Gott sei Dank, ich habe das Nachsehen!

Liebe Gemeinde,

Wie spreche ich diesen Satz?

Wollten wir diese Szene, den Dialog zwischen Gott und Mose auf eine Bühne bringen: Wie ließen wir Mose, wie ließen wir denjenigen, der seine Rolle einnimmt, diesen Satz sprechen: Lass mich deine Herrlichkeit sehen?

Wie wäre es mit der akademischen Form: „Hiermit beantrage ich Einsichtnahme in die Herrlichkeit Gottes und bestelle dazu folgende Urkunden, Bücher, Bilder und Werke…..“ Klingt ihnen zu distanziert? Mag ja sein. Die Frage nach Gott, nach Gottes-Einsicht berührt zwar durchaus unseren Verstand. Aber ich hätte auch Bedenken, ob die Eingangshalle einer Universitätsbibliothek der passende, aktuelle Schauplatz für unsere Mose-Szene wäre.

Ein andere Möglichkeit: Wir nehmen die Natur als Bühne und stellten unseren aktuellen Mose in alpine Landschaft mit herrlich weitem Blick über Tal und Berge. „Lass mich deine Herrlichkeit sehen“. Nun läge ein ahnungsvolles Verlangen in dieser Bitte, doch diesen wunderbaren Blick aufgehen zu lassen in ein unvergessliches Seelenbild von Güte und Geborgenheit.

In der Diskussion, ob wir diese Szene in der Natur nachspielten, könnten wir auf Psalm 19 verweisen. Da heißt es: Die Himmel erzählen die Ehre Gottes, und die Feste verkündigt seiner Hände Werk. Ein Tag sagt’s dem andern, und eine Nacht tut’s kund der andern…Ihr Schall geht aus in alle Lande und ihr Reden bis an die Enden der Welt. Er hat der Sonne ein Zelt am Himmel gemacht. Und später heißt es: Das Gesetz des HERRN ist vollkommen und erquickt die Seele. Das Zeugnis des HERRN ist gewiss und macht die Unverständigen weise.

Diese Szene mag für die eine oder den anderen von ihnen, liebe Gemeinde, durchaus passend erscheinen. Viele von uns kennen solche unplanbaren und dann so erhebende, erhabene Augenblicke, in denen das erschaute Universum durchsichtig hin auf Gott erscheint und darin unser Herz und Gemüt erwärmt.

Anderen mag solcherlei Gott-in-der-Natur-Wahrnehmen zu sehr an die biedere Kawohl-Kalender-Frömmigkeit erinnern, die allzu oft und allzu gern Blümchen- und Naturbilder mit Bibelsprüchen kombiniert. Die Distanz mag berechtigt sein. Es ist aber auch berechtigt, zu sagen, dass die Wahrnehmung Gottes und das Schauen seiner Herrlichkeit nicht nur kompliziert, Problem beladen und schwer zugänglich sind.

Wie aber sprechen wir nun diesen Satz in unserer aktualisierten Mose-Gott Szene? „Lass mich deine Herrlichkeit sehen.“ Schauen wir nach, in welchem Lebenszusammenhang sie beim alten Mose erklingt.

Das Ergebnis in Stichworten: Schauplatz ist die Wüste. Chaos innen und außen. Inmitten der Sandstürme und Alltagsnot ringt Mose mit Gott um die Zukunft seines Volkes. Er bekommt zwei Gesetzestafeln. Das Volk aber tanzt lieber um das „Goldene Kalb“. Kennen wir: Geld, Geschenke, gutes leben. Das reicht doch. Mose aber weiß um die Gefahr. Ein Volk, das ums Gold tanzt, wird zerbrechen und kraftlos der Zukunft entgegen taumeln. Wut. Brutale Strafaktionen folgen, die Mose mit den Taliban der damaligen Zeit durchführt. Ekelhaft, wie selbstverständlich Gott und grausame Gewalt miteinander in Verbindung stehen. Das archaische Schauspiel ist so alt und wird doch auch in unseren Tagen aufgeführt. Mose bleibt in der Verantwortung: Führe mein Volk. Und dann bittet er: Lass mich deinen Weg wissen, damit ich erkenne und Gnade finde vor deinen Augen. Dann folgt unsere Szene. Die Frage heißt nun: Lass mich deine Herrlichkeit sehen.

