Gottes Herrlichkeit im Alltag

Verantwortlich zu leben, liebe Gemeinde, ist Aufgabe jedes Menschen. Die Art und Weise unserer Lebensführung, unserer Ziele berührt zwangsläufig Lebensbereiche unserer Mitmenschen. Wir sind in weitem Umfang verantwortlich dafür, wie es Anderen ergeht. Wer die Umwelt vergiftet, um hohen Gewinn für sich zu erzielen, vergiftet die Gesundheit Anderer und verursacht oft deren Leiden und vorzeitigen Tod. Wer in menschliche Beziehungen einbricht und Menschen veranlasst, sich voneinander zu trennen, zieht einem Teil von ihnen den Lebensgrund unter den Füßen weg.

Christen sind nach ihrer Verantwortung gefragt auch für alle, die noch keinen Grund erkennen, in ihrem Leben nach Gottes Weisungen zu fragen. Wenn Christen die Nachfolge Jesu Herzenssache ist, darf sie Vorbild sein und auch andere Menschen einladen, auf Gott zu achten. Das ist nun viel leichter gesagt als getan. Oft fehlen uns dabei greifbare Menschen, Freunde, Mitchristen, die unseren Lebensweg mitwandern und teilen, der von vielen Zeitgenossen mit Kopfschütteln betrachtet wird.

In unserem heutigen Predigttext wird uns berichtet, wie Moses, der die Israeliten in Gottes Auftrag in die Freiheit aus ägyptischer Versklavung geführt hatte, seine Hilfe fordert, um das Volk weiterführen zu können. Denn noch lange waren die Israeliten nicht in dem Land angekommen, das Gott für sie vorgesehen hatte. Moses hatte allen Grund davon auszugehen, dass das Volk ihm allein nicht weiter folgen wollte. In dieser Lage bat er Gott dringend, doch den Weg des Volkes weiter persönlich zu begleiten, was Gott zuvor abgelehnt hatte. Und Gott ging auf Moses Bitte ein:

[TEXT]

Moses, liebe Gemeinde, genügt es nicht zu hören, dass Gott doch sein und des Volkes Wegbegleiter bleiben wolle, dass er bei Gott angesehen sei und ihm mit Namen bekannt. Er möchte dem Volk seinen Gott noch anschaulicher vorstellen können und damit beim Volk den Glauben an Gott festigen.

„Lass mich deine Herrlichkeit sehen!" Dieser Wunsch entspricht uns Augenmenschen. Was ich mit eigenen Augen gesehen habe, das verstehe ich auch, das sehe ich ein, das findet festeres Vertrauen. So meine ich wenigstens. Aus diesem Grund hat ja das Fernsehen die vor Jahrzehnten an erster Stelle stehenden Hörfunksendungen aus dieser Position verdrängt. Wir haben uns alle an die bequem ansehbare Wahrheit der Fernsehbilder gewöhnt, die allerdings oft nur eine Oberfläche darstellen. Beim Fernsehen schauen andere für mich durch die Kamera und liefern mir die Bilder. Sie geben durchaus nicht immer den gezeigten Sachverhalt zutreffender wieder als anhörbare oder nachlesbare Berichte. Trotzdem vertrauen wir der Bildnachricht eher als dem gesprochenen Wort.

Darum kann man den Wunsch von Moses nachempfinden, der gerne Gottes Herrlichkeit unmittelbar sehen will. Das entspricht einem bestimmten Verständnis von Wahrheit, auch in der Religion, auch im Glauben. Für wahrer und wirklicher, als was ich gehört habe, halte ich, was ich gesehen habe. Wenn einer gleich Moses Gott sehen könnte, wirklich und wahrhaftig sehen könnte, dann würde er auch glauben, dass es Gott gibt.

Moses ging es mit dem Wunsch, Gottes Herrlichkeit zu sehen, nun nicht darum, zum Glauben an Gott zu finden. Kaum jemandem aus dem Volk Israel wurden so viele Erscheinungen Gottes zuteil wie Moses. So erzählen es viele Geschichten der Bibel. Er hat seine Nähe im Feuerbusch gespürt, als er zum Boten Gottes berufen wurde. Er hat Gott auf dem Berg Sinai gehört, als er die Zehn Gebote aufschrieb. Er hat ihn wahrgenommen, während Israel auf der Flucht vor den Ägyptern durch die Wüste wanderte und Gott in Gestalt einer Wolken- oder Feuersäule vor dem Volk herzog.

