Die dem Herrn vertrauen, bekommen neue Kraft

Liebe Gemeinde,
Manchmal möchte ich einfach nur mit Hingabe klagen. Klagen über die Ungerechtigkeit dieser Welt, über viel zu frühes Sterben über Naturkatastrophen oder Autounfälle. Über das Geschick von jungen Menschen, die schon als Kinder so viel Grausames erlebt haben, dass sie für ihr Leben keine Hoffnung mehr haben.
Was ich überhaupt nicht brauchen kann, wenn ich klagen will, sind Sätze wie: »Das wird schon wieder! Oder: Anderen geht es genauso! Oder auch: Vielen geht es schlechter als dir. Wenn du … hättest du …, dann wäre …. Also bei mir ist das immer so …«
Diese Sätze sind umso schlimmer, je ernster und schmerzhafter meine oder eine fremde Not ist. Okay, der Kollege darf mal nerven, aber was, wenn ich oder Sie keine Perspektive mehr sehen, wenn der Arbeitsplatz bedroht ist, eine Ehe nur noch schwer zu ertragen ist oder wenn die Diagnose des Arztes mich umtreibt? Wenn es wirklich Grund zur Klage gibt? Dann will ich ernst genommen und nicht abgespeist werden. Dann will ich, dass jemand meine Fragen, meine Gefühle und Ängste aushält, sich damit auseinandersetzt und kein schnelles Trostpflaster für mich hat. Und ich selbst möchte auch so umgehen mit anderen. Mir auf die Zunge beißen, wenn ich es mal wieder sofort besser weiß.
Der für diesen seltenen 5. Sonntag nach Epiphanias vorgesehen Predigttext hat mich auf die Idee gebracht, beim Propheten Jesaja in die Schule zu gehen. Jesaja, bzw. der zweite Prophet, der unter diesem Namen geschrieben hat, lebte zur Zeit des Exils. Die Klage über den Verlust des Tempels, die Eigenständigkeit als Volk und vor allem die Anklage: Wo war Gott in alledem? musste er beantworten.
»Mein Weg ist vor Jahwe verborgen und mein Recht entgeht meinem Gott!« Das ist die Klage Israels in Kurzform!
So klagt eine Gemeinschaft von Menschen, die nicht mehr recht weiß, wer sie ist: fern der Heimat im Exil in Babylon, ohne den religiösen Mittelpunkt des Tempels, verunsichert durch fremde religiöse Traditionen und das ständige Vergleichen, und ohne Perspektive, dass es anders und besser wird.
Israel klagt nicht aus der akuten Katastrophe heraus. Die Menschen haben sich durchaus eingerichtet im Exil, sie gründen Familien, haben eigene Siedlungen und sogar eigene Gottesdienste. Aber über alldem hängt eine Wolke von Müdigkeit und Resignation: Ja, der Betrieb läuft, der Lebensbetrieb und der religiöse Betrieb, aber dass Gott wirkt, jetzt und in Zukunft, das fällt schwer zu glauben. Sieht Gott uns noch? Kann er uns sehen? Will er uns sehen? Kann er uns helfen? Will er uns helfen?
So klagen und fragen die Israeliten.
Jesaja lässt diese Klage stehen Er vertröstet nicht. Ich möchte seine lange Antwort in drei Abschnitte unterteilen.
Jesaja schreibt: „Wer kann mit der hohlen Hand das Wasser des Meeres abmessen, mit der Spanne seiner Hand den Umfang des Himmels bestimmen? Wer kann den Boden, der die Erde bedeckt, in Eimer abfüllen oder die Berge und Hügel auf der Waage abwiegen? Und wer kann die Gedanken des HERRN abmessen? Wer wird von ihm in seine Pläne eingeweiht? Braucht der Schöpfer der Welt jemand, der ihm Ratschläge gibt und ihm auf die Sprünge hilft, der ihn über Recht und Gerechtigkeit belehrt und ihm den richtigen Weg zeigt? Begreift doch: Für den HERRN sind die Völker wie ein Tropfen am Eimer oder ein Stäubchen auf der Waagschale; der ganze Erdkreis wiegt für ihn nicht mehr als ein Sandkorn. Alles Wild auf dem Libanon reicht nicht aus und alle seine Bäume geben nicht genug Brennholz für ein Opfer, das ihm angemessen wäre. Alle Völker sind vor ihm wie nichts, mit all ihrer Macht zählen sie für ihn nicht.
Das ist der erste Schritt: Gott und Mensch werden an ihren Platz gestellt. Wer kann Gottes Gedanken ermessen? Gott der Schöpfer steht hoch über den Dingen. Ihr Sie und ich sind Teil seiner Schöpfung. Als Teile der Schöpfung können wir allenfalls Teile der Schöpfung erfassen. Weder mit der bloßen Hand noch mit modernsten Maschinen sind wir in der Lage, die Kraft des Wassers zu steuern. Überschwemmungen oder die Kraft eines Hurrikans, wie diese Woche in Australien sind für Menschen unüberwindlich. Für Gott Teile seiner Schöpfung. Wenn ich aber nicht einmal das, was ich mit meinen Händen „begreifen“ kann auch beherrsche, wie will ich dann das Unbegreifbare gestalten? Wie kann ich Gott dem Schöpfer Ratschläge erteilen? Was bei Jesaja fast ein wenig höhnisch klingt, nimmt meiner Klage nicht den Grund. Ich darf klagen, wenn ich mit meiner Kraft an meine Grenzen stoße. Wenn ich vor Trauer nicht mehr weiter weiß. Aber: meine Ohnmacht ist nicht Gottes Ohnmacht. Was ich nicht vermag, ist ihm möglich. Was ich nicht begreifen kann, mag bei ihm einen Sinn machen.
