Gott ist gegenwärtig

Liebe Gemeinde,

da geht einer übers Wasser, bedrohlicher Wind hört plötzlich auf: unser heutiger Predigttext: eine Wundergeschichte.

Das erzeugt Spannung. – Oder Neugier. – Oder Ärger?Vielleicht denken jetzt manche unter Ihnen: nun bin ich mal gespannt, wie der Prediger damit umgeht. Ob er uns nötigt, das einfach zu glauben, diesen „Seewandel“, oder ob er dieses Ereignis als zeitgemäße Lebensäußerungen abtut und einfach über Bord wirft.

Vielleicht denken sie auch: muss man das für wahr halten, um ein gläubiger Mensch zu sein? Ich möchte mir zunächst darüber ein paar Gedanken machen und diese mit Ihnen teilen.

Manche machen ja an so einer Bibelstelle fest, ob jemand ein gläubiger Mensch ist oder nicht.

Drewermann beschreibt in einem Predigtband dazu einen bezeichnenden Dialog zwischen ihn, der damals noch Hochschullehrer war, und einem Hörer. Er schreibt:

„Im Anschluss an eine Vorlesung kam vor einiger Zeit ein kath. Geistlicher zu mir und fragte: „Was halten Sie von den Wundern Jesu?“ Ich sagte: “Ich glaube an die Wunder Jesu. Die ganze Welt ist noch heute voll von ihnen“. Er sagte: „Das will ich nicht von Ihnen wissen. Glauben Sie z. B. an den Seewandel des Petrus?“ Ich sagte: „Ganz sicher glaube ich an den Seewandel Petri“. „Nein, ich bin bei Ihnen nicht sicher. Meinen Sie das symbolisch oder wirklich?“ Ich sagte: „Ich glaube, dass die symbolische Wirklichkeit die einzig wirkliche Wirklichkeit ist“. „Dann glauben Sie also nicht?“ sagte er. (E. D.: Und legte ihnen die Hände auf. Predigten über die Wunder Jesu. 1993, Düsseldorf, p. 58)

Das ist die Frage. Woran glauben wir wirklich? Bringen mich solche Wundergeschichten in Wanken, bedrohen sie meinen Glauben? Wie damit umgehen in heutiger moderner Zeit? Kann man elektrisches Licht und Radio benutzen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des NT glauben?

(„Man kann nicht elektrisches Licht und Radio benützen…und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des NT glauben“. (R. Bultmann. NT und Mythologie, in: Kerygma und Mythos, Bd. I, 1948, p. 18)

Das mag jede/r für sich entscheiden – Wobei von der Antwort auf diese Frage unsere Seelenheil gewiss nicht abhängt.

Und bei genauem hinsehen stellt dieser Predigttext ja keine Fragen an uns, denn unser Text: er beschreibt etwas.

Beschreibt, wie Jesus und seine Jünger miteinander umgehen. Hier: in einer brenzligen Situation.

Ich fasse das einmal in einem Satz zusammen. Das, was im ersten Teil des Textes vorkommt:

„Wem der Wind heftig ins Gesicht bläst, dessen Glaube kann wackeln“. Hierum geht’s zunächst.

„Wem der Wind heftig ins Gesicht bläst, dessen Glaube kann wackeln“.

Da können wir doch alle etwas mit anfangen, nicht wahr? Hier steht Petrus doch sicher für viele von uns.

Es gibt ja, liebe Gemeinde, „ruhige (Glaubens)zeiten“, Zeiten, in denen ich gut im Kontakt bin mit Gott, wo’s mir gut gehr, wo mich wenig religiöse Fragen umtreiben, wo meine Überzeugungen nicht gefährdet sind. Das sind zumeist Zeiten, wo ich auch mit mir im Reinen bin, wo es ganz gut läuft. Und plötzlich, um im Bild des Textes zu bleiben, kommt „Sturm“ auf. Ein Kind erkrankt ernsthaft. Ich erkranke ernsthaft. Mein Arbeitsplatz ist plötzlich bedroht. Vieles können wir uns vorstellen, das uns aus dem Gleichgewicht bringt.

Luther schreibt in einer Auslegung dieses Textes: „Der Glaube hat bei ihm (Petrus) stark begonnen, aber durch den Wind wird er schwach“. So ist es: „ Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken“ –

Wer von uns hat das nicht schon erfahren. Dass einem in gewissen Situationen der Glaubens-Mut sinkt. Dass wir ins Zweifeln kommen, ob Gottes es denn wirklich gut mit uns meint, ob es stimmt, dass er uns behütet und uns hilft, gerade, wenn der Augenschein dagegen spricht.

Ja – „Der Glaube hat bei ihm (Petrus) stark begonnen, aber durch den Wind wird er schwach“.

