Feuergott?

Liebe Gemeinde,

Distanz halten: Man sieht dann besser.

Zwei Gedanken zum Beginn. Aus der Distanz heraus nimmt man ein Bild besser wahr. Dieser Gedanke stellt uns vor das Bild, hält Abstand noch mit Schuhen an den Füßen, um weiter gehen zu können. Bilder, und das ist der zweite Gedanke, rufen Gefühle und Erinnerungen, rufen Assoziationen hervor.

Der Bibelabschnitt für den heutigen Sonntag malt uns den „brennenden Dornbusch“ vor Augen. Niedergefallen davor Moses auf den Knien, gebeugt, mit dem Gesicht zur Erde gewandt.

Was ruft ein solches Bild an Erinnerungen, an Verknüpfungen, an Assoziationen hervor? Ich kann nur meine nennen:
In einem Bibellexikon sieht man das Bild des Diptams, das ist ein Busch, der ätherische Öle absondert, die bei großer Hitze entflammen. „Brennender Busch“ heißt er auch und wächst u.a. auf der Sinai-Halbinsel. Nein, damit soll das Bild der Bibel nicht entzaubert und harmlos natürlich erklärt werden.

Bilder rufen Assoziationen hervor und manche Bilder öffnen dem Verstand, ein Tor hin zu Gott. Sie ergreifen uns. Auf einmal sehen wir in einem Bild mehr als bloße Oberfläche und Dekorationen. Bilder können unvermittelt die Welt durchschaubar machen. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.

Erinnerung Nr. 2. Im vergangenen November war ich wieder einmal in Rom. Diesmal mit dem Pfarrkapitel aus Hof. Auf dem Programm stand eine Generalaudienz in der riesigen Halle des Vatikans. Auf der Bühne steht eine weit ausladende Skulptur, eine moderne, in Bronze gearbeitete Darstellung des brennenden Dornbuschs. Davor der Papst. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.

Weitere Assoziationen: Bomben, die in christlichen Kirchen explodieren. Menschen, die auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden. Bücherverbrennungen. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.

Mir liegt ein Wort auf der Zunge und es muss heraus: Feuergott.

Im Religiösen liegt etwas Radikales: Dafür oder dagegen. Der Glaube scheint nur 100% zu kennen; besser sogar: 1.000%. Für Gottes Sache sollen, wollen, müssen wir „brennen“. Alles was „lau“ ist hat keinen Wert. Die Bibel selbst formuliert solche Radikalisierungen: Wer nicht für mich ist, ist gegen mich. Diese radikalen Formen der Religion schaffen Herren und Gefolgsleute. Sie provozieren Führer und provozieren unbedingten Gehorsam. Wo ein „brennender Gott“ auf dem Altar steht, ist Unterwerfung nicht weit und man liebt die Hierarchie, die Befehle, die Gefolgschaft. Nicht wenige auch sehr frommer Kreise sind so gestaltet.

Und Menschen fahren darauf ab. Die Radikalität der Feuergottheiten hat eine unheimliche Attraktivität. Man kann sich ganz hingeben, sich voll einbringen, für Gott brennen.

Feuergottheiten, die den einzelnen verbrennen, gibt es auch in säkularer Gestalt. Man kann ganz aufgehen im Volk, sein Leben für das Vaterland opfern oder dem Beruf.

Mancher Mensch ist sich selbst die unerträglichste Last. Das ist der beste Boden für die Sehnsucht nach Verzehren und Aufopferung.

Und umgekehrt gibt es Menschen, die voller Gier sind, alle Welt, alles in der Welt in sich aufzusaugen. Menschen, die selber gerne Gottes Rolle einnehmen. Diese obsessiv lebenden Menschen machen in der Regel großen Eindruck auf uns: Modezaren, Rennzirkus-Direktoren, Staatspräsidenten usw..

„Das alles will ich dir geben“, hört Jesus den Versucher sprechen, der ihn zum Gott erheben wollte, der alles verzehrt und beherrscht. Jesus widerstand diesem machtvollen Gottesbild der sichtbaren Herrschaft.

Und genau deswegen hinterfrage ich dieses uns seit Kindheitstagen so vertraute Bild vom „brennenden Gott“. Es ist ein archaisches, altes Bild. Ein Gottesbild, das sich uns unter Hand ins Gegenteil verkehren kann.

