Indiana Jones, Mose und die Herrlichkeit Gottes

Liebe Gemeinde,

es zeichnet unseren Gott aus, dass er sich um der Liebe zu uns Menschen willen – anders als im Judentum oder im Islam – nicht scheut, selbst ein Mensch zu werden. Dass der allmächtige Gott, der das unendliche Weltall erschaffen hat, sich in einem hilflosen Neugeborenen inkarniert, ist und bleibt sein Wesenszug, der neben seiner unvorstellbaren Größe und Herrlichkeit zugleich seine Liebesbedürftigkeit zeigt – eine Liebesbedürftigkeit, die jeder normale Mensch bei Anblick eines kleinen Kindes spürt.

Aus diesem Grund: weil sich der allmächtige Gott um unsertwillen in einem Menschen zeigt und offenbart und anfassen lässt (wenn auch nicht begreifen), feiern wir mit Weihnachten ein riesiges Fest, das emotionalste, das wir haben. Und bereits drei Wochen später bekommen wir es heute mit einem Text zu tun, der genau diese Nähe Gottes in weite Ferne zu schleudern scheint. Was hier erzählt wird, findet mindestens tausend Jahre vor Jesu Geburt statt und scheint einen gänzlich anderen Gott zu beschreiben:

[TEXT]

Liebe Gemeinde, vor genau dreißig Jahren kam ein Film in die Kinos, der sich mit genau diesem Thema befasste und sowohl die Faszination als auch die Unnahbarkeit Gottes wie kaum ein anderer am Beispiel der heiligen Bundeslade darstellte: „Indiana Jones und die Jäger des verlorenen Schatzes“. Viele können sich sicher an diesen Film erinnern. Nachdem die Nazis an die verschollene Lade, also den Behälter mit den beiden Steintafeln der Zehn Gebote gelangt sind, lassen sie diesen Behälter öffnen, vorsichtshalber von einem jüdischen Priester mit den entsprechenden rituellen Beschwörungsformeln.

Einzig Indiana Jones ahnt, was kommt, und befiehlt seiner mit ihm gefesselten Begleiterin, die Augen fest zu schließen, egal, was passiere. Nachdem sich zunächst nur Sand in der Lade zu befinden scheint, erwächst daraus die unvorstellbare Herrlichkeit Gottes, umschmeichelt die Sinne der Nazis mit faszinierenden Visionen und Gesichtern, die sich dann in Fratzen verwandeln, um dann in der alles verschlingenden göttlichen Glut alle bösen Frevler zu verbrennen und sich wieder in den Himmel zurückzuziehen.

Das gesamte Alte Testament kennt diese unumstößliche Aussage: Gott kann man in seiner Herrlichkeit nicht sehen. Wer ihn sieht, stirbt unmittelbar. Dennoch kennen wir Menschen, wenn wir von einem Geheimnis, einem verbotenen Haus, einem maskierten Gesicht erfahren, nur einen Wunsch: Wir wollen das Geheimnis lüften, sehen, was verboten ist, suchen, was verschollen ist.

Als man vor fünf Jahren Fotos der Französin Isabelle Dinoire veröffentlichte, deren Gesicht von einem Hund zerfleischt und durch das Gesicht einer Toten ersetzt wurde, suchte ich sofort im Internet, bis ich dieses faszinierende Foto fand. Es ist jenes Verlangen nach dem Besonderen, nach dem Geheimnisvollen, Entblößenden und Verbotenen, das in uns Menschen steckt, das selbst einen Mann wie Mose packt und ihn das Unmögliche wünschen lässt.

Was aber steckt hinter dieser Begegnung, diesem Gespräch zwischen Mose und Gott? Mose führt das Volk durch die Wüste zum Gelobten Land. Am Berg Horeb lässt Gott das Volk halten, um ihm die Zehn Gebote für ein gelingendes Zusammenleben zu übergeben. Während Mose als Übermittler die Gebotstafeln in Empfang nimmt und viele Tage auf dem Berg bleibt, wird das Volk ungeduldig und zweifelt mal wieder an der sinnvollen Führung durch Mose und Gott. So machen sie sich kurzerhand aus ihrem Schmuck ein Goldenes Kalb. Es soll Gott mitten unter ihnen symbolisieren und begreifbar machen.