Ich finde gut, lb. Gd., dass uns die Bibel hier einen Petrus vor Augen führt, der schwankt.

Er ist alles andere als ein Glaubensheld. Und das, obwohl er ansonsten in den Evangelien als ganz schön eifrig gilt. Ja, er ist einer, der sogar recht forsch sein kann. „Nie und nimmer werde ich dich verraten“ – Sie erinnern sich. Oder hier. Er lehnt sich wahrlich weit hinaus. Möchte, kaum hat er sich nach der ersten Angst wieder gefasst, gleich die Probe aufs Exempel machen. Nicht dass es ihm nun genügt, dass sein Herr da ist, sogleich verlangt er: „Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser“.- Er möchte die Probe aufs Exempel machen.

Nun, wer von solchem Temperament ist, der geht eben auch ein Risiko mehr ein. Auch hier beschreibt die Bibel Menschlich-Allzumenschliches – ich gestehe, er ist mir nicht unsympathisch, dieser Petrus, dieser Fels, auf den der Herr – trotz allem, wegen allem? – seine Kirche gründen will.

„Wer sich weit hinaus wagt, kann sich gefährden“. „Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um“, sagt das Sprichwort.

Aber man kann’s auch ganz anders sehen. Ernst Bloch z. B. dreht den Spieß um. Der Philosoph der Hoffnung („Das Prinzip Hoffnung“) formuliert:

„Wer sich nicht in Gefahr begibt, kommt darin um“. Mit dieser Umkehrung fordert der Philosoph dazu auf, für die richtige Sache auch ein Wagnis einzugehen, die eigenen Grenzen nicht als gegeben hinzunehmen, sie im Gegenteil auszuweiten oder zu überschreiten.

Vielleicht gehört das ja ein Stück weit zum Glauben, sich weit hinaus wagen. Vielleicht haben wir ja selber schon hie und da in unserem Leben einen Wagemut, einen „Glaubenswagemut“ gelebt, der uns im Nachhinein nur staunen ließ.

Wenn ich mir vorstelle, wie weit sich die ersten Christen hinausgewagt haben – in die Welt – mit ihrem Glauben, nicht alle, aber doch viele, dann ist das erstaunlich. Vielleicht ging’s damals auch einigen so, dass ihnen der Wind kräftig entgegengeschlagen hat und sie stellenweise mehr als verzagt waren. Aber ihr Glauben hat sie bewegt.

Ich finde, dass das ein Stück weit dazu gehört, zum Glauben, der „Glaubensmut“, die „Glaubenskeckheit“. Und wenn ich dann merke, dass ich mir ein bisschen zuviel zugemutet habe – dann ist’s auch erlaubt, mit Petrus auszurufen: „Herr hilf mir!“

So hat Petrus gerufen. Und Jesus hilft – und nennt Petrus einen „Kleingläubigen“. „Oligopiste“ im Griechischen einer der „wenig glaubt“, ein „Weniggläubling“ –

Man kann hier einen Vorwurf heraushören, aber auch etwas leicht Ironisches, oder gar Humoriges

– denn nicht wahr: die ganze Szene ist nicht ohne Humor, sogar leicht grotesk – wenn ich mir vorstelle, wie Petrus sein Gewand rafft, über den Bootsrand steigt und aufs Wasser tritt…

Wobei ich nicht zynisch sein will. Ich nehme die Angst des Petrus natürlich auch wahr. Überhaupt die Angst aller, die im Boot saßen, als sie da so im Dunkeln saßen, der Wind sie nicht vorwärts kommen ließ… (Und das Boot war schon weit vom Land entfernt und kam in Not durch die Wellen; denn der Wind stand ihm entgegen.)

Auch hier, lb. Gd., wird wieder etwas beschrieben, das allgemein gültig ist. Ich formuliere es einmal so: Wer Angst hat, erkennt nur mühsam, was hilft. Angst verengt den Blick, lässt uns Sachen sehen, die s o gar nicht sind. Nimmt Rettung nicht wahr, die da ist.

Wie die Jünger Jesu. Die hatten Angst auf dem bewegten See- und nahmen die Anwesenheit Jesu nicht wahr, bzw. nahmen etwas falsch wahr. Deshalb riefen sie: „Es ist ein Gespenst!“

In Angst und Not kann es vorkommen, dass auch wir Gott/Jesus als etwas Bedrohlichen, als ein „Gespenst“ wahr nehmen, als etwas, das noch mehr ängstigt – statt die Angst zu beruhigen.

Ja, Angst macht manchmal blind für das, was uns helfen würde. Da tut es dann gut, wenn von außen ein helfendes Wort uns erreicht, ein seelsorgerliches Wort, und das Bedrohliche zurecht rückt.

