Wer bin ich

Was haben Annette von Aretin, Guido Baumann, Marianne Koch und Hans Sachs gemeinsam? Ihr Konfirmanden macht große Augen. Offensichtlich sind das Stars von gestern, genauer vorgestern. Sind das vielleicht die Übriggebliebenen im Halbfinale vom ersten Dschungelcamp? Die erste Staffel ist immerhin 7 Jahre her, da wart ihr noch Erstklässler und konntet mit derlei Prominenten wenig anfangen. Nun, die vier waren das Rateteam einer Quizsendung mit Robert Lembke: Was bin ich? Ein heiteres Beruferaten. Der unbekannte Studiogast machte lediglich eine für seinen Job typische Handbewegung. Auf die Fragen des Quartetts durfte er lediglich mit Ja oder Nein antworten., Hatten sie es nach 10 Neins nicht herausgefunden, durfte der Kandidat das maximale Preisgeld nach Hause tragen. Ein volles Sparschwein mit 50 DM. Das waren noch Zeiten. Am Schluss der Sendung mussten sich jeder aus dem Rateteam die dunkle Brille aufsetzen, durch die er nichts mehr sehen konnte. Dann kam der letzte Gast, ein bekannter Künstler oder Sportler. Der sagte nicht mal mehr nein oder ja, er nickte nur oder schüttelte den Kopf. Jetzt war nicht ein Beruf zu ermitteln, sondern der Name des Gastes. Ergo war die Frage nicht mehr was bin ich, sondern wer bin ich.

In dem Abschnitt des Evangeliums, den ich aktuellem Anlass betrachten möchte, ist auch eine Raterunde beieinander. Da bereitet Jesus, im Bewusstsein seiner baldigen Verhaftung, seine Freunde auf sein schweres Schicksal vor. Und auf den traurige Wahrheit, wie schäbig sich ein Jünger aus dem engsten Kreis da verhalten wird. Matthäus berichtet davon im 26. Kap. seines Evangeliums… (Markus 14, 17-19 lesen)

Eine Situation, wo ein Christ erschrocken fragt, Herr, ich bin es doch nicht etwa, muss nicht immer einen so todernsten Anlass haben. Ich erinnere mich an eine Wochenschlussandacht in der Dorfkirche in Hanstedt, Lüneburger Heide. Die wird jeden Samstag von den Mitarbeitern des Missionarischen Zentrums dort gestaltet. Birthe Stamme gehört seit kurzem dazu. Aufstieg vom J-Day Team Sulingern zum Hausteam Hanstedt. Also meine Frau und ich besuchten die Andacht. Das Vaterunser war gesprochen. Diakon Hermann Brünjes hob gerade die Arme zum Segen. Da klingelt von der Bank, wo etliche Jacken und Taschen der Mitarbeiter liegen, ein Handy. Penetrant. Wie peinlich. Die Leute vom Team guckten alle gleich erschrocken. Ich bin es doch nicht etwa. Damals waren die Klingeltöne alle noch sehr ähnlich. Zum Schluss stellte sich heraus: Es war das Handy vom Diakon.

Der aktuelle Anlass, weshalb ich statt der als Predigttext vorgeschlagenen Bibelstelle diese genommen habe, ist weniger lustig. Vorigen Dienstag war Konfirmandenunterricht im GZE. Am Abend war Kirchenvorstand. Die Herren unter den Vorstehern mussten leider feststellen: Das Jungsklo war unbenutzbar. Jemand hatte seinen Haufen neben das Becken gesetzt. Nicht genug damit, hatte er auch noch die Wände großflächig mit den Exkrementen beschmiert.

Das darf die Küsterin dann beseitigen. Sollen wir über solche Vorkommnisse diskret schweigen? Nein, wir dürfen und müssen zur Kenntnis nehmen: Sowas geschieht unter uns. War das nun so ein richtiger wüster Konfirmand, wie es in jedem Jahrgangen ein, zwei gibt? Oder ein stiller Vertreter, der seinen Frust ablassen wollte. Sich vielleicht rächen wollte für einen Anpfiff wg. Lautsprechen im Gottesdienst am Sonntag davor? Oder jemand ganz anderes. Gar nicht zugehörig zu den Jugendlichen, die Dienstagnachmittags sich mit Bibel und Glaubensbekenntnis befassen. Einer, der einfach vorbeikam, die Tür ist offen und er reagiert sich ab. So eine Frustreaktion, wie das auch einem Tim Wiese passiert , wenn die Niederlage fest steht, gegen den Bayern Stürmer. Eine Frustreaktion kann ganz schrecklich sein. Wie bei jenem Familienvater aus Schwalmtal Ungerath, und der kleine Mirco war das Zufallsopfer.

