Orientierung

Sie kennen, liebe Gemeinde, diese Worte gut. Gerade eben heute Nachmittag haben wir sie an anderer Stelle schon einmal gehört.

Sie können sich ebenfalls denken, warum dieses Wort für den Neujahrstag gewählt wurde: es ist die Frage nach dem Weg, nach dem Wohin, ja im weitesten Sinne nach der Zukunft überhaupt. „Wo ich hingehe, den Weg wisst ihr.“ So spricht Jesus zu seinen Jünger. In der konkreten historischen Situation dieser Aussage hat er seinen nahen Tod vor Augen, aber schon da schimmert etwas durch, über diesen Tod hinaus: seine Auferstehung, sein Auffahren in den Himmel, das Sitzen zur Rechten Gottes des Vaters.

Die Jünger aber reagieren wie alle anderen Menschen auch: „Wie können wir den Weg wissen?“

Eine Frage, liebe Gemeinde, die ja in all den Gremien, in denen wir uns so bewegen auch notwendigerweise immer wieder gestellt wird: „Wie soll es weitergehen?“ „Welche Richtung sollen wir einschlagen?“ „Was wird die Zukunft bringen?“ Es sind keine einfachen Fragen, weil es meist Alternativen gibt: mindestens zwei Wege. Und in der Regel gibt es auch jeweils Vertreter für die eine oder andere Richtung, die bereit sind, mit harten Bandagen für „ihren Weg“ zu streiten. Und doch muss ja die Zukunft angegangen werden, Entscheidungen müssen her, auch hier für unseren Ort in der politischen Gemeinde oder in unserer Kirchengemeinde. Nehmen Sie etwa die Diskussion um das Pfarrhaus: ist es richtig, nachzugeben und in unseren Augen nur unvollständig zu sanieren oder ist es doch besser, mit langen Atem alles zu versuchen, damit das Gift nachhaltig entfernt wird? Eine schwere Entscheidung, um die wir immer wieder ringen und die leider sehr viel Kraft kostet. Auch Sie, die Entscheidungsträger unserer politischen Gemeinde kennen ähnliche Fragen aus der Vergangenheit und der Gegenwart.

Darin sind wir wie die Jünger: voller Sorgen betrachten wir die Probleme, die vor uns liegen und machen davon oft genug den Wert unseres Lebens abhängig. Oder vielleicht besser: lassen uns davon abhängig machen. Und da kann es schon passieren, dass es etwa ein ablehnendes Schreiben z.B. von der Landeskirche, um in unserem Beispiel von eben zu bleibenk, wieder einmal schafft, einen völlig hinunter zu ziehen, So sehr, liebe Gemeinde, dass man Abends zu Hause sitzt, sich fragt, warum man sich das alles antut und nicht geringe Lust hätte, alles hinzuschmeißen. Oder nehmen Sie die noch gar nicht so alten Wunden in unserer politischen Gemeinde: wie ein schmerzlicher Riss kommt es mir oft vor, wenn ich an die Diskussionen um unsere Lösung der Abwasserfrage denke: wie viele Verletzungen sind da doch entstanden. Aber bitte: eben in aller Regel nicht aus Bosartigkeit oder Gehässigkeit, sondern aus den Sorgen heraus, die die Einzelnen gedrückt haben.

Solche Sorgen drückten auch die Jünger und ihnen fällt nichts anderes ein, als sich an Jesus zu wenden und zu sagen: „Wir wissen den Weg nicht.“

Jesus aber in seiner radikalen Art – und er war viel radikaler und konsequenter, als wir uns das manchmal vorstellen mögen, sagt zu diesen Sorgen erst einmal gar nichts, sondern verweist auf sich selber: „Ich bin der Weg!“

Und, liebe Gemeinde, ist das eine Lösung für unsere Probleme? Auf Jesus zu zeigen und zu sagen: dort ist der Weg? So verkürzt natürlich nicht. Vielleicht kennen Sie diese Armbändchen, die in christlichen Kreisen gerne mal getragen werden? Das steht drauf: w.w.J.d. = what would Jesus do?, also auf Deutsch: „Was würde Jesus tun?“ In einer verkürzten Übertragung meine ich bringt uns das tatsächlich nichts: Jesus würde wahrscheinlich beim Pfarrhaus sich weder auf die Seite des Denkmalschutzes noch auf die Seite der Gemeinde stellen und Jesus hätte wahrscheinlich auch kein Plädoyer für die eine oder die andere Lösung in der Abwasserfrage gehalten. Also dürfen wir nicht aufgeben, sondern müssen dran bleiben an diesem Wort: „Ich bin der Weg!“ Denn Jesus wird uns das Sorgen nicht abnehmen in dem Sinne, dass wir in diesem Leben nicht weiter eine um die andere Entscheidung treffen müssten. Nein: wir bleiben hier, solange unsere Zeit bestimmt ist und ja: wir sind aufgerufen, uns zu engagieren: im den Gemeinden, in den Vereinen usw. und Entscheidungen zu treffen.

