Was Du mir zutraust, das geschieht.

Titel: "Was Du mir zutraust…"

Liebe Gemeinde;

Homer. die Ilias: die schöne Helena bekommt Besuch von einer alten Frau. Helena erkennt nach kurzer Zeit in dieser alten Frau die Göttin Athene.
Bibel. Markusevangelium, 15. Kapitel: Der Hauptmann unter dem Kreuz, sagt, nachdem Jesus schrie und starb: Dieser Mann war in Wirklichkeit Gottes Sohn.
Auch die Bibel: Lukasevangelium, Kapitel 2. Weihnachtsgeschichte. Engel öffnen Hirten die Augen, und dann beten sie in dem Armeleutebaby den Heiland, den Sohn Gottes an. Und Maria staunt und bewegt alles in ihrem Herzen.
Gott erkennen, im Unscheinbaren, ja im Alten und Häßlichen, ja sogar im Sterbenden, das ist Glauben, dazu bedarf es offener Augen, offener Seelenfenster.

Der Hauptmann von Kapernaum erzählt uns seine Geschichte, wie er Gott fand.
"Meine Name tut nichts zur Sache. Ich bin Hauptmann der Legion. Glanz und Gloria, so denkt Ihr jetzt, nicht wahr. Siege und Triumphzüge, Marschmusik und Ordensbrust. Der Adler Roms vorweg, und Räder rollen für den Sieg. Na, Ihr wißt schon, Soldatenklischees, Heldenmärchen. Ja, gesiegt haben wir oft. Aber vor dem Sieg immer die Schlacht, Blut am Schwert, stöhnende Sterbende, die Luft riecht nach Tod und Ausgestoßenem, Gedärm im Sand, Wimmern und Jammern, Schlacht, schon das Wort klingt roh, eine Silbe, das CH darin imitiert das Stöhnen Sterbender. Als Hauptmann bin ich mittendrin, nicht weit weg, nicht der Feldherr auf dem Hügel, nicht Cäsar auf dem Pferd, sondern Legionär im Dreck. Ich erzähl Euch das, nicht weil ich bedauert werden will, aber weil ich es erzählen will und muss. Zu oft träume ich schlecht, zu oft in der Nacht besuchen mich der Alp und der Angstschweiß… zu oft quält es mich, zu reden tut ganz gut.
Ich bin noch nicht völlig abgestumpft. Die Legion hat mir noch nicht das Gefühl getötet, auch nicht das Mitgefühl. Mein Diener, also eigentlich mein Sklave, er hat was. Er hat Schmerzen, liegt da gekrümmt, kann sich nicht rühren, gelähmt, wie tot fast. Glaubt mir bitte, er tut mir Leid. Er ist ein lieber Kerl, ein freundlicher Mensch, eine gute Seele, er ist nur ein Sklave – so sagen manche, was kümmert es Dich, kauf Dir einen Neuen, wenn er die Augen zumacht…aber so empfinde ich nicht. Ich empfinde Mitleid. Er tut mir leid. der arme Kerl. Und es freut mich, dass er mir Leid tut, die Schlachten und all das haben es mir nicht austreiben können, etwas zu fühlen wie Erbarmen oder so. Ich bin nicht tot, wißt Ihr, wer nichts mehr fühlt, der Harte, der Coole, der ist eigentlich ja tot, gefühlte Temperatur unter Null. Erfroren im eigenen Frost.

Ich möchte ihm so gerne helfen, dem armen Diener. Aber meine Befehlsgewalt nützt hier nichts. Sag ich zum Legionär, mach das, so macht er das. Toll nicht. Das ist Macht. Das ist Gewalt. Das ist das "Haupt" im Worte Hauptmann. Aber "Geh weg, Krankheit", das kann ich nicht befehlen. Da bin ich machtlos wie ein Sklave oder ein Rekrut.

