Anfragen

Liebe Gemeinde in Fischbach,

Fragen über Fragen, anscheinend keine Antwort. So ist das mit rhetorischen Fragen. Sie werden gefragt, in der Erwartung, dass die Antwort bekannt ist und nur in Erinnerung gerufen zu werden braucht. Es wird deutlich, die Antwort liegt schon in der Frage. Wer eine andere Antwort zu kennen meint, liegt falsch.

Aber dass dann doch gefragt werden muss, zeigt, dass Klärungsbedarf ist. Offensichtlich ist aus der Erinnerung gefallen, wer Gott für die Menschen ist, was Menschen an Gott haben.
Offensichtlich braucht es Ermutigung, einen Stupps.

Und so werden die Fragen zu einem gewaltigen Zeugnis über die Größe und die Herrlichkeit Gottes, an dem zugleich jede Beschreibung und menschliche Vergleichsmöglichkeit auch schon wieder scheitert. So sind sie bei Jesaja eingebettet in die Beschreibung der wunderbaren Taten Gottes an seinem Volk, SEINE erfüllten Zusagen und SEIN Hoffnung stiftendes Wort, das eigentlich nur Vertrauen verdient, weil es „dem Müden wieder Kraft gibt“

Aber da werden die Fragen gestellt nicht von Menschen an Gott, wie sonst leicht einmal, wenn wir fragen, warum? Sondern an uns Menschen werden Fragen gerichtet durch die Stimme des Propheten, der das Wort des HERRN artikuliert: „So spricht der HERR…“. Irgendetwas ist schief gelaufen, wie auch immer, die Menschen haben offensichtlich die Erinnerung an Gottes große Taten verloren, das Wort Gott ist ihnen beliebig geworden, das Gottesbild ist verblasst, anstelle dessen ist menschliche Hybris getreten. Die wirklichen Weltgewichte werden verkannt. Menschliches Handeln und Sinnen und Vermögen werden an Gottes Stelle gesetzt, Machthaber gebärden sich wie vermeintliche Götter.

Wir könnten so weiter die Lage beschreiben und merken unversehens, dass sich der große Graben der Geschichte zwischen der Zeit des sogenannten zweiten Jesaja, etwa 600 vor Christus und unserer Zeit geschlossen hat.

Die gleichen Fragen, wie Jesaja sie gestellt hat, gelten heute uns und sie treffen ins Schwarze. Wo ist das Gottvertrauen, das Fragen nach dem Willen Gottes geblieben, wo wird die Präsenz Gottes für SEINE Welt bekannt und wo ist die gestaltende Kraft der Christen, in ihrem Leben Liebe, Vergebung und Frieden zu leben, wo das Lebensgefühl jeden Tag voller Dank für das Gottesgeschenk unseres Lebens zu beginnen. Da sind Menschen anderen Glaubens um uns, die als Ausdruck ihrer Hingabe, ihres Islam, fünfmal am Tag beten: „Gott ist groß“ und unter uns ist es schick geworden, zu sagen, „ich glaub an nix“ oder „ich glaube bloss, was ich sehe“ und dies auch noch ernst zu meinen.

Die Fragen sind schon wichtig heute: Hört Ihr denn nicht? Wisst Ihr denn nicht? Habt Ihr’s nicht gelernt?
In diesen Fragen liegt auch der Knackpunkt aller Gottverlorenheit, es hapert am Wissen, am Kennen der biblischen Geschichten, die ein Gottesbild prägen, es habt an der Erinnerung und es hapert an der Bereitschaft zu seinem Glauben zu stehen.
Aber es macht keinen Sinn mit dem Zeigefinger auf andere zu schauen. Der aufrichtige Blick in das eigene Innere zeigt uns schon auch, wie unsere Zeit unseren Glauben ankränkelt, ob wir es wollen oder nicht.

Die Vergegenwärtigung der Botschaft der Heiligen Schrift, wie wir sie Sonntag für Sonntag genießen dürfen, möchte unser Gottesbild zum Leuchten bringen und es mit dem Leben der Glaubens-erinnerung verbinden, die in uns bestärkt, was wir an unserem HERRN.

Wir werden erinnert an die Schöpfung. Nein, nicht der Mensch ist der Herr der Schöpfung, sondern Gott ist der Schöpfer und Erhalter.
Ein Windhauch nur und menschliches Wollen und Trachten ist dahin. Was wir erleben, an Katastrophen weltweit, an von Menschen verursachten Naturdramen von deepwater horizon bis zum Klimawandel, ein Aufschrei: Hört ihr’s denn nicht? Möchte der Prophet uns zurufen.

Wir werden erinnert an die Machtverhältnisse auf Erden. Was jahrzehntelang zementiert schien, plötzlich zerbricht es. Wir haben es in unserem Volk erlebt mit der Wiedergewinnung der Einheit. Und momentan erleben wir, wie ein Beben durch die arabische Welt geht und Machthaber durch friedliche Menschen auf der Straße ins straucheln kommen, trotz ihrer Machtapparate, „ein Wirbelsturm führt sie weg wie Spreu.“ Hört ihr’s denn nicht?

