Ägypten und ich

Liebe Gemeinde,
eben haben wir das Bekenntnis unseres Glaubens gesprochen, gleich am Anfang von Gott, dem Schöpfer, kurz gefasst das Gleiche, was wir vorhin aus dem Propheten Jesaja gehört haben. Natürlich könnten wir in den alten Streit eintreten über das Weltbild von damals und dass wir heute manches anders sehen, wir könnten uns heiß machen, ob nun Gott die Welt gemacht hat oder ob sie durch Evolution entstanden ist. Aber das alles führt uns nicht weiter. Also lassen wir diesen schönen Text und schlagen die Bibel zu. Sie wissen natürlich, dass ich das nicht mache und dass ich hier bin, um eine Predigt zu halten. Also wollen Sie hören, was denkst du über diesen Text. Nun, zuerst habe ich schon so gedacht, das ist doch alles nichts Neues. Wir singen vom mächtigen König, allein Gott in der Höh sei Ehr. Manche machen Lobpreisfeiern, das passt alles ganz gut.
Aber dann klingt mir der Text, als würde sich Gott über die Menschen aufregen.
Mit immer wieder neuen Beispielen und Wendungen will er nur eins sagen: Wem wollt ihr denn Gott vergleichen? Oder was für ein Ebenbild wollt ihr ihm an die Seite stellen? Denn er scheint festzustellen, dass die Menschen sich sehr gern an seine Stelle setzen. Dramatisches Beispiel: Ägypten. Ein alter Herrscher will von seiner Herrschaft über Menschen gleich einem Gott nicht abtreten. Er hat Menschen unterdrückt, indem er sich zum Herrscher über sie gemacht hat. Tragisch dabei: die westlichen Länder haben ihn dabei auch noch unterstützt. Deutschland hat diesen selbsternannten Gott gestärkt, um für sich selber was rauszuholen. Der Aussenminister verspricht dem ägyptischen Volk die Unterstützung auf seinem Weg in die Freiheit und hat doch gestern noch getan, als wäre alles in Ordnung. Aber das ist nur die Spitze des Eisberges. Gott denkt ja weiter. Sieht auch die Kleinigkeiten. Er sieht, dass sich Menschen immer wieder zum Gott machen, sich über andere und anderes überheben. Vor ein paar Tagen war ich in einem Textildiscounter und meine Frau sagte, bring für unsere Töchter ein Duschtuch mit, die haben welche in bester Qualität, ägyptische Baumwolle. Fasst sich gut an für 9,99 Euro. Und als ich an der Kasse stand, dachte ich: was ist das Handtuch eigentlich wirklich wert? Was ist mit den Menschen, die es hergestellt haben? Ägypten gehört mit zu den ärmsten Ländern. Bin ich nicht auch einer von den selbst ernannten Göttern, die sich das Recht nehmen, anderen die Arbeit billigst abzukaufen? Wie selten zuvor ist beim Winterschlußverkauf so viel so billig verschleudert worden. Die Händler schenken uns ja nichts, auch die Schnäppchen sind schon bezahlt. Ein Hemd für 5 Euro war nie teurer als 5 Euro, der Rest war die Handelsspanne. Nun kann ich die Welt nicht ändern, aber ich bin auch froh, wenn ich was Günstiges kriege. Und meist frage ich auch nicht, warum es so günstig ist. Und am Ende kommt raus, was Gott meint: Ihr erhebt euch über andere und bestimmt ihren Preis und damit sogar ihr Leben. Und Gott sagt: du bist doch auch nur Leben inmitten von Leben. Du hast keine Vorrechte, nur weil du grade mal günstig geboren bist und mit deiner Kreuzfahrt auf dem Nil an den Ärmsten der Armen vorbeiziehen kannst. Ich habe von einem Professor für islamische Geschichte aus Münster gelesen, mit welchen Interessen die westliche Welt die Unterdrückung in Ägypten und anderswo zugelassen, ja gefördert hat. Und ich habe Frau Merkel im Ohr, die sagt, dass unsere Soldaten auch deutsche Interessen verteidigen. Jetzt verstehe ich das. Aus