Vom verwirrten und gehörnten Mose, vom glänzenden Gott und von unverhüllten Gesichtern

Um Glanz geht es in der Epiphaniaszeit nach Weihnachten. Der Stern leuchtet noch. Jesus tritt in Erscheinung. Der göttliche Glanz, der in Jesus liegt, wird sichtbar, blitzt zwischendurch auf. Bei der Hochzeit etwa, wo plötzlich kostbarer Wein ausgeschenkt wird und einigen Gästen aufblitzt, dass Jesus dahintersteckt und was in Jesus steckt.
Vom Glänzen erzählt auch die Geschichte von Mose aus dem Alten Testament, nachdem das Volk der Sklaverei in Ägypten entflohen war und nun ins Gelobte Land wanderte.

„ Mose sagte: Lass mich bitte jetzt deinen göttlichen Glanz sehen! Gott antwortete: Ich werde in meiner unermesslichen Schönheit dicht an dir vorbeigehen und meinen Namen Ich-bin-da vor dir ausrufen. Ich will allen wohl, denen ich Wohlwollen schenken will. Ich leide mit allen, die ich bemitleiden will. Und weiter: Du darfst mein Gesicht trotzdem nicht anschauen, denn kein Mensch, der mir ins Gesicht sieht, würde am Leben bleiben. Er sagte noch: Hier neben mir ist noch Platz, stelle ich zu mir auf den Felsen. Wenn dann gleich mein Glanz vorbeigeht, dann drücke ich dich in eine Felsnische und halte dir meine Hand vor die Augen, bis ich vorbei bin. Dann ziehe ich sie weg und du kannst mich von hinten sehen, aber mein Gesicht darfst du nicht anschauen.“ (Ex 33, 18-2, Bibel in gerechter Sprache)

Welch schöne Geschichte. Gottes funkelnder Glanz. Mose spricht aus, was sich viele Menschen wünschen: Gott sehen, von Angesicht zu Angesicht. Sie möchten Gott selbst gegenüberstehen, nicht nur hören oder in der Bibel lesen. Und dann erlebt Mose Gott tatsächlich. Sehen kann auch er ihn zwar nicht, Aber Gott geht ganz nah an ihm vorbei, er kann ihn spüren, hinter ihm herschauen, der Abglanz Gottes fällt auf ihn. Nach solch einem Moment sehnen sich so manche. Welch schöne Geschichte, die den Träumen Nahrung gibt.
Aber so einfach ist es nicht. Denn drumherum ist nicht nur Wüste. Drumherum sind Zorn und Misstrauen, gegenseitige Vorwürfe. Gott und Mensch sind desillusioniert. Und Berge von Leichen, 3000 Tote, erschlagen von den eigenen Leuten.

Kennen wir die Zusammenhänge? Die Israeliten entfliehen der Sklaverei in Ägypten. Am Berg Sinai bekommen sie durch Mose die 10 Gebote (Ex 20) und schließen feierlich einen Bund mit Gott (Ex 24). Mose steigt mit Josua auf den Berg und empfängt viele andere Gesetze zum heiligen Zelt, der Stiftshütte, zu ihrer Ausstattung, zur priesterlichen Kleidung, sowie zwei steinerne Gesetzestafeln, die Gott selbst beschrieben hat. Die Leute warten am Bergfuß auf ihn, vierzig Tage und Nächte, und als er ausbleibt und sie einen Gott brauchen, der ihnen beisteht, gießt Aaron ihnen schließlich aus ihrem Schmuck eine Statue, das Goldene Kalb.
Gott wird zornig. Er ist enttäuscht, will das Volk vernichten und stattdessen aus Mose ein großes Volk machen. Doch Mose fleht Gott an, nicht zornig zu sein, erinnert ihn, dass er selbst das Volk aus Ägypten befreit hat, stimmt ihn um – mit Erfolg. In der Bibel heißt es: „ Gott bereute das Unheil, das er ihnen zugedacht hatte.“ (Ex 32,14)

