Desmond Tutu, Anna O. und Drosophila: Die Schöpfung bestaunen und bewahren

Was haben Desmond Tutu, Anna O. und Drosophila gemeinsam?
Mauern überwinden – darum geht es Bischof Desmond Tutu aus Südafrika. Mauern zwischen schwarz und weiß – er kämpft gegen die Rassentrennung und erhält den Friedensnobelpreis. Er läßt sich öffentlich auf HIV testen, um das Schweigen über AIDS zu brechen. Er setzt sich für die Rechte von homosexuellen Paaren ein. Er leitet die Wahrheitskommission, setzt sich weltweit für Versöhnung ein.
Nicht nur das. Desmond Tutu gehört zu den wenigen Menschen, deren Erbanlagen vollständig analysiert sind. Seit 2010 ist sein Genom entschlüsselt und über Internet zugänglich.
Anna O. kommt sprachlos und gelähmt als Patientin zu dem Wiener Nervenarzt Dr. Sigmund Freud. Er analysiert und behandelt sie über mehrere Jahre hinweg. 1895 publiziert er ihre Krankengeschichte. Anna O. wird zum Ausgangspunkt der Entwicklung der Psychoanalyse.
Im wirklichen Leben heißt sie Bertha Pappenheim. Sie leitet ein Waisenhaus, gründet den jüdischen Frauenbund und engagiert sich gegen Mädchenhandel. Sie stirbt 1936 nach einem Verhör der Nazis. Ihre Krankengeschichte als Anna O. wird bis heute in Fachbüchern zu beschrieben.
In jeder Küche zu Gast und doch zum Star avanciert ist Drosophila, die Fruchtfliege, 2,5 mm groß. Weil sie sich so schnell vermehrt, gilt sie als ideales Forschungsobjekt für die Vererbungslehre. 2009 erschienen 1986 wissenschaftliche Publikationen über sie. Sie ist das besterforschte Tier der Welt.

Desmond Tutu, Anna O. alias Bertha Pappenheim, Drosophila – sie alle sind Teil der Wissenschaftsgeschichte. Was sie in sich tragen, ganz individuell, gehört nicht mehr nur zu ihnen selbst, sondern ist in den großen Wissensschatz der Menschheit eingeflossen und wurde zum Meilenstein für neue Erkenntnisse.
Die Fortpflanzung der Drosophila: sie hat uns die Gesetze der Vererbungslehre und Mutation gezeigt. Die Kindheitserinnerungen und -verletzungen der Anna O.: Freud sagt, durch ihre aktive Mitarbeit bei der Therapie sei sie die eigentliche Entdeckerin der Psychoanalyse. Die DNA von Desmond Tutu aus Afrika, der Wiege der Menschheit: Sie soll dazu beitragen, die Verwandschaftsverhältnisse der südafrikanischen Volksstämme zu klären.

Das sind faszinierende Erkenntnisse. Und jede von ihnen öffnet eine Tür zu einer Unzahl weiterer Fragen. Je mehr wir wissen, desto deutlicher wird uns, was wir alles nicht wissen. Das Erbgut der Menschen ist entschlüsselt, jubelten die Zeitungen 2003. Entschlüsselt heißt: Festgehalten. Deuten können wir es nicht. Der größte Teil der DNS-Stränge bestünde aus unsinnigen, belanglosen Kombinationen, Füllgut, Junk oder Müll, hieß es lange. Ist es wirklich so unsinnig, was in den langen Ketten der DNS verborgen ist, und vor allem: können wir es so einfach verändern? Amflora jedenfalls, die gentechnisch veränderte Kartoffel zur Stärkeproduktion, wird 2011 wieder in Sachsen-Anhalt angebaut.
Das Leben ist ein Wunder. Sei es eine „einfache“ Bakterie, sei es die Drosophila mit ihren 14.000 Genen, von denen sie 70 % mit uns Menschen teilt.
Seien es die Hormone einer Frau, deren Zusammenspiel so unglaublich kompliziert ist. Sei es die Seele eines Kindes, das lacht und weint, das lernt zu hoffen und das vertraut gegen alle Angst.
Das Leben ist ein Wunder, verletzlich und störrisch. Wir können dieses Wunder versuchen zu verstehen. Wir können es, vielleicht, analysieren. Doch nie werden wir eine einzige Zelle nachbauen können, geschweige denn ein Organ oder sogar ganzes Lebewesen konstruieren. Ob wir schon so klug sind, um aus veränderten Genen eine Kartoffel zu basteln, aus der Stärke für die Baustoff-Industrie wächst, und wem dies wirklich nützt – das werden unsere Ur- Ur- Urenkel in 120 Jahren sagen können. Bis dahin ist es wohl weiser, dies nicht zu tun.