Wir werden erinnert an Politik und Geschichte. Wer bestimmt die Geschichte der Völker? Politiker, Stimmungslagen vor Wahlen, Meinungsumfragen. Aber wie weit geht das alles? Kurzfristig vielleicht ja, Menschen meinen die Dinge bestimmen zu können. Aber „à la longue“ vertraue ich Gott mehr. Hört ihr’s denn nicht?

Wir werden erinnert an die eigene Lebensgeschichte und die eigene Lebenserfahrung. Sie strotzt davon, sich eingestehen zu müssen, dass eben nicht alles machbar und planbar ist. Gesundheit, Lebensperspektive, Liebe, Anerkennung. Eigentlich kann man sagen, die wichtigen Dinge im Leben kann keiner erzwingen und machen, sie sind Geschenk. Und zwar Geschenk Gottes. Hört ihr’s denn nicht?

Die Fragen im Blick auf die eigenen Erfahrungen und die eigene
heutige Welt gestellt, lassenaus der Sicht der Heiligen Schrift nur eine Antwort zu:
„Großer HERR und starker König“ „und der HERR ist groß“.
Mit jubelnden Tönen hat Johann Sebastian Bach als großer Zeuge des Glaubens diese Antwort des Glaubens gegeben, um sie den Menschen ins Herz und in die Seele zu singen.

Unvergleichlich ist ER in SEINER Güte und Barmherzigkeit.
So hören wir die Stimme des Propheten. In dieser Güte und Barmherzigkeit uns Menschen gegenüber gibt ER selbst auf die vermeintlich rhetorische Frage: „Wem ist der HERR zu vergleichen?“ noch eine konkrete, lebendige Antwort. ER hat sich vergleichbar gemacht. Jesus ist als das gültige, endgültige Gottesbild in die Welt gekommen. In IHM kommt das Bild Gottes zum Leuchten. Es ist nicht nur ein vages Bauchgefühl, wenn wir von Gott reden, wir reden von Erfahrungen, von Gegebenheiten der Weltgeschichte und schließlich auch des persönlichen Lebens.

Wir wissen es, dass da ganz schnell jemand kommen kann, der eine andere Deutung hat, der die große, biblische Erfahrung des Glaubens: „Gott hat uns geführt“ ganz anders deutet. Der die persönliche Erfahrung „Gott hat mich bewahrt!“ ganz anders deutet. Zufall meint, er sei das gewesen, nichts als Zufall. So oberflächlich hört man das manchmal und obwohl wir es besser wissen, fällt uns dann oft nichts mehr ein. Zufall, sagst Du, Zufall? Ich stimme Dir zu, ich stimme Dir total zu, es ist Dir zugefallen, zugefallen aus Gottes Hand.

Jesus hat uns das wirkliche Gottesbild gezeigt, gezeigt, gelebt, gepredigt wie Gott zu uns sein möchte und ist. Es klingt bereits im alttestamentlichen Gottesnamen an: JHWE: ICH bin, der ICH bin, lesen wir in der Lutherbibel. ICH bin für Dich da. Das ist unser Gott, für uns da in Zeit und Ewigkeit.

Wenn wir sagen: „Der HERR hat Großes an uns getan“, dann können wir es ablesen an Christus, unserem HERRN und was wir sehen und spüren ist Liebe, nichts als Liebe, die uns umgibt wie ein schützender Mantel.
dann lassen wir uns erinnern an Geschenk und Auftrag unseres Lebens, den Raum zum Leben, der uns geschenkt ist, die Menschen an unserer Seite,
dann lassen wir uns daran erinnern, dass Schuld und Scheitern ihre Macht verlieren,
dann lassen wir uns erinnern an die Zusage der Vergebung
dann lassen wir uns erinnern an Halt und Trost und Kraft, die uns in manchem Lebensabschnitt besonders spürbar waren,
dann lassen wir uns erinnern an das Ziel des Lebens in Gottes Ewigkeit,
dann lassen wir uns erinnern, dass die Liebe Gottes allen gehört und nicht mir allein,
dann lassen wir uns erinnern, dass ein Leben, das zu Jesus gehört,
selbst die göttliche Liebe ausstrahlen kann und soll, sodass wir selbst Abbild SEINER Liebe sein können.

Erzählen will ich von all DEINEN Wundern“ heißt es in einem unserer Lieder. Oder der Volksmund sagt es anders: „Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.“

Und damit, liebe Gemeinde, sind wir wieder bei dem Problem, das Jesaja mit seinen Fragen, die er als O-Ton Gottes stellt und aufrüttelnd bewusst machen will.

Das Gottesbild im Herzen droht zu verblassen.