Doch in all seinen Erscheinungen, liebe Gemeinde, blieb Gott Moses immer auch rätselhaft, es blieb immer ein Geheimnis; ein Rest von Unklarheit, der sich nicht auflösen wollte. Moses geht es um eine intensivere, ja vollkommene Erfahrung Gottes. Fragen, Gefühle, Widersprüche liegen seinem Wunsch zu Grunde. Etwa Angst, das Volk möchte anschaulichere Berichte über Gott von ihm fordern, vielleicht auch Neugier und der Wunsch nach Sicherheit, Gewissheit, endgültiger Erkenntnis. Jedes Geheimnis löst derartige Gefühle und Wünsche aus, besonders dann das Geheimnis Gottes.

Genau diese Gefühlsmischung macht Moses sympathisch. Er fasst sich ein Herz und äußert vor Gott einen Wunsch, der uns alle bewegt, nicht immer, aber in bestimmten wichtigen Situationen, an den Grenzen des Lebens, bei Tod und Krankheit und Verlust der Existenzgrundlagen, an den Wendepunkten, solchen Zeiten des Zweifels und der Verzweiflung.

„Lass mich deine Herrlichkeit sehen!" Und wer so viel nicht wagt, der sagt heute vielleicht: Gib mir ein Zeichen deiner Gegenwart. Die Bitte von Moses sagt über den Glauben an Gott: Er verleiht nicht nur dem Bewusstsein seiner andauernden Gegenwart Schwung, nicht nur Begeisterung, sondern weckt auch die zweifelnde Frage, ob und wo Gott in einer Welt anwesend ist, in der seine Spuren oft nicht allzu offensichtlich sind. Selbst Zweifel kann Ausdruck des Glaubens sein.

Der russische Schriftsteller Leo Tolstoi erzählt auch einmal vom Wunsch eines Menschen Gott zu sehen. Der drohte dabei allerdings seinen Untergebenen mit Strafe, falls sie ihn Gott nicht sehen lassen könnten. Entweder gibt es Gott, dann muss er gesehen werden können, falls nicht, dann gibt es ihn nicht. Dann darf aber von ihm nicht mehr die Rede sein. Das mag der Hintergrund des Wunsches des Königs dieser Geschichte gewesen sein.

„Es war einmal ein König, den befiehl am Ende seiner Tage die Schwermut. Zu seinem Hofstaat sagte er: „Seht, nun habe ich in meinem Leben alles, was nur ein Mensch erleben und mit seinen Sinnen aufnehmen kann, erfahren, gehört und gesehen. Nur eines habe ich nicht gesehen in meinem ganzen Leben: Gott habe ich nicht gesehen. Ihn wünsche ich noch zu sehen.“ Da erließ der König an alle Beamten, Weisen und Priester den Befehl, ihm Gott zu zeigen. Schwere Strafen drohte er ihnen an, wenn es ihnen nicht gelänge. Drei Tage hatten sie Zeit dafür. Genau nach drei Tagen, um die Mittagszeit, ließ der König sie alle vor sich rufen. Die Beamten, Weisen und Priester konnten ihn Gott nicht sehen lassen. Da kam ein Hirte vom Feld, der auch vom Befehl des Königs gehört hatte, und sagte: „Erlaube mir, König, deinen Wunsch zu erfüllen!“ – „Gut“, sagte der König, „aber bedenke, es geht um deinen Kopf“. Der Hirte führte den König auf einen freien Platz und zeigte ihm die Sonne. „Sieh hin“, sagte er. Der König hob seine Augen nach oben und wollte die Sonne sehen. Aber der Glanz blendete ihn, und er senkte den Kopf und schloss die Augen. „Willst du, dass ich erblinde?“ sagte er zu dem Hirten. – Der antwortete: „Aber König, das ist doch nur ein Ding der Schöpfung, ein schwacher Abglanz der Größe Gottes, ein kleines Fünkchen seines flammenden Feuers. Wie willst du da mit deinen schwachen, tränenden Augen Gott sehen? Suche ihn mit anderen Augen!“


Der König wird auf andere Erkenntniswege verwiesen. Dasselbe gilt für Moses, wie sich aus dem in der Bibel erzählten Gespräch zwischen Gott und ihm ergibt.

