Aus der Ferne

Liebe Gemeinde,

als ich diesen Text in der zurückliegenden Woche zum ersten Mal anschaute,
fegte gerade ein Wirbelsturm mit 300 Stundenkilometern auf die australische Küste zu.

Die Meteorologen im Fernsehen zeigten die Satellitenfotos von dem Zyklon,
der von oben betrachtet wie ein Drache aussah.

Stunden später konnte man seine Spuren der Verwüstung sehen: wie Streichhölzer umgeknickte Bananenbäume und zerstörte Häuser. Zum Glück hatten sich die Menschen rechtzeitig in Sicherheit gebracht.

Gleichzeitig überschlugen sich die Nachrichten aus Ägypten.

Im Fernsehen sah man zuerst die friedlichen Proteste der Massen auf den Straßen Kairos,
die dort die Stunde gekommen sahen, den verhassten Gewaltherrscher aus dem Land zu jagen.

Am nächsten Tag dann die Bilder vom blutigen Gegenangriff der staatlich gelenkten Schlägertrupps, die auf Kamelen und Pferden die demonstrierenden Menschen nieder zu machen versuchten.

Und dann die tagelangen gewaltsamen Scharmützel auf dem Platz der Freiheit, von einem Hotelfenster aus gefilmt: hin- und her rennende Menschen, brennende Autos, Verwundete und Tote, die über die Straßen geschleift wurden. Dazwischen Soldaten auf ihren Panzern, die dem Treiben tatenlos zuschauten. Es waren gespenstische Bilder, die da über den Bildschirm in unser Wohnzimmer flimmerten.

Zum zweiten Mal innerhalb weniger Wochen werden wir Augenzeugen einer Revolution in der arabischen Welt. Ein Volk steht auf gegen ein unterdrückerisches Regime, das von unseren Regierungen wegen seiner prowestlichen Haltung geduldet, manchmal sogar hofiert wurde. Noch schlägt es brutal zurück, doch seine Zeit ist abgelaufen. Auch die Mächtigen der Welt, die dieses Regime bisher aus politischem Kalkül an der Macht gehalten haben, wenden sich von ihm ab.

Was hat das mit unserem heutigen Predigttext zu tun? Sehr viel.

Denn auch der Prophet Jesaja beschwört hier starke und gewaltige Bilder, die den von mir beschriebenen Ereignissen ähnlich sind:

Menschen, die von weitem betrachtet wie Heuschrecken erscheinen; Fürsten und Herrscher, die plötzlich nichts mehr gelten, und deren Verschwinden verglichen wird mit einem Sturm, der über ein Land hinwegfegt und frisch gepflanzte Bäume und Sträucher mitsamt den Wurzeln ausreist;

Der zweite Jesaja, der etwa 600 Jahre vor Christus lebte, beschreibt solche Erfahrungen in seinem Text. Er sieht sie als Hinweise auf die unvergleichliche Macht Gottes, die alles Sein und alles Geschehen auf dieser Welt übersteigt.

Gewissermaßen mit Gottes Augen blickt Jesaja hier auf unsere Welt und auf das, was in ihr geschieht. Aus der Ferne sieht er auf die Schöpfung, auf Meere und Berge und Hügel, die von Gott kunstvoll und ausgewogen gestaltet wurden. All das, was uns so groß und grenzenlos erscheint – aus der Perspektive Gottes ist es klein, überschaubar und handhabbar.

Und was für die Erde gilt, das gilt erst recht für ihre Bewohnerinnen und Bewohner, allen voran uns Menschen: wie Heuschrecken sehen wir von oben betrachtet aus – nicht gerade ein schmeichelhaftes Bild, das der Prophet hier für uns gebraucht, denn von Heuschrecken wissen wir, dass sie gierig und unersättlich sind, dass sie in großen Massen über die Ernte herfallen und ganze Landstriche kahlfressen können. Vielleicht spielt Jesaja darauf an. Vielleicht will er aber auch nur beschreiben, wie klein wir Menschen aus der Ferne betrachtet sind.

