Vertrauen

Wem vertrauen sie eigentlich? Dem Partner, den Kindern, den Eltern, den KollegInnen? Oder doch nur sich selbst?

Die Frage beschäftigt mich öfter. Wem darf ich eigentlich noch vertrauen in einer Welt, wo jeder sich selbst der Nächste ist. Jedenfalls wo man oft den Eindruck hat, als versuche jeder nur für sich selbst zu leben.

Vertrauen wird oft enttäuscht. Das ist im Leben normal. Manchmal wird sogar das Vertrauen in meine eigenen Möglichkeiten und Fähigkeiten enttäuscht. Trotzdem habe ich mir selbst gegenüber nie Probleme, neues Vertrauen aufzubauen. Das ist gegenüber anderen Menschen oft ganz anders. Da greifen bekannte Muster: wer einmal mich enttäuscht hat, muss sich sein Vertrauen erst verdienen.

Vertrauen ist ein hohes Gut, von dem auch Matthäus erzählt:

[TEXT]

Eine Erfahrungsgeschichte. Die Jünger, die mit Jesus waren haben Verlässlichkeit und Hilfe erfahren – gerade auch in ihrem Zweifeln, in ihrem Kleinglauben.

Nun waren sie plötzlich allein, mitten auf dem See, den Naturelementen, die am See Genezareth relativ unvorbereitet loslegen können, hilflos ausgesetzt. Normalerweise müsste das Ganze ihnen nicht unbekannt sein. Das kann passieren. Darum wird auch nicht besonders erwähnt, welche Anstrengungen sie unternehmen, um trotzdem unversehrt ans rettende Ufer zu kommen. Scheinbar ist ihr Problem nicht das Wetter. Aber als mitten in der Nacht mitten auf dem See Jesus auf sie zukommt, packt sie das Entsetzen. Sie sehen Gespenster.

Ich verstehe das: Das Unwetter ist vielleicht schlimm, aber normal. Die Begegnung mit Jesus verursacht Entsetzen, weil sie außerhalb menschlicher Erfahrung liegt. Es ist das Entsetzen, das auftritt, wenn Dinge passieren, die ich nicht einordnen kann. Die Jünger haben diese Geschichte weitererzählt, weil sie so unfassbar war, weil sie nicht ruhig werden konnten über diesen Mann, der mächtiger war als die Naturgesetze. Diese Macht hatte ihnen Angst eingejagt, obwohl sie wussten, dass seine Macht eine gute Macht war.

Nur Petrus wagt es, diese Macht auszuprobieren, sich auf diesen Herrn zu verlassen, der übers Meer gehen kann. Auf das Wort Jesu geht er los. Aber er kommt nicht weit. Ein paar Schritte vielleicht. Ich ahne, was passiert ist. Wenn ich in einem Rohbau auf einer Treppe gehe, die keine Geländer hat, dann passiert es auch. Ich gucke runter, und mein Herz rutscht in die Hose, der Mut verlässt mich. So geht auch Petrus mitten auf dem stürmischen See. Ihm wird bewusst, auf was er sich ein gelassen hat, dass er etwas tut, was er eigentlich gar nicht kann, was nicht geht. Und er beginnt zu sinken.

Diese Geschichte spielt im Moment des Glaubens: Im Vertrauen auf Jesus darf ich mein Leben gestalten. Ich darf losgehen und Dinge tun, die ich mir nicht zutraue. Er spricht zu mir, wie zu Petrus: Komm her! Du kannst das und du schaffst das. Solange ich auf ihn schaue und auf ihn zugehe werde ich vieles schaffen. Aber dummerweise bin ich veranlagt wie Petrus auch. Ich schaue unter mich. Ich sehe, dass ich mir nicht zutraue voller Liebe und Vertrauen durch die Welt zu gehen – und ich gehe unter.

Es geht, glaube ich, in dieser Erzählung nicht so sehr um den sinkenden Petrus, es geht mehr um den Herrn, der Halt bietet, um das Vertrauen, in dem ich geborgen bin. Die Jünger haben berichtet und die frühe Gemeinde hat sich diese Geschichte bereits erzählt, weil sie bekennen wollten: Wer zu diesem Herrn gehört, der wird gehalten, wenn er sinkt. Auch wenn der Glaube schwach ist, auch wenn alles so haltlos scheint. Ich darf darauf vertrauen, dass Jesus mich nicht fallen lässt, sondern mir die Hand reicht und mich vorm Versinken in die Hoffnungslosigkeit bewahrt. Das hat vielleicht geholfen in einer Zeit, in der der Glaube bedroht und gefährdet war.

Im Gottesdienst geht es mir oft wie Petrus: Das Vertrauen ist riesengroß, ich traue mir etwas zu und möchte mit Jesus die Welt verändern, das Unrecht bekämpfen, die Welt ein wenig freier und gerechter machen. Aber mein Engagement ist nicht von Dauer, meine Begeisterung lässt nach, weil mir im Alltag Steine im Weg liegen, die ich nicht überwinde. Mir geht es wie Petrus: Ich schaue auf den Weg und beginne zu sinken, fange an unterzugehen.

Jesus Bemerkung zu Petrus über den Kleinglauben ist kein Tadel, sondern er kommentiert den Glauben, der so klein ist wie ein Senfkorn. Er kommentiert meinen Glauben und akzeptiert, dass ich wenigstens im Moment Großes vollbringen kann, dass zu meinem Tun aber auch das Scheitern gehört.

Seine Bemerkung zu Petrus: ‚Warum hast du gezweifelt?‘ ist eine Ermutigung: Trau dich und vertrau mir, sagt Jesus. Du kannst das. Mit Gottes Hilfe könnt ihr Euch auch in den Stürmen bewegen und Frieden bringen. Ihr müsst nur vertrauen: Euch und mir!

drucken