Aussteigen und Einsteigen

Liebe Gemeinde,

nach dem Wunder, das am letzten Sonntag Predigttext war, heute schon wieder eine Geschichte, die einen Naturwissenschaftler die Stirn in Falten legen lässt.

Letzte Woche sind wir gemeinsam mit dem Evangelisten Johannes der Frage nachgegangen, wer er denn ist dieser „Heiden Heiland“ (EG 4). Aus der Ferne hat er ein sterbendes Kind geheilt. Letztendlich kamen alle in der Geschichte zum Glauben. Und auch heute geht es darum, zu sehen, was das Kind in der Krippe als erwachsener Mann bewirken kann. Diesmal sind es die Jünger, die das mit eigenen Augen sehen und dann bekennen: »Du bist wirklich Gottes Sohn.«

Und weil es auch für uns ums Sehen und ums Erkennen geht, haben sie am Eingang ein Bild bekommen. Gemalt von Rembrandt. Wie eine Momentaufnahme hält es den dramatischen Mittelteil unserer Geschichte fest, wie sie der Evangelist Matthäus erzählt. Ich lese aus Kapitel 14 die Verse 23 bis 33:
[TEXT]

Liebe Gemeinde, gemeinsam mit den Jüngern steigen wir in die Geschichte und in unser Bild ein. Wir sind am See Genezareth. Gerade eben sind 5.000 Menschen von 5 Broten und 2 Fischen satt geworden. Nun drängt Jesus die Jünger, ihn alleine zu lassen. Er braucht Zeit und Einsamkeit, um zu beten. Die Jünger fahren also voraus zur anderen Seite des Sees.

Es ist für den See Genezareth nicht ungewöhnlich, dass das Wetter schnell umschlägt. Es scheint ein Sturm aufzukommen. Das Boot … hatte schwer mit den Wellen zu kämpfen. Für die Jünger, die meisten ehemalige Fischer, nichts Beunruhigendes.

Beim genauen Lesen fällt allerdings auf, dass Matthäus erzählt, dass das Boot zu kämpfen hat, nicht die Jünger. Das Boot quält und schindet sich; es kämpft sich durch Wind und Wellen. Matthäus will also nicht nur eine Geschichte erzählen, wie sie damals passiert ist, sonder alle, die diese Geschichte lesen und hören sind mit im Boot. [Sie können sich also auf dem Bild gleich mit ins Boot denken.] Denn losgefahren sind die Jünger ja nicht aus eigenem Antrieb – Jesus hat sie losgeschickt.

Genauso wie uns übrigens auch – auch sie sitzen heute Morgen alle in einem Boot, wenn sie so wollen – in einem Kirchenschiff. Schon ganz früh haben Christen begonnen, das Bild eines Schiffes für die Gemeinde zu verwenden. Alle in einem Boot, ausgesendet von Jesus Christus: Gehet hin…

Und mit diesem Schiff, das sich Gemeinde nennt, da kommt man eben schon mal in raueres Gewässer oder man bekommt Gegenwind zu spüren – damals und heute. Nicht immer einfach, dieses Boot zu steuern. Nicht immer einfach zu sagen, wo das Ziel eigentlich ist.

Und dann plötzlich kommt Jesus dem Schiff nach. Liest man den griechischen Text wird klar, es war in den frühen Morgenstunden zwischen 3 und 6 Uhr (in der vierten Nachtwache). Für den geschulten Bibelleser und Evangelienkenner ist dadurch sofort klar: Das ist die Zeit der Auferstehung. Wie an Ostern, denken die Jünger, sie sehen ein Gespenst und schrien vor Angst. Und genau wie am Ostermorgen auch, spricht Jesus den verschreckten Haufen sofort an: »Erschreckt nicht! «, rief er. »Ich bin’s. Ihr braucht euch nicht zu fürchten.«

Ich bin’s. Diese beiden Worte haben es in sich, denn in der Bibel stellt sich so eben nur einer vor: Gott selbst. So hat er sich Mose am Dornbusch vorgestellt (Ex 3,14) und den Propheten und so stellt sich der Auferstandene den erschreckten Jüngern vor (Mt 28.10). So spricht Jesus sie auch jetzt auf dem See an. »Ich bin’s. Ihr braucht euch nicht zu fürchten.«

Petrus scheint den Schreck schnell überwunden zu haben. Kaum ins Boot eingestiegen, wagt er schon wieder den Ausstieg. Ob er wohl überlegt hat: Soll ich oder soll ich nicht? Vertrau ich dem? Denn der Sturm hat sich ja noch nicht gelegt. Und doch: »Herr, wenn du es bist, dann befiehl mir, auf dem Wasser zu dir zu kommen!« – »Komm!«, sagte Jesus. Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser auf Jesus zu.

Liebe Gemeinde, so einfach geht das mit dem Wagnis des Glaubens! Nochmal kurz nachfragen: „Bist Du´s wirklich?“ Und dann mutig aussteigen. Hinein ins Ungewisse und in die Gefahr. Auf zu neuen Ufern. Wie so oft ist Petrus vorne dabei, ein Prototyp für den Glauben und vorbildlicher Christ. Er nimmt die Nachfolge ernst und folgt dem Ruf seines Herrn. Die anderen im Boot – zu denen wir ja wahrscheinlich auch gehört hätten, sie können wahrscheinlich nur noch denken: „Mann über Bord!“

Doch Matthäus will keine Heldengeschichte erzählen. Er will eine Gemeinde- und Nachfolgegeschichte erzählen. Und Rembrandt scheint ihn auch genauso zu verstehen. Deshalb malt er diese Szene. Denn obwohl Jesus Petrus ja gerufen hat. Obwohl Petrus ihn in seiner Nähe weiß, da bekommt er plötzlich Angst. In sein anfängliches Vertrauen mischt sich Nachdenken. Vielleicht wird ihm ja jetzt erst klar, was er da Verrücktes macht: Geht los, weil Jesus ihn gerufen hat. Sein Blick richtet sich wieder auf den See. Unter ihm dunkles Wasser, aufgewühlt. Keine gute Basis, um an neue Ufer auszubrechen! Er verliert sein Ziel aus dem Blick und versinkt in Wellen und Chaos. Gerade noch kann er schreien: »Herr, rette mich!« Und das zweite Mal in der Geschichte reagiert Jesus: Sofort streckte Jesus seine Hand aus und hielt ihn fest. Die beiden steigen wieder ins Boot ein.

