"Ich war dabei"

Predigt zum 20.2.2011, Septuagesimä. Carsten Sauerberg (Pastor, Heiligenhafen, ev.)
Zu Lukas 17,7-10:

Liebe Gemeinde;
Selbstverständlichkeiten sind nicht der Rede wert. Für das, was man tun muss, so Jesus, braucht man keinen Dank oder Lob oder Sonst was erwarten.
Ich halte Ihnen heute eine Predigt. Vielleicht wird sie gut, und Sie sagen es mir am Ausgang. Vielleicht wird sie langweilig und Ihre Gesichter erzählen mir das schon während des Vortrages. Aber dass ich es überhaupt tue, das ist meine Pflicht, mein Beruf, meine Aufgabe, für deren Erfüllung sich niemand bei mir bedanken wird oder muss.
Sie müssen von 8 bis 5 arbeiten. Dass Sie pünktlich erscheinen und nicht vorzeitig verschwinden und in der Zeit dazwischen mit Körper und Geist bei der Sache sind, das ist weder Lob noch Dank wert, das ist einfach so.

So ist das doch.

Du sollst nicht töten. Du sollst nicht stehlen, nicht begehren, nicht falsch Zeugnis reden, lieben sollst Du Deinen Nächsten genauso wie Dich selbst. Das ist Dein Beruf. Deine Berufung. Das ist Deine Aufgabe, Menschenkind, dafür bist Du auf der Welt. Was machst Du für ein Aufhebens drum? Willst Du dafür etwa sozusagen als Lob und Dank Himmel oder Paradies oder Gold und Silber und Lottogewinn?

Machen wir es wie Goethe im Faust und lassen wir mal Mephisto, des Pudels Kern, den Versucher und Ankläger auftreten.

„Darf ich mich Ihnen vorstellen? Ich bin des Pudels Kern, ich bin die Wahrheit über Euer Leben, ich kenne Euch durch und durch. Ich war dabei, wie Kain den Abel erschlug. Und Kain konnte nicht lieben, weil sein Bruder ihn ja bis zur Weißglut reizte mit seinem „Guck mal, ich bin Gottes Liebling.“
Ich war dabei, als Mose so voll Zorn war über Gewalt und Unrecht und Brutalität, dass er den Sklavenaufseher erschlug.
Ich war dabei, als Soldaten Menschen folterten und Geständnisse erpressten und so falsche Zeugnisse herausprügelten aus ihren Gefangenen, und die unterschrieben am Ende alles, nur um die Schmerzen nicht mehr zu erleiden.
Ich war dabei, als die Frau nach 24 Ehejahren erfuhr, dass er eine Neue hat und sich trennen wird, weil er ja nun die Liebe neu gefunden hätte, und in ihr erstarrte Liebe und gefror zu Hass.
Ich bin des Pudels Kern, euer Mephisto, ich kenne Euch gut, und ich verstehe euch und weiß, das das Quatsch ist mit der Selbstverständlichkeit der Gebote und der Liebe und weiß, dass die Liebe millionenfach stirbt jeden Tag.
Christus, Du hast gut reden, Du kennst die Welt der Menschen nicht. Des Pudels Kern ist: sieh zu, dass Du überlebst, das ist die Selbstverständlichkeit des Daseins. Und wenn Du das getan hast, Mensch, dann sprich: Ich bin ein unnützer Knecht, ja, aber ich habe getan, was ich konnte und ich habe überlebt.

So ist das doch.“

Oder doch nicht?

„Ich bin Christus. Nicht des Pudels Kern, sondern ich bin Gottes Kern. Hört mich an, Du Mephisto, und auch Du, lieber Mensch.
Ich war auch dabei, als Kain den Abel erschlug, und Kain war hinterher nicht glücklich.
Ich war auch dabei, als Mose den Sklaventreiber tötete, und dennoch war hinterher kein Sklave frei und keine Peitsche zerbrochen.
Ich war dabei, als sie folterten und falsche Geständnisse erpressten in den Kerkern dieser Welt, und die, die die falschen Zeugnisse unterschrieben, waren nicht erleichtert, sondern jetzt hassten sie nicht nur ihre Peiniger, sondern auch noch sich selbst dazu.
Ich war dabei, als die Frau ihr Herz verlor und es zu Stein wurde, aber der Mann kam dennoch nicht zurück, und sie wurde nie wieder glücklich.
Und ich war auch dabei, wo Du nicht warst, lieber Mephisto, als sie die Liebe kreuzigten zwischen zwei Mördern, als sie sie verlachten, zerschlugen, annagelten und in ein Felsengrab sperrten, und ich war dabei, als sie aufstand und das Grab sprengte und das Licht der Welt nicht verließ. Die Liebe lebt. Da war ich dabei, dafür habe ich gesorgt.
Und Du, lieber Mensch, wenn Du davon nimmst und davon lebst, dich daran stärkst und ergötzt, daran dein Herz hängst und deine Taten ausrichtest, statt nach Mephistos Gebot einfach nur durchzukommen, dann erwarte weder Lob noch Dank. Du hast es Dir nicht verdient, ich habe es Dir vor Deine Augen gemalt. Ich, der Christus, des Gottes Kern.
Aber so oft Du davon nimmst, und je öfter Du es mit mir versuchst, mein lieber Mensch, desto eher spürst Du: es ist Deine Pflicht und Aufgabe und Lebenssinn, es so zu versuchen – mit der Liebe. Denn das lässt Folterknechte Mitleid fühlen. Das lässt Zorn abschwellen, lässt Soldaten sich weigern, in die Menge zu schießen, lässt Mann und Frau sich weniger verletzen, lässt das Selbstwertgefühl wachsen — und am Ende Frieden werden.

Und am Ende sagt einfach: Wir sind Knechte, weiter nichts, wir haben nur getan, was unsere Aufgabe war und was uns gut tat. Mephisto: das ist des Pudels und des Gottes Kern."

Liebe Gemeinde. Nun haben wir beide gehört. Den Ankläger und Christus. Recht haben beide auf ihre Art. Aber sagt: wer bringt uns weiter, uns Menschen? Wer?

Amen

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