Alle an einem Tisch

Liebe Gemeinde,
„Es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes.“
So lautet der Spruch bei Lukas 13,29 für die kommende Woche.

Im Psalm 117,1 hören wir: „Preiset Gott, alle Völker.“
Damit klingt das Thema des Sonntags an:
„Alle Völker loben gemeinsam Gott.“

Christus ist nicht nur für einzelne Menschen, einzelne Gruppen, einzelne Völker gekommen. Er ist das Licht für Alle.
Alle werden am Tische Gottes vereint sein, aus Osten und Westen,
aus Norden und Süden. Das klingt ganz vertraut.
Diese Texte kennen wir und haben sie oft gehört.

Und solange wir allgemein von allen Völkern und von der ganzen Welt sprechen, geht uns das auch glatt von der Zunge.
Noch dazu, wenn von der Zukunft geredet wird:
„Sie werden an Gottes Tisch sitzen.“
Das ist schön weit weg und da fühlen wir uns nicht angesprochen.

Zum Kern unseres Glaubens gehört es allerdings, dass Gottes Zukunft schon begonnen hat. Jesus ist jetzt schon das Licht für die ganze Welt. In Christus haben wir eine Orientierung, wie wir uns schon jetzt an Gottes Zukunft ausrichten können.
Es geht nicht um entfernte Völker und eine ferne Zukunft, sondern es geht um unsere Welt, um unser Leben, heute. Jetzt soll es beginnen, dass die Menschen aus allen Richtungen, also aus allen Himmelsrichtungen, allen Glaubensrichtungen, allen Denkrichtungen an einem Tisch zusammenkommen, um Gott zu loben.

Doch das ist gar nicht so einfach, dass alle gemeinsam Gott loben. Einheimischen und Fremden, Leute mit der vertrauten Kultur und Leute mit ganz anderen Gewohnheiten.
Das alle Völker Gott loben heißt ja nicht, dass alle so loben, wie wir es gewohnt sind, es heißt ja nicht, dass alle die Kultur übernehmen, die wir kennen.

Gemeinsam am Tisch Gottes zu sitzen, fällt uns nicht leicht. Oft ist es schon ein Problem, gemeinsam an einem normalen Tisch zusammen zukommen. Es fällt schon schwer, zwei Dörfer zu einem Gottesdienst zusammen zubringen.
„Nein, in die andere Kirche gehe ich nicht, da bin ich doch fremd.“

Oder denken Sie an die Christen, die aus anderen Ländern, etwa aus dem Irak oder aus Russland gekommen sind. Wie schwer fällt es hier, Einheimische und Fremde zusammenzubringen. Wie kompliziert das ist, zeigt sich darin, diese Menschen nicht nur zu dulden, sondern sie wirklich zu integrieren. Dazu gehört nämlich, dass wir uns verändern und öffnen müssen.

Und wenn wir an das Miteinander von katholischen, orthodoxen und evangelischen Christen denken, dann ist das, was da zwischen den Konfessionen an Vorurteilen, an gegenseitiger Beurteilung und Verurteilung zu hören ist, keineswegs gemeinsames Gotteslob.

„Preist Gott, alle Völker“, das ist eine Hoffnung, die oft schon unter Nachbarn scheitert. „Gott ist für den Nachbarn, den ich überhaupt nicht mag, genauso da wie für mich? Das darf doch nicht wahr sein!“

Die aus dem Osten und Westen, Norden und Süden gehören gemeinsam an Gottes Tisch, auch wenn es schwer vorstellbar ist.
Die Angst vor dem Fremden und die Ablehnung des Fremden sind doch sehr stark verwurzelt unter uns. Wirkliche Gemeinschaft ist wie ein Kind, das im Sterben liegt.
Unser Miteinander bedarf der Heilung, dringend.

Im Predigttext bei Johannes 4,46-54 hören wir von der Heilung des Sohnes eines königlichen Beamten. (Text vorlesen)

Was hat der Predigttext mit dem vorher gehörten zu tun?

Beim Thema Gottesdienst und Heilungsgeschichte geht es darum, Grenzen zu überwinden und Gott zu vertrauen.
Gemeinschaft am Tisch Gottes zu haben.

