Der Grund des Lebens

„Der Grund des Lebens“
Predigtjahr: 2011
Predigttext: Jesaja 40, 12-25+31
Predigerin: Prädikantin in Ausbildung Sabine Klatt
Predigtort: Ev. Kirche Bellnhausen und Hassenhausen

Predigt

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen. Amen.

Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht beim Propheten Jesaja im 40. Kapitel: (12-25+31):
………
Herr, segne du reden und hören und hilf, dass wir dein Wort verstehen und danach leben. Amen

Liebe Gemeinde,

es ist eine der großen Fragen der Menschheitsgeschichte. Sie beschäftigt den Menschen bis heute, mag er groß, klein, bedeutend oder unbedeutend sein. Nämlich: Was ist der Grund des Lebens? Worauf kann ich mich verlassen? – In diesen Fragen steckt eine große Sehnsucht.

Das Volk Israel war ein Volk voller Sehnsucht – und mit einer langen Geschichte. In der Zeit der babylonischen Gefangen-schaft, knapp 600 Jahre vor Christus, sehnen sich die Menschen nach der Heimat. In den Psalmen kommt diese Sehnsucht zum Ausdruck. Die Sehnsucht nach Gott und seinem Heiligtum, dem Tempel:

„An den Wassern von Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion dachten.“ (Psalm 137, 1)

So klagt eine Gemeinschaft von Menschen, die nicht mehr recht weiß, wer sie ist: fern der Heimat im Exil in Babylon, ohne den religiösen Mittelpunkt des Tempels, verunsichert durch fremde religiöse Traditionen und das ständige Vergleichen, und ohne Perspektive, dass es anders und besser wird. Israel klagt nicht aus der akuten Katastrophe heraus. Die Menschen haben sich eingerichtet im Exil, sie gründen Familien, haben eigene Siedlungen und sogar eigene Gottesdienste. Aber über alldem hängt eine Wolke von Müdigkeit und Resignation.

Irgendwie geht zwar alles seinen Gang, aber dass Gott wirkt, jetzt und in Zukunft, das fällt schwer zu glauben: Sieht Gott uns noch? Will er uns sehen? Kann /will er uns helfen?
So klagen und fragen die Israeliten. Sie haben kein Vertrauen mehr zu Gott, fühlen sich von ihm verlassen.

In dieses Verlassenheitsgefühl, in diese Sehnsucht hinein lässt Gott den Menschen damals durch den Propheten etwas ausrichten. Er erinnert sie daran, was anscheinend im Laufe der Geschichte Gottes mit seinem Volk in Vergessenheit geraten ist: Gottes Größe!

„Wer misst die Wasser mit der hohlen Hand, und wer bestimmt des Himmels Weite mit der Spanne und fasst den Staub der Erde mit dem Maß und wiegt die Berge mit einem Gewicht und die Hügel mit einer Waage?“

Der Prophet erinnert das Volk daran, dass Gott der Schöpfer der Welt ist: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ (1. Mose 1, 1-2). – Der erste Satz der Bibel formuliert ein Grundbekenntnis des Glaubens: Alles, was es gibt (Himmel und Erde), kommt von Gott. Es verdankt sein Dasein nicht dem Zufall oder dem Wirken rein natürlicher Ursachen. Am Anfang aller Dinge steht Gottes Schöpferhandeln.

Weiter sagt der Prophet: „Wisst ihr denn nicht?“ Habt ihr denn wirklich vergessen, was ihr in eurer Geschichte erlebt habt? Angefangen mit den Stammvätern des Volkes:

– Abraham hat Gott eine Heimat gegeben und viele Nachkommen und
– Jakob hat er begleitet auf seinem langen Wegen in die Fremde.
– Josef hat er beschützt in Verfolgung, Hass und Verleumdung.
– Und Er hat Mose erwählt, der euer Volk aus der Sklaverei in Ägypten geführt hat.
– Eure Gebete hat Er erhört, und Boten hat er euch gesandt, immer wieder.