Über die Schöpfung staunen kann Widerstandskräfte freisetzen. Im 6. vorchristlichen Jahrhundert macht damit ein unbekannter Prophet, Deuterojesaja, seinen Landsleuten Mut. Die sind aus ihrem Land vertrieben, leben auf ungewisse Zeit im Exil. Perspektivlosigkeit breitet sich aus. Die bewährten Rezepte helfen nicht weiter. Schaut nach oben, staunt über die Schöpfung, macht der Prophet ihnen Lebensmut. So atemberaubend der Blick in den Himmel ist, so schnell können die Verhältnisse sich ändern und Herrscher fallen – wir erleben es gerade in Tunesien und anderswo.

Wer misst das Wasser mit der hohlen Hand und bestimmt den Umfang des Himmels mit der Spanne einer Hand? Wer wiegt mit einer Waage die Berge und die Hügel mit Waagschalen?
Von wem lässt Gott sich beraten, um zur Einsicht zu kommen, von wem belehren über den Pfad des Rechts?
Gott spannt den Himmel aus wie einen Schleier, baut ihn auf wie ein Zelt, um darin zu wohnen.
Gott gibt die Mächtigen dem Nichts preis, macht die, die über die Erde urteilen, wesenlos. Kaum sind sie gepflanzt, kaum sind sie gesät, kaum hat ihr Stumpf eine neue Wurzel in der Erde, da haucht Gott sie an und sie verdorren, ein Sturm trägt sie weg wie Spreu.
„Aber wem wollt ihr mich vergleichen, wem bin ich gleich?“, spricht Gott in Heiligkeit. (Jes 40, 12 – 25 i.A., Bibel in gerechter Sprache)

Auch uns heute helfen die Rezepte der Vergangenheit nicht viel, wenn wir mit Klimawandel, Globalisierung und Tempo 160 auf der Straße und im Leben zurechtkommen müssen. Wieder staunen lernen über die Schöpfung ist keine schlechte Idee.
Es ist gar nicht nötig, dass wir im Labor und auf den Sojafeldern in den Bausteinen des Lebens herumstochern. Gott hat die Schöpfung üppig ausgestattet, die Erde und den Mond, die Drosophila und die Windungen des Gehirns und der Seele. Und auch in uns hat Gott genügend hineingelegt, dazu Kraft und Phantasie und Mut. Wir haben alles, was wir brauchen, dass wir das Leben auf der Erde hüten und mit unbekannten Herausforderungen fertig werden können. Desmond Tutu oder Bertha Pappenheim haben es vorgemacht.

Und Gott machte eine Frau aus mir,
mit langem Haar,
Augen,
Nase und Mund einer Frau.
Mit runden Hügeln
und Falten
und weichen Mulden,
höhlte mich innen aus
und machte mich zu einer Menschenwerkstatt.
Verflocht fein meine Nerven
und wog sorgsam meine Hormone aus.

Mischte mein Blut
und goß es mir ein,
damit es meinen Körper überall bewässere.
So entstanden die Gedanken,
die Träume,
die Instinkte.
All das schuf er behutsam
mit seinen Atemstößen
und seiner bohrenden Liebe
und tausendundein Dinge,
die mich täglich zur Frau machen,
derentwegen ich stolz
jeden Morgen aufwache
und mein Geschlecht segne. (Gioconda Belli)

(Liedvorschlag: EG 507 Himmelsau, licht und blau)

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