Weg in die äußerste, menschliche, Erniedrigung den Jesus vor sich hatte.
Auf diesem Weg haben die Jünger gelernt, was das heißt: „einander dienen“. "Wer unter euch groß sein will, der sei euer aller Diener!" hatte Jesus ihnen auf diesem Weg mitgeben und ihnen vor dem letzten gemeinsamen Essen die Füße gewaschen. Dies Bild zeigt, dass für ein Leben in der Liebe kein Dienst zu niedrig ist.

Auch uns, die wir uns von Gott gerufen wissen, muss diese Geschichte zum Nachdenken anregen. Wie verstehen wir unser eigenes christliches Engagement im Alltag? Ich sehe drei hilfreiche Punkte für unser Üben in der Nachfolge Jesu:

Unsere Motivation klären.
Welche Kraft treibt uns an, wenn wir uns in der Gemeinde engagieren? Was ist die Wurzel unseres Handelns? Ist es der erwartete Dank, das erhoffte Lob? Ist es der Wunsch, besser zu sein als andere oder bewundert zu werden für die eigenen Fähigkeiten? Ist es die Hoffnung, vor GOTT besonders dazustehen und sich, mit Luther gesagt, besondere Verdienste zu erwerben?

Der Wunsch nach Anerkennung ist menschlich und berechtigt. Sonst erlahmt irgendwann jede Antriebskraft. Aber wenn wir unsere Motivation darin erschöpfen, Anerkennung zu finden, reicht die Wurzel nicht tief genug und wird uns letztlich nicht tragen.

Das Gleichnis sagt: Dass unserem christlichen Glauben Taten folgen, ist eigentlich selbstverständlich. So sind wir gefordert, ab und zu unsere eigene Motivation kritisch zu hinterfragen. Wir sind den Dienst an GOTT und den Menschen schuldig, wenn wir uns auf die Nachfolge Jesus wirklich einlassen.

Demut einüben.
Demut, das klingt altmodisch, das riecht nach unterwürfiger Haltung, gar nach Feigheit. Doch ein neurotisches „Sich-Selbst-klein-machen“ ist hier nicht gemeint. Es geht um das Gefühl von Demut, das wir Menschen nötig haben, um zu überleben.

Das Gegenstück der Hochmut ist viel verbreiteter. Immer sind wir Menschen in der Versuchung, uns höher zu stellen und herab zuschauen auf andere, vielleicht weil sie einer anderen sozialen Schicht, Rassen oder Religion angehören. Auch stellen wir uns höher als die Natur, in die wir eingebettet sind. Manche Menschen sehen sich als Herren der Welt, setzen sich selbst an GOTTES Stelle. Sie beuten die Natur aus, missbrauchen andere, gieren nach Weltherrschaft und nehmen dabei Kriege in Kauf. Doch Hochmut ist Sünde.

Demut in einem guten Sinne erkennt die eigene Abhängigkeit. "Die Abhängigkeit von einer größeren Macht als wir es selber sind", wie der Theologe Friedrich Schleiermacher sagte. Immer wieder öffnen uns Naturkatastrophen die Augen für unser Eingebunden sein in die Natur, in die Schöpfung Gottes. Wir sind ein Teil und nicht die Besitzer der Erde. Demut verleiht uns einen nüchternen Blick.

Im Wort Demut steckt das Wort Mut. Mut zu dienen, einander zu helfen. Mut, sich in ein größeres Ganzes einzuordnen und daran mitzuwirken, es zu erhalten. Menschen, die sich einsetzen, dass unsere Umwelt von Atommüll verschont bleibt. Menschen für die der Nahe Osten mit seinen Unruhen z. B. in Ägypten nicht nur ein Königreich weit, weit weg ist, sondern Teil unserer Erde den es zu erhalten und zu schützen gilt.

Hinschauen, sich einbringen und handeln
"Wir haben nur getan, was wir zu tun schuldig sind", so sollte das Selbstverständnis derer lauten, die sich in die Nachfolge des HERRN gerufen wissen. Die Gemeinde Jesu lebt davon, dass Menschen hinschauen und das Nötige tun. Im Kleinen wie im Großen, auf der Leitungsebene wie an der Basis. Jeder Mensch ist anders und so nehmen wir Situationen unterschiedlich wahr und packen an verschiedenen Stellen an. Sei es im Familiengottesdiensten, in der sinnvollen Freizeitaktivität mit Kindern und Erwachsenen; einem Besuch im Krankenhaus, den vielleicht niemand weiter bemerkt; dem stillen Gebet für einen Menschen in einer komplizierten Situation, dem Lektoren- und Küsterdienst oder im Gemeindekirchenrat.

"Hinschauen, was nötig ist", vielleicht sich aus dem eigenem christlichen Verständnis heraus bewusst in der Gemeinde oder der Stadt zu engagieren. "Hinschauen, was nötig ist und dies ohne große Umschweife tun", nicht, um Schlagzeilen zu machen, sondern weil es unserem göttlichen Auftrag entspricht als gläubige Menschen, heute, auf den Spuren unseres HERR Jesu Christus.

(Danke, Anregungen zu Teilen meiner Predigt habe ich erhalten von Pfarrerin Maria Heinke-Probst in Bautzen.)

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