Das große Aber

Liebe Gemeinde,

haben sie Vorsätze für´s neue Jahr geschmiedet? Lassen sie das neue Jahr einfach so auf sich zukommen oder möchten sie in diesem Jahr einen ganz bestimmten Weg gehen?

Auf dem Weg in ein neues Jahr ist es ganz gut, so etwas wie ein Geländer an der Hand zu haben. Etwas, das Orientierung für das Jahr gibt und Denkanstöße. Für den Neujahrstag heute sind es zwei Texte, die uns leiten. Einmal der Predigttext und zum anderen die Jahreslosung für 2011.

Zuerst halten wir uns an den Predigttext aus dem Johannesevangelium – wir haben ihn gerade als Schriftlesung gehört. Passender Weise beginnt der ja mit der Jahreslosung, die uns bis gestern durch das Jahr 2010 begleitet hat: Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!

Für die Jünger, an die der Predigttext eigentlich gerichtet ist, was es keine leichte Zeit. Auch sie sind – genau wie wir heute – in einer Übergangssituation. Sie stehen zwischen den Zeiten. Jesus hat ihnen angekündigt, dass er sie verlassen wird: Meine Kinder, ich bin nur noch kurze Zeit bei euch (Joh 13,33). In den sogenannten Abschiedsreden im Johannesevangelium bereitet er sie mehrerer Kapitel (Joh 13,31 – 16,33) darauf vor, wie es sein wird ohne ihn. Doch die Jünger können das gar nicht fassen: Herr, fragte Simon Petrus, wohin gehst du? (Joh 13, 36).

Das alles bringt sie durcheinander. Ihnen wird wahrscheinlich klar, dass sie an einem Wendepunkt stehen. An einem Übergang hin zu etwas ganz Neuem. Und natürlich macht das auch Angst. Wie wird unser Weg weitergehen, fragen sie sich? Wie soll das alles werden? Vielleicht haben sie sich ja auch Vorsätze gefasst, für die kommende Zeit.

Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich! Das sagt Jesus in den Abschied und ins Unbekannte hinein. In den Abschied der Jünger von ihm und dem Altgewohnten, auch in unseren Abschied vom alten Jahr hinein. 365 Tage hat sie uns begleitet, die alte Losung, ist viele Wege mitgegangen.

Thomas scheint Zweifel zu haben. Er will lieber festhalten am Alten, an dem, was ihm Sicherheit gibt. Auch er versteht zwar, dass sie zwischen den Zeiten stehen, doch er sieht nicht, wohin sie alle gehen werden. Herr, sagte Thomas, wir wissen doch nicht einmal, wohin du gehst. Wie sollen wir dann den Weg dorthin kennen? (Joh 14,5) Wenn wir das Ziel nicht kennen, wie soll das alles gehen? Eine berechtigte Frage.

Viel weniger dramatisch stellt sich die ja auch am Beginn dieses neues Jahres: Was wird da auf uns zukommen? Welche Wege hält dieses Jahr bereit für uns – welche Wege hält Gott bereit für uns?

Vielleicht will ich diese Wege ja gar nicht alle mitgehen – ob es wohl das ist, was Thomas zögern lässt? Was, wenn ich auf einen Irrweg komme und in einer Sackgasse lande – beruflich, gesundheitlich, in der Familie? Was, wenn ich meinen Weg nicht finde durch´s neue Jahr – nicht alle Wege haben ein Ziel?

Thomas hat als Jünger Jesus begleitet – er kannte ihn gut. Und er kannte den Weg, den Jesus geht gut. Vielleicht lagen ja auch da seine Zweifel. Vielleicht war er sich nicht sicher, ob er – Thomas – diesen Weg weitergehen kann. Denn dieser Weg Jesu, der ist ja in beeindruckender Weise geradlinig. Da gibt es kein wenn und aber, keine ständige Abwägung, wie bei uns. Wir überlegen, was die anderen denken. Wir überlegen, ob uns das vielleicht schaden könnte. Wir überlegen, ob wir so viel Kraft haben, dies oder jenes durchzustehen. In jedem von uns steckt so ein zweifelnden Thomas.