Menschlichkeit sind wir kaum da unten. Und da höre ich Gottes Wort auf einmal ganz anders, viel ernster, als ich je gedacht habe. Nun kann ich hier nicht aussteigen, ich kann fair gehandelt kaufen oder im Welt-Laden. Als wir vor Jahren in Tunesien waren, wollte mir ein Straßenhändler Schuhe verkaufen. Und ich hab zu ihm gesagt, ich habe Schuhe, der Koffer ist voll und außerdem ist mein Geld alle. Und er sagte: genug Schuhe, o.k., Koffer voll, o.k., aber kein Geld? Du bist Deutscher. Das hat mich betroffen gemacht. Und in der Tat, wann käme mal eine Maschine voller Tunesier, Griechen, Ägypter, Jordanier als Urlauber in Deutschland an? Ich habe Kinder gesehen, die Stunden durch die heiße Wüste zur Schule liefen und wieder zurück. Und ich genieße das herrliche Land. Wer bin ich eigentlich, wie weit oben stehe ich eigentlich? Nun will mir Gott nicht das Hemd oder die Reise wegnehmen. Aber ich höre ihn reden: bleib du unten neben den anderen, die auch meine Geschöpfe sind, mit welcher Selbstverständlichkeit schaust du zu, was anderen vorenthalten wird.
Was soll ich machen? Erst mal schlucken. Und es mir auf der Seele zergehen lassen.
Wir wissen nicht, wie es mit Tunesien und Ägypten ausgeht und ob nicht vielleicht China noch dazu kommt oder Ländern, wo es keiner ahnt. Aber alle Veränderungen werden sich auf uns auswirken. Sind wir dann wie der alte Mubarak und sagen: die Welt soll sich lieber nicht ändern, damit für uns alles so bleibt? Die Welt, die wir Europäer uns im Laufe der Jahrhunderte so geschaffen haben und Göttern gleich für uns gestaltet haben? Im Internet fragt einer: was kann man jetzt für Ägypten beten. Ich habe keine richtige Antwort. Aber ich denke darüber nach, ob wir nicht beten sollten, dass diese Länder auf einen guten Weg kommen und dass wir ein offenes Herz haben, wenn ihr besseres Leben für unser Leben Folgen hat. Wie werde ich reagieren, wenn das gleiche Handtuch nächstes Jahr 20 Euro kostet, weil die Menschen selbstbewusst geworden sind. Es scheint auf einmal, dass die Welt in einem Umbruch ist, die Entwicklung der Technik schreitet so schnell voran wie nie, die Wissenschaft kommt zu Ergebnissen, die man kaum noch verarbeiten kann und nun scheint auch das politische Welt- Gefüge eine neue Gestalt zu bekommen. Und irgendwo kommt es bei mir an, vielleicht werden Ananas und Bananen wieder zum Luxus, Autos teurer, weil die Zulieferer in China gerecht bezahlt werden, werde ich jammern und klagen, auf dieses System schimpfen, oder werde ich mich freuen können für die Menschen auf der anderen Seite der Welt, die es geschafft haben, ein Stück mehr neben mich zu rücken. Will ich für eine gerechte Welt beten, die nur dann gerecht wird, wenn ich von meinem hohen Anspruch runter komme. Oder denke ich Gott wird’s schon machen. Aber hoffentlich ohne mich? Müsste ich nicht an die Regierung schreiben, dass sie den Freiheitskampf unterstützen und nicht nur darauf achten, dass der Suezkanal für unsere Schiffe frei bleibt.
Es ist viel, was die Geschichte mir zumutet. Und es ist wenig, wo ich was tun kann. Und in Ägypten sterben Menschen, weil sie auch frei sein wollen wie ich. Dass sie frei sind, das will Gott. Weil niemand außer ihm das Recht hat, über anderen zu stehen. Es ist aufregend, wie so ein altes Bibelwort in unserer Zeit zum Klingen kommt. Vielleicht ist es die Aufgabe von Christen in dieser Zeit, dieses Klingen hörbar zu machen und die Veränderungen in der Welt zu begleiten aus der Sicht Gottes. Amen.

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