Weg, Wahrheit, Leben

Liebe Gemeinde,

an dem Gymnasium, an welchem ich zur Zeit unterrichten darf, muss ich meine Schüler und Schülerinnen der Oberstufe auch traktieren mit der Frage nach der Wahrheit. Es ist, wie Sie sich vielleicht denken können, ein mühsames Geschäft, denn es gilt erst einmal zu sehen, wie unterschiedlich Wahrheit für die Menschen sein kann. Als Zweites muss man sich dann als Kind unserer Zeit durch die Gedanken der Altvorderen hindurch denken und versuchen zu verstehen, wo es Lücken und Tücken in den Philosophien geben kann. Letzte Woche aber endlich sind wir angekommen bei einer Unterscheidung, die sich hoffentlich als Hilfe in den Köpfen der jungen Menschen festsetzen wird können: wir unterschieden zwischen einer Wahrheit, welche objektiv ausgesagt werden kann und somit zugleich wissenschaftliche Erkenntnis von endlichen Dingen ist. Zum Beispiel den Gang der Gestirne, bestimmte Naturgesetze usw. Und auf der anderen Seite die Wahrheit, aus welcher heraus ich selber lebe. Gewissheit von Wahrheit also, welche ohne mich nicht existiert, weil ich mit dieser Wahrheit identisch bin. Für die erste Wahrheit muss ich im Konfliktfall nicht unbedingt mit meinem Leben einstehen, so wie etwa Galilei vor der Inquisition seine Behauptung, dass die Erde sich um die Sonne drehe, widerrufen hat. Er wusste es ja besser: diese Wahrheit hatte auch ohne seine Person Bestand. Dafür musste kein Leben geopfert werden. Anders verhielt es sich z.B. bei Giordarno Bruno: er hielt den Nachfragen der Inquisition stand und beharrte auf seiner Wahrheit – ein Widerruf hätte diese Wahrheit angetastet und auch ihm selbst die Grundlage des Lebens entzogen. So ging er erhobenen Hauptes in den Tod.

Johannes, aus dessen Evangelium von Christus Jesus wir heute hören, überlieferte diese Worte von Christus: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ Welche Wahrheit aber meint er? Sicherlich nicht die erste, wissenschaftlichen Erkenntnissen genügende Beweisführung von Wahrheit, sondern eher die zweite, die Wahrheit der Gewissheit für mein eigenes Leben. Davon, liebe Gemeinde, handelt auch unser Predigtwort von heute aus dem vierten Kapitel, die Verse 46 bis 54.

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Wie wenig hat sich doch geändert in dem Wesen des Menschen bis auf den heutigen Tag! „Zeichen und Wunder“ wollen die Menschen sehen und erheben es als Bedingung für ihren Glauben, ganz wie es z.B. auch Herodes tat, als Jesus ihm vorgeführt wurde, von Pilatus zu ihm gesandt.

Als ob es, liebe Gemeinde, eine Bestätigung für die Wahrheit in Christus wäre, wenn jemand geheilt von Krankheit, auferweckt von den Toten, Wasser in Wein umgewandelt ist. Denn die Schrift fasst diese Wunder anders: als Zeichen für das kommende Reich Gottes. Wie es dort sein wird, wenn Gerechtigkeit herrscht und das Leid und der Tod gebannt sind. Bedenken Sie bitte, liebe Gemeinde: alle Menschen, die Jesus so von Krankheit und Tod geheilt hat, sind auch wieder gestorben, ja wahrscheinlich sogar am Ende ihres Lebens wieder ähnlich krank und gebrechlich geworden, wie es der Mensch im Alter eben wird. So geht es nicht um den vorrangigen Erweis seiner Königsherrschaft in diesen Taten und Wundern. Wenn dies der Zweck seines Wirkens gewesen wäre, was hätte er doch viel mehr tun können. Den Spott etwa befriedigen, die die Menschen am Kreuz mit ihm trieben: „Hilf dir selbst und steige herunter, wenn du es kannst!“ Oder eben Herodes, der die Zeichen sehen wollte. Wäre es nicht ein leichtes gewesen, diesem dekadenten Herrscher etwas zu zeigen? Natürlich! Aber darum ging es nicht. Jedes Wunder war ein Zeichen und ein Symbol für dieses Reich Gottes, von welchem Jesus predigt, dass es bereits mitten unter uns begonnen hat und wachsen wird wie ein Senfkorn, bis es sich endgültig entfaltet hat in jenem neuen Jerusalem, von welcher der Seher Johannes spricht: kein Leid, kein Geschrei, kein Schmerz wird dort mehr sein und der Tod ist nicht mehr. Und so stehen wir, liebe Gemeinde, als Pilger auf diesem Weg dorthin, in beiden Welten: schon erlöst, aber dennoch Sünder. Bereits neuer Mensch, aber in dieser Welt noch alter Adam, wie es Luther formuliert.