Wollten wir diese Szene nun auf eine Bühne bringen und nachsprechen, so wären dies einige der Möglichkeiten: Wir lassen diesen Satz eine Mutter (oder einen Vater) nachsprechen, die vor Sorge um ihre Kinder vergehen. Wir lassen diesen Satz nachsprechen von einem Lehrer, dem die Zukunft der Jugend anvertraut ist. Wir ließen diese Szene von einem Menschen nachsprechen, der sich in Sorge um seine Lieben verzehrt. Das können durchaus Menschen sein, die zwar kein Massaker begingen, wohl aber in ihrer Sorge schon auch sehr falsch gehandelt haben.
Komisch nur, mir fällt kein Politiker ein, dem ich glaubhaft diesen Satz in den Mund legen könnte…

Manchmal ist die Frage nach Gott für uns von rein akademischem Interesse. Das ist berechtigt und das will ich nicht auch nicht schlechtmachen. In anderen Augenblicken meinen wir Gott schier zu spüren in der Schönheit eines Augenblicks. Daran wollen wir uns freuen.

Aber manches Mal ringen wir wie Jesus im Garten Gethsemane mit Gott, mit seinem Willen, schreien nach ihm und weinen, weil er so verborgen und darob unsere Seele so dunkel und düster geworden ist. Die Frage nach Gott, das Verlangen, ihn zu sehen, seiner sicher zu sein ist dann eine drängende Lebensfrage, wenn unser tiefes Verlangen nach Leben für uns – und darauf kommt es nun an – für uns und die, die wir lieben, mit denen wir leben, fraglich geworden ist. Hier sind wir Mose wohl am nächsten. Er schreit nach Gott um willen derer, für die er in Verantwortung steht. Und so auch für sich.

Ich kenne deinen Namen

Nun haben wir sehr lange nach dem rechten Ausgangspunkt gesucht. Nun fragen wir weiter: Steckt eine Botschaft in dieser Szene? Ich will sie so formulieren: Gott sagt seine Gegenwart zu. Ich kenne dich mit Namen, sagt er Mose. Und wenn wir diese alte Szene in unsere Gegenwart herüber holen, dann dürfen wir so mutig sein und voller Zuversicht, dass diese Zusage auch einem jeden von uns gilt. Freilich bleibt Gott uns unverfügbar. Im Bibeltext ist dies so formuliert: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich. Bitte hören sie das nicht als Ausschlussklausel. Vor allem dann nicht, wenn nicht nur ihr Verstand, sondern ihre Seele nach Gottes Herrlichkeit, nach Leben, nach Zukunft verlangt. Hören sie es so, wie es gemeint ist: Du wirst mich erkennen. Traue auf mich, auch wenn es dir schwer fällt. Folge mir. Du wirst mich erkennen. Den Augenblick bestimme ich.

Der russische Dichter Tolstoi sagt es so: Wenn dir der Gedanke kommt, dass alles, was du über Gott gedacht hast, verkehrt ist, dann gerate darüber nicht in Bestürzung. Wenn du nicht mehr an den Gott glauben kannst, an den du früher geglaubt hast, so rührt das daher, dass sich dein Glaube verändern muss. Wenn ein Wilder aufhört an seinen hölzernen Gott zu glauben, heißt das nicht, dass es keinen Gott gibt, sondern nur, dass der wahre Gott nicht aus Holz ist.“

Darauf wollen und dürfen wir in jeder Stunde unseres Lebens trauen. Gott spricht auch mir zu: Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will vor dir kundtun den Namen des HERRN. Nach all der Wirrnis in der Wüste, nach allem Chaos, nach aller Not, nach aller Sorge, wie das Leben wohl weiter gehen wird, tritt Mose mit glänzendem Gesicht hervor. Darauf wollen auch wir hoffen und trauen: Wir werden strahlen vor Glück und froh sein und jubeln. Wann das sein wird, liegt in Gottes Hand. Dieser Augenblick ist uns unverfügbar und doch ist er gewiss.

Im Raum

Und dann soll Mose sich in einem Raum stellen. In der alten Geschichte ist das eine Felsspalte. Dort soll Mose sich hinstellen und zugleich stellt Gott ihn an diesen besonderen Ort, hält seine Hand über ihn und zieht an ihm vorbei.

