Ein Licht geht auf

Liebe Gemeinde,

kennen Sie das, wenn Ihnen „ein Licht aufgeht“? Eine bekannte Software-Firma hat in ihren Hilfethemen eine Figur dazu erstellt, wenn ein Problem sich endlich auflöst und die Lösung sich auftut. Ein schwarzes Strichmännchen, welches mit der einen Hand in die Höhe schnippt und über ihm erscheint eine brennende Glühbirne zum Zeichen: „Jetzt endlich habe ich verstanden!“ Vielleicht wissen Sie, dass – wie so viele andere Redewendungen auch – dieses „Licht-aufgehen“ als Sprichwort aus der Heiligen Schrift genommen wurde.

Unser Predigtwort von heute aus dem Evangelium nach Matthäus enthält es. Hören wir das vierte Kapitel, die Verse 12 bis 17:

[TEXT]

Der Evangelist Matthäus bezieht sich also wiederum auf eine ältere Tradition aus dem Propheten Jesaja. Er tut dies oft und gerne, denn er will seinen Lesern zeigen, dass dieser Jesus aus Nazareth tatsächlich der verheißene Messias ist. Den Menschen in Galiläa ist also nach seinem Zeugnis ein Licht aufgegangen und sie haben etwas Lebensentscheidendes erkannt.

Liebe Gemeinde, wir bewegen uns ja noch am Anfang des Kirchenjahres und so gehen wir mit den biblischen Geschichten Schritt für Schritt weiter in dieses Lebenswerk Jesu. An Weihnachten ist ein Licht erschienen und es haben gesehen die Hirten und die drei Weisen aus dem Morgenland, welche dem Stern gefolgt sind. Jesus hingegen kehrt nach einem Aufenthalt in Ägypten mit seinen Eltern nach Nazareth zurück. Es wird zu der Stadt, in welcher er aufwächst und die bis heute mit seinem Namen verbunden ist: Jesus von Nazareth. Über dieses Leben dort wissen die Evangelien nichts zu berichten. Bis auf einen kurzen Einschub bei Lukas erfahren wir vom jungen Jesus gar nichts. So kommt es recht unvermittelt: Geburt und dann schon Taufe und erstes Auftreten in der Welt. Dazwischen liegen wohl ca. 30 Jahre, in welchen Jesus seinen Beruf erlernt, heranwächst und schließlich zu diesem öffentlichen Tun einen Zugang gewinnt. Unser Predigtwort steht zwischen der Versuchungsgeschichte und der Berufung der ersten Jünger, wie eine Überleitung oder vielleicht Einleitung zu dem, was nun geschehen soll.

Denn Jesus beginnt nun öffentlich zu reden und zu handeln von Gottes Gnadenreich. Als er in der Synagoge zum Gottesdienst ebenfalls den Propheten Jesaja vorliest in seiner Vision vom Gnadenjahr Gottes, vom Gesundwerden der Kranken und dem Erstarken der Schwachen, da sagt er plötzlich: Heute ist dieses Wort an euch erfüllt. In jenen Text ist uns v.a. die Reaktion der Menschen überliefert, die ihn haben aufwachsen sehen und nicht glauben konnten, was sie dort hörten. Aber vielleicht gab es auch die anderen, denen tatsächlich ein Licht aufgegangen ist und die endlich – das heißt nach langem Warten und Suchen – verstanden haben, dass in diesen Jesus von Nazareth Gottes Sohn der Menschheit offenbar wird und er auch für sie gekommen ist.

Und das sind ja seine Zeichen, die er unter den Menschen tut: Hinweise auf jenes Reich Gottes: Kranke werden gesund, Sündern werden ihre Sünden vergeben, Tote wieder zum Leben erweckt. „Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.“

Nun sind diese Zeichen für uns heute nicht mehr in dieser gebündelten Form vorhanden. Natürlich gibt es sie immer noch: Gesund werden von Krankheit, Vergebung der Sünde zu erfahren usw., aber eben nicht mehr konzentriert in einer Person, die wir selbst zu Lebzeiten sehen und in Aktion erleben könnten. Statt dessen viele selbsternannte Heilande, die uns ein Paradies auf Erden versprechen, aber keine Wahrheit bringen können. Und so sind wir wohl in einer Art Wartestellung, die manchmal schwer zu halten ist: Die Euphorie des Anfangs ist dahin und das Berühren eines Heiligen ist vorbei. Dabei scheint es doch das Wesen des Menschen so sehr zu brauchen.

