Ein Volk auf dem Weg in die Freiheit

Das Wort für die heutige Predigt ist uns vorgegeben aus dem Buche des Propheten Jesaja, der um 550 vor Christus den heimatvertriebenen Israeliten in Babylonien folgendes predigt. Ich habe ihnen den Text zum Mitlesen kopiert:

[TEXT]

Liebe Gemeinde,
ein Volk unter der Knute fremder Herren. Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden sind nicht mehr. Die Menschen überleben nur, indem sie stille halten und in blindem Gehorsam verharren. Die Kinder wachsen unter einem Regime auf, das sie wie Gefangene hält. Die Sehnsucht nach Freiheit wächst allenthalben und überall bei den Menschen. Wie viele Völker kommen uns augenblicklich in den Sinn, die auch heute genau das ertragen müssen! Da wird jeder Tag zum Kampf um das nackte Überleben! In dem riesigen Land des Sudan wird der Süden seit 1955 durch den Norden diskriminiert und ausgebeutet. Durch Verfolgung und Widerstand verloren etwa vier Millionen Menschen ihr Leben: Wenn nicht das, was dann wäre ein Völkermord! Nun, hat sich der Südsudan am 9. Januar in Wahlen gegen den sudanesischen Staatschef, den Kriegsverbrecher Al-Bashir ausgesprochen und den Weg der Unabhängigkeit und Freiheit eingeschlagen. Unsere Gedanken sind bei dem sudanesischen Volk, das jetzt in eine offene Zukunft geht. Auch in vielen anderen Ländern werden Menschen unterdrückt und streben nach Freiheit: Vor unserer Haustür im Norden Afrikas hat sich das tunesische Volk erhoben und die Tyrannei des Diktators abgeschüttelt. In dem alten Kulturland Ägypten erheben sich die Menschen und kämpfen für Freiheit und Gerechtigkeit. In solchen Fällen prallen Interessen und Weltanschauungen aufeinander und streiten um die Vorherrschaft.

In vielen Ländern wird der Kampf um Freiheit von Befreiungsbewegungen militärisch geführt, während sich andere mit gleichen oder ähnlichen Zielen trotz aller Gefahren politisch oder auch literarisch engagieren. Der Freiheitskampf im ehemals beherrschten Chile wird z.B. in einem Gedicht besungen, in dem es heißt:

hört das lied hört das lied 
vom chilenischen Metall 
fremde herren woll´n es haben 
heutzutag´ wie dazumal 
denn es starb das volk der inkas 
dazumal dazuland an der spanischen gier 
nach all dem gold das man dort fand 
usw…

Die Leiden des chilenischen Volkes unter dem Diktator Augusto Pinochet sind vielen Menschen in unserm Land noch sehr klar in Erinnerung.

Viele von uns können sich ebenfalls noch gut an die Worte des Sängers Wolf Biermann erinnern, der seinen Landsleuten in der ehemaligen DDR vor Jahr und Tag aus dem Herzen und in die Herzen gesungen hat:

Du, laß dich nicht erschrecken 
in dieser Schreckenszeit. 
Das wolln sie doch bezwecken 
daß wir die Waffen strecken 
schon vor dem großen Streit.

und dann findet Biermann in der Schlussstrophe seines Liedes diese starken Worte der Hoffnung:

Wir wolln es nicht verschweigen 
in dieser Schweigezeit. 
Das Grün bricht aus den Zweigen, 
wir wolln das allen zeigen, 
dann wissen sie Bescheid.