Das Evangelium ist eine Kraft für Juden und Griechen, für Fromme und Heiden, so sagt es der Apostel Paulus.
Gottes Zuwendung gilt für die Gemeinde und für die, die nicht zur Gemeinde gehören. Seine Liebe gilt uns und denen, die uns fremd sind. Aus allen Richtungen sollen die Menschen zusammenkommen.

Die Mauern, an die wir uns gewöhnt haben, die Grenzen, mit denen wir zu leben gelernt haben, die Schwellen, über die wir nicht gehen wollen, werden in Frage gestellt.

Und hier, in der Geschichte des kranken Kindes und seines Vaters?
Der Beamte des Königs, ist uns Vorbild des Glaubens, er riskiert es, Grenzen zu überschreiten. Er riskiert es Gott zu vertrauen.

Wie stellt sich das dar?
Die erste Grenze, die er überwindet, ist die der Fremdheit.
Dem königlichen Beamten ist Jesus fremd und er kennt ihn nur vom Hörensagen. Er gehört nicht zum Kreis Jesu, auch nicht zu den frommen Juden. Er hat keine Erfahrung mit Jesus. Er hat nur gehört, dass Jesus kommt. Es ist auch unklar, ob ihm das Weinwunder von Kana bekannt war.

Von einer Heilung war noch gar keine Rede. Aber er glaubte, dass Jesus ihm helfen könne. Er überwand sein Fremdsein und sein Misstrauen. Und er bleibt nicht stehen, er war bereit, sich zu bewegen. Obwohl viele Gründe dagegen sprachen.
Immerhin, er war höherer Beamter, so einer ging nicht selber, da wurde geschickt. Es waren ca. 50 Kilometer und 700 m Höhenunterschied zwischen Kapernaum und Kana, damals eine sehr beschwerliche Reise.

Immerhin lag sein Sohn krank zu Hause und er musste ihn verlassen. Das Kind könnte sterben, während er weg war. Es gab viele Gründe, sich nicht zu bewegen. Aber, er setzte sich in Bewegung. Er wartete nicht, dass etwas passiert. Er riskierte den ersten Schritt und weitere Schritte. Er lies sich auch nicht abwimmeln.

„Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, dann glaubt ihr nicht.“ Jesus war nicht gerade freundlich. Aber der Mann blieb dran.
Obwohl es nicht so einfach war wie er hoffte. Obwohl die Hilfe nach wie vor in weiter Ferne war. Obwohl sein Vertrauen auf die Probe gestellt wurde, er blieb dran. Er überwand seine Enttäuschung. Jesus entsprach nicht seinem Wunsch mitzukommen, obwohl er ihn doch dringend darum bat. „HERR, komm herab, ehe mein Kind stirbt!“ der Vater war in größter Sorge.

Doch Jesus schickte ihn wieder los, ins Ungewisse.
Nichts war klar, außer dass da eine Zusage war, ein Wort.
Aber was ist das schon?

Eigentlich brach der königliche Beamte ergebnislos und erfolglos wieder auf. Zum zweiten Mal setzte er sich in Bewegung.
Er hätte enttäuscht sein müssen. Doch dieser Mann lies sich nicht enttäuschen. Dieser Vater hielt fest an seiner Hoffnung und an seinem Vertrauen. Er vertraute darauf, Jesus erfüllt vielleicht nicht alle unsere Wünsche, aber er hilft. Oft anders, als wir es uns gedacht und erbeten haben, aber er hilft.

Der Vater hatte nichts außer dem Wort Jesu und seinem Vertrauen.
Er hatte keinen Beweis, dass es gut ausgeht. Er hat keinen Hinweis darauf, dass sein Kind noch lebt. Es gab kein Zeichen, dass Hilfe zuteil würde. Er hatte keine Sicherheit.
Nichts sprach für sein Vertrauen, außer dass Wort Jesu.

Erst im Nachhinein konnte er erkennen, wie Jesus geholfen hatte.
Später als er das ganze Wunder begriff, wollte er dazugehören, zu denen die auf Gott vertrauen, er und seine ganze Familie.