Bleiben wir bei unserer Ausgangsfrage: Wollten wir diese Szene auf die Bühne unseres Lebens holen und sie dort nachspielen: Wo wäre dieser Raum? Vielleicht gibt es ja jemanden unter uns, der uns das sehr genau sagen könnte, an welchem Ort ihm Gottes Herrlichkeit offenbar geworden ist? Es könnte ein Gespräch mit einem vertrauten Menschen gewesen sein, ein Gespräch, in dem Zuversicht und Hoffnung gewachsen sind und die böse Finsternis der Seele nahezu verschwand.

Es könnte ein Gebet allein in einer Kapelle gewesen sein, irgendwo auf dieser Welt, unverhofft und doch bleibend als rettende Begegnung mit Gott. Eine Begegnung, die der Seele unvergesslich geblieben ist.

Und – da habe ich lange überlegt, ob diesen Ort zu benennen nicht hochmütig wirken würde – und es könnten doch auch unsere Kirchenbänke Raum sein, Gott zu erfahren. In dieser Gewissheit feiern wir doch jeden Sonntag Gottesdienst, hören auf sein Wort, sprechen unser Gebet und singen seiner Herrlichkeit. Nein, hochmütig darf und soll es nicht klingen. Dankbar und mit tiefer Bescheidenheit aber will ich auch diesen Raum unserer Kirchen mit einbeziehen, wenn wir darüber nachdenken, wo sich heute für uns die Gegenwart Gottes ereignet. Über unseren Gottesdiensten liegt diese Verheißung, dass Gott in allem, was wir in seinem Namen tun, zu uns spricht, uns aufrichtet, uns Hoffnung werden lässt für uns und für die, die wir lieben. Ich sage das mit tiefer Bescheidenheit im Wissen darum, dass die Wahrnehmung Gottes trotz allem und trotz noch so sorgfältiger Vorbereitung einer Predigt unverfügbar ist und auch uns unverfügbar bleiben wird.

Gott sei Dank haben wir das Nachsehen…

Man kennt das ja. Hat ein Buch gelesen. Und viel später merkt man, dass ein Gedanke, ein Bild daraus unvergänglich zu den Schätzen tiefer Einsicht geworden ist. Es mag ja auch sein, dass man nach einem Gottesdienst heimgeht, irgendwie war es schön aber so richtig angesprochen hat einen nichts. Oder doch? Man setzt sich hin, denkt nach und im Nachdenken erst wächst die Erkenntnis. Ja, da war doch etwas. Und so endet ja auch unser Mose-Gott-Dialog: Meine Hand will ich über dir halten, bis ich vorübergegangen bin. Dann will ich meine Hand von dir tun, und du darfst hinter mir her sehen.

Akademisch betrachtet heißt das, dass wir Gott und Gottes Wege erst im Nachhinein erkennen. Aber akademisch – das stand ja schon zu Beginn fest – wollen wir unsere Dialog-Szene nicht begreifen. Lassen wir lieber die seelsorgerliche Schönheit dieser Szene auf uns wirken. Gott hält seine Hand über mich. Gerade deswegen kann ich ihn nicht wirklich erkennen. Es gibt wahrscheinlich auch das Kawohl-Kalender-Bild mit den Spuren im Sand… Ich denke, die meisten kennen diese kleine Story.

Gott hält seine Hand über mich. Darauf wollen wir trauen auf dem Weg ins neue und frische Jahr. Gott hält seine Hand über mich, obgleich ich ihn oft so wenig spüre. Aber – Gott sei Dank – hier darf ich das Nachsehen haben: ich fühlte mich nicht bedacht, hatte immer das Gefühl zurückstehen zu müssen. Ich fühlte mich vergessen und war ins Hintertreffen geraten. Hatte nur das Nachsehen. Gott aber hatte Nachsicht mit mir, hat mich am Leben gehalten trotz all meiner Zweifel. Hat mich geführt trotz all meiner trotzigen Versuche, meine Lebenssackgassen bis ins bittere Ende zu durchschreiten. Nun, im Nachhinein, im Nachsehen erkenne ich, mit welcher Nachsicht Gott mir begegnet ist, mich geführt hat, bei mir war, seine Hand schützend über mich hielt. Darauf wollen wir trauen. Und so bitten wir: Lass mich deine Herrlichkeit sehen! Diese Bitte könnten wir auch voller Glück spielen lassen an einem sonnigen Tag in fester Gewissheit, dass Gott diese Bitte schon gehört hat, ehe sie meine Lippen verließ.

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