Das Böse ist in uns, das Böse ist unter uns. Auch in der christlichen Gemeinde. Und dann passieren in Gemeindehäusern oder Kirchen immer mal wieder so Gemeinheiten. In Bremen hatten wir fast jährlich einen Einbruch. Einmal durchwühlten die Einbrecher den Schrank des Raumes, wo der Kindergottesdienst statt fand. Da war die Kollektendose. Ein wunderschönes kleines blechernes Vogelhäuschen. Mit einem Vogel davor, der das Geldstück aufpickt, das man vorne rein legt. Das lag dann aufgebrochen und verbogen da. Was für eine Verachtung für die Gaben der Kinder. Da ist man fassungslos.

Ein anderes Mal wurde in die Sakristei eingebrochen. Hinterher fehlte die Abendmahlsdecke, dazu ein Christusbild. Und als Erinnerung ließ der Gast ebenfalls ein Häufchen zurück. Wir konnten die Kirche nur zu Gottesdiensten und Konzerten offen halten. Der Eingang lag direkt vor einer mehrspurigen Kreuzung. Es war zu riskant. Um so mehr sollten wir Sulinger es würdigen und schätzen, dass dieses Gotteshaus tagtäglich allen offen steht. Dabei soll es bleiben, und dafür nehmen wir es in Kauf, wenn mal eine Kerze fehlt.

Aber es gibt eben im Haus Gottes, und sogar unter den Gläubigen böse Vorkommnisse von ganz anderer Qualität. Die sich keiner vorstellen kann.

Am Beginn des letzten Abendmahls bereitet Jesus die Seinen darauf vor. Man muss sich klar machen, die sind alle noch in Feierstimmung. Der Jubel beim Einzug in Jerusalem klingt ihnen noch in den Ohren. Sie sind auf einmal wer. Sich zu Jesus halten, bringt öffentliche Anerkennung. Und dann, als sie zum Abendessen versammelt sind, kommt die Ernüchterung. Jesus sagt ihnen: Die Zeit der steigenden Kurse läuft ab. Die Krise steht bevor. Euch allen. Leid, Verhaftung, ein Schauprozess, ein gemeines Urteil warten auf mich. Ihr werdet euch nicht dagegen auflehnen. Ihr werdet das alles zulassen. Schlimmer noch: Einer von euch wird mich ans Messer liefern. Er macht im Stillen gemeinsame Sache mit unseren Gegnern. Noch heute Nacht wird sich diese Saat aufgehen. Einer von euch wird mich ihnen ausliefern.
Jetzt sollte man erwarten, die Jünger springen empört auf: Unerhört! Wer ist es. Sag es uns! Den werden wir schwer bestrafen. Dem geben wir so eine Tracht Prügel, der traut sich nie wieder aufzumucken. Den machen wir fertig. Den werden wir ausschließen. Der kriegt Hausverbot.

Aber nichts davon. Alle sind ganz still. „Und sie wurden sehr betrübt und fingen an, jeder einzeln, ihn zu fragen: Herr, bin ich´s?“

Das ist unser Thema heute morgen. „Wer bin ich?“ Dass Judas weiß, wer da bald anrückt mit Fackeln und Knüppeln, das ist ja klar, und er hält das schön geheim. Der fragt nur pro forma: Herr, bin ich es? Die anderen elf fragen es aufrichtig. Sie ahnen: Dazu könnte ich auch fähig sein. Ich bin zum Bösen fähig.
Damit geben sie Gott recht. Damit sagen sie Ja zu dem Menschenbild, das die Bibel zeichnet. Ein sehr unpopuläres Menschenbild. Wir kennen es alle. Aber wir sagen dann immer: Das steht zwar da. Aber ganz so schlimm wird es ja wohl nicht wirklich sein.

Was steht denn da? 1. Mose 6, Auftakt vom Bericht der Sintflut: Als aber der Herr sah, dass der Menschen Bosheit groß war auf Erden und alles Dichten und Trachten ihres Herzens nur Böse war immerdar. Am Ende der Sintflut. Noah und die Seinen und die Tiere um sie sind gerettet. Es gibt einen neuen Anfang. Noah opfert und Gott schlägt versöhnliche Töne an: „Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen.“ Und er fügt hinzu: Denn „sie sind doch nicht so schlimm…“ Könnte man meinen. Aber nein. Er sagt: Denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.“

Das ist das Menschenbild der Bibel. Gewiss, am Anfang der Schöpfung war es besser, vollkommen halt. Aber dann verschafft sich der Satan Gehör. Adam und Eva wenden sich von Gottes Weg ab. Das Paradies geht verloren. Leid und Tod kommen in die Welt. Das Böse hat sich eingenistet. In uns. Um uns.

