Die Götzen wackeln

Zum Predigttext eine kurze Vorbemerkung: Wir hören einen Abschnitt aus dem Buch des Propheten Jesaja, und zwar aus dem Mittelteil, dem sog. Buch des 2. Jesaja, des Deuterojesaja. In diesem Buch wird deutlich, dass der Prophet zu jenen jüdischen Menschen spricht, die im 6. Jahrhundert v. Chr. in Babylonien im Exil leben. Er will sie trösten und ihnen Hoffnung machen. So beginnt auch das Kapitel, aus dem unser heutiger Predigttext stammt, mit den bekannten Worten: „Tröstet, tröstet mein Volk, spricht der Herr“. Im folgenden Abschnitt geht es dann darum, dass die Zuhörer des Jesaja weder resignieren, weil sie halt immer noch ind er Gefangenschaft leben, dass sie sich aber auch nicht anmaßen, überheblich zu werden und Gott für sich als ihren Retter vereinnahmen. Es geht um den rechten Maßstab im Verhältnis von Gott und Mensch. Hören wir, was in Jesaja Kapitel 40 steht:

[TEXT]

Liebe Gemeinde! Oder sollte ich lieber gleich zu Ihnen sagen: Liebe Heuschrecken? Denn damit vergleicht ja der Prophet Jesaja in seiner Rede uns Menschen. Die auf der Erde wohnen, sind wie Heuschrecken, also verschwindend klein gegenüber dem großen Gott, und zudem noch oft lästig und unnütz. Ein Ungeziefer eben. Heuschrecken, sie sind die achte von den zehn Plagen, die vor dem Auszug des Volkes Israel die Ägypter heimsuchen, und bis heute können Heuschrecken im vorderen Orient zur Plage werden und ganze Ernten vernichten.

Wenn Menschen sich gegenseitig mit Tiernamen belegen, dann ist das in der Regel wenig schmeichelhaft, abgesehen von Kosenamen Verliebter. Werden Menschen mit Tieren verglichen, vor allem mit solchen, die schmutzig sind, dann ist das oft abschätzig gemeint. Beispiel dafür kennen sie alle. Das Problem, das dahinter steckt, ist wohl dies: dass jemand, der so herablassend von anderen redet, sich selbst höher stellt oder zumindest als besser ansieht als denjenigen, den er da mit einem Tiernamen beleidigt.

Ist das wohl hier in der Prophetenrede des Jesaja genau so? Wir wissen aus vielen Aussprüchen der Propheten, dass sie sich verbal nicht unbedingt zurücknahmen, dass viele ihrer Reden durchaus als beleidigend aufgefasst werden konnten, zumindest die Menschen provozierten. Immerhin, das hatte in der Regel wenigstens zur Folge, dass man ihnen zuhörte.

Die Menschen auf der Erde sind vor Gott wie Heuschrecken – und auch ihr, die ihr meine Worte hört, sagt der Prophet, seid nicht größer und bedeutender. Immerhin, so kann man sagen, auch die Heuschrecken sind Geschöpfe Gottes, sie werden wohl auch auf der Passagierliste von Noahs Arche gestanden haben, nur – sie sind eben ziemlich kleine Lebewesen. Gegenüber einem Menschen schon ziemlich klein, und, so würde der Prophet es sagen – gegenüber der unvorstellbaren Größe Gottes verschwindend klein.

Diese kleinen Menschen spielen sich oft auf und versuchen groß da zu stehen. Das wissen wir auch. Wir müssen nicht unbedingt nach Ägypten oder nach Weißrussland schauen, wir kennen das aus unserer eigenen unseligen Geschichte, und wir kennen das auch aus unserer eigenen Umgebung, vielleicht sogar von uns selbst. In der babylonischen Umgebung hatte das jüdische Volk, genau genommen war es wohl die jüdische Oberschicht, die aus Jerusalem deportiert worden war, die Erfahrung gemacht, dass die Babylonier, die mächtigen und machtbesessenen Herrscher in ihrem Land, sich fast selbst zu Göttern zu erklärten. Und vor allem riesige Tempelanlagen bauten, in denen goldene Götterbilder zu sehen waren. Das machte Eindruck. Und es wird nicht wenige aus der jüdischen Bevölkerung gegeben haben, die insgeheim gedacht haben: Ob das nicht vielleicht doch die richtigen, die stärkeren Götter sind? Schließlich hat das Volk, das diese Götter verehrt, uns besiegt. Und unser Gott, den man nicht sehen kann, wie man uns schon als Kinder beigebracht hat, und den man sich eigentlich nicht einmal bildlich vorstellen darf, dieser Gott hat uns nicht geholfen.

Welche Schlüsse haben die Menschen daraus gezogen? Vielleicht diesen: Unser Glaube ist ja doch reine Fantasie, reine Einbildung. Besser, wir geben das auf und leben so in den Tag hinein. Oder auch diesen: Wir wollen auch solche Götter haben wie die Babylonier. Was wir brauchen, sind sichtbare Beweise ihrer Macht und ihrer Gegenwart. Auch wir wollen uns Götterbilder machen, aus Gold, oder, da wir ja nicht so reich sind wie die herrschende Klasse in diesem Land, dann wenigstens aus Holz. Ein großes, stattliches. festes Götterbild, ja das wäre etwas. Daran könnten wir uns halten.