Und die Götter, ja die Götter. Irgendwie sind mir meine Götter, die Götter Roms fragwürdig geworden. Mars, der Kriegsgott, eigentlich, sollte er mein Freund sein. Aber wie kann Jemand mein Freund sein, der für dieses Schlachten da im Sand und Staub zuständig ist? Nein, Mars und mein lahmer Sklave, das geht gar nicht, die haben nichts miteinander zu tun. Und die Anderen? Pallas Athene, mit dem Schwert, Iustitia, die Gerechte, Dionysos, der Orgiengott, die Venus und ihr kleiner Freund Eros, da gehts um Liebe und Sex. Aber, ich sags Euch, einen Sklavengott haben wir nicht. Mein Götterhimmel ist schon ein bunter Haufen, aber so richtig was für lahme Sklaven ist nicht im Angebot.
Die Juden, die ich hier in der Provinz Palästina in Schach halten soll, diese Juden hier, die haben nur einen Gott, einen Sklavenbefreier, einen Wüstenkönig, der Sklaven aus Ägypten führt….Man könnte es versuchen, aber die reden ja noch nicht mal mit mir, geschweigen denn, dass ich mal in ihren Tempel dürfte oder zu ihren Priestern.

Da soll so ein Wanderprediger, so ein Wunderrabbi im Ort sein, ein Jesus aus Nazareth…ich will, das mein Sklave gesund wird. ich will, dass ich einmal nur etwas getan habe, was zum Leben verhilft anstatt was zu Tode bringt. Einmal nicht zustechen, sondern aufhelfen.
Irgendwie wäre ich dann auch wieder gesund.

Gesund. Gesund, Heil. Heil Dir Kaiser, Nein heil meiner Seele. Wenn ich heil wäre, so wie damals, mit 12, als ich mit meinem Vater am Strand von Ostia entlanglief und Steinchen warf, Flitschesteinchen, wessen Steinchen öfter springt, hatte gewonnen. Das war heil, da glaubte ich an das Gute auf der Welt, an die Liebe, da war Frieden in mir, da war Vater mein Beschützer und Freund und Mutter meine Trösterin: Heile, heile, Gänschen, ist bald wieder gut…Lange her. Ostia. Kindertage. Legion, Hauptmann, Blut, Schweiß, Gedärme, der lahme Sklave, die bösen Träume, die Götter, die so lächerlich sind, die Juden hier, die mich, könnten sie wie sie wollten, sofort steinigen würden. Unheil, ungesund das alles.

Sag nur ein Wort, Du Gott, wenn es Dich gibt, ein Wort nur, sag nur "Du" zu mir, dann wird meine Seele gesund. Du. Du, mein Kind.

Da ist dieser Rabbi. Jesus. "Soll ich kommen? Deinen Sklaven gesund machen?" Er redet mit mir. Jagt mich nicht gleich weg. Viele Leute hier sagen, er sei so eine Art Profet oder Botschafter dieses Sklavengottes, den die hier verehren, diese Juden. "Sag nur ein Wort, und mein Sklave wird gesund. Befiehl es einfach." So rutsch es mir raus.

"Was Du mir zutraust soll geschehen". Das antwortet er. Und mein Sklave war gesund.

Aber er hatte Du gesagt. Und ich habe ihm irgendwie zugetraut, dass er auch mir die Seele heilt. Sozusagen gleich mit. Albern, findet Ihr? Egal, es war so. Er hat Du gesagt. Was Du mir zutraust, das soll geschehen.

Wißt Ihr, in diesem Menschen, diesem Judenprediger mit staubigen Sandalen, in ihm ist Gott. Das allerdings, das fiel mir viel später wie Schuppen von den Augen. Als ich Wache hatte unter seinem Kreuz, und es finster wurde, und er schrie und starb und alle feixten und meinten, "Gerechte Strafe für den Lästerer", da traute ich ihm zu: Du verläßt mich nicht. Du bist Gott und Mensch, Leben und Tod, Himmel und Hölle in einer Person. Du bist da, wenn ich das Schwert in den Leib bekomme, Du bist da, wenn ich Angst habe, du bist da, wenn ich um meinen Sklaven bange, Du bist in meinem Vater, als wir Steinchen warfen, in Mutter, als wir heile Gänschen sangen, Du bist in den Stöhnenden auf dem Schlachtfeld, im Blut der Verwundeten.

Ja, ich bin immer noch bei der Legion. Ich kann ja nichts anderes. Und verpflichtet habe ich mich auch. Roms Diener. Aber heil findet man nicht im Kaiser, sondern in diesem Sklavengott, der tut, was Du ihm zutraust.
Es hat sich was geändert: Mitgefühl ist gewachsen. In mir gewachsen. Ich schikaniere Gefangene nicht mehr. Ich schlage Rekruten nicht mehr. Ich schlafe wieder gut. Und friedlich. Es ist mehr gesund geworden als mein Sklave."
Amen

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