Auf dem Bild von Rembrandt sieht Petrus fast schon aus wie ein alter Mann. Fast schon verkrampft versucht er die ausgestreckte Hand von Jesus zu erreichen. Jesus macht einen Schritt auf ihn zu, sonst würde er untergehn. Fest geglaubt und doch gezweifelt. Vertraut und dann doch die Hoffnung verloren. Sich anspornen lassen und dann doch ins Nachdenken gekommen. Ich glaube, manchmal sind wir Petrus gar nicht so fern…

Und ich muss ihnen sagen, ich mag ihn diesen Petrus. Vorlaut und großspurig. Ein Gefühlsmensch, ganz impulsiv. Kein Held. Jesus macht ihm auch gar keine Vorhaltungen, sondern bemerkt lediglich: »Du Kleingläubiger«. Auch der, der später zum Felsen wird (Mt 16,18), auf dem die Gemeinde steht, der hat demnach kleinen Glauben. Finden sie das nicht beruhigend?

Petrus lässt sich auf das Wagnis des Glaubens und der Nachfolge ein und er scheitert auch immer wieder. Er hat unglaublichen Mut und wagt einen ungewöhnlichen Schritt und geht doch fast unter. Petrus kann es nicht alleine. Der Felsen kann sich eben nicht alleine tragen.

Liebe Gemeinde, was machen wir jetzt mit der Geschichte, die Matthäus uns erzählt. Was sollen wir daran sehen?

Wir sind mit den Jüngern ins Boot eingestiegen. Wir sitzen mit in diesem Schiff, dass sich Gemeinde nennt. Und zwar seit unserer Taufe. Da hat Jesus auch uns versprochen (Mt 28,20b): Ich bin jeden Tag bei euch, bis zum Ende der Welt. Das gilt auch heute noch für uns in unserem Boot. Keiner hat gesagt, dass der Weg immer gerade sein würde. Keiner hat versprochen, dass mit der Taufe alle Hindernisse im Leben ausgeräumt sind. Und keiner hat gesagt, dass wir vor Krisen im Leben gefeit sind.

Natürlich ist das Leben so wie es ist – auch für uns als Christen und als Gemeinde und als Kirche. Da sind die persönlichen Schwierigkeiten – in der Familie, da sind Krankheiten oder es läuft in der Schule nicht so. Immer wieder schlagen ja auch über uns die Sorgen zusammen wie Wellen auf dem See. Auch für die Kirche werden die Zeiten rauer, das Wasser wühlt sich auf: Wir werden weniger, Strukturveränderungen begleiten uns ständig, wie gelingt es, Menschen eine Einstiegshilfe zu geben, …

Aber wir haben es eben dieses Plus unserer Taufe. Wir haben diese Gewissheit, dass wir nicht untergehen, weil da die rettende Hand ist, die uns letztlich am Schlawittich packt und uns rauszieht.

Im Taufbefehl heißt es eben nicht nur: Ich bin jeden Tag bei euch, bis zum Ende der Welt. Sondern er beginnt mit: Gehet hin… Wir neigen ja dazu, im sicheren Boot zu bleiben. Da kennen wir uns aus, das fühlt sich gut an. Aber eigentlich sollen wir es schon so machen wie Petrus: Aussteigen. Auch mal ins Ungewisse losgehen und zu neuen Ufern aufbrechen. Petrus macht es vor, der Kleingläubige und der Fels. Aber das muss gar kein Widerspruch sein. Denn Glaube ist doch immer „jene Mischung von Mut und Angst, von Hören auf den Herrn und Schauen auf den Wind, von Vertrauen und Zweifel, die nach Matthäus ein grundlegendes Merkmal christlicher Existenz bleibt“ (Luz, das Evangelium nach Matthäus, S. 410). So sagt es ein neutestamentlicher Forscher, der sich intensiv mit unserer Geschichte gefasst hat.

Liebe Gemeinde, diese Geschichte von den Jüngern auf dem See und Petrus, der den Ausstieg wagt ist, also auch unsere Geschichte – eine Gemeindegeschichte. Was wir daran sehen sollen? Ich würde es für heute so sagen:

Einsteigen ins Schiff, das sich Gemeinde nennt und sich auch von Gegenwind und Wellen nicht erschrecken lassen. Immer mal wieder Aussteigen und hingehen, Neues wagen. Sich selbst nicht zu wichtig nehmen und sich auch nicht zu viel zutrauen – wir sind und bleiben Kleingläubige und können uns sowieso nicht selbst tragen. Und doch sind wir getauft und haben ein Plus. Mit der Taufe hat man uns in ein Rettungsboot gesetzt und trotzdem losgeschickt an andere Ufer. Ein Tipp könnte sein, nicht immer nur auf die Gefahr zu schauen, sondern auf den, der uns zur Not sofort die Hand hinstreckt.

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