Nicht selten auch in unserer eigenen Geschichte sind wir dann über solche Menschen gestolpert und haben uns verführen lassen.
Den Weg aber, den uns das Kirchenjahr mit Jesus weisen will, kann ein anderer sein. Denen, die in der Finsternis saßen und im Schatten des Todes, ist ein Licht aufgegangen. Zu erkennen und sich immer wieder bewusst machen, dass in allem Leid und in aller Ungerechtigkeit noch nicht das letzte Wort gesprochen worden ist. Dass es gewisslich eine Änderung, eine Besserung geben kann im Blick hin auf das große Ziel Gottes mit uns Menschen. Viele verzweifeln ja heute, weil sie tatsächlich keine Lösung mehr finden können und sich sicher sind, dass es zu den angebotenen Wegen tatsächlich keine Alternative mehr gibt. In den letzten Jahren wurde ein Wort v.a. im Blick auf die Wirtschaft so geprägt: Das TINA-Syndrom – ein Kunstwort, zusammen gesetzt aus den englischen Anfangsbuchstaben von „There is no alternative“: „Es gibt keine Alternative“!

Aber in Christus darf einem ein Licht aufgehen und das Verständnis einsickern, dass es im Blick auf die großen Fragen des Lebens eben doch eine Alternative gibt. Und dass es durchaus Sinn machen kann, gegenläufig zu handeln. Gewalt nicht mit Gewalt besiegen zu wollen. Das Böse nicht mit Bösen zu vergelten. Bereit zu sein, zu vergeben, anstatt immer wieder die alte Schuld hervor zu kramen. Auf Frieden zu hoffen, statt in Resignation zu erstarren. Zu Teilen, anstatt zu horten. Dieses Licht darf einem in der Betrachtung von Christi Leben aufgehen und man darf tatsächlich erkennen, dass einen Sinn macht, sich auf ihn zu berufen, ja: Ihm zu folgen. Auch wenn die Welt oft genug dagegen spricht und einem dazu Steine in den Weg legt. Ich habe Ihnen dazu eine kurze Geschichte nach Olaf Sörmund mitgebracht.

„Als Knud Buge – er war noch jung – den Redakteurposten einer großen Familienzeitschrift erhielt, schien das Glück bei ihm Einkehr zu halten. Er heiratete, und in den folgenden Jahren stellten sich drei Kinder ein: Per, Age und Olaf. Fünf Jahre dauerte das Glück, dann musste die Zeitschrift das Erscheinen einstellen. Knud kam aber schnell an einer neuen Zeitung als Lokalredakteur unter. Doch auch bei dieser Zeitung war die Lebensdauer kurz. Niedergeschlagen kehrte er am Abend, als die letzte Ausgabe gedruckt war, in sein Haus zurück. Die drei-, fünf- und sechsjährigen Jungen umgaben ihn, als er der Mutter die bittere Eröffnung machte. "Was nun?" sagte er, "in jeder Krisenzeit ist es schwer, wenn nicht unmöglich, in meinem Beruf eine Stelle zu finden. Überall Abbau, Entlassungen!" Seine Frau Vera suchte ihn nach Kräften zu trösten, sprach von Erfolgen, von seinem Können …

Am nächsten Morgen erhob sich der Vater, als die Kinder in den Kindergarten und zur Schule gegangen waren. Mit schweren Sorgen begab er sich nach dem Frühstück in sein Arbeitszimmer. Da fiel sein Blick auf den Papierkorb, in dem die Scherben einiger Porzellanschweinchen lagen, wie sie Kinder gerne als Spardosen verwenden. Dann entdeckte er auf seinem Schreibtisch ein Häuflein von Kupfer-, Nickel- und Silbermünzen, und unter dem Häuflein lag ein Zettel, der in kindlich ungelenker Schrift die Worte enthielt: "Lieber Vater, wir glauben an dich – Per Age – Olaf!" Die Augen wurden ihm feucht, die Sorgenfalten glätteten sich, ein Lächeln glitt über seine Züge. Dann richtete er sich auf: "Euer Glaube soll nicht getrogen haben!" sagte er dann.

Als ich den großen Verleger besuchte, sah ich in einem schmalen Silberrahmen den zerknitterten Zettel mit der ungelenken Kinderschrift und erfuhr diese Geschichte. – "Meine Kraftquelle!" sagte der große Verleger schlicht, als er seinen Bericht beendet hatte, und deutete auf die Worte von Kinderhand: "Lieber Vater, wir glauben an dich …!"“

Liebe Gemeinde, in dieser Epiphaniaszeit möchte ich Sie ermuntern, sich immer wieder aufs Neue diesem Licht anzuvertrauen und es als Licht-aufgehen in ihr Bewusstsein zu verankern: „Zu der Zeit fing Jesus an zu predigen: das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.“

Und der Friede Gottes, der weiter reicht, als wir es uns denken könnten, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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