Jesu Weg dagegen in diese Wohnungen beim Vater, von denen er spricht, der war konsequent. Ein Weg, der immer auf Mitmenschen und Schöpfung hin ausgerichtet ist. Er macht keine Kompromisse, auch nicht vor Pilatus. Pilatus hat ihm mehr als deutlich Möglichkeiten aufgezeigt, am Kreuz vorbeizukommen, doch Jesus wollte nicht. Diese Gradlinigkeit brachte ihn ans Kreuz.

Thomas bekommt als Antwort auf seine Frage nach dem „wie und wohin“ einen theologischen Spitzensatz präsentiert: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.

Aha, ob Thomas das auf die Schnelle wohl weitergeholfen hat? Auf die Frage nach dem wohin, sagt Jesus: „Denke nicht nach. Du kennst den Weg – ich bin es. Es kommt nicht darauf an, was du weißt und sagst. Es kommt darauf an, wie ich dein Leben verändert habe. Mein Weg soll dein Weg sein, ich bin die Antwort.“

Doch was bedeutet das, wenn man zwischen den Zeiten steht, an einem Übergang im Leben?

Was ist das für ein Leben, von dem Jesus spricht? Wie klingt das für Menschen, die im vergangenen Jahr jemanden durch den Tod verloren haben? Wie klingt das für diejenigen, die mit einer Krankheit kämpfen? Ich bin das Leben, sagt Jesus. Da muss es also so viel mehr geben, mehr als unsere Vorstellungskraft erdenken kann.

Und was meint denn Wahrheit? Von Medien sind wir umgeben den ganzen Tag. Natürlich werden Nachrichten manipuliert, Bilder gelten vor Gericht nichts, weil sie handstreichartig verfälscht werden können. Kennen wir denn die Wahrheit, frage ich mich manchmal, oder steckt sie irgendwo in der Mitte zwischen all den Nachrichten? Wie viel Weltverständnis wird uns vorgegaukelt und wo hält man uns dumm? Ich bin die Wahrheit, sagt Jesus. Da muss es also so viel mehr geben, mehr als unsere Vorstellungskraft erdenken kann.

Und welche Wege liegen vor uns? Die Zeitung am Donnerstag hat von den Kirchenaustritten berichtet. Wo wird uns unser Weg hinführen – uns als Gemeinden und uns als Kirche? Die nächsten Jahrzehnte sind eine große Herausforderung. Ich bin der Weg, sagt Jesus. Da muss es also so viel mehr geben, mehr als unsere Vorstellungskraft erdenken kann.

Liebe Gemeinde, manchmal, da kann ich sie gut verstehen, die Jünger damals. In der Welt habt ihr Angst – Jesus bringt es auf den Punkt (Joh 16,33), aber …

Da gibt es dieses große „aber“, das vor und über allem steht. Dieser eine Text mit der alten Jahreslosung, zu dem gesellt sich ein zweiter dazu. Ein bisschen, wie wenn ein Geländer aufhört und ich jetzt eben das auf der anderen Seite in die Hand nehme. Der zweite Text heute ist die neue Jahreslosung aus dem Römerbrief (12,21): Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Jesus im Johannesevangelium ist pragmatisch und ehrlich: In der Welt habt ihr Angst, aber, sagt er, es gibt Hoffnung für euch alle, seid getrost, ich habe die Welt überwunden. Und auch der Apostel Paulus im Römerbrief beurteilt die Welt ähnlich. Deshalb fordert er in Kapitel 12 die Christen im Rom auf: Richtet euch nicht länger nach dem Maßstäben dieser Welt, sondern lernt, in einer neuen Weise zu denken … (Röm 12,2).

Ein bisschen kommt es einem so vor, also ob Paulus im Römerbrief auf Jesus im Johannesevangelium antwortet. Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem also als Antwort auf Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.

Doch auf den ersten Blick kommt die neue Losung ja ein bisschen einfach und platt daher. Als ob das so einfach wäre, immer zu wissen, was gut und böse ist und dann auch noch beides immer messerscharf unterscheiden zu können. Wüssten sie es denn immer? Ich glaube, manchmal, da haben wir vielleicht eine Ahnung, mehr aber auch nicht.