Das gilt allerdings auch, und darauf scheint dieser Text hinzusteuern, für die großen Herrscher: so unumstößlich und unerschütterlich in ihrer Macht sie manchmal erscheinen – sie können über Nacht in tiefste Bedeutungslosigkeit versinken. Wie ein Sturm kann eines Tages die Geschichte über sie hinweg gehen. Genau das ist es ja, was wir in diesen Tagen mal wieder erleben.

Und das haben auch die Menschen früher schon erfahren. Jesaja ruft es seinen Zeitgenossen wieder in Erinnerung, aus gutem Grund. Sie saßen nämlich damals gerade in Babylonien, wohin sie damals nach der Zerstörung des ersten Tempels entführt worden waren. Mutlos fristeten sie dort ihr Leben, ohne Hoffnung, dass sie jemals wieder nachhause kommen würden. Die Menschen, die Jesaja vor Augen hatte, hatten sich abgefunden mit ihrer Situation. Sie sahen keine Zukunft mehr für sich. Sie glaubten nicht mehr daran, dass sich ihre trostlose Lage noch einmal zum Guten wenden würde.

Genau dagegen schreibt Jesaja hier an. Mit seinem flammenden Hinweis auf die Größe Gottes will er sie aufrütteln und aus ihrer Lethargie herausholen. Erkennt doch, sagt er, wie eng und begrenzt Euer Horizont ist. Ihr seht nur das, was gerade ist. Und ihr könnt euch nicht vorstellen, dass sich jemals etwas ändert. Aber schaut doch mal mit den Augen Gottes auf euer Leben und auf diese Welt. Von seiner Warte aus betrachtet ist das, was uns groß und mächtig erscheint, ganz klein. Und von seiner Warte aus betrachtet, kann das, was uns unumstößlich vorkommt, mit einem Windstoß umgeworfen und zunichte gemacht werden.

Womit er darauf anspielt ist klar: die Fürsten, die glauben ewig herrschen zu können, mögen sich noch so sehr klammern an ihre Macht –wenn Gott es will, sind sie über Nacht von der Bildfläche verschwunden. Kann sein, dass die Völker Gottes Willen manchmal ein bisschen nachhelfen müssen. Aber fest steht: früher oder später kommt die Stunde des Niedergangs.

Und hat er nicht recht, der Jesaja? Schauen wir uns doch um auch heute, an wie vielen Orten plötzlich etwas geschieht, womit bis vor Kurzem niemand gerechnet hat. Gestern Tunesien, heute Ägypten, morgen der Jemen oder ein anderes Land. Und haben nicht auch wir Deutsche in unserer jüngeren Vergangenheit erlebt, wie schnell und unverhofft große Umbrüche und Veränderungen geschehen können, von denen wir nicht zu träumen gewagt hättet? Noch nicht einmal 25 Jahre ist es her, da wurde unser Land noch durch Mauer und Stacheldraht geteilt. Wer von uns hat damals wirklich daran geglaubt, dass sich während unserer Lebenszeit über Nacht die Grenzen öffnen würden? Dass ein Erich Honecker über Nacht abdanken und in die Bedeutungslosigkeit verschwinden würde?

Ja, wir haben es nun schon öfter erlebt, dass scheinbar unerschütterliche politische Systeme wie von einem Sturmwind hinweggefegt wurden. Für Jesaja ist das fast so etwas wie ein Gottesbeweis. Nicht nur an der Schöpfung, sondern auch an solchen Wendepunkten der Geschichte, so ist seine Überzeugung, können wir ablesen und erkennen, dass Gott über allem steht und Gottes Blickwinkel unendlich größer ist, als unser beschränkter Horizont.

Ja, Gott ist unendlich viel größer als wir. Tausendmal größer auch als google earth oder google street view. Gott kennt nicht nur jeden Winkel dieser Erde, die er geschaffen hat. Sondern weil Gott als Schöpfer über allem und hinter allem steht, hat er auch den Weitblick, den wir nicht haben. Jesaja sagt das nicht, um uns Menschen unsere Winzigkeit und Unterlegenheit aufzuzeigen, so nach dem Motto: was willst du kleines Würmchen schon ausrichten gegen diesen Gott. Nein, Jesaja sagt es, weil er uns Mut machen will, auch in scheinbar aussichtslosen Situationen noch mit Gott rechnen.