Und dennoch trifft uns dieses Wort Jesu, wie es die Jünger hätte treffen sollen: der Hauptweg in deinem Leben sollte der Weg zu Jesus sein oder von der anderen Richtung her gedacht: der Weg, den auch Jesus gegangen ist. Der Weg im Leiden an dieser Welt, an ihrer Ungerechtigkeit und Falschheit unter den Menschen – ihr nämlich zu begegnen in Liebe, Gewalt nicht mit Gewalt zu vergelten und den Weg im Vertrauen zu Gott – anzunehmen, was er schicken mag – im Vertrauen zu meinem Schöpfer auch den Weg in den Tod, durch den Tod hin zu ihm, zu einem neuen Leben.
Und das heißt auch zu begreifen, dass wir tatsächlich Geschöpfe dieses Gottes sind und wir darauf hin geschaffen wurden, ihm, dem Schöpfer zu antworten. Im Loblied unseres Lebens als der Sinn unseres Lebens.

Und diese Worte, liebe Gemeinde, sind so hart zu hören, weil wir es doch nicht einmal schaffen, unsere kleinen Dinge, die wir uns vornehmen, einzuhalten. Und dennoch ist es der Anspruch Gottes, der uns heute an diesem Neujahrstag so heftig begegnet: mache dir bewusst, dass Gott auf deine Antwort wartet. Mehr noch: lasse es in dein Herz, dass dein ganzes Vertrauen auf diesem Gott liegen sollte. Vielleicht geht es besser, wenn wir es als Zuspruch formulieren: du darfst Gott für dein Leben vertrauen. Du darfst dich ganz und gar in seine Hand begeben mit den Worten von Paulus, dass dich nichts trennen kann von dieser Liebe Gottes.

Auch das, liebe Gemeinde, macht unsere Probleme, mit denen wir kämpfen müssen, nicht kleiner oder unwichtiger, aber es weist uns deutlich darauf hin, dass unser Sein nicht von dieserlei Sorgen abhängt. Sondern, dass unsere Existenz, unsere Person, unsere Würde als Mensch von anderer Stelle her gehalten und garantiert wird – ohne, dass wir es zerstören könnten. „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben!“

Die Sorge der Jünger ist oft genug unsere Sorge, weil wir oft genug ebenso blind für diese Wahrheit sind, wie sie es waren. Nämlich Gott vergessen zu haben für Momente, Tage oder Jahre – mach einer vergisst ihn fast sein ganzes Leben. Nicht daran gedacht zu haben, dass er mein Vater ist und ich sein Kind heißen darf. Sondern wieder etwas anderes an die erste Stelle in meinem Leben geschoben zu haben.

Wird man, liebe Gemeinde, ein besserer Mensch, wenn man solches tut wie empfohlen? Viele von Ihnen werden diese Frage verneinen und auch gleich viele Beispiele an der Hand haben, etwa wo Menschen gerade in Kirchenämter versagt oder sich scheinbar falsch verhalten haben.

Und in diesem Punkte ist es richtig: man wird nicht automatisch ein besserer Mensch im Handeln und Verhalten, nicht automatisch in ethischen Fragen kompetenter – das kann gar nicht gehen, weil diese Fragen immer und tagtäglich zu unseren kleinen Sorgen gehören und immer und immer wieder neu und anders beantwortet werden wollen und müssen.

Aber man wird tatsächlich ein besserer Mensch in dem Sinne, dass man wirklich Mensch wird – jemand also, der um sein Gegenüber weiß, der sich gerufen weiß und sich in der Antwort der Vielen vereint weiß.

Gleichzeitig wissen diese Menschen um einen Vorbehalt dieser Welt – denn noch ist sie nicht erlöst, noch sind wir nicht befreit in dem Sinne, dass wir ganz so leben könnten wie wir gedacht waren – darauf warten wir noch, hoffen wir noch. Daraus aber beziehen wir unsere Stärke – wenn es gut geht – gerade auch im Leiden.

Ein neues Jahr hat also begonnen und auch in diesem 2011 sind wir wieder aufgerufen, zu entscheiden, zu handeln, zu argumentieren und unseren Weg zu gehen.

So will ich Sie heute einladen, ganz bewusst für dieses Jahr sich immer wieder zu orientieren am Weg Jesu für uns. Weiterhin: Gott lobend zu antworten im Vertrauen darauf, dass wir tatsächlich Gotteskinder genannt werden dürfen. Schließlich: sein eigenes Leben unter dieser Verheißung zu begreifen und es zu führen in Dankbarkeit gegenüber seinem Schöpfer. Christus spricht: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.“

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