Über Jahrhunderte hat er euch begleitet. Er lenkt den Lauf der Geschichte, und die Menschen sind in seiner Hand. Gerade den Schwachen und Geringen steht er zur Seite. Wer ihm vertraut und auf ihn hofft, der wird es erfahren. „Wisst ihr denn nicht? Hört ihr denn nicht?“

Klar hatten sie das nicht vergessen, eher verdrängt, weil sie so eine Sehnsucht nach der Heimat, nach Gott, nach einem glücklichen Leben hatten. Hätte Gott sie denn nicht vor all dem Übel, was ihnen widerfahren ist, bewahren müssen? Hätte er sich nicht viel früher durchsetzen müssen – gegen die Götter der Babylonier. Die haben sich doch als mächtig erwiesen.

Keine leichte Aufgabe für den Propheten. Aber er überzieht diese Götter mit beißendem Spott:

„Der Meister gießt ein Bild und der Goldschmied vergoldet’s und macht silberne Ketten daran. Wer aber zu arm ist für eine solche Gabe, der wählt ein Holz, das nicht fault, und sucht einen klugen Meister dazu, ein Bild zu fertigen, das nicht wackelt.“

Solcher Art sind die Götter, auf die ihr euch verlassen wollt! Von Menschen hergestellt – vergänglich – wirkungslos – lächerlich ist das!
„Wisst ihr denn nicht? Hört ihr denn nicht? Mit denen wollt ihr Gott vergleichen? … Der über dem Kreis der Erde thront?“

Gott hat alles geschaffen und hält die Hand über all dem. So groß ist Gott! Was ist da der Mensch in all dem, was so überwältigend groß ist?
„Ein Tropfen am Eimer; ein Sandkorn auf der Waage; ein Stäublein.“

Liebe Gemeinde,

das sind harte Worte, die der Prophet da sagt. Sie trafen die Menschen damals und uns heute wie ein Schlag ins Gesicht. Was bist du Mensch mit all deinen Problemen und Sorgen, mit all deinen Erfolgen und Misserfolgen? – Ein Nichts! Du suchst dir andere „Götter“, erhoffst dir davon Wohlstand, Erfolg, was auch immer. Du verlässt dich auf Politiker, die große Reden schwingen, auf irgendwelche Wunderheiler, die mit der
Gesundheit bzw. der Krankheit der Menschen Geschäfte machen. Auf Hochstudierte, Wetterexperten, wen und was auch immer. Ich sag euch was: Alles Nichts! – Vergänglich. Sie verdorren und ein Wind führt sie weg wie Spreu.

Der Prophet sagt: Verlasst euch nicht auf die Herren dieser Welt, denn dann seid ihr verlassen. Vertraut allein Gott, IHM, der alles geschaffen hat und in Seiner starken Hand hält. ER ist immer für euch da, auch wenn ihr’s manchmal gar nicht merkt.

Mit diesen Worten mutet er den Menschen ganz schön viel zu. Es sind deprimierende Worte einerseits, aber dennoch andererseits auch tröstende Worte. Wenn, ja wenn da nicht dieses kleine Wörtchen „aber“ wäre, welches wir gerne dranhängen.
Aber,
– wo warst du denn, Gott, als Erdbeben und Wassermassen ganze Ortschaften verwüsteten, Menschen ihre Heimat, ihre Existenz, ihr Leben verloren?
– Wieso hast du den Ärzten nicht die Weisheit gegeben, die richtige Diagnose zu stellen, damit der Mann rechtzeitig behandelt werden konnte? Er hätte nicht sterben müssen!
– Wo warst du, als die Mathearbeit geschrieben wurde? Du weißt, dass ich gelernt habe. Nichts hat’s gebracht. Ich hab die Arbeit verhauen.

Wo warst du, wo bist du, Gott? Wieso haben wir in all diesen Situationen immer wieder das Gefühl, dass du nicht da bist? Warum lässt du das überhaupt zu? Nie bist du da, wenn wir dich brauchen!

Die gleichen Fragen stellte sich das Volk Israel im Exil in Babylon. Sie hatten damals schon die gleichen Probleme wie wir heute. Darum ist der Bibeltext heute so aktuell wie damals.

