Mit kreisenden Gedanken zum Neuanfang

Liebe Gemeinde,
Quasimodogeniti, „Wie die neugeborenen Kinder“, heißt soviel wie Neuanfang oder Wiederbeginn.

Der Theaterregisseur Christoph Schlingensief beschreibt in seinem „Tagebuch einer Krebserkrankung“ wie er in den verschiedenen Phasen seiner Krankheit, mit den Stimmungsschwankungen und der bodenlosen Angst zu kämpfen hatte.
Er schreibt vom Ringen um den Glauben seiner Kindheit. Er möchte wieder einen Weg zu Gott finden, um ihm trotz seiner Krankheit vertrauen zu können.

Schlingensief schreibt: „Das ist eben das Paradox mit Gott. Da ist einer weg, ist nicht da, aber trotzdem ganz nahe bei uns. Wenn jemand nicht da ist, dann ist er vielleicht einfach das Ganze. Wenn jemand da ist, dann sieht man, dass sein Haaransatz zurückgeht, er beim Reden lispelt oder andere Beeinträchtigungen hat. Deshalb ist Gott lieber nicht da. Dann kann er alles sein und selbst in seiner Abwesenheit anwesend sein.“

Das Motto seines Buches ist:
„Auf das die kreisenden Gedanken endlich einen Grund finden.“

Sicher kennen sie alle solche kreisenden Gedanken. Jeder, den ein Schicksalsschlag getroffen hat oder der eine Trennung durchlebt hat, kennt wohl solche kreisenden Gedanken. Fragen, wie die folgenden gehen einem dann häufig durch den Kopf: Wie konnte das passieren? Womit hat es angefangen? Was habe ich versäumt? Warum hat es gerade mich erwischt?

Auch wer liebevoll Anteil nimmt am Schmerz anderer, kennt solch kreisenden Gedanken: Warum musste ausgerechnet dieser Mensch sterben? Warum lässt er mich allein? Warum trifft sie oder ihn diese Krankheit? Immer wieder ziehen die Gedanken die gleiche Spur. Sie führe nicht weiter, sie schmerzen nur.

Am Karfreitag kreisen die Gedanken der Jünger auch um die Frage: Warum? Warum musste Jesus sterben? Warum lässt er uns allein? Verzweifelt stehen sie unter dem Kreuz an dem Jesus stirbt.

Ich sehe das Kreuzigungsbild des Isenheimer Altars vor mir: Hände ringend steht Maria unter dem Kreuz, Johannes muss die verzweifelte Mutter stützen und wirkt selbst ganz verzweifelt. Maria Magdalena kniet voller Schmerz am Boden.

Der Meister, Mathias Grünewald, malte den geschundenen Körper Jesu. Überall haben ihn die Dornen verletzt, die Arme und Beine sind überdehnt, Hände und Füße von riesigen Nägeln durchbohrt. Christus leidet wie alle Menschen denen Gewalt angetan wird und stirbt auch wie sie.

Da ist die Frage wieder, Warum? Warum musste Jesus sterben? Die Jünger liefen weg von diesem grauenhaften Ort, versteckten sich, hatten Angst um ihr Leben und wussten nicht, wie es weitergehen soll. Sie waren völlig orientierungslos. Ihre Gedanken kreisten um den Abschied, um die Trauer und alle Trostbilder und Trostworte, die Jesus ihnen hinterlassen hatte, blieben stumm.

Selbst die Nachricht der Frauen am Ostermorgen: „Jesus ist auferstanden! Er lebt!“, erreichte sie nicht. Bei Lukas 24,16 steht: „Ihre Augen wurden gehalten, dass sie ihn nicht erkannten.“

Zwei Jünger liefen sogar von Jerusalem bis nach Emmaus, 12km, um die ungeheure Botschaft zu begreifen: „Jesus lebt, Gott hat den Tod besiegt.“ Dann bei Johannes 20,19-29 heißt es: „Am Abend des ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden die Türen verschlossen hatten…“

Merkwürdig, diese Abendstimmung am Auferstehungstage. Die Frauen haben das Grab aufgesucht, ganz früh am Morgen, mit den ersten Sonnenstrahlen und kamen mit einer frohen Botschaft nach hause. Die Männer kamen aber erst am Abend zusammen. Weiter heißt es:„…kam Jesus, trat in Ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit Euch!“ Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, dass sie den Herrn sahen.“

