Luther-eine andere Sicht aufs Evangelium

Liebe Gemeinde,
was macht uns zu Evangelischen? Wir hörten schon oft, dass in der Bibel steht: „Wir sind gerecht allein aus Gnade, ohne dass wir uns Gerechtigkeit durch Werke verdienen müssen.“ Wir haben es oft gehört. Aber wir müssen es stetig wiederholen. Vor allem können wir diesen Glaubenssatz nicht oft genug umformulieren, damit seine Wirkweise wieder so richtig zur Geltung kommt. Eine solche Wirkungserneuerung möchte ich heute versuchen und ein kleines Experiment mit Ihnen machen.

Wenn Sie bitte einmal kurz in sich gehen und überlegen, welches Gefühl Sie mit dem Wort „Bibel“ verbinden. Was kommt Ihnen da in den Sinn? Erwacht in Ihnen das Gefühl, etwas tun zu müssen? Fühlen sie sich vielleicht irgendwie schlecht wegen der vielen Forderungen in der Bibel? Werden Sie unruhig, sind Sie vielleicht sogar bedrückt, oder auch verärgert, wütend, weil sie unangenehmes mit der Bibel verbinden? Oder ist da eine Art Kribbeln im Bauch, Freude und Erleichterung im weitesten Sinn, ein Gefühl, des Erlöst seins?

Je nachdem, mit welchen Erwartungen Sie den folgenden Predigttext hören, wird er ganz unterschiedlich klingen. Das Folgende steht im Brief des Paulus an die Epheser:

„22 Legt von euch ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel, der sich durch trügerische Begierden zugrunde richtet. 23 Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn 24 und zieht den neuen Menschen an, der nach GOTT geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit. 25 Darum legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir untereinander Glieder sind. 26 Zürnt ihr, so sündigt nicht; lasst die Sonne über euren Zorn nicht untergehen 27 und gebt nicht Raum dem Teufel. 28 Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr, sondern arbeite und schaffe mit eigenen Händen das nötige Gut, damit er dem Bedürftigen abgeben kann. 29 Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Segen bringe denen, die es hören. 30 Und betrübt nicht den Heiligen Geist GOTTES, mit dem ihr versiegelt seid für den Tag der Erlösung. 31 Alle Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei und Lästerung seien fern von euch samt aller Bosheit. 32 Seit aber untereinander freundlich und herzlich und vergebet einer dem anderen, wie auch GOTT euch vergeben hat in Christus.“

Haben Sie sie erkannt, die zehn Gebote? Der Schreiber des Epheserbriefes sagt hier in seinen Worten, was die zehn Gebote in ihren Worten sagen: Du sollst nicht lügen. Du sollst nicht stehlen. Du sollst lernen, Deinen Zorn zu bändigen, geschweige denn, dass Du in Zorn tötest. Du sollst nichts von dem begehren, was Deinem Nächsten gehört. Du sollst alle Menschen ehren, nicht nur die Eltern. Du sollst Dich von den trügerischen Begierden befreien und Dich entspannen, am Sonntag zum Beispiel.

Die ersten drei Gebote die sich auf GOTT beziehen lauten im Alten Testament wie bekannt: Ich bin der HERR Dein GOTT, der Dich aus Ägyptenland geführt hat. Deshalb sollst Du keine anderen Götter haben neben mir und meinen Namen nicht missbrauchen. Im Epheserbrief werden sie folgendermaßen zusammen gefasst: „Und betrübt nicht den Heiligen Geist GOTTES, mit dem Ihr versiegelt seid für den Tag der Erlösung.“

Ich nehme nun unser Experiment wieder auf und frage Sie: Welche Gefühle wurden ausgelöst und schwangen mit, als Sie diese Zeilen hörten? Durch Ihre Erwartung entscheidet sich, ob die Reformation schon in Ihnen angekommen ist. Nun, was macht uns zu Evangelischen?

Der damaligen Streit Martin Luthers mit der Kirche ist im Grunde nichts anderes als die Frage, mit welcher Erwartung, welchem Gefühl, die Bibel zu lesen ist. Besonders deutlich wird dies in der Frage, wie die Gebote zu verstehen sind. Die ganze Reformation dreht sich um die Frage. Fordert die Bibel oder befreit sie? Luther entschied sich radikal dafür, dass sie befreit, und wenn man es genau nimmt, überhaupt nicht fordert. Die damalige katholische Kirche meinte, dass die Bibel zuerst fordere und dann befreie.

Martin Luther hat eine faszinierende Entdeckung gemacht. Er kam auf die Idee, das Pferd der Theologie von hinten aufzuzäumen und stellte fest, dass es bisher falsch gezäumt war. Was bis dahin für den Kopf gehalten wurde, nämlich das fordernde Gesetz, erkannte er als die Hinterläufe. Das bisherige Gefühl war falsch. Jeder hatte geglaubt, der Hintern, das Gesetz, die Forderungen, sei der Kopf, der sagt wo es langging. Es war anstrengend und kräftezehrend, auf diesem Pferd zu reiten. Der „Reiter“ blickte immer zurück ins stinkende Elend. Es war eine Mühe, GOTTES Botschaft in die Welt zu tragen.