Wenn du glaubst, es geht nicht mehr weiter, wenn du schwer trägst an einer Enttäuschung, wenn du gefangen bist in deinen Sorgen und Traurigkeiten: versuche, mit den Augen Gottes darauf zu schauen und denk dran, dass Gott von seiner Warte aus mehr sieht als du und einen Weg für dich weiß.

Wenn Politiker oder andere Menschen dir einreden wollen, dass bestimmte Entscheidungen alternativlos seien: versuche mit den Augen Gottes drauf zu schauen und dich nicht davon abbringen zu lassen, dass es sehr wohl Alternativen gibt.

Wenn ein ganzes Volk unterdrückt und um seine Zukunft gebracht wird, denke nicht, das wird für alle Zeit so bleiben wird. Es kommt der Tag, an dem die Tyrannen verschwinden ins Nichts. Auch wenn wir noch nichts davon ahnen oder gar sehen – Gott kennt ihn und weiß, dass dieser Tag nicht mehr fern ist.

Und wenn Religionen um den wahren Gott und um den wahren Glauben wetteifern – dann steht auch das unter dem Vorbehalt, dass Gott größer ist als alles, was wir uns vorstellen können – und keine Religion sich anmaßen kann, Gottes Gedanken und Wege zu ergründen.

Gott ist größer, als wir ihn denken können – für Jesaja ist das nichts, was uns Angst machen muss, sondern im Gegenteil: es ist die Quelle unserer Hoffnung. Einer Hoffnung, die gerade davon lebt, dass dieser Gott nicht verfügbar ist: kein lächerliches lebloses Bild, das Menschen sich selbst von ihm gemacht haben und über das sich Jesaja in unserem Text lustig macht. Sondern dass er in unserem Leben wirksam ist als lebendige, unbegreifliche, unvergleichliche Kraft, die wir niemals dingfest machen, sondern immer nur punktuell aufspüren können: in der einzigartigen Schöpfung, in den Texten der Bibel, aber hin und wieder eben auch in besonderen Momenten unserer menschlichen oder sogar auch persönlichen Geschichte.

Und manchmal ist es vielleicht gut, einfach mal aus der Perspektive dieses Gottes, der uns nahe ist, aber zugleich über dem Kreis der Erde wohnt und den Himmel über uns ausgespannt hat, auf unsere Welt zu schauen – und sie uns von oben anzusehen. Vielleicht können wir sie dann manchmal auch so sehen, wie es ein Lied der Sängerin Bette Midler beschreibt:

Aus der Ferne ist unsere Welt so klein, schwebt und dreht sich allein im Kreis.
Aus der Ferne sind unsere Meere blau, und die Gipfel der Berge weiß.
Aus der Ferne ist jeder Mensch ein Teil einer großen Harmonie.
Und das Lied von mir, und das Lied von dir wird zu einer Melodie.

Aus der Ferne scheint unsre Welt so reich, zu reich für Gier und Not.
Keine Grenzen, wozu auch, es macht keinen Sinn, dass der Eine dem Andern droht.
Aus der Ferne ist vieles, was uns trennt, grade das, was uns vereint.
Und der Traum von mir, und der Traum von dir wird zum Traum, den jeder träumt.

Aus der Ferne ist unsre Welt kein Stein, sie weint, leidet, hofft und bebt.
Sie hat Wärme, sie atmet aus und ein, ist ein Wesen das fühlt und lebt.
Aus der Ferne hat jede Einzelheit einen Sinn im großen Klang.
Und das Licht in mir, und das Licht in dir zündet tausend Sterne an.

Gott sieht, was wir tun, Gott sieht, was wir tun,
Gott sieht was wir tun aus der Ferne.
Gott sieht, was wir tun, Gott sieht, was wir tun,
Gott sieht was wir tun aus der Ferne.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus,
in dem uns Gott ganz nah gekommen ist.

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