Feuergott: Bilder und ihre Folgen

Wir bleiben noch in der Distanz und blättern in der Bibel. Lesen Josua 8,8: Wenn ihr aber die Stadt eingenommen habt, so steckt sie mit Feuer an und tut nach dem Wort des HERRN. Siehe, ich hab’s euch geboten. Die Bibel und vor allem das Alte, das 1. Testament sind voll solcher Bilder, in denen Städte brennen und Menschen im Feuer umkommen. „Siehe, ich hab´s geboten“.
Religion und Gewalt ist ein dunkles Thema, dem wir uns nicht entziehen wollen. Es ist zu offensichtlich in unserer Zeit. Religiöse Menschen verbrennen die Fahnen anderer Staaten. Sie zünden Bomben. Zerstören und töten im Namen Gottes. Sie brennen für Gott und brennen in Gottes Namen.

„Egal an was ihr glaubt, wenn es nicht GOTT ist, sollt ihr brennen!“ schreibt ein junger Mann in seinem Internet-Blog. Daneben ein Bild von Jesus, worunter steht: Ich habe Jesus als meinen Erlöser angenommen. Man kann einen Button anklicken mit der Aufschrift: Ja, ich will errettet werden. Der Link für zum Jesus.Net.

Bilder rufen nicht nur Assoziationen hervor. Sie wirken auch. Sie wirken auch in Richtungen, die nicht Gottes Wege sein können. Viele unserer Zeitgenossen bleiben gegenüber Glaube und Religion deswegen auf Distanz, weil sie sich nicht in die dort vermutete Gewalt, in die dort vermutete Wut, Radikalität und Unterwerfung hineinziehen lassen wollen.

Das Bild neu sehen lernen

Bislang haben wir aus der Distanz nur das Bild – ganz in lutherischer Tradition und Skepsis gegenüber Bildern – kritisch betrachtet und hinterfragt.

Im nächsten Schritt wollen wir auf die Worte hören, die die Bibel in dieses Bild eingefügt hat.
Gott spricht: Ich habe das Elend meines Volks in Ägypten gesehen und ihr Geschrei über ihre Bedränger gehört; ich habe ihre Leiden erkannt. Und ich bin hernieder gefahren, dass ich sie errette aus der Ägypter Hand und sie herausführe aus diesem Lande in ein gutes und weites Land, in ein Land, darin Milch und Honig fließt.

Diese Worte rufen nun auch wieder Bilder hervor: Ich sehe vor mir die Menschen in Ägypten auf dem Tahrir-Platz. Es sind in der Hauptsache friedliche Menschen, Menschen, die Zukunft haben und leben wollen. Menschen, die nicht nach Reichtum gieren, wohl aber auf angemessene Bezahlung ihrer Arbeit hoffen.

Ich erinnere an die Kerzen vor den Kirchen der ehemaligen DDR. Ich erinnere an Berichte über vollkommen hilflose Staatssicherheitskräfte, die Gewalt provozieren wollten und am Ende vor der friedvollen und darin so mächtigen Demonstration kapitulierten.

In den Worten, die im „brennenden Dornbusch“ erklingen, spüre ich keine Gewalt. Darin höre ich Gottes Zusage, Gottes Sympathie, Gottes Mitleiden mit den gefangenen und geknechteten Menschen. Das sind keine archaischen, alten Worte. Diese Zusage Gottes hebt den dunklen Vorhang aussichtslosen Lebens. Diese Zusage bringt Licht – kein Feuer!

Ein anderes Bild dazu stellen

Zwei Bemerkungen zwischen drin. Im Fortgang der Predigt wird es nicht darum gehen, den „feurigen Gott“ auf behaglich-harmlose Bürgerreligion zu reduzieren. Zweitens will ich trotz der Bilderkritik keinem reformatorischen Bilderverbot das Wort reden.