In diesem Jahr da jährt sich der Einsturz des World Trade Center in New York zum 10. Mal. Zwei Flugzeuge sind damals am 11. September in die beiden Türme gerast, 3000 Menschen sind ums Leben gekommen. Der damalige Präsident der Vereinigten Staaten, George Bush, der hat ganz schnell von einer „Achse des Bösen“ gesprochen. Bis heute sind Truppen in Afghanistan und dem Irak – einer Lösung des Problems sind wir heute nicht näher als damals. Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem – ob Bush als wiedergeborener Christ diese Stelle wohl kannte…?

So einfach und platt, wie die Jahreslosung daherkommt, ist es also nicht – nicht in der großen Politik und auch nicht im Kleinen, das werden sie ahnen. Die neue Jahreslosung also ein unerfüllbarer Vorsatz für das neue Jahr?

Für den Apostel Paulus ganz und gar nicht. Für ihn ist das eine logische Folge des Glaubens. Er sagt: Wenn ihr an den glaubt, der Weg, Wahrheit und Leben ist, dann vergeltet niemanden Böses mit Bösem (Röm 12,17), rächt euch nicht selbst (Röm 12,19). Kurz: Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Paulus war ein weiser Mann, der die Welt mit ihren Strukturen durchschaut hat. Er wusste, dass Gewalt wieder nur Gewalt bringt und Neid neuen Neid. Nach der Maxime zu leben (wie wir es ja oft tun und uns dabei unglaublich im Recht fühlen!): „Wie du mir, so ich dir“, das bringt die Menschheit nicht voran. Deshalb seine Forderung an uns als Christen: Richtet euch nicht länger nach dem Maßstäben dieser Welt, sondern lernt, in einer neuen Weise zu denken … (Röm 12,2).

Drei Beispiele, wie das vielleicht funktionieren könnte:

1. Ich höre auf, ständig Recht haben zu wollen. Denn es ist oft klüger auf Vergeltung zu verzichten, weil die zwar ganz kurz Genugtuung bringt, aber die Spirale doch nur weiter nach oben schraubt. Das gilt für die Politik genauso wie für den Zwist mit dem Nachbarn oder in der Schule. Denn, wenn wir Böses wieder mit Bösem vergelten, dann sind wir eben nicht viel besser als die Welt um uns herum und wir werden selbst zu Werkzeugen dieses Bösen. Vergeltet niemanden Böses mit Bösem… Ein solches Verhalten wird ihn [deinen Feind] zutiefst beschämen (Röm 12,17+20b).

2. Ich bemühe mich, Frieden zu halten. Das heißt nicht, dass wir zu naiven Puppen werden, mit denen jeder tun kann, was er will, aber wir sollen kein zusätzliches Öl ins Feuer gießen. Wir sollten es Gott überlassen, die Dinge letztendlich zu regeln. Wenn es möglich ist und soweit es an euch liegt, lebt mit allen Menschen in Frieden (Röm 12,18).

3. Ich versuche, wenigstens ein bisschen, diesen Weg Jesusauch zu gehen und den anderen mit einem Funken Liebe zu begegnen. Eine alte Dame erzählt, wie sie nach der Befreiung aus dem Konzentrationslager eine Frau wieder getroffen hat, die zum Lagerpersonal gehört hat. „Als ich die Wärterin sah“, erzählt sie, „da drang Hass in mein Herz und wollte mich überwältigen. Aber da fiel mir ein, was Paulus schreibt: Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unser Herz (Röm 5,5). Ich erlebte, dass Gottes Liebe stärker sein kann als mein Hass und konnte ihr begegnen.“

Liebe Gemeinde, auch dieses Jahr 2011 wird einiges für uns alle bereithalten. Viel Schönes hoffentlich, aber das andere sicherlich auch. Für uns als Christen wird es begleitet von diesem großen „aber“, das vor und über allem steht: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Also: Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Und ich glaube, wenn wir die Jahreslosung mit ins neue Jahr nehmen und uns immer wieder an ihr orientieren wie an einem Geländer im Dunkeln, dann können wir uns alle im wahrsten Sinne des Wortes ein gutes neues Jahr wünschen!