Lebensziele

Ein neues Jahr hat begonnen. Viele Hoffnungen verbinden sich mit einem neuen Jahr und haben ihren Platz in unseren ausgelassenen Feiern und Feuerwerken. Das ist auch gut so.

Nicht zu vergessen sind allerdings auch die Ängste, die so ein leerer Kalender in sich birgt. Viele Aufgaben, viele Termine – und viele Anlässe ängstlich wie das Kaninchen auf die Schlange zu starren, voller Angst dieses neue Jahr anzugehen.

Eine vergleichbare Situation begegnete den Jüngern Jesu als der seine Abschiedsreden hielt. Jeus geht darauf ein:

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Jesus entlässt die Jünger in eine neue Zeit, in eine Zeit der Eigenverantwortung. Sie sind nun geistlich erwachsen und dürfen dementsprechend ihr Leben gestalten, müssen es aber auch verantworten und dürfen sich dabei verlassen, dass Christus ihnen den Weg weist.

Natürlich bleiben sie in einer Welt, die zum Erschrecken ist. Darum beginnt er mit diesem Vers, der im vergangenen Jahr Jahreslosung war. Und es geht weiter mit dem Angebot: Viele Wohnungen sind in Gottes Haus. Da ist Platz die Menge, den Jesus für uns bereit hält. Da dürfen ganz unterschiedliche Menschen hin. Bei Gott fallen Grenzen, die wir Menschen gerne aufrichten, weg.

Thomas ist der, der auch an anderer Stelle nachfragt. Nach der Erscheinung Jesu, bei der er nicht dabei war, zweifelt er am Bericht seiner Brüder und wird deswegen von der Tradition gerne der Ungläubige genannt.

Ich glaube, diese Bezeichnung ist nicht richtig.

Dieser Thomas ist mir sympathisch. Er ist nicht der klassische Typ des frommen Christenmenschen, der alles akzeptiert, für den es keinen Widerspruch gibt. Bei Leo Tolstoi bekäme Thomas keine gute Rolle, bei Hiob wahrscheinlich auch nicht. Aber bei Jesus. Wie in der Auferstehungsgeschichte auch, bekommt er auch hier eine Antwort, die weiter hilft. Die mir weiterhilft. Dieser berühmte Satz Jesu: ‚Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.‘ ist eine Wegweisung, die ich immer wieder gerne am Grab eines verstorbenen Menschen zitiere, weil er mir weiterhilft und ich die Hoffnung habe, dass er auch Anderen weiter hilft.

Jesus selbst bietet sich in diesem Satz an als Weg durch das Leben und als Wahrheit im Leben.

Die Zeit um den Jahreswechsel ist ja eine Zeit, in der viele Menschen auf der Suche sind, auf der Suche nach dem richtigen Weg. Nach den Jahresrückblicken kommen die Worte der Zukunft. Menschen nehmen sich vor, manches besser zu machen, anders zu gestalten. Und sogenannte Meinungsmacher verkünden, was bei uns allen besser werden muss. Jesus bietet eine scheinbar einfache Alternative an. Sich selber. Er ruft seine JüngerInnen, er ruft uns in seine Nachfolge. Wir dürfen auf dem Weg, den er gegangen ist, ihm nachfolgen.

Nachfolge ist kein selbstgewählter Weg, sondern ein Weg, der geschenkt wird, den ich aber trotzdem selber gehen muss. Jesu Wort ist eine Einladung, ein Angebot, das er mir selber macht.

Ihm zu folgen heißt den Weg kennenzulernen, der zum Vater, zu Gott führt.

Ich bleibe dabei: Diese Welt ist zum Erschrecken. Wir brauchen Worte, die Mut machen, wir brauchen Gesten der Hoffnung und wir brauchen Wegweisung, ein Navigationsgerät durch die Fährnisse des Lebens. Darum ist es wichtig, dass wir uns nicht auf alle möglichen Wegweisungen verlassen, sondern hinschauen, was Gottes Wille in unserem Leben ist.

Hinweise finden wir im Leben Jesu. Schon sein Umgang mit Thomas ist da hilfreich. Er schimpft nicht mit ihm wie ein Parteiführer, dem seine Partei nicht fraglos folgen will. Er behandelt ihn auch nicht wie Luft, sondern er nimmt ihn ernst – ihn und seine Fragen.

Ich dagegen muss bekennen, wie schwer es mir oft fällt Menschen ernst zu nehmen – gerade mit ihren Fragen und Zweifeln, wie schwer ich es mir da manchmal mache, gerade zum Beispiel im Umgang mit KonfirmandInnen.

Jesu ganze Leben ist ein Angebot zur Liebe, ein Angebot zum Leben. Ich darf dieses Angebot annehmen – und ich darf es weitergeben. Und ich muss bekennen, wie schwer ich mich oft damit tu. Ich tu mich schwer damit, manche Menschen zu lieben oder wenigstens liebevoll zu behandeln. Ich tu mich schwer damit, mich dafür einzusetzen, dass alle Menschen das gleiche Recht auf Leben haben. Es fällt mir schwer, mein Leben ganz auf die Bedürfnisse der Mitmenschen einzurichten. Ich habe Probleme damit, anderen Menschen die gleichen Rechte zuzubilligen wie mir.

Jesu Angebot ist gültig, aber es ist nicht billig zu haben. Es verlangt mir Einiges ab: Ich muss bereit sein, mich zu ändern auf diesem Wege, bereit sein, auf das Vorbild Jesu zu schauen. Ein Vorbild, dass ich mein Leben lang nicht schaffen werde, zu kopieren, aber er lädt mich ein es zu versuchen, ihm nahezukommen in der Liebe und in der Zuwendung zu Menschen. Er lädt mich ein, ihm zu vertrauen, auf diesem Weg, der zum Vater führt.

Vielleicht wäre das ein guter Beginn dieses neuen Jahres, dass ich wieder neu hinschaue auf meinen Glauben, auf mein Gebet, auf meine Hoffnung. Und dass ich neu lerne auf meinen Lebensstil zu achten. Mach ich weiter mit bei dem Trend, dass Wachstum und Mehr die wichtigsten Lebensziele sein sollen. Oder setze ich andere Prioritäten: Schau auf Jesus und versuche, ihm nachzufolgen in Glaube, Liebe Hoffnung.

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