Martin Luther stellt uns diesen königlichen Beamten als großes Vorbild dar. Er schrieb:
„Daran liegt aber am meisten, dass man auf die Ursache achthabe, weshalb der Evangelist dies Wunderwerk beschrieben habe, nämlich, damit man sehe, eine wie große Sache es um Gottes Wort und um den Glauben sei, wenn man Gottes Wort hat und dem glaubt.

Was lernen wir? Haben wir doch Gottes Wort reichlich, haben die heilige Schrift. Alles, was geschrieben ist, das ist uns zu Trost und Stärkung geschrieben, und Gottes Wort wird uns täglich gepredigt, dennoch glauben wir nicht. Aber der königliche Beamte glaubt nach einer Predigt und nach einem Wunderzeichen."

Liebe Gemeinde, zurück zum Thema unseres Sonntags:

Oft ist das Miteinander unter uns so unterschiedlich und gegensätzlich, ist das Zusammenleben der Völker, ja sogar die Gemeinschaft unter uns Christen so wie ein Kind, das im Sterben liegt.

Eine Welt ohne tödliche Grenzen und Mauern erscheint krank. Die Hoffnung braucht neues Leben. Für die drinnen und die draußen, Einheimischen und Fremden, die aus allen Richtungen bei Gott zusammenkommen werden.

Die Mauern, an die wir uns gewöhnt haben; die Grenzen, mit denen wir leben; die Schwellen, die wir nicht überschreiten wollen, werden in Frage gestellt. Wir werden diese Grenzen überwinden und gemeinsam Gott loben, so ist die Hoffnung.

Wir fragen, was können wir machen, das es besser wird mit uns, in unserer inneren und äußeren Not? Wie kann unsere, diese eine Welt geheilt werden?

Der Vater in unserer Geschichte hat es uns vorgemacht.
Dass Andere fremd sind und dass er keine Erfahrung mit diesen Fremden hatte, war für ihn kein Argument.

Es gibt Leute die bereit sind, sich zu bewegen, obwohl viele Gründe dagegen sprechen sich aufeinander zu zubewegen.
Und dann kommt Alles anders als gedacht.

Der Fremde ist unzugänglich und erfüllt keineswegs die eigenen Vorstellungen. Wie gut, wenn diese Menschen sich nicht entmutigen lassen, wenn der Weg zueinander beschwerlich wird.
Wie gut, wenn die Enttäuschungen nicht das letzte Wort haben.

Und schließlich hat der Vater in unserer Geschichte ein festes Vertrauen zu dem, was Jesus sagt. Und er hat seine Hoffnung, dass es gut wird mit seinem Kind.

Gut wenn Menschen an der Gemeinschaft von Ost und West, von Süd und Nord festhalten, obwohl nichts dafür spricht außer die Hoffnung und das Vertrauen in Gott. Wir brauchen solches Vertrauen, damit die Mauern in den Köpfen und Herzen fallen und Gemeinschaft gelebt werden kann. Und wir brauchen den Mut, uns in Bewegung zu setzen und Grenzen zu überschreiten. Doch beides lässt sich nicht so einfach machen. „Nun lasst uns mal vertrauen und die Mauern zu den anderen Menschen und Völkern niederreißen.“ So einfach geht es eben nicht.

Was also tun? Das, was der königliche Beamte vormachte:
Er hörte mit offenem Herzen, er wagte es loszugehen und er hielt fest an seinen Bitten.

Hören wir also auf Gottes Wort, wieder und wieder, und bleiben im Gebet, um so Mut für den ersten Schritt zu bekommen.
So kann es besser werden mit dieser Welt und dem Miteinander unter uns Menschen.

Und dann werden wir eines Tages zurückblicken und von Gottes Wunder erzählen, wie die Mauern, an die wir uns gewöhnt hatten, plötzlich gefallen sind; wie die Grenzen, mit denen wir zu leben gelernt hatten, bedeutungslos wurden; wie wir Schwellen überschritten haben, die uns unüberwindlich schienen.
Und auf einmal war da neues Leben, dort wo eigentlich nichts mehr ging.

Amen.

(Danke, Anregungen zu Teilen meiner Predigt habe ich erhalten von Probst Siegfried T. Kasparick in Lutherstadt Wittenberg.)

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