Mose steigt mit Josua vom Berg herab, kommt zum Lager, sieht den Tanz um das Goldene Kalb. Er wird zornig, zerschmettert die beiden steinernen Tafeln, zerstört die Stierskulptur. Am Lagereingang ruft er alle zu sich, die sich Gott zugehörig wissen – es kommen die Männer vom Stamm Levi, dem späteren Priesterstamm, die Leviten – und befiehlt: „Jeder lege sein Schwert an. Geht hin und her durch das Lager, von Tor zu Tor und jeder erschlage seinen Bruder, Freund und Nachbarn.“ (32,27). An diesem Tag fallen 3000 Männer.
Vielleicht kann ich Sühne für euer Vergehen erwirken, erklärt Mose am nächsten Morgen dem Volk und steigt auf den Berg. Als er ihnen die Antwort ausrichtet, legen alle vor Trauer ihren Schmuck ab: Ja, sie sollen ins Gelobte Land ziehen. Ein Engel wird sie führen. Aber nicht Gott selbst: „Wenn ich nur einen Moment lang mit euch zöge, würde ich euch alle umbringen.“ (33,5)

Mose schlägt das heilige Zelt der Begegnung entfernt vom Lager auf. Darin spricht Gott direkt mit Mose und die Leute können sehen, wie die Wolkensäule sich über das Zelt senkt. Und dort bittet Mose auch, Gottes Glanz sehen zu dürfen.
Gott schickt Mose mit zwei leeren Steintafeln auf den Berg Sinai. Dort schreibt Mose die Zehn Worte auf die Tafeln. Und sein Wunsch geht in Erfüllung. Gott geht an ihm vorüber.Als er nach 40 Tagen und Nächten herabsteigt, glänzt sein Gesicht strahlend. Ohne dass er es merkte, hat sich Gottes Glanz auf seine Haut gelegt. Fortan verhüllt er sein Gesicht vor den Menschen, denn die Leute hat eine Scheu ergriffen vor diesem Glanz.

Das klingt verwickelt und das ist es auch. Mich beschäftigt, wie schnell verurteilt und ausgerottet wird. Und vor allem: Wessen Zorn bricht sich Bahn? Wer versöhnt? Gott sieht das Goldene Kalb und plant die Vernichtung der Israeliten. Mose bringt ihn davon ab – doch wird selbst wütend, als er das Goldene Kalb sieht. Mose befiehlt ein Massaker im Namen Gottes; hatte Gott nicht davon Abstand genommen? Gott vergibt dem Volk und will es dennoch nicht mehr sehen, nimmt trotzdem Wohnung in der Wolkensäule im heiligen Zelt vor dem Lager.
Die Erzählung über viele Kapitel hinweg ist tatsächlich verwirrend. Die Bibelwissenschaft hat herausgefunden, dass unterschiedliche Überlieferungen aus verschiedenen Zeiten miteinander verwoben sind.

Wie auch immer: Mose hat allen Grund, verunsichert zu sein. Wo ist Gott in all diesem Hin und Her, zwischen gegenseitigem Vertrauen und Befremden. Gott befreit die Israeliten, erklärt sie zum auserwählten Volk, sie tun sich zusammen. Ein paar Sätze weiter beschimpft er sie als halsstarrig und unverbesserlich, will sie am liebsten ausrotten. Und die Leute fragen sich, wer und wo dieser Gott ist. Mose hat allen Grund zu fragen: Was ist nur los mit Gott in dieser Welt, wo Gottes Angesicht bei den Menschen verdunkelt ist. Gott ist für Mose ein Fragezeichen geworden. Das Bild, das er von Gott hatte, ist erschüttert. Gibt es den Gott überhaupt, dem ich einmal vertraut hatte? Deshalb – und nicht aus einem kindlichen Vertrauen heraus – möchte er Gottes Herrlichkeit schauen. Er möchte Gottes Glanz und Schönheit (wieder)finden in dem – oder hinter dem – , was zerbrochen ist.