Bitte? Wie abgeklärt klingt das denn? „Da freuten sich die Jünger, das sie den Herrn sahen.“ Upps. Da erlebten sie das fundamentale Wunder; die endgültige Zusage Gottes, die Stunde einer neuen Schöpfung und was empfinden die Jünger dabei: „Sie freuen sich!“

In anderen Auferstehungsberichten wird von anderen Reaktionen erzählt, von Angst, Schrecken und Unglauben. Und hier, dieses unglaubliche: „Sie freuen sich.“ Das klingt wie auf einer formellen Party. Schön das sie da sind! Freut mich sie zu sehen! Schön dass sie kommen konnten.

Später lesen wir: „Thomas… einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. Die anderen Jünger sagten zu ihn: Wir haben den Herren gesehen. Er entgegnete ihnen: Wenn ich nicht die Male der Nägel in seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in die Male der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich es nicht.“

Ob nicht hier der Schlüssel zum so genannten Unglauben des Thomas liegt? Wie soll er glauben, wenn ihm seine Kollegen nichts anderes zu sagen haben, als: „Wir haben den Herrn gesehen“. Wenn sie ihn wirklich gesehen haben, dann müsste sie das doch verändert haben, dann müssten sie jauchzen, tanzen, überschäumen in ihrer Ekstase. Sie müssten Thomas um den Hals fallen, lache und heulen, übermannt sein von der Freude. Doch nur das: „Wir haben den Herren gesehen.“
Nein, Thomas ist nicht ungläubig: ein Herz, das sich von der Begegnung mit Gott nicht verzaubern lässt, ist wohl weit ungläubiger als er.

Dann, acht Tage später, als Jesus erneut erschien, kommt alles wie Thomas wünschte. Jesus sagt zu ihm: „Strecke deine Finger aus – hier sind meine Hände! Strecke Deine Hände aus und lege sie in meine Seite und sei nicht mehr ungläubig, sondern gläubig!“ Thomas fiel auf die Knie und antwortete: „Mein Herr und mein Gott!“

Das ist Thomas. Er sagt nicht: „Freue mich, Dich zu sehen.“ Er ist der Einzige, der überwältigt ist, der auf die Knie fällt und stammelt: „Mein Herr und mein Gott.“

Für uns Spätgeborenen allerdings gilt das Wort des Johannes 20,29 „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ uns bleibt zurzeit noch die Ansicht dieses Wunders versagt. Nur der Glaube vermittelt uns die tiefe Verbindung mit Christus, der mit den Menschen leidet, stirbt und aufersteht.

Die Evangelisten erzählen davon, wie unterschiedlich Gottes Wege waren bis die Menschen dieses Wunder glauben konnten: „Gott ist Mensch geworden“. Er zeigt sich uns Menschen in Jesus Christus. Er teilt unsere Angst, unseren Schmerz und den Tod. Und so wie Gott, Christus von den Toten auferweckt hat, so ruft er uns ins ewige Leben.

Die Jünger haben viel Zeit gebraucht, bis ihre kreisenden Gedanken den Grund gefunden haben: Jesus musste sterben und auferstehen, damit wir Menschen durch ihn das ewige Leben erben.

Dann aber wurden sie erfasst von unaussprechlicher und herrlicher Freude. Sie sind aufgebrochen, haben Anderen die gute Nachricht gebracht und sie durch die Taufe für immer mit Gott verbunden, damit sie glauben können. Seitdem taufen die Christen Kinder und Erwachsene und legen sie Gott ans Herz. Daran erinnert der heutige Sonntag.

In der alten Kirche wurden die Taufbewerber in der Osternacht getauft. Als Zeichen dafür, dass sie nun „wie neugeborene Kinder“ waren erhielten sie ein weißes Taufgewand. Am ersten Sonntag nach Ostern, heute: „Quasimodogeniti“ legten sie es wieder ab und tauchten nun, mit neuer Hoffnung, in ihren Alltag ein. Als neugeborenen Kinder und Erwachsene.