In beiden Geschichten, liebe Gemeinde, wird der Wunsch, Gott zu sehen, nicht rundweg abgelehnt, aber doch nicht in der Form erfüllt, die erbeten worden war. Beide Geschichten sagen: Es ist nicht möglich, Gott direkt zu sehen. Seine Herrlichkeit ist nicht sichtbar. Das wäre wie ein Blick in die Sonne, es würde mindestens die Sehkraft, wenn nicht das ganze Leben kosten. Damit wird auch auf den unendlich großen Unterschied zwischen Gott und Mensch aufmerksam gemacht. Aber diese Entfernung zwischen Gott und Mensch ist überbrückbar. Gott setzt dem Zweifel von Moses seine eigene Güte und Barmherzigkeit entgegen. Er sagt ihm zu, ihn nicht seinem verzehrenden Lichtglanz auszusetzen, in dem er umkommen würde. Darum entspricht Gott Moses Bitte nicht. Die Herrlichkeit Gottes darf er nicht sehen.

Gott wahrt sein Geheimnis. Trotzdem gibt es für den Menschen Raum bei Gott. Moses kann bei ihm auf dem Fels stehen. Er kann Gott spüren, erfahren, ohne seine Herrlichkeit zu sehen, ohne von ihr vernichtet zu werden. Denn Gott hält seine Hand über ihn und schützt ihn vor seinem verzehrenden Lichtglanz. Das ist ein Bild für die fürsorgliche Hand, die Gott über alle Menschen hält.

Heilige Orte verlangt Gott nicht, um für Menschen erfahrbar zu werden. Moses und dem König aus Tolstois Geschichte werden andere Erfahrungen mit Gott freigestellt als sich der gefährlichen Seite seiner Herrlichkeit auszusetzen. Moses darf, so heißt es, den Rücken Gottes, die Rückseite seiner Herrlichkeit sehen. Er darf ihm hinterher sehen. Hinterher sehen heißt: Ich erkenne oft erst nachträglich, im Nachhinein, im Rückblick Gottes Anwesenheit. Glauben heißt darum: Gesehenes neu beurteilen lernen.

Christen, liebe Gemeinde, sehen es so, dass Gott bei ihnen ist mit der Herrlichkeit, die Jesus Christus mit ihnen im Alltag gelebt hat. Wohlfühlen können ist Teil dieser Herrlichkeit und auch feiern. Wie unser heutiges Evg. (Joh. 2, 1-11) zeigt, gehört dazu auch der Wein für gemeinsame Fröhlichkeit. Gott ist bei den Menschen im Alltag, auch wenn sie nicht feiern können, auch im Leiden, überall und immer. Auch da können wir die Spuren eines barmherzigen, gnädigen und gerechtigkeitsliebenden Gottes zu entdecken. Das Vertrauen auf diesen Gott, der den Menschen hilfreiche Weisungen anbietet, wird oft noch erschüttert von der Erfahrung der Wirklichkeit. Die kennt noch zu viel Verzweiflung und zu viele Siege der Rücksichtslosen, zu viel Elend und zu viel Profitgier.

Die an Jesus erkennbare Herrlichkeit Gottes zeigt sich mir, wo Menschen in vielfältiger Weise aus Nöten geholfen wird und sie ihr Recht gewahrt finden: Etwa, wo ein Arbeitgeber einem Arbeitslosen Arbeit und gerechten Lohn gibt, wo ein Mitarbeiter selbstverständlich mit ganzem Einsatz seinen Arbeitsvertrag erfüllt, wo in Kauf- und Mietverträgen den vereinbarten Leistungen wertgleiche Gegenleistungen entsprechen. Gottes Herrlichkeit weckt in Menschen Nächstenliebe. Betreuung der Kranken und Pflegebedürftigen, Ausbildung der Begabungen aller Menschen, Arbeitsmöglichkeiten für alle Arbeitswilligen, Versöhnungsbereitschaft und Friedensliebe machen sie anschaulich.

Der Glaube steht quer zur Selbstsucht der Unbarmherzigen. Er steht dafür, dass die Gnade des Gottes, der den Menschen Raum gibt zu leben, letztendlich größer ist als alle Erfahrung von Unrecht und Leid.

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