Das ist jetzt keine Schwarzmalerei. Das ist vielmehr Realismus. Und mit dieser Realität konfrontiert Jesus seine Freund beim letzten Abendmahl. Das sind traurige Wahrheiten.
Gestern beim J-Day wurde am Schluss eine Auswahl von Fragen verlesen und zu beantworten versucht, die waren beim Mal davor abgegeben worden. Fragen von Jugendlichen. Eine war: „Warum ist Gott so früh von uns gegangen. Und warum hat ihn der eine verraten. Das will und kann ich einfach nicht verstehen!“
Recht hat er. Verständlich ist das nicht. Es passt nicht in unsere Logik, die das Böse anderswo vermutet, aber nicht im innersten Zirkel der Gläubigen. Ja, bei mir selbst.
Es heißt in den Evangelien ausdrücklich, nachdem Jesus ihnen all das voraus gesagt hatte: Sie verstanden es nicht. Und sie fürchteten sich, ihn weiter zu fragen.

Das Böse ist eben abgründig. Es ist eine Macht. Es ist so raffiniert, der Mensch kann ohne göttliche Hilfe das richtige vom falschen nicht unterscheiden. Und selbst wenn wir das Richtige erkennen und sagen: Das ist der gute Weg. Den sollte ich gehen. Den will ich auch gehen.

Dann geschieht das noch lange nicht. Der Apostel Paulus, ein enorm erfolgreicher und bewährter Christ, klagt einmal: Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht. Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht. Sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich. Ich elender Mensch. Wer wird mich erlösen von diesem todverfallenen Leibe?

Und damit sind wir im Zentrum: Warum ist Gott so früh von uns gegangen? Es musste sein, damit wir erlöst werden können. Damit wir befreit werden können. Das Kreuz ist der Weg zur Freiheit. Nur Jesus ist gut. Nur Jesus hilft zum Guten. Nur Jesus ist stärker als der Böse.

Das Kreuz durchkreuzt aber zugleich, wo wir noch falsch von uns denken. Zu hoch von uns denken. Das ist nach wie vor der entscheidende Unterschied zwischen der evangelischen und der katholischen Kirche. Ich freue mich über alles Miteinander, über alle Annäherung zwischen Evangelischen und Katholiken.
Es bleiben aber markante Unterschiede. Du siehst die Unterschiede wahrscheinlich im Augenfälligen. Die Katholiken tragen bunt, wir schwarzweiß. Sie kriegen nur Brot beim Abendmahl, wir Wein dazu. Ihre Priester bleiben Singles, unsere dürfen heiraten, und was sonst auffällige Unterschiede sind. Vieles davon Äußerlichkeiten.

Für mich liegt der entscheidende Unterschied auf anderem Gebiet. Bei der Frage: Wer bin ich? Die katholische Lehre sagt: Der Mensch ist gut. Diesen Kern hat er retten können aus der Katastrophe vom Sündenfall und Vertreibung aus dem Paradies. De Mensch ist beschädigt, aber an sich gut. Er ist zum guten fähig. Der Glaube wird ihm helfen, das Gute zu tun. Der Mensch muss seinen guten Willen und die göttliche Kraft zusammentun. Dann klappt es.

Die biblische Sicht aber, neu erschlossen, durch Martin Luther, blickt tiefer. Da erkennen wir, wie wir wirklich sind. Für das Böse anfällig. Für Versuchungen empfänglich. Leichtgläubig schenken wir Botschaften das Ohr, die nicht stimmen. Wir trauen Gott zu wenig zu und uns viel zu viel.

Ich will euch heute morgen nicht mit düsteren Gedanken in die Woche schicken. Im Gegenteil. Das Wissen, wie es im Herzen des Menschen wirklich aussieht, macht uns gelassen. Wir müssen nicht mehr die Welt verbessern und uns selber. Verbissen daran arbeiten und frustriert sein, wenn es nicht voran geht.
Wir können mit Defiziten leben. Wir verlieren nicht den Glauben an die Menschheit oder an unsere Konfirmanden, wenn wieder mal jemand krass über die Stränge schlägt.

Und wir dürfen unsere Freiheit genießen. Während die Welt einer falschen Freiheit huldigt. Der Freiheit der Gutverdienenden, die sich alles leisten können. Der Freiheit von alten Moralvorstellungen, der Freiheit von religiösen Zwängen. Während die Welt diesen falschen Freiheiten huldigt, rühmen sich Christen einer Freiheit, die ist viel größer und herrlicher. Wir können frei werden von der Macht des Bösen. Durch Jesus.
In einem seiner letzten Aufzeichnungen, im Jahr seines Todes hat Dietrich Bonhoeffer in der Haft diese Frage gestellt „Wer bin ich.“ Seine Gedanken münden in die Feststellung: Dein bin ich, o Gott.

So soll es bei mir auch sein. Ich will zu Jesus gehören. Sein eigen will sein. Das gibt mir Identität. Und Zukunft. Und dann brauche ich mir und anderen nichts mehr vormachen.

Lasst uns beten:
Himmlischer Vater! Du kennst uns durch und durch. Du kennst unsere Absichten. Du weißt wo wir täuschen. Wir bitten dich: Erneuere uns. Gib dass uns die taurigen Dingen nicht bitter machen oder mutlos. Lass uns Veränderung erleben, lass uns Format gewinnen. Darum bitten wir in Jesu Namen. Amen

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