Wer nie zweifelt, kommt nie zur rechten Erkenntnis der Weisheit

Liebe Gemeinde,

alles wird in diesem Jahr 2011 besser werden. Die „Deutschen gehen optimistisch ins neue Jahr“, so steht es groß in der lokalen Tageszeitung und der Dax wird bald auch wieder über den 7000der Wert klettern.
Alle rechnen mit einem Kursanstieg und selbst unser Oberbürgermeister geht „mit einigem Optimismus ins neue Jahr“.

Liebe Gemeinde, heute am Tag nach den Neujahrsansprachen und dem offiziell verordneten Optimismus, sollen die Skeptiker zu Worte kommen.

Im Zentrum unseres Bibelwortes, steht einer der bekanntesten Skeptiker von dem die Bibel ein „aufrichtiger Israelit“, wie er in unserem Text genannt wird, der fromme Jude Nathanael.
Seine Skepsis ist zu einem geflügelten Wort geworden: „Was kann aus Nazareth Gutes kommen!“

Es ist eine herablassende Äußerung und zugleich Ausdruck seiner guten Kenntnis des Alten Testamentes. „Nazareth“, dieses Kuhdorf ohne Geschichte, ist im Alten Testament an keiner Stelle erwähnt, aus Nazareth kann niemand Besonderes kommen.“

Die von Nathanael vorgebrachte Skepsis hat im ersten Jahrhundert der Christenheit für viel Unruhe in den Gemeinde gesorgt, und vielleicht war es diese immer wieder geäußerte Skepsis, die schon Lukas und Matthäus dazu gebracht haben, die Geburtsgeschichte des "Jesus von Nazareth" nach Bethlehem zu verlagern. Allen Kritikern wurde so der Wind aus den Segeln genommen. Niemand hätte damals gewagt zu sagen: „Was kann aus Bethlehem gutes kommen?“ Betlehem war nach 1 Sam 16,1 wo es heißt: „Der Herr sagte zu Samuel: … Ich schicke dich zu dem Betlehemiter Isai; denn ich habe mir einen von seinen Söhnen als König ausersehen“, der Herkunftsort Davids,

Und beim Propheten Micha heißt es im 5. Kapitel: „Aber du, Betlehem-Efrata, so klein unter den Gauen Judas, aus dir wird mir einer hervorgehen, der über Israel herrschen soll.“

Aber „Was kann aus Nazareth Gutes kommen!“

Nathanael, ein aufrichtiger und frommer Jude, darf im Evangelium des Johannes diese freche Provokation aussprechen.
Ich bin immer wieder überrascht und fasziniert wie in den Schriften der Bibel auch Menschen zu Wort kommen dürfen, die nicht blindlings glauben. Und wenn wir uns die Berufungsgeschichten der ersten Jünger genauer anschauen, dann gehört Nathanael zu den wenigen, die zwar in die Nachfolge gerufen, aber dann doch nicht zu Aposteln wurden.

Philipus, ja, der lässt wie die anderen alles liegen und stehen und folgt Jesus. Und in seiner Begeisterung will er auch Nathanael davon überzeugen, dass sie den Messias gefunden haben, doch dieser „blockt erst einmal ab“ wie man es heute sagen würde.
Das heißt aber nicht, dass er nicht neugierig war, offen für Neues.

Skeptiker, liebe Gemeinde, sind meist neugierige Menschen. Gerade weil sie nicht sofort alles glauben, sind sie auf der Suche und offen für Neues. Skeptiker sind auch keine Miesmacher, wie oft behauptet wird, kritisches Nachfragen schließt Offenheit nicht aus und so kommt es in unserer Geschichte tatsächlich zu einer Begegnung zwischen Jesus und Nathanael.

Und dieses Gespräch ist für uns ein Lehrbeispiel, für den Umgang mit Skeptikern und Zweiflern, oder auch mit Kritikern. „Jesus sah Nathanael kommen und sagt von ihm: Siehe, ein rechter Israelit, in dem kein Falsch ist“, so der Bibeltext.

