Gott sieht mich anders

Dieser Tage traf ich mich mit einer Kollegin, um dienstliche Angelegenheiten zu besprechen und wir sinnierten so etwas über die Christfestgottesdienste nach.

Zumindest in Curslack fiel mir dieses Jahr auf, dass die Gottesdienste weniger gut besucht waren, als im vergangenen Jahr. Es war nie ganz voll, so wie das doch allgemein erwartet wird:
Am ersten Feiertag elf, am zweiten Feiertag nur acht Gemeindeglieder.

Wir haben dann auch immer ganz schnell dafür Erklärungen in der Kirche: Dieses Jahr ist es das Wetter. Das mag im einen oder anderen Fall stimmen.

„Aber weißt du,“ sagte die Kollegin „ich war dieses Jahr auch im Gottesdienst gesessen. Irgendwie war das alles nett und nicht verkehrt, aber hilft es den Menschen bei der Bewältigung ihrer Wirklichkeit Tag für Tag? Was machen wir eigentlich da und vor allem, warum tun wir das?“

In der Geschichte aus dem Johannesevangelium ist es Philippus, der sich angesprochen fühlt, es gleich einem skeptischen Nathanael weitererzählt, der eher widerwillig folgt, zu viele leere Versprechungen scheint auch dieser suchende Mann gehört zu haben, aber seine Suche hat er nicht aufgegeben. Wir haben den gefunden, von dem Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben, Jesus, Josefs Sohn, aus Nazareth.

Die Lösung aller Probleme, der Messias, scheint endlich gekommen zu sein, aber mehr widerwillig („Was kann aus Nazareth schon gutes kommen?!“) als begierig folgt Nathanael Philippus nach. 
Und dann wirft den Mann sozusagen um, als dieser Prophet Jesus zu ihm sagt:“ Siehe, ein rechter Israelit, in dem kein Falsch ist.“ Anders gesagt: Nathanel darf skeptisch bleiben, skeptisch, wie viele Menschen, die immer wieder einmal auf Kirche treffen.

Jesu Begrüßung verblüfft den Mann. Schließlich hat er ihm gleich positiv charakterisiert: „Du bist eine ehrliche Haut!“ Nathanel vermutet verdutzt möglicherweise übersinnliche Fähigkeiten Jesu „Woher kennst du mich?“, aber dem ist nicht so. Die Antwort ist im Grunde genommen sehr ernüchternd:„Bevor Philippus dich rief, als du unter dem Feigenbaum warst, sah ich dich.“

Nathanel ist so beeindruckt, dass er Jesus gleich zum Messias ausruft. Aber der ernüchtert ihn gleich wieder:
„Du glaubst, weil ich dir gesagt habe, dass ich dich gesehen habe unter dem Feigenbaum.“ Aber genau da, sind wir vielleicht an der Lebenslage der Menschen dran, die in unsere Gottesdienste gekommen.
„ Ich möchte gesehen werden! Ja! Aber ich möchte dennoch im Schutz der Anonymität der Menschen bleiben, die mich im Gottesdienst umgeben.“

Sie kennen alle den Begriff der Menschenfischerei, die mit Petrus verbunden wird, aber im Grunde genommen gehen wir in unseren Gottesdiensten auf Fischzug für unsere Seelen.

Wir hoffen, dass in dem Netz der Worte, übrigens auch der Musik, der Gebete, des Segens mich etwas streift, ja einfängt, dass es mir erlaubt weiterzumachen, meine Wege zu gehen, die ohnehin beschwerlich sind.

Wir wollen gesehen werden in dem, was uns das Leben schwer macht, was uns nicht immer leicht und locker durchs Leben gehen lässt, was mich manchmal verzweifelt sein lässt und mich ohnmächtig fühlen lässt. Und dann sieht mich plötzlich einer, dem ich mein Herz öffnen kann, so wie in unserer Geschichte.

So wie Nathanael. Der fühlt sich offensichtlich nicht wohl in seiner Haut, dem bringt das Leben so einigen Verdruss, der macht sich mit Philippus eher hoffnungslos auf den Weg und erlebt die Überraschung seines Lebens.

Das sind wir dann wieder bei den Gottesdienstbesuchern am Heiligen Abend. Gehe ich, weil ich mich einfangen lassen möchte oder sitze ich die Zeit ab, weil es so üblich ist?
Bin ich selber für eine Veränderung bereit oder will ich mir doch nur bestätigen lassen: Es ist immer wieder dieselbe Geschichte und die 15 min muss ich jetzt eben durchhalten bis der oder die da oben fertig ist?

Dann gibt es irgendwann tatsächlich keinen Grund mehr, in die Gottesdienste zu gehen, denn ich traue dem ganzen nichts mehr zu. Höchsten vielleicht noch einmal, wenn es im Leben richtig eng wird oder zu spät.

Sie kennen das vielleicht von Theater, oder Konzertbesuchen, von Einladungen bei Bekannten, die man eigentlich langweilig findet: Plötzlich kommt dann doch alles anders.

Das setzt aber andererseits auch voraus, dass wir als Pastoren, als Kirche, als Institution immer wieder selber an uns arbeiten, dass wir Menschen sehen. Es kann mir nicht gleichgültig sein, dass Sie heute hier im Gottesdienst zusammengekommen sind, Sie sozusagen heute Ihre Netze auswerfen.

Es ist unsere und meine Aufgabe gute Arbeit zu leisten und Menschen auf unterschiedlichen Ebenen Angebote zu machen, nicht nur in einer Predigt oder im Gottesdienst. 
„Du wirst noch Größeres als das sehen. Und er spricht zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet den Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf- und herabfahren über dem Menschensohn.“ So schließt Jesus in der Berichterstattung des Johannes diese Episode ab. Eine Gottesvision, so wie bei Jakob, beim Propheten Jesaja und in der Offenbarung des Johannes. Keine Angst, so beeindruckend finde ich das nicht, was ich Ihnen heute hier erzählt habe und natürlich bin ich nicht Christus.

Aber ein Gedanke, ein Splitter, irgendein Wort verändert manchmal nicht nur meine Welt, sondern unsere persönliche Sichtweise auf mein Leben.

Und wie ist das geschehen? Am Anfang der Geschichte steht ein anderer Suchender: Philippus. Der nimmt seinen Freund, seinen Bekannten mit zu Gott. Und wer das tut, sagt selber etwas über sich aus. Er öffnet sich einem anderen Menschen, zeigt etwas davon, dass er daran glaubt: Gott sieht mich anders.

Dann trifft man sich, feiert gemeinsam das Mahl und Gott kommt uns nahe, wird Lebensbrot für meinen Lebensweg. Am Anfang zart, unscheinbar, wie das Kind in der Krippe, dann aber groß und stark als Gott der Mensch wird, damit wir unsere Wege weitergehen können.

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