 Solche Fragen werden gestellt, weil wir zu wenig wissen über den Glauben. Die guten Geschichten vom Handeln Gottes müssen erzählt werden, aktiv, sie müssen gehört werden, auch aktiv. Ich glaube, es gibt keine große Schriftreligion, die so achtlos mit ihrem Heiligen Buch umgeht, wie das Christentum. Aber, wie will ich verstehen, was die Welt im Innersten zusammenhält, wenn ich nicht in mich aufnehme, was da steht. Wie will ich wissen, wie Gott es mit mir meint, wenn ich nicht internalisiere, wie es den Menschen Gottes geht. Wie will ich Kraft schöpfen in manch bitterem Weg, der zu bewältigen ist, wenn ich die Quellen des Trostes und der Kraft nicht anzapfe. Wie soll Strom fließen, wenn ich den Stecker nicht in die Steckdose stecke.

 Solche Fragen werden gestellt, weil wir so leicht vergessen. Jeder kann Erfahrungen des Glaubens und erfahrener Geborgenheit in sich aktivieren. Sie sind unser persönlicher Gottesbeweis. Halten wir sie in uns heilig, es legt sich so leicht die Alltagsnormalität darüber als wäre nichts gewesen und alles selbstverständlich. Dabei sind das die Sternstunden unseres Lebens gewesen und sind es noch.

 Solche Fragen werden gestellt, weil uns die selbstverständliche Haltung, ein Christ zu sein und sich dazu zu bekennen, abhanden zu kommen droht. Aber Religion verkümmert, wenn sie als Privatsache betrachtet wird. Es verletzt auch keine meist vorgeschobene Toleranzidee, wen ich „Grüß Gott“, statt Hallo sage. Warum sagt ein Muslim voller Stolz: „Der HERR ist groß“ und wir beißen uns eher die Zunge ab, ehe uns Vergleichbares über die Lippen kommt. Wenn jemand so etwas sagt, ich sage zum Beispiel gern zum Abschied: „Gott befohlen“, dann merkt man immer genau, dass ein Gegenüber sich, vielleicht sogar peinlich berührt, denkt, „übertrieben diese Ausdrucksweise“, oder auch: „der will wohl besonders fromm sein“. Warum kann das nicht normal sei? Sind wir etwa unserer eigenen Glaubenssache nicht sicher? Da hat es mich berührt, als ich dieser Tage eine Einladung zur Konfirmation erhielt von einem Jungen, den ich seinerzeit getauft hatte. Er schrieb, ein wenig fetzig, was passieren würde, wenn man seine Einladung nicht befolgen würde, nämlich die Streichung von der Adressenliste, usw. Und als letztes vor der Unterschrift, wie selbstverständlich, „Es segne uns Gott, unser allmächtiger Vater!“ Fand ich total gut, obwohl ich mir gut vorstellen kann, wie ein Leser alle abwehrenden Deutungsmuster von „altklug“ bis, wer weiß was aktivieren kann. Ist es nicht wunderbar, wenn ein junger Mensch sich so bekennt.

Hier in der Kirche von Gott zu reden und sich zu Christus zu bekennen ist leicht. Das habe ich jetzt gern und reichlich getan. Hier erwarten wir nichts anderes. Wir alle haben Worte des Glaubens ausgesprochen und es ist ja noch nicht zu Ende.
Viele, auch Menschen, die der Kirche ferner sind und nicht groß über Glauben nachdenken, singen vielleicht inbrünstig bei einer Taizé-Andacht den „Irischen Segen“ „…und bis wir uns wiedersehen halte Gott Dich fest in seiner Hand“, sie würden aber Ähnliches im Alltag nicht über die Lippen bringen.

Die göttlichen Fragen des Propheten, liebe Gemeinde, lassen Defizite spüren, unsere eigenen Defizite. Heute erreichten die Fragen uns, denen ja Glaube schließlich etwas bedeutet. Sie begegnen uns als Alarmzeichen. Nicht, um auf andere zu zeigen, sondern um selbst in uns zu gehen.
Nutzen wir die Gelegenheit, lassen wir uns neu erfüllen von Wort und Sakrament, um mit Wort und Tat unsere Antwort auf die Fragen geben zu können.

Der Gottesdienst ist immer beides:
Hier in der Kirche Auftankstation zur Vergewisserung des Glaubens an die Liebe Gottes. Wir sollten das reichlich nutzen, denn ohne Input kein Output.
Und im Gottesdienst des Lebensalltags der, wir vergessen es leicht, schließlich Bestandteil eines recht verstandenen Gottesdienstes ist,
heißt das, in der Nachfolge der Lebens- und Glaubensart Jesu voller Gottvertrauen und dem Mitmenschen zugewandt leben, und zu seinem Glauben stehen, wo er gefragt ist.

Da ist nichts, dessen man sich schämen müsste, nur ein Gott und HERR, der es barmherzig immer gut mit SEINEN Menschen meint, jeden Tag unseres Lebens und erst recht in Ewigkeit.

Amen!

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