Martin Luther hat der Kindertaufe den Vorzug gegeben, damit das bedingungslose „Ja“ Gottes zu den Menschen richtig zum Ausdruck kommt. Luther hat sich oft daran getröstet, das uns Gottes „Ja“ ein für allemal gilt und allem vorausgeht, was Menschen verstehen, entscheiden und tun. Was kann schöner sein, als dass Gott zu uns sagt: „Ich habe dich lieb, ich rufe Dich bei Deinem Namen, Du gehörst zu mir“.

Stellen wir gegenüber, einerseits die Kinder, ja die „neugeborenen“ Kinder. Unbelastet vom Leben. Kinder sind offen für alles und sind von allem vorbehaltlos fasziniert. Kinder sehen noch dass Gänseblümchen auf einer Blumenwiese. Kinder glauben noch an Wunder, wissen aus dem Bauch heraus dass es da noch etwas Größeres gibt und können ganz einfache Gebete sprechen. „Lieber Jesus mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm.“ Und es wirkt.

Und andererseits die damals „neugeborenen“ ersten, Christen. Was hatten sie zu leiden und doch haben sie unseren Glauben gelebt. Darauf gibt der unbekannte Schreiber des ersten Petrusbriefes eine leidenschaftliche Antwort. Er erinnert die zweifelnde Gemeinschaft daran, was sie als Christen untrennbar miteinander verbindet:
Petrus 1,3-5: „Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten, zu einem unvergänglichen und unbefleckten und unverwelklichen Erbe, das aufbewahrt wird im Himmel für Euch, die Ihr aus Gottes Macht durch den Glauben bewahrt werdet zur Seligkeit, die bereit ist, das sie offenbar werde zu der letzten Zeit.“

Wow! Was ein Angebot! Was soll es Größeres geben als ein unzerstörbares Vertrauen in Gott? Was soll es Größeres geben als die Gewissheit, dass Gott uns Menschen entgegen kommt und, dass uns niemand den Glauben an Gottes Macht nehmen kann. An die Macht, die sogar den Tod besiegt. Der Glaube ist beständig, beständiger als Angst und Trauer. Denn die ersten Christen hatten nur das Leiden, die Verzweiflung, den Tod und der Glaube überlebte doch.

Diese Freude, dass der Glaube das wertvollste Gut ist, das Menschen zum ewigen Leben bewahren kann. Diese Freude soll uns die Kraft geben, unsere Zeit zu ertragen. Im Petrus heißt es: „Eine kleine Zeit der Anfechtung“.

Ganz früher, zu Anfang, war die Bedrohung der Tod. Daneben nehmen sich die heutigen Anfechtungen z. B.: schwere Erkrankungen, Probleme in der Familie, Arbeitslosigkeit und Anderes, ja schon fast banal aus. Alle unseren heutigen Anfechtungen sind überwindbar und kosten meist nicht mehr das Leben. Unser Glaube wird als viel kostbarer empfunden als das Gold, dass durch Feuer immer wieder verändert werden kann. Unser Glaube steht unumstößlich und sei der Wind noch so stark.

Im 1.Petrus 1,6-9 heißt es dazu: „Dann werdet ihr Euch freuen, die ihr jetzt eine kleine Zeit, wenn es sein soll, traurig seit in mancherlei Anfechtungen, damit Euer Glaube als echt und viel kostbarer befunden werde als das vergängliche Gold, das durchs Feuer geläutert wird, zu Lob, Preis und Ehre, wenn offenbar wird Jesus Christus. Ihn habt ihr nicht gesehen und habt ihn doch lieb; und nun glaubt ihr an ihn, obwohl ihr ihn nicht seht; ihr werdet Euch aber freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude, wenn ihr das Ziel eures Glaubens erlangt, nämlich der Seelen Seligkeit.“

Auf, auf lassen Sie uns gehen im unsere Zeit „wie die neugeborenen Kinder“. Ein Jeder in seiner Richtung einen Neuanfang wagen, jeden Tag. In dem sicheren und überzeugten Wissen das der Herr unser Gott, seine Hand schützend über uns hält.

(Danke, Anregungen zu Teilen meiner Predigt habe ich erhalten von Pfarrerin Susanne-Marie Breustedt in Creuzburg.)

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