Wer das Predigtwort bis zu seinem Ende genau gehört hat, wird sich wohl darüber verwundern: „Das ist nun das zweite Zeichen, das Jesus tat.“ Was ist aber gemeint? Die Heilung jenes Knaben etwa? Das auch, aber noch mehr und für uns wichtiger: dass der Glaube bei jenem Menschen eingekehrt ist und mit ihm sein ganzes Haus dazu gefunden hat. Und damit bin ich wieder beim Anfang: dieser Mensch, im Dienst des Königs, wie es von ihm heißt, hat zu einer Wahrheit gefunden, die fähig war, ihn in seinem Leben zu tragen. Nicht aber, liebe Gemeinde, zu einer Wahrheit, die er hätte gegenüber Außenstehenden beweisen können. Was werden diese sogenannten Außenstehenden wohl zu ihm gesagt haben? Das Gleiche, nehme ich an, was sie auch heute sagen würden: „War es nicht vielleicht Zufall, dass das Fieber deinen Sohn just in dieser Stunde verließ?“ Oder: „Wahrscheinlich haben eben zu dieser Zeit die Medikamente, die du ihm schon so lange verabreicht hast, endlich angeschlagen!“ Oder: „So ist das eben: das hast du Glück gehabt: der eine schafft es, der andere eben nicht!“ Setzen Sie selbst ein, liebe Gemeinde, was Sie dort mögen: Sie werden solche Situationen aus Ihrem Leben kennen. Nein, einen Beweis im wissenschaftlich, nachweisbaren Sinne wird jener Mann nicht erbringen können. Er war ja nicht einmal zu Hause, als sein Sohn gesund wurde. Er hat es ja nicht einmal gesehen! Und dennoch glaubte er! Das, liebe Gemeinde, ist das eigentliche Wunder: dass jener Mensch zur Wahrheit Christi gefunden hat. Einer Wahrheit, die wir mit Vertrauen umschreiben: mit Gewissheit an etwas festzuhalten für sein eigenes Leben. Ja, mehr noch: sein Leben auf diese Wahrheit aufzubauen als einem Grund, der tragen kann. Und wieder gilt hier: die Spötter werden sagen: „Es ist doch alles Illusion: du bildest dir nur etwas ein!“ Und es richtig, liebe Gemeinde: wir können dem nichts entgegnen, was die Spötter überzeugen könnte. Und dennoch haben wir diese Gewissheit – nicht als eine Versicherung, die wir in der Hand haben, sondern als eine geschenkte Gewissheit, auf welche wir vertrauen können und von der wir je und je erleben werden, dass sie tatsächlich fähig ist, uns Halt, Trost, Hoffnung und Mut zu geben, wenn wir dessen bedürfen.

Welches Beispiel gebe ich meinen Schülern? Zwei Liebende schreiben sich sogenannte Liebesbriefe, darin sind enthalten Formulierungen, wie sie sich viele andere Liebende vielleicht auch geschrieben haben, z.B. „Du bist wunderschön!“ Ich bin sicher, dass die oder der Angeschriebene dies als eine Wahrheit lesen und der Schreibende als Wahrheit erfahren wird. Nun mag ein Außenstehender kommen und sagen: „Na ja, Schönheit aber bitte schön, ist doch etwas anderes: wie kann diese schiefe Nase schön sein, oder jene Augen usw. usf.?“

Beweisbar wird diese Wahrheit für die Außenstehenden nicht werden und dennoch bleibt es Wahrheit für jene, die sich so zueinander verhalten. Vielleicht sogar eine Wahrheit, auf welcher sie bereit sind, ihr kommendes, gemeinsames Leben aufzubauen.

Im Bilde haben wir im Predigwort eine ähnliche Wahrheit für jenen Mann und sein Haus. Sie glauben, dass dieser Mann Jesus von Nazareth der Messias, der Christus sei, der gekommen ist als Sohn Gottes, uns zu erlösen und zu führen in jenes Reich des Vaters. Er bringt die frohe Botschaft, das Eu-angelion.

Wir alle, die wir heute hier sind, haben diesen Glauben in unserem Leben bekannt, zumindest jeden Sonntag bestätigen wir ihn im Glaubensbekenntnis und doch ist wichtig und heilsam, dass wir uns immer wieder erinnern lassen, wie sehr dieser Glaube Wahrheit sein darf in unserem Leben, unabhängig davon, wie die Welt diesen Glauben ansehen mag.

Es ist ganz ähnlich, wie es Luther vom Beten schreibt: „Fragst du: Warum lässet Gott uns denn bitten, unsere Not vortragen und gibt’s nicht ungebeten? Denn er weiß uns siehet alle Not besser als wir selbst? Gibt er doch der ganzen Welt täglich so viel Gutes umsonst, wie Sonne, Regen, Korn, Geld, Leib und Leben usw., worum ihn niemand bittet noch ihm dafür danket; Gott weiß, dass die Welt keinen Tag des Lichts, Essens und Trinkens entbehren kann: wie heißt er denn darum bitten? Antwort: Darum fordert er`s freilich nicht, dass wir ihn mit unserem Bitten lehren sollten, was er geben soll, sondern darum, dass wir`s erkennen und bekennen, was er uns für Güter gibt und noch viel mehr geben will und kann. Also unterrichten wir durch unser Gebet mehr uns selbst als ihn. Denn damit werde ich umgewandelt, dass ich nicht hingehe wie die Gottlosen, die solches nicht erkennen noch dafür danken. So wird mein Herz zu ihm bekehret und erwecket, dass ich ihn lobe, ihm danke, in Nöten bei ihm Zuflucht habe und Hilfe von ihm erwarte. Und (das) dienet alles dazu, dass ich, je länger, je mehr, erkennen lerne, was für ein Gott er ist.“

Da merkte der Vater, dass es war, als Jesus zu ihm gesagt hatte: Dein Sohn lebt. Und er glaubte mit seinem ganzen Hause.

Diesen Weg, diese Wahrheit, dieses Leben wünsche ich uns allen.

Und der Friede Gottes, der tiefer ist, als alles was wir erkennen können, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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