Als Mose zurückkehrt, findet er die Leute wie von Sinnen um ihren neuen Gott tanzen. Und Gottes Zorn entbrennt über sie, weil sie trotz aller guten Erfahrungen kein Vertrauen zu ihm haben. Doch um eine harte Strafe zu vermeiden, tritt Mose für sein Volk ein. Er bittet Gott um eine zweite Chance und bekommt sie zugesagt. Gott schließt erneut einen Bund mit seinem Volk. 

Vor allem: Die enge gewachsene Vertrauensbeziehung zwischen Gott und Mose hat nicht gelitten. Gott selbst spricht es aus und macht ihm ein großes Kompliment: Du hast Gnade vor meinen Augen gefunden, und ich kenne dich mit Namen. Auf ein solches Kompliment aus dem Munde der Jury hoffen zur Zeit wieder Zehntausende Jugendlicher bei DSDS, dass Dieter Bohlen auch zu ihnen sagt: Du hast Gnade vor meinen Augen gefunden, und ich kenne dich mit Namen. Wie unendlich glücklich darf sich da jemand schätzen, wenn Gott selbst ihm ein solches Kompliment erweist, gleichbedeutend mit einer weitreichenden Segenszusage!

Doch auch wenn das Goldene Kalb als Gottesersatz einen Akt der absoluten Lächerlichkeit darstellt, signalisiert es den Wunsch der Menschen nach Nähe zu Gott, nach Sichtbarkeit. Und auch Mose sehnt sich in seiner einsamen und undankbaren Lebensaufgabe als Vermittler zwischen Gott und den Menschen nach einem sichtbaren, einem eindrücklichen Beweis für Gottes tröstliche Gegenwart.
Und er drückt diesen Wunsch aus. Bestärkt und ermutigt durch Gottes großes Kompliment fordert er: "Lass mich deine Herrlichkeit sehen!"

Nun hatte Mose im Laufe seines aufregenden Lebens schon einige deutliche Zeichen der Präsenz Gottes gesehen und erlebt. Angefangen von seiner Rettung als Baby, worauf schon sein Name hinwies, über den brennenden Dornbusch, der doch nicht verbrannte, und die zehn Plagen bis hin zur Teilung des Roten Meeres beim Durchmarsch der Israeliten und die Wolkensäule bei Tag und die Feuersäule bei Nacht während der Wüstenwanderung. Unsereins wäre ja schon für den Rest seines Lebens beglückt, sähen wir auch nur eins dieser Zeichen der Gegenwart Gottes! Dennoch ist es keineswegs Undankbarkeit von Mose oder Maßlosigkeit, die ihn fordern lässt: "Lass mich deine Herrlichkeit sehen!"

Es lässt sich leichter aus seiner Grenzsituation heraus verstehen. Wir kennen das: Es ist nicht schwer, an einen liebenden Gott zu glauben, solange es uns gut geht. Sobald uns jedoch eine ernste Krise bedroht – in der Partnerschaft, in der Gesundheit oder im Beruf -, geraten in uns Sicherheiten ins Wanken, die sonst klar schienen. Wenn wir an uns selbst zweifeln und uns nichts mehr zutrauen, dann brauchen wir eindrücklichere Zeichen für Gottes Güte als einen Bibelvers aus dem Handgelenk geschüttelt.

So geht es Mose in seiner Situation nach wochenlanger Einsamkeit auf einem kahlen Berg: aus seinen Selbstzweifeln wird Sehnsucht nach Nähe. Er wünscht sich heilsame Gegenwart und weiß doch von seinen Erfahrungen her: Gottes wirkliche Präsenz ist hundertprozentig tödlich. Ein wenig kennen wir diese zerstörerische Kraft des Heilsamen vom Sonnenlicht. Wir alle sehnen uns danach und fühlen uns viel wohler, wenn die Sonne den Frühling und den Sommer hervorbringt mit all den Gefühlen, die das in uns wach ruft. Und doch ist niemand von uns so blöd, die grelle Mittagssonne mit bloßen, ungeschützten Augen länger zu betrachten. Wer es überhaupt aushielte, würde sofort mit irreversiblen Sehschäden bestraft.