Wir mögen vielleicht denken, dass wären Überlegungen und Fragestellungen aus längst vergangenen Zeiten. Doch haben Menschen aller Epochen so gedacht und entsprechend gehandelt. Bei uns ist das nicht anders. Gerade unsere heutige Gesellschaft ist doch in hohem Maße davon abhängig, dass sie etwas vorzuweisen hat, womit sie imponieren kann. Geld oder Auto, Karriere oder Schönheit, glänzende Darstellung in den Medien oder hohe Punktzahl in der Bundesliga-Tabelle, all das sind Werte, wofür sich einzusetzen sich lohnt, wofür manche geradezu rücksichtslos kämpfen und woran bei vielen Menschen wirklich das Herz hängt.

Kennen Sie den Satz von Martin Luther? Woran nun dein Herz hängt, das ist wirklich dein Gott. Luther dachte an die Abhängigkeiten der Menschen seiner Zeit von irdischen Gütern, er hatte dabei auch die Geschichte vom Goldenen Kalb im Kopf, nach der sich ja das Volk Israel auf der Wüstenwanderung zurücksehnte nach den sicheren Verhältnissen und den glänzenden Tempeln Ägyptens. Doch in welche Zeiten wir das auch feststellen und erleben können, und wie diese Götter und Götzen auch aussehen mögen, es zeigt sich in diesem Denken und Handeln immer die Maßlosigkeit der Menschen. Und diese ist ihnen nur selten gut bekommen.

Der Götze wackelt, so lautet ein Buchtitel aus den Siebziger Jahren. Ein Buch, dass sich u.a. kritisch mit dem wachsenden Konsum der Nachkriegszeit auseinandersetzt. Der Prophet, dessen Worte wir eben gehört haben, würde sagen: Götzen und Götterbilder wackeln immer. Sie können gar keinen festen Stand haben, weil sie schon gedanklich falsch konstruiert sind. Die Maßstäbe stimmen nicht. Wir Menschen sind viel zu klein. Wie Heuschrecken. Wie Staubkörner, so heißt es an anderer Stelle in der Bibel. Menschen können sich kein Bild von Gott machen. Sie würden ja immer nur ihr eigenes Bild projizieren. Es würde fürchterlich aussehen und sich verheerend auswirken. Nein, so sagt es der Prophet und so heißt es in der Bibel immer wieder: Es ist umgekehrt: Gott hat sich euch Menschen zu seinem Abbild gemacht, ihr seid Gottes Ebenbilder, darum könnt ihr getrost darauf verzichten, euch große Statuen und Riesentempel zu bauen. Schaut euch lieber gegenseitig ins Gesicht und seid füreinander da – dann seid ihr Gott viel näher.

Sie merken vielleicht, liebe Gemeinde: Diese Sichtweise und solche Worte sind uns nicht fremd. Das, was sich in der Botschaft eines Deuterojesaja und der anderen Propheten andeutet, das erfüllt sich in der Botschaft und dem Auftreten Jesu. Das ist seine Sichtweise: Verzichtet darauf, euch selbst zu Göttern zu machen und über andere zu erheben. Schaut auf mich. Auch ich verzichte darauf. Ich lasse mich nicht von euch Menschen auf einen Thron setzen, sondern ans Kreuz nageln. Das widersprich zwar all euren Vorstellungen von Gott und euren Sehnsüchten nach einer starken, unanfechtbaren Religion – aber gerade darin liegt Gottes Weg zu euch: Er kommt euch entgegen und ist da, wo ihr seid. Notfalls ganz unten. Aber auch in eurem Alltag und da, wo ihr euch freut und wo ihr feiert. Überall da, so wird uns in den Evangelien berichtet, war Jesus anzutreffen. Der Schöpfer der Welt macht sich klein und wird Menschen.

Vorstellbar ist das nicht. Denn das ist klar: Jesus hat alle Gottesvorstellungen und damit alle Götterbilder zum Wackeln und zum Einsturz gebracht. Damit haben vielleicht auch wir manchmal zu kämpfen, hätten lieber Eindeutigkeit und Beweise für die Größe unseres Gottes. Aber mit dem Glauben ist es vielleicht so wie mit der Liebe. Wenn wir Beweise fordern, dann verlieren, was wir brauchen und wonach wir uns sehnen. Gott aber erfüllt unsere Sehnsucht und schenkt uns, was wir brauchen – nicht in dem er uns den Sachverstand gibt, möglichst faszinierende Götterbilder zu errichten, sondern in dem er unsere Augen öffnet für Jesus Christus und für die Menschen, zu denen er gekommen ist. Dann ist auch die Rede von Menschen als kleinen, unscheinbaren Heuschrecken nicht mehr beleidigend, denn schließlich hat sich Gott auf unsere Ebene als Menschen eingelassen.

Ein Schlussgedanke: Jemand fragte einmal einen alten, weisen jüdischen Gelehrten: Rabbi, erkläre mir: Warum können heutzutage so viele Menschen Gott nicht mehr erkennen.? Der Rabbi entgegnete: Weil sich niemand mehr so tief bücken mag. – Sich tief bücken, um Gott zu erkennen, sich selbst ganz klein machen, weil Gott sich auch ganz klein gemacht hat und auf der Seite der Niedrigen steht. Das gibt der Rabbi als Weisheit weiter, das ist auch genau die Sichtweise Jesu, die uns als Christen gut ansteht. Wir sollten uns immer wieder daran erinnern, davon reden und danach zu leben versuchen. Vielleicht merken das dann eines Tages sogar die scheinbar Mächtigen in unserer Welt und entdecken, dass sie auf wackeligem Fundament stehen, wenn sie sich zu Göttern machen wollen.

drucken