Mit Lob und Anerkennung wird er von Jesus begrüßt, mit einer aufrichten und entwaffnenden Wertschätzung, indem Jesus sagt: „Bevor Philippus dich rief, als du unter dem Feigenbaum warst, sah ich dich.“

Nathanael ist nicht deshalb von einem Moment auf den anderen verwandelt, weil, wie man vielleicht vermuten könnte, Jesus ein magisches Auge hat und Dinge sieht, die sonst niemand kennt und weiß.

Nathanael begegnet in Jesus einem Menschen, der seine Skepsis und Kritik nicht als etwas Negatives oder Bedrohliches ansieht, sondern dahinter den ehrlichen Suchenden nach Wahrheit und Gerechtigkeit erkennt. Jesus sieht im ins Herz, er schaut „hinter die Kulissen“, hinter die Fassade des Skeptikers.

Liebe Gemeinde, der Feigenbaum ist nicht zufällig als Ort genannt wo Jesus Nathanael gesehen hatte. Der Feigenbaum steht in der rabbinischen Tradition für den Ort des Studiums der Heiligen Schrift, dem Ort der Ruhe und des Nachdenkens, dem Ort wo den Geheimnissen Gottes nachgespürt wird.

Indem Jesus Nathanael wissen lässt: „als du unter dem Feigenbaum warst, sah ich dich“, erweist er dem Skeptiker ehrliche Hochachtung.

Liebe Gemeinde, Nathanael fühlt sich ernst genommen, akzeptiert so wie er ist und ihm werden die Augen geöffnet. Er antwortet mit Worten der Verehrung: „Rabbi, du bist Gottes Sohn, du bist der König von Israel!“
Und obwohl ihm Jesus verspricht, dass er „den Himmel offen sehen“ wird, ist es doch verwunderlich, dass wir im ganzen Evangelium nichts mehr von ihm lesen. Die Bibel erzählt uns nicht, dass er sich in Nachfolge berufen ließ. Er wurde kein Jünger Jesu wie Philipus und trotzdem ist seine Geschichte damit nicht zu Ende.

Im letzten Kapitel des Johannesevangeliums in Kapitel 21 taucht er plötzlich wieder auf. Als der Jesus als Auferstandene am See Tiberias erscheint heißt es: „Danach offenbarte sich Jesus abermals den Jüngern am See Tiberias. Er offenbarte sich aber so: Es waren beieinander Simon Petrus und Thomas, der Zwilling genannt wird, und Nathanael aus Kana in Galiläa und die Söhne des Zebedäus und zwei andere seiner Jünger.“

Da ist er wieder, der Skeptiker und Zweifler, der seinen festen Platz im Kreis der Jünger gefunden hat, sogar in dem Moment als der Auferstandene den Seinen erscheint ist er präsent.

Das ist doch für uns alle ein hoffungsvolles Signal.

Manchmal hat man ja den Eindruck, dass man als Christ, als Mitglied einer Kirche mehr denn je, von Skeptikern, Zweifeln und Kritikern umgeben ist.

Zu uns sagt man vielleicht heute: "Was kann schon von der Kirche Gutes kommen?“ „Das Christentum hat doch in 2000 Jahren nichts erreicht!“ „Die Kirche ist von einem Skandal nach dem anderen erschüttert.“ Und „die Leute die in die Kirche rennen, sind auch keine besseren Leute“.

Wenn wir uns heute mit solchen oder ähnlichen Vorwürfen auseinandersetzen müssen, dann sollten wir an die Begegnung zwischen Jesus und Nathanael denken.

Die Erzählung lehrt uns:

– dass man bei kritischen Menschen, mit einer aufrichtigen und entwaffnenden Wertschätzung, meist mehr erreicht als mit Konfrontation.
– dass Zweifler, oft Wahrheitssuchende Menschen sind
– dass, selbst wenn wir zu den Skeptikern gehören, unter den Jüngern und in der Gemeinde Jesu einen Platz haben.

und, wie es Ignatius von Loyola, Mitbegründer des Jusitenordens im 16. Jahrhunderts gesagt hat: „Wer nie zweifelt, kommt nie zur rechten Erkenntnis der Weisheit“

Amen

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