Schotten Dicht. Oder raus aufs Meer?

4.n.Epiphanias, Carsten Sauerberg, Heiligenhafen, Ev.; Mt. 14,22-33

Liebe Gemeinde;

Sie kennen wohl sicher den Film „Das Boot“.
Ein Deutsches U-Boot im 2. Weltkrieg. Im Nordatlantik unterwegs. Gefilmt ist das alles aus der Perspektive der Besatzung. Wir, die Zuschauer, sind sozusagen mit drin im Boot. Alle Szenen spielen im Schiffskörper. Ganz auf sich gestellt ist die Besatzung. Eingehüllt vom Wasser, bedroht und mehrfach angegriffen von Wasserbomben. Die anderen Schiffe, die Welt draußen wird nur als Schraubengeräusch wahrgenommen. Dunkel ist’s im Boot, Schummerlicht, nicht gemütlich schummrig, sondern beklemmend schaurig halbfinster, heiß dazu, stickig, Atmosphäre gespannt und voll Furcht und Todesangst, Bomben erschüttern die Schiffshülle mehrfach, das Leben erstirbt dabei und erstarrt zum Ausharren und Aushalten des Momentes. Die Welt draußen einige einzige Bedrohung.
Das Boot.
Die Kirche. Dicke Hülle, dicke Mauern, dicke Türen. Innendrin alles wie immer, nichts soll sich ändern, am Liebsten nichts. Es muss doch was Beständiges geben. Etwas, was sich nicht immer ändert. Das machen wir hier immer so. Das hat etwas Anheimelndes, etwas Heimat Gebendes, etwas Sicherheit Vermittelndes. Seit Jahrhunderten nun rufen die Glocken die Gläubigen hierher zum Gebet. So ähnlich steht es auf dem Schild draußen an der Haupttür unserer Stadtkirche, nicht wahr. Aber das Boot ist nicht mehr voll, nicht wahr. Viel Platz im Kirchenschiff, nicht wahr? Mauern weg? Die Welt draußen möge hereinbranden? Oder lieber doch nicht? Diese Welt, die uns das Beständige bedroht, weil draußen vor der Tür ja nichts so bleibt wie es ist. Da werden Schwule jetzt Außenminister. Da wollen Frauen Karriere machen, sogar bei der Bundeswehr, anstatt Kinder zu erziehen. Da nehmen Väter Elternzeit. Da zünden sie sich Räucherstäbchen an und meditieren, um ihre Mitte zu finden, anstatt ein ordentliches Vaterunser zu beten. Und gefährlich ist es außerdem, man mag ja abends gar nicht mehr auf die Strasse gehen.
Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen. Genau. Das wusste Luther schon, bloß nicht die Burg aufmachen, bloß nicht die Waffen strecken. Lieber nicht.
Luther wusste aber noch mehr:
Und wenn die Welt voll Teufel wär und wollt uns gar verschlingen, so fürchten wir uns nicht so sehr, es soll uns doch gelingen.
Es schauen welche raus. So fürchten wir uns nicht so sehr, sagen sie sich. Und schauen mal über die Mauern, aus den Türen, durch die Fenster, vielleicht oben von den Kirchtürmen herab in die Welt. Sie sehen, dass es lebt rundum. Dass es zwischen allem Bedrohlichen Leben gibt, das da geliebt wird, aufrichtig gelacht, echt Freud und Leid geteilt, miteinander gefeiert und geweint wird. Das ist nicht alles nur Sodom und Gomorrha. Und es auch nicht das Paradies. Welt eben. Weltliche Welt. Und mittendrin die Liebe, mittendrin der Glaube ans Leben und die Hoffnung auf ein Morgen, und mittendrin Gott, Gott ist Liebe. Denk dran: Gott ist nicht Burg, nicht Mauer, nicht „EswarImmerSo“, Gott ist Liebe, Gott ist Jesus.
Seid getrost, ich bin’s. Fürchtet euch nicht.
Hallo Petrus: Komm her.
Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt.
Im Frühtau zu Berge wir ziehen, fallera.
So neu ist das also nicht mit dem „Hinaus in die Welt“.
Komm her, Petrus.
Meint er mich? Bin ich Petrus? Egal, ich fühle mich angesprochen. Ich gehe da mal raus, das Boot, das schützende, bergende, aber auch erstarrte und halbleere Schiff verlasse ich mal. Haben wir drinnen vielleicht Gott vergessen? Haben wir im Schiff vielleicht die Liebe mit Tradition verwechselt? Haben wir drinnen vielleicht den Glauben mit Festhalten am Bekannten vertauscht? Und die Hoffnung aufgegeben zu Gunsten der Sicherheit des Gefühls, das alles beim Alten bleibt?
Ist Gott da draußen? In der Welt unterwegs? Ist Gott in Leben und Liebe dieses schwulen Paares, in der Hoffnung und im Lachen der Ärztin, die ihr Kind in eine Krippe gibt? In der Geste der offenen Hände beim Meditieren vor den Räucherstäbchen? Und auch im Glauben an die Zukunft bei diesem jungen Paar da, dass gemeinsam ein Haus baut, ein Kind großzieht- und das obwohl beide nur befristete Arbeitsverträge haben?
Mir wird ganz schummerig in dieser Welt, ja schwarz vor Augen. Der Boden schwankt, was gestern noch richtig war, wird heute mir fraglich. Ich glaub ich versinke, das ist zuviel für mich. Herr, was ist los. Was ist die Wahrheit? Was ist fester Grund und feste Burg und was ist Lug und Trug? Fürchte dich nicht! Das sagst Du so einfach. Was ist aber, wenn ich mich nun mal fürchte? Ja – ich fürchte mich.
Oder bin ich zu kleingläubig? Und sind wir alle, die Schiffsbesatzung, die die im Boot sitzen, die im Kirchenschiff ausharren, sind wir zu kleingläubig? Türen auf? Luft rein? Welt rein? Sind das da draußen vielleicht gar keine Bomben und Granaten, die uns zerstören wollen, sondern nur und schlicht und einfach viele, z.T. bunte, z.T. andersartige aber doch nur das Leben suchende Menschen – wie wir auch? Leben und Heil und Halt in der Liebe suchende Menschen!

Du Kleingläubiger, warum hast Du daran gezweifelt? Und als Petrus und Jesus ins Boot traten, da legte sich der Sturm. Und niemand hatte mehr Angst, obwohl die feste Burg jetzt offene Türen hatte, denn „so fürchten wir uns nicht so sehr, es soll uns doch gelingen.“

Amen

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