Jesaja schreibt weiter: Mit wem wollt ihr Gott vergleichen? Gibt es irgend etwas, das einen Vergleich mit ihm aushält? Da machen sie Götterbilder: Der Gießer fertigt eine Bronzefigur an, und der Goldschmied beschlägt sie mit Goldblech und Silberstreifen. Der Auftraggeber wählt als Sockel ein Stück Holz, das nicht fault, und sucht sich einen geschickten Handwerker, der das Bild darauf befestigt, so daß es nicht wackelt. Begreift ihr denn nicht? Könnt ihr nicht hören? Wird es euch nicht seit Urzeiten verkündet? Sagen es euch nicht die Fundamente der Erde? Gott thront hoch über dem Erdkreis, so daß die Menschen für ihn so klein wie Heuschrecken sind. Wie ein Tuch hat er den Himmel ausgespannt, wie ein Zeltdach, unter dem die Menschen wohnen. Die Großen und Mächtigen der Erde sind vor ihm nichts und werden vernichtet. Eben erst sind sie hochgekommen, und schon ist es mit ihnen zu Ende; es ergeht ihnen wie dem Keimling oder Setzling, der gerade Wurzel schlägt: Der Gluthauch des HERRN bläst sie an, und sie verdorren; der Sturm trägt sie fort wie Spreu. »Mit wem also wollt ihr mich vergleichen? Wer kann es mit mir aufnehmen?« fragt der heilige Gott. Seht doch nur in die Höhe! Wer hat die Sterne da oben geschaffen? Er läßt sie alle aufmarschieren, das ganze unermeßliche Heer. Jeden Stern ruft er einzeln mit Namen, und keiner bleibt fern, wenn er, der Mächtige und Gewaltige, ruft.
Liebe Gemeinde, nicht umsonst gehört das Bildergebot zu den ersten Regeln für das Volk Gottes. Du sollst dir kein Bildnis machen. Denn nichts, was du dir vorstellen kannst reicht aus, um Gott zu beschreiben. Welcher Teil der Schöpfung taugt dazu den Schöpfer angemessen abzubilden? Wenn Jesaja in diesem Abschnitt Menschen mit Heuschrecken vergleicht, dann nicht um sie verächtlich zu machen, sondern um die Macht Gottes anzudeuten. Ganz deutlich wird Gott unterschieden von den so attraktiven Götzenbildern der babylonischen Umwelt. Was dort golden glänzt ist doch nur eine dünne Schicht. Die großen Kriegsherren sind vergänglich wie Pflanzen in der Wüste. Alles was das klagende Gottesvolk verlockt, ist vergänglich und zerbrechlich.
Mit deutlichen Bildern versucht Jesaja den Blick der Menschen wieder auf Gott zu lenken. Es gibt einen, der über allem Thront, der Macht über Himmel und Erde hat. Von ihm könnt ihr Hilfe erbitten. Lasst euch nicht verblenden von Wohlstand oder vergänglicher Macht.
Jesaja schreibt weiter: Ihr Leute von Israel, ihr Nachkommen Jakobs, warum klagt ihr: »Der HERR kümmert sich nicht um uns; unser Gott läßt es zu, daß uns Unrecht geschieht«? Habt ihr denn nicht gehört? Habt ihr nicht begriffen? Der HERR ist Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit, seine Macht reicht über die ganze Erde; er hat sie geschaffen! Er wird nicht müde, seine Kraft läßt nicht nach; seine Weisheit ist tief und unerschöpflich. Er gibt den Müden Kraft, und die Schwachen macht er stark. Selbst junge Leute werden kraftlos, die Stärksten erlahmen. Aber alle, die auf den HERRN vertrauen, bekommen immer wieder neue Kraft, es wachsen ihnen Flügel wie dem Adler. Sie gehen und werden nicht müde, sie laufen und brechen nicht zusammen.“
Alle, die auf den Herrn vertrauen, bekommen neue Kraft. Das ist das Ziel. Lasst euch nicht verführen. Lasst euch nicht mit billigem Trost abspeisen! Jesaja bereitet mit dieser Rede den Weg für die großartige Botschaft des Exils: Gott verlässt sein Volk nicht. Er ist den scheinbar Schwachen mächtig. Gott ist nicht an Gebäude oder religiöse Formen gebunden. Er ist da wo ich, wo Sie, wo ihr auf ihn vertrauen. Das was Israel als Scheitern erlebt hat, ist der Durchbruch, um die wahre Größe Gottes erahnen zu können.
Mit dem Erfahrungsschatz des Exils war es schließlich den Jüngern Jesu möglich seinen Tod am Kreuz als Ausdruck für Gottes bleibende Liebe zu verstehen. Kein Bereich menschlichen Lebens ist Gott fremd. Wenn ich mit Jesus rufe: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? dann werde ich – wie er – von Gott getragen und aufgerichtet. Weil ich Christus kenne, kann ich Leid ertragen. Ich kann darauf hoffen, dass sich Gottes Liebe als größer erweisen wird, auch wenn ich selber keinen Ausweg mehr erkennen kann. Von Gottes Hand will ich mich leiten und einsetzen lassen.
Alle, die auf den HERRN vertrauen, bekommen immer wieder neue Kraft, es wachsen ihnen Flügel wie dem Adler. Sie gehen und werden nicht müde, sie laufen und brechen nicht zusammen. Amen.

Pastor Thomas Gleitz, Wunstorf

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