So verhält es sich mit Gottes Herrlichkeit. Wie ein Feuer alles vernichtet, was nicht eine gewisse Härtequalität aufweist wie z.B. Stein oder Stahl, so vernichtet die absolut reine Heiligkeit Gottes umgehend alles um sich herum, was nicht selbst vollkommen rein ist. Entsprechend, liebe Gemeinde, fällt Gottes Antwort auf Moses Wunsch aus. Er regt sich nicht auf und fragt zurück: „Was erlaubst du dir!?“ Gott nickt aber auch nicht freundlich und sagt einladend: „Ja, Mose, komm mal ein bisschen gucken!“ Er sagt ja und nein gleichzeitig. Er zeigt seine Herrlichkeit, aber nicht in ihrer ganzen Pracht und Perfektion, nicht vis-a-vis. Nicht einmal ein so verantwortungsvoller und frommer Mensch wie Mose kann Gott in die Augen schauen und ihn fassen. Aber Gott findet einen Weg. Er lässt Mose nicht in seiner Situation und seiner Unsicherheit allein.

Nachdem er zu ihm gesagt hat: „Ich kenne dich mit Namen“, offenbart er Mose zunächst als Vertrauensbeweis noch einmal seinen eigenen Namen. Damals am brennenden Dornbusch hatte er sich genannt „Ich werde sein, der ich sein werde.“ Nun präzisiert er das in Bezug auf die Menschen. Und wiederum darf er nur Mose hören, ähnlich wie jemand, der nur mir seinen sonst verschwiegenen zweiten Vornamen und dessen Bedeutung verrät. Gott sagt zu Mose: „Ich will vor dir kundtun meinen Namen, der da lautet: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und über wen ich mich erbarme, über den erbarme ich mich.“

Zugegeben, dieser Name klingt in menschlichen Dimensionen willkürlich und despotisch, bereitet Mose aber nur auf das vor, was folgt. Gott ist eben für Menschen weder begreiflich noch berechenbar. Seine Güte ist eben Gnade und keine käufliche Liebe. Was dann folgt, klingt – ich finde keinen besseren Begriff dafür – behutsam. Gott findet einen Weg, um diesem kleinen Mose auf dem großen Berg doch eine Ahnung von seiner Herrlichkeit erleben zu lassen. Er erklärt ihm, wie er seine unvorstellbare Glanz und Energie auf harmlose Weise sehen kann, die doch so tödlich wirkt wie zehn Millionen Volt durch einen Menschen.

Gott sagt behutsam: “Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn das überlebt kein Mensch. Aber siehe, es ist ein Raum bei mir, da sollst du auf dem Fels stehen. Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand schützend über dir halten, bis ich vorübergegangen bin. Dann will ich meine Hand entfernen, und du darfst hinter mir her meine Herrlichkeit erblicken.“

Gott schützt Mose vor sich selbst. Er stellt ihn auf einen Fels. Im übertragenen Sinne stellt er ihn auf festen Boden in einer Phase, wo alles um ihn herum unsicher wird. Und das macht er nicht nur bei Mose, liebe Gemeinde. Diese Erfahrung kann jeder von uns teilen, wenn er Gott dieses Vertrauen schenkt. Gott legt Mose schützend seine Hand auf. Er segnet ihn. Und das macht er nicht nur bei Mose. Diese Erfahrung kann jeder von uns machen, wenn er sich darauf einlässt.

Moses Wunsch wird erfüllt. Er darf Gottes Herrlichkeit sehen, als sie schon fast wieder entschwunden ist, so wie wir die Hand nahe an den Rest der glimmenden Glut eines Lagerfeuers halten können, wo vorher Flammen alle versengt hätten. Gott hat Mose seine Herrlichkeit gezeigt. Und das macht er nicht nur bei Mose. Das können alle erfahren. Und wir erfahren es so wie Mose meistens erst im Nachhinein. Die berühmten segensreichen Spuren Gottes in unserem Leben im Rückblick entdeckt.

Ich möchte abschließend die Ausgangsfrage beantworten: Was hat diese Offenbarung der gewaltigen, bedrohlichen und unnahbaren Herrlichkeit und Heiligkeit Gottes mit dem Mensch gewordenen Gott von Weihnachten zu tun? Es macht genau dieses deutlich: Wie unvorstellbar dieser Entschluss für den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde, gewesen sein muss, ein kleiner Mensch zu werden, auf seine Herrlichkeit zu verzichten und sie gegen Leid, Enttäuschung und Tod einzutauschen.

Für Mose hieß Gott noch: “Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und über wen ich mich erbarme, über den erbarme ich mich.“ Für uns heißt er schlicht Jesus Christus. Als Christen teilen wir diesen Namen. Und was er bedeutet, das sangen die himmlischen Heerscharen bei seiner Geburt: "Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens!"

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