Die Wirklichkeit entscheidet

Das Neue Jahr ist ja noch nicht sehr alt. Gute Vorsätze haben heute vielleicht noch Bestand. Ich wünsche es Ihnen. Wobei mit guten Vorsätzen bekanntlich der Weg zur Hölle gepflastert ist. Meinem Leben fehlt Entscheidendes, wenn ich nur in guten Vorsätzen, in tollen Ideen und phantastischen Planungen lebe.

Dass es anders gehen muss, davon erzählt eine Anfangsgeschichte von Jesus – nicht dem Kind in der Krippe, sondern dem erwachsenen Mann, der loszieht, sein Wirken als Gottessohn zu gestalten. Dieser Anfang sieht so aus:

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Für Jesus geht es nicht um gute Vorsätze, sondern um das Tun. Und dieses Tun hat ein klares Ziel: Das Reich Gottes. Der Weg dahin scheint ganz einfach: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!

Dieser knappe Satz mit dem Jesus einlädt, am Kommen des Himmelreiches Anteil zu haben, geht leicht ins Ohr – und schwer ins Herz. Dieser Ruf zur Umkehr, dieser Ruf zur Buße. Das macht mir deutlich, wie schwer ich mich damit tu, wirklich Buße zu tun, wirklich etwas zu bereuen, wirklich mich zu verändern. Am Anfang des Jahres haben 40% der RaucherInnen beschlossen, mit dem Rauchen aufzuhören. Wie viele werden durchhalten? Und das Rauchen ist nur ein Beispiel für die vielen Dinge, die Menschen gerne bei sich abstellen möchten, es aber nicht vollbringen.

Es geht hier aber um Dinge, die ich bisher in Ordnung finde, von denen ich allerdings feststellte, dass sie dem, was Jesus will mit mir will und von mir will, im Wege stehen. Es geht um Entdeckungen auch in meinem Alltag: was ist mein Lebensstil? Auf wessen Kosten lebe ich. Es geht um Beobachtungen, die weh tun können, weil sie mich direkt und persönlich betreffen.

Es geht mit Sicherheit nicht darum, wie wichtig und bedeutend ich bin, aber darum, was ich in meinem Leben tu, wie ich mich verhalte. Gegenüber Menschen, gegenüber der Schöpfung, gegenüber Gottes Willen.

Dem Volk, das im Finstern wandelt, ist ein Licht aufgegangen mit dieser alten Messias-Weissagung beginnt der Evangelist den Bericht über Jesu Verkündigung bei den Menschen – Wem geht denn hier ein Licht auf, dem ganzen Volk oder doch nur den Menschen, die bereit sind, dieses Licht zu sehen, es anzupeilen und zu erreichen? Die Beantwortung dieser Frage würde aber wegführen vom Willen Jesu, weil sie es mir wieder zu leicht machen würde, die anderen anzusehen und nicht mich. Jesus aber spricht den einzelnen Menschen an, dich und mich. Ewer lädt jeden ein, seinen eigenen Lebensstil zu bedenken und sich selber zu fragen: was ist dein Anteil daran, dass himmlische Zustände herrschen auf Erden.

Wir werden den Himmel auf Erden nicht schaffen können, aber Jesus lädt uns ein mit unserem Verhalten daran Anteil zu haben, dass das Himmelreich nahe herbeigekommen ist.

Buße ist ein Tätigkeitswort. Ich muss Buße tun, um mein Tun zu verändern – und das immer neu. Buße ist auch keine Lebenstheorie, Buße ist Lebenspraxis. Ich kann sie einüben, indem ich lerne, mich zu entschuldigen für Dinge, die ich falsch gemacht habe. Die Fastenaktion ‚7 Wochen ohne‘, die im März beginnt, will das anstoßen mit dem Motto ‚Ich war’s‘. Damit ist gemeint, der Versuch, auf Vorwürfe nicht mit Ausflüchten zu antworten oder mit Versteckspielen: Ich war‘s nicht, sondern ehrlich und offen zum eigenen Anteil an den Dingen zu stehen. Diese Art Fasten bedeutet den Verzicht darauf, mich selbst zu verstecken, mich selbst zu rechtfertigen. Buße bleibt etwas, dass ich tun muss – oder sie findet nicht statt. Buße heißt, dass ich lerne ja zu sagen zu mir und zu meinen Fehlern.

Es ist schon faszinierend: Jesus beginnt mit dieser Predigt nicht im Tempel, nicht bei den Mächtigen oder Frommen seiner Zeit, sondern bei den ‚Randständigen‘ in Galiläa, das im Zitat sogar ‚heidnisch‘ genannt wird. Diese Aussage entspricht nicht den Fakten: Galiläa war kein rein heidnisches Gebiet. Dort lebten Juden und Heiden. Dahinter steht wohl eher die Vision des Matthäus, dass Jesu Sendung von Anfang an über Israel hinausreichte.

Für das Hören und das Glauben braucht es eben keine besonderen Fähigkeiten. Ich brauche keine ausgefeilte Dogmatik, keine durchstrukturierte Glaubenslehre. Ich brauche, dass ich Jesus höre und dass ich mein Verhalten überprüfe. In ihm ist etwas Neues geschehen: Gott hat sich mit aller Liebe den Menschen zugewandt, er kommt um uns zu besuchen. In Jesus hat das begonnen, um dessen Vollendung wir in der Vaterunser-Bitte: ‚Dein Reich komme‘ bitten.

Durch Christus ist neues ins Leben gekommen: Heil. Welche Wende in meinem Leben kann das bedeuten? Eine Frage der ich täglich in meinem Alltag nachspüren muss.

Der Jahreswechsel ist mit guten Vorsätzen gepflastert, wie der Weg in die Hölle. Gute Vorsätze aber ersetzen kein Tun und keine Hoffnung. Wir brauchen sie als Hilfsmittel, aber die Wirklichkeit entscheidet.

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