Denn Gott ist niemals da, um uns zu ängstigen, er arbeitet nicht mit „schwarzer Pädagogik“, die ordentlich Angst macht, damit sich die bösen Kinder nun endlich bessern – auch wenn ich weiß, dass unsere Kirche im Laufe der Jahrhunderte nicht immer frei war von solchen seltsamen Verbesserungsmethoden. (Wobei das Wort vom lieben Gott, der alles sieht, noch zu den harmloseren Sätzen gehört).

„Herr hilf“- Jesu Wort, Jesu Antwort auf den Angstschrei der Jünger ist denn auch deutlich anders: „Seid getrost, ich bin’s; fürchtet euch nicht!“

Indem Jesus die Seinen anspricht, gibt er sich zu erkennen, und indem sie ihn erkennen, weicht die Angst. Jesu Gegenwart, sie beruhigt. Sein Dabeisein – heilt und tröstet.

Ich sag’s nun wieder etwas allgemeiner: Es ist die Gegenwart Gottes, die heilt und tröstet. Genauer:

Das Bewusstsein der Gegenwart Gottes heilt und tröstet,
– denn wo ist Gott nicht?

Das wäre eine Übung wert, liebe Gemeinde, uns zu üben in dem Vertrauen, dass Gott immer bei uns ist, Gottesgegenwart einüben. Uns zu üben, unser Bewusstsein auf die Gegenwart Gottes zu legen.

Vor einigen Tagen fand ich ein schönen Gedanken dazu.
Geschrieben hat ihn ein großer Theologe des 16. Jhdt.
Ich spreche von Franz von Sales.

In der „Philothea“ schreibt Franz von Sales (ca. 1580):

„Gott ist ja in allem und überall; es gibt keinen Ort und kein Ding, wo er nicht wirklich gegenwärtig wäre. Wohin die Vögel auch fliegen, sie finden ihr Element, die Luft in der sie sich bewegen; so finden auch wir, wohin immer wir gehen mögen, Gott überall gegenwärtig. Jeder kennt diese Wahrheit, aber wie viele gibt es, die sie wirklich erfassen?

Wir sehen den allgegenwärtigen Gott nicht; obwohl uns der Glaube dessen versichert, vergessen wir seine Gegenwart oft und benehmen uns, als wäre Gott weit entfernt von uns.

Denn obwohl wir Gott überall gegenwärtig wissen, denken wir nicht daran und tun, als wüssten wir es nicht“.
 Franz von Sales beschreibt hier ein Problem, das jeder von uns kennt: Uns ist oft nicht bewusst, wir machen es uns oft nicht bewusst, dass Gott gegenwärtig ist.

Wir sagen dann sehr leicht: Ich spüre Gott nicht, Gott zeigt sich mir nicht, er ist mir fern.

Franz von Sales gibt hier den Rat, zwischen Gefühl und Realität zu unterscheiden. Wenn ich das Gefühl habe, dass Gott nicht da ist, heißt das nicht, dass er fern ist. Die frohe Botschaft, das Evangelium, die Erfahrung der Emmausjünger, die Pointe unseres Predigttextes, lautet:

Gott ist da, er ist jedem von uns – zu jeder Zeit – nahe. Franz von Sales empfiehlt deshalb, sich nicht vom Gefühl verunsichern zu lassen, sondern sich gerade in solchen „gefühlstrockenen“ Zeiten immer ins Bewusstsein zu rufen, dass Gott bei mir ist. Jeder von uns kennt solche Zeiten der Unsicherheit und Trockenheit. Niemand ist davor gefeit.

Und deshalb brauchen wir immer wieder die Vergewisserung, dass Gott bei uns ist.

In einem jeden Gottesdienst vergewissert uns Gott, dass er bei uns ist – gleich, was geschieht. Das ist die frohe Botschaft, dass Gott, in Jesus Christus, im Heiligen Geist, dass der dreieinige Gott bei uns ist, immer und alle Tage, bis ans Ende der Welt.

Liebe Gemeinde. Wenn wir den Weg, den unser Text geht, mitgehen, wenn wir dabeibleiben bei den Jüngern und Petrus, von der Angst, von allen guten Geistern verlassen zu sein, bis hin zum Erkennen der Gegenwart Jesu, – dann ist die Frage, wie wir zu dem „Seewandel“ stehen gar nicht mehr wichtig.

Wichtig ist wahrzunehmen, dass die Jünger Jesus wiedergefunden haben, dass sie an seiner Dabeisein nicht mehr zweifeln – und dass diese Gegenwart alles verändert.

Ich wünsche uns immer mehr die Erfahrung, die eines unserer schönsten Kirchenlieder so beschreibt: „Gott ist gegenwärtig“.

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