Vielleicht erwarten Sie jetzt von mir, dass ich diese Fragen hier von der Kanzel aus beantworte. Ich weiß nicht, was Sie hören wollen. Dass Gott gerade etwas anderes zu tun hatte oder ein Nickerchen machte? Oder, dass er sich nicht für uns interessiert? – Bestimmt nicht.

Ich kann Ihnen und Euch sagen und versichern: Gott war da, ER ist immer da! ER hat die Welt geschaffen, uns Menschen, und hat uns unseren eigenen Willen, unseren Verstand gegeben und gesagt: nun mach mal.

Oftmals gelingt es, wir haben Erfolge, manchmal aber auch Misserfolge. ER greift nicht ein, weil er möchte, dass wir unsere Erfahrungen machen. Und wenn ER eingreift, dann meist so, wie wir es mit unserem menschlichen Verstand gar nicht begreifen können oder erst viel später verstehen.

Ich spreche da aus eigener Erfahrung. Ich hatte einen gut bezahlten Job, in dem ich mich aber nicht so recht wohl fühlte. Stress ohne Ende, Mobbing unter den Kollegen. Vor zehn Jahren fiel mich im Urlaub auf Mallorca ein Hund an, verletzte mich schwer. Ich fiel in ein tiefes Loch, fühlte mich total alleingelassen. Immer wieder fragte ich: WARUM!? Warum ich? – Ein Jahr nach diesem Unfall begann ich die Ausbildung zur Lektorin. Mein damaliger Ausbilder sagte, dass ich es irgendwann verstehen und wissen würde WOZU dies passierte. Ein paar Jahre später wusste ich tatsächlich WOZU. Mir wurde klar, dass Gott einen anderen Plan mit mir hatte als ich mir jemals hätte vorstellen können. Mein Leben hat sich total verändert. Aus meinem ‚Hobby’ ist mein Beruf geworden. Nicht nur das, sondern meine Berufung.

Ich denke, jeder von Ihnen / von Euch hat selber schon solche Erfahrungen gemacht. Das Leben geht so seinen Gang und plötzlich passiert etwas. Du liegst am Boden und schon kriegst du den nächsten Schlag, fällst in ein tiefes schwarzes Loch, immer tiefer und tiefer. Siehst keinen Ausweg, kein Licht. Und dann hast du sicher auch gefragt: Warum!? Warum ich?!

Dann ist es wieder mal sehr schwer das Vaterunser zu beten, vor allem die Stelle, wo es heißt:
Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.
Ich weiß aber auch, dass nach jeder Nacht wieder ein Morgen kommt. Ich habe mein Leben auf Gott, als den Grund meines Lebens, aufgebaut.

Und ich weiß – und gebe das hier und heute an Sie, an Euch, weiter:
egal was du gerade für ein Problem hast, – Gott ist größer!
Und wenn es sich vor dir auftürmt wie ein Berg, – Gott ist größer!
Und wenn du schon seit vielen Jahren von einer Sorge verfolgt wirst, – im Vergleich zu Gottes Ewigkeit ist das nur ein kurzer Moment.
Der Trost liegt in Gottes Größe und Gott selbst tröstet dich.

Hör noch mal, was der Prophet sagt:
„Gott spannt den Himmel aus wie einen Schleier und breitet ihn aus wie ein Zelt, in dem man wohnt.“
Dieses Bild ist so tröstlich, so mutmachend, dass du beschließen kannst:
Beim nächsten Mal, wenn ich mich grundlos fühle, wenn wieder mal alles über mir zusammenzubrechen droht, will ich mir dieses Bild vor mein inneres Auge malen. Denn es ist viel mehr noch als ein Zelt voller Geborgenheit und Weite. Ich habe unendlich viel Platz darin – und bleibe dennoch beschützt. Gott ist bei mir.
„…die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie ein Adler,…“
Welch ein Lebensgrund!
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre darum unsere Herzen und Sinne in Christus, Jesus, unserem Herrn.
Amen.

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