Welches Bild haben wir von Gott? Jemand hat einmal gefragt, wie wir nach Auschwitz, nach dem Holocaust von Gott reden können. Daß 6 Millionen Juden umgebracht wurden, hat viel damit zu tun, wie in der christlichen Kirche jahrhundertelang gepredigt wurde. Juden – und viele andere auch – verdienen Strafe. Wie können wir heute anders von Gott reden – einladend, nicht ausgrenzend, ohne Drohen. Wie gehen wir mit Bibelstellen um, in denen von Wut und Zerstörung in Gottes Namen erzählt wird? Ist Gott so verurteilend und aggressiv? Läßt er wirklich Menschen, Tiere, ganze Städte ausrotten – oder sind es nicht eher Menschen, die das von Gott behaupten und deren Glaubensvorstellungen sich in der Bibel niedergeschlagen haben, Futter für Zerstörungsphantasien späterer Zeiten? Wer ist Gott für uns? Wo finden wir, gerade wenn so viel zerbrochen ist, den liebevollen Glanz in Gottes Augen, Gottes atemberaubende Schönheit – und wie findet das Raum bei uns und in unseren Kirchen?

Mose schiebt solche Fragen nicht weg, gibt sich nicht zufrieden. Und er findet Antwort. Sein Wunsch geht in Erfüllung. Und, überraschend fürsorglich zeigt Gott sich ihm, hält ihm die Hand vor seine Augen. Gott kommt ihm nahe und schützt ihn zugleich vor dem, was er nicht verkraften kann. Mose darf Gott hinterherschauen, so wie wir vieles erst im Nachschauen, im Nachhinein erkennen.
Der Glanz legt sich auf ihn und färbt auf ihn ab, macht seine Gesichtshaut glänzend. In der lateinischen Bibelübersetzung heißt es irrtümlich cornuta, gehörnt, statt coronata, glänzend. Deshalb haben die mittelalterlichen und barocken Maler Mose mit Hörnern an der Stirn dargestellt, der „gehörnte Mose“.

Es ist Gottes Glanz, der sich nun in Mose widerspiegelt und ihn zugleich verändert. Und den Leuten ein wenig fremd macht. Damit geht es ihm wie so manchen, die Gott nahegekommen sind – dass sie anders von sich und von Gott reden, als es üblich ist, und auf Befremden stoßen. Hildegard von Bingen etwa, die Gott als Licht beschrieben hat. Oder der Erfurter Mystiker Meister Eckhardt. Nicht selten sind solche Frauen und Männer verketzert worden – und Jahrhunderte später rehabilitiert oder sogar heilig gesprochen.

Mose steigt verändert vom Berg herab. Sein Gesicht ist glänzend geworden. Er wird es fortan mit einem Tuch verhüllen. Eigentlich schade, dass seine Umgebung nicht damit umgehen kann. Kann ein Mensch soviel ausstrahlen, dass er sich verhüllen und verstecken muß? Ein strahlender Mose?
Wie befreiend wäre es, wenn er sich so zeigen könnte, wie er wirklich ist: verändert, leuchtend, sicher auch niedergeschlagen und kraftlos an anderen Tagen, jedenfalls ein Widerschein davon, wie ihm Gott begegnet. Und die Leute um ihn herum halten ihn aus. Sie können damit umgehen, wenn jemand schwach ist, und sie müssen nicht kleinreden, wenn jemand das Einzigartige und Phantastische zeigt, was in ihm oder ihr steckt, sondern können sich darüber freuen.
Trauen wir uns, authentisch zu sein? Wir sind Ebenbilder Gottes und in uns spiegelt sich göttlicher Glanz, göttliche Schönheit wider.
Laß mich dein Angesicht sehen. Vielleicht kann die Geschichte bei uns weitergehen, die Geschichte vom verunsicherten und gehörnten Mose, vom glänzenden Gott und von unverhüllten Gesichtern.

Mehr Predigten: www.queerpredigen.com

Andere Predigt zu 2. Mose 33,18-23: hier

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