Als Luther den Sattel umdrehte, siehe da, plötzlich war da Begeisterung zu reiten und vorwärts zu galoppieren, wenn die Freude bestimmt wo es langgeht. Der Kopf des Pferdes ist die Freude. Glaube ist Freude – die Freude ist eine Kraft des Glaubens. Luther hat uns befreit und die Freude zum Tragen gebracht.

Freude verändert unsere Sicht auf das Leben radikal. Martin Luther entdeckte GOTT, als den GOTT der Freude. Unter dieser Voraussetzung las er die Bibel neu. Und erlebte, dass sie wie verwandelt war. Plötzlich war das Evangelium, eine frohe Nachricht. Er spürte eine Lebensfreude, die er nicht an sich halten konnte und die er predigend und schreibend in die Welt trug. Die Freude folgte nicht aus dem Versuch, vor GOTT bestehen zu wollen, indem er die Gebote befolgte. Nein, umgekehrt! Aus der Freude folgte Luthers Theologie, sein Verständnis der Gebote.

Wer sich von Herzen freut, will seine Freude weitergeben, will feiern. Er sieht das Leben als ein Fest, ein Fest voll überfließender Freude und möglichst alle sollen daran teilhaben. Wer sich freut, der lügt und betrügt nicht. Der ist auch weit davon entfernt, das Leben als einen Kampf zu sehen und den Feiertag zu vergessen. Wer sich freut, der möchte am liebsten die ganze Welt umarmen und GOTT gleich noch mit dazu. Wer sich einmal von Herzen gefreut hat, für den hat sich die Welt verändert. Die Gebote sind zur Selbstverständlichkeit geworden und wer möchte dann ernsthaft behaupten, nur wer traurig und in Drangsal ist, sieht die Welt richtig.

Die Entscheidung der Reformation ist klar: Wer sich freut und seine Freude teilt, der sieht die Welt, wie sie wirklich ist. Natürlich ist dann auch die Bibel mit den Augen der Freude zu lesen.

Was wir die Gebote nennen, ist dann kein göttlicher Selbstzweck mehr. Sie ergeben sich von selbst. Auch sie dienen nur einem Zweck: Dem Fest der überfließenden Freude. Sie sind die Empfehlungen GOTTES zur Festgestaltung. Wir leben, um zu feiern. Das ist die Botschaft der Reformation.

Die gesamte Bibel von der Schöpfung bis Ostern lässt sich so lesen:
Hat GOTT etwa den Sabbat gehalten, um danach wieder kräftig an eine Neuschöpfung zu gehen? Nein, er hat die Welt geschaffen, um am Sabbat mit ihr feiern zu können. Halten wir den Sonntag, um danach wieder sechs Tag arbeiten zu können? Nein, wir arbeiten sechs Tage um am Sonntag feiern zu können.

Vertrauen wir GOTT, damit er nicht böse auf uns ist und uns mit Bedrückung und Problemen überhäuft? Nein sagt die Reformation. Wir vertrauen ihm, damit uns die Sorge um das Morgen nicht das Fest kaputt macht.

Ein Letztes, das Zentrum. Ist Jesus Christus gekommen, um zu sterben? Nein niemals lachen wir Evangelischen. Er kam, um zu feiern bis zuletzt und als wir dann glaubten, das Fest sei vorbei, fing es an Ostern erst richtig an!

So sehr es manchmal auch anders erscheint: Die Schöpfung ist von Anfang an auf Freude ausgelegt. Die Feier ist der zwecklose Angelpunkt des Universums. Alles dient nur diesem Zweck!

Zu Evangelischen macht uns die radikale Grundsatzentscheidung, die gesamte Bibel als Frohe Botschaft, als Evangelium zu verstehen. Die Reformation ist nicht das Ende. Sie ist eine Lebensaufgabe für Jede und Jeden von uns.

Lesen wir den Epheserbrief mal anders:
22 Ihr könnt getrost den alten Menschen ablegen, mit seinem früheren Wandel, der sich selbst kaputt macht vor Erfolgssucht. 23 Erneuert Euch aber in eurem Geist und Sinn 24 und zieht den neuen Menschen an, der nach GOTT geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit. 25 Ihr könnt offen miteinander reden. Das ewige Versteckspiel hält doch niemand aus. 26 Wenn Ihr wütend seid, schaut zu, dass ihr wieder Locker werdet, möglichst noch vor heute Abend. Es schläft sich nicht gut mit Wut im Bauch. Sich von Wut auffressen zu lassen ist kaum angenehmer als wenn der Teufel an Euren Knochen nagt. 28 Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr. Es ist doch schrecklich ein Leben lang zu glauben man komme zu kurz. 29 Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Munde gehen, sondern redet, was gut ist. Sonst fängt Eure Umgebung an zu stinken und wer will schon gern auf einem sozialen Misthaufen lebe. 30 Deshalb betrübt nicht den Heiligen Geist GOTTES der in Euch wohnt. Lasst das Leben zu, damit der Tag der Erlösung für Euch anbricht.

(Danke, Anregungen zu Teilen meiner Predigt habe ich erhalten von Pfarrer Michael Kraus in Siegsdorf.)

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