Auch der Prophet Jesaja, liebe Gemeinde, stellt sich in schwerer Zeit an die Seite seines Volkes, um den Zeitgenossen Mut zu machen. Er stärkt ihren Mut durch radikale Worte, denn nur diese werden in dem extrem harten Überlebenskampf gehört. Es ist Jesajas Überzeugung, dass die Religion, der Glaube, den Menschen Halt und Stärke geben kann, sie wird Ihnen Immunität verleihen gegen Anpassung, Verzweiflung und Depression. Denn: Wer ist schon das Volk der Babylonier, das Israel so unmenschlich niederdrückt? Wer sind seine prächtigen und mächtigen Könige? Worin bestehen seine kulturellen Errungenschaften, wie z.B. das Ishtar-tor und die große Prachtstraße, die heute jeder von uns im Berliner Pergamonmuseum bewundern kann? Was bedeuten die babylonischen Soldaten, die Volk um Volk im Namen des babylonischen Königs auf ihren weiten Feldzügen unterwerfen? Welche Kraft haben die Götter der Babylonier, die diese entweder in loser Verbindung mit den Sternen sehen oder sie sogar mit ihnen identifizieren? Welche Kraft besitzt die ganze babylonische Kultur, wenn das Licht des Gottes Israels, des wahren Gottes, auf sie fällt? Die Völker, und so auch das Herrschervolk der Babylonier werden vor diesem Gott zu einem einzigen Wassertropfen an einem Wassereimer! Wie viele Wassertropfen mag wohl ein einziger Eimer fassen? Das, so meine ich, ist eine Frage für die Sendung „Wer wird Millionär“: Sind es zehntausend Tropfen, hunderttausende oder gar Millionen? Wer kann das schon wissen! Die Babylonier? Sie sind nach der Überzeugung des Jesaja nichts weiter als ein kleiner unbedeutender Tropfen, der aus dem Wassereimer schwappt und sich in Nichts auflöst! Der Prophet, liebe Gemeinde, stärkt die unterdrückten Israeliten in ihrem Überlebenskampf, indem er ihnen das Bild des unvergleichlichen und allmächtigen Gottes vor Augen führt. Unser Gott, so hören die Israeliten aus seinem Munde, ist einzigartig, er vermag alles, er kann uns in die Freiheit führen – was dann übrigens einige Jahre später tatsächlich eingetreten ist, als der Perserkönig Kyros die babylonische Herrschaft stürzte und die Israeliten in ihr Heimatland entließ. Israel hörte und erlebte in jener Zeit, was auch wir in unserm Glaubensbekenntnis bekennen, wenn wir sprechen: Ich glaube an Gott den Vater, den Allmächtigen… Doch, liebe Gemeinde, wenn wir das als Christen so aussprechen, öffnet sich uns geradezu ein riesiges Areal von Fragen und Einwänden, von kritischen Gedanken und Widersprüchen, die an dieser Stelle nicht einmal erwähnt werden können, und zwar nicht nur jene scheinbar lustige Frage, die wir als junge Theologiestudenten damals stellten: Wenn Gott allmächtig ist, ist er dann in der Lage, einen so schweren Stein zu erschaffen, das er diesen selbst nicht mehr heben kann? In dieser einfachen Frage deutet sich bereits etwas von der Problematik des Allmachtsgedankens an. Tiefer jedoch reicht der folgende Gedanke, der unzähligen Menschen auf der Seele brennt: Wenn Gott allmächtig ist, warum lässt er dann so unendlich viel Leid auf der Erde zu? Die Betonung der Allmacht Gottes kann den Glauben, liebe Gemeinde, in Sackgassen führen, die zur Verzweiflung treiben.

Es ist, als habe der Gott Israels diese Sackgassen erkannt und sich darum der Menschen erbarmt. Er selber wurde Mensch, wurde geboren in einem Stall, in größter Armut, war in Windeln gewickelt, seine Eltern mussten mit ihm nach Ägypten flüchten, was war er denn anderes als ein Flüchtlingskind! Das, liebe Gemeinde, ist unser Gott, so nahe wird er uns Menschen, so sehr wird er einer von uns. Das NT stellt das überdimensionale Allmachtsbild Gottes, wie es der Prophet Jesaja aus seelsorglichen Gründen zeichnet, zurück. Es zeigt uns Gott als den, der mit Menschen leidet, der bei uns ist, mitten unter uns, der nicht Furcht und Angst verbreitet und noch weniger Gewalt, sondern stattdessen verkündigen lässt: Fürchtet euch nicht, denn euch ist heute der Heiland geboren! Und: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. In Jesus lässt Gott das Licht der Liebe leuchten, die sich klein macht, die das Leid der Menschen auf sich nimmt, die mit den Schwachen schwach wird und dennoch nicht ihre Macht verliert. Hier folgen wir Christen dem Kind aller Kinder, dem Menschen aller Menschen: Jesus, von dem die ersten Christen dieses Lied gesungen haben: "Obwohl Jesus Christus in allem Gott gleich war und Anteil an Gottes Herrschaft hatte, bestand er nicht auf Vorrechten, sondern verzichtete darauf und wurde rechtlos wie ein Sklave. Er wurde wie jeder andere Mensch geboren, lebte als Mensch unter Menschen, er erniedrigte sich selbst und gehorchte Gott bis zum Tode, ja, zum Tode am Kreuz." Weil Jesus gekommen ist, erneuert Gott unsere Welt durch die Macht seiner Liebe, wenn auch nicht von heute auf morgen, so doch im Laufe der Zeit, nach und nach. Wenn wir dieses Vertrauen in unsern Herzen tragen, können wir das auch aussprechen: Ich glaube an Gott, der aus Liebe Mensch unter Menschen geworden ist, dessen Liebe in dieser harten Welt Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Freiheit und Frieden schafft!

Der Prophet Jesaja hat seinen Mitmenschen in jenem erbarmungslosen Überlebenskampf Mut und Hoffnung verliehen, so dass sie kurz darauf das Wunder der Freiheit erfahren durften. Doch Unterdrückung und Unfreiheit weichen solange nicht aus der Welt, wie die Herzen der Menschen nicht zu jener Liebe finden, die Jesus vorgelebt hat. Denn seine Liebe ist unvergleichlich! Und unvergleichlich ist Gott!

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