Schauen wir also getrost ein anderes Bild an. Es erklang vorhin in der Lesung des Evangeliums. Es malte uns den erhöhten Christus vor Augen und den Moment, in dem seine engsten Jünger ihn in einem anderen Licht, im Licht Gottes begreifen konnten. Bleiben wir im Vatikan. In den Museen dort hängt eines der schönsten Bilder Raffaels. In Licht und Schatten hat er diese wunderbare Szene des erhöhten Christus gemalt. Im Vordergrund des Gemäldes sieht man einige seiner Jünger, hilflos versammelt um ein krankes Kind. Zwei der Jünger weisen über die Not hinaus auf Christus. Ein Dritter lenkt die Augen des Betrachters auf das Kind. Von Christus heißt es im Evangelium: Sein Angesicht leuchtete wie die Sonne. Licht, kein Feuer.

Diese evangelische Szene skizziert einen Raum des Heiligen inmitten der leidvollen Welt. Auch sie spricht von Versuchung, nämlich nur dort zu bleiben, wo es warm, licht und hell ist. Spricht von der Versuchung, allem Leid den Rücken zu kehren. „Lass dich von den Engeln tragen“, hatte der Versucher Jesus nahe bringen wollen am Anfang des Evangeliums. Christus aber widerstand der Versuchung behaglichen Lebens.

Gott der Freiheit: den Heiligen Raum betreten

Heute beenden wir die Epiphanias-Zeit, die Zeit, in der wir uns freuen am Licht der Welt, am Brot des Lebens, das wir in Christus haben und glauben.

Was nehmen aus der Epiphanias-Zeit mit? Hier schauen wir nun auf unser so kritisch betrachtetes Bild vom „brennenden Dornbusch“ noch einmal zurück. Die archaische Distanz mag uns bewusst geworden sein und auch die kritische Dynamik dieses Gottesbildes. Was wir aber auch sehen in diesem Bild ist der Raum des Heiligen, der in und mit diesem Bild eröffnet wird. Ein Raum für Gott inmitten der Wüste und der Gefangenschaft; ein Raum, aus dem die Zusage von Freiheit klingt. Ein Raum, den Gott schafft für uns, dass wir leben können.

Diesen Heiligen Raum legen wir Protestanten gerne in unsere Herzen. Das ist auch richtig, denn gäbe es die Glaubenden nicht, bliebe dieser Raum leer und ohne Antwort und ohne wirkende Kraft. Das Bild aber lehrt uns, dass dieser Raum wirklich ist und Gott darin wirksam ist. Als Glaubende füllen wir ihn bloß, lassen uns von ihm füllen und finden darin Heimat für unsere Seele. Dort, wo wir uns im Namen Jesu versammeln, beten, lobsingen. Meiden wir diesen Raum, tragen wir dazu bei, dass er vergessen wird.

Wo der Geist Gottes ist, da ist Freiheit. Sagt Paulus viele Jahrhunderte nach Moses. In diesem Raum sind wir, die wir Christus nachfolgen, Lernende. Lernen auch, immer mehr und immer geduldiger der Liebe zu vertrauen. Lernen auch, den Weg unseres Glaubens auch kritisch zu sehen. Diese Fähigkeit, den eigenen Weg mit Gott kritisch zu hinterfragen ist eine der ganz großen Stärken unseres Glaubens.

Der Fortgang der Geschichte Jesu zeigt uns, wie dieser Raum für Gott immer kleiner wird und schließlich auf Golgatha auf Kreuz zu schwinden droht. Gott aber bringt neues Licht am Ostermorgen in diese Welt.

Im Raum des Auferstandenen erblüht das Leben, das ewige, das wahre Leben, weil es nun ganz und gar auf Liebe vertraut. Dieser Raum ist voll Zuversicht, voll Kraft und Hoffnung. Das verkünden wir, ohne Feuergewalt, aber in Kraft, in der Kraft unzerstörbarer Liebe. Der „brennende Dornbusch“ ist ein Anfangsbild, ein erstes Aufleuchten Gottes in der Welt aus Knechtschaft und Gewalt. Wir sind auf dem Weg, auf dem Weg auch, auf jede Gewalt zu verzichten im Namen Gottes. Im Namen Jesu darf keine Gewalt geschehen. Dort, wo wir ganz im Sinne der Seligpreisungen seinem Weg folgen, verändert sich die Welt. Langsam und nachhaltig. „Ich bin hernieder gefahren, dass ich rette“, spricht Gott. Diesem Frieden leben und leiden, hoffen und beten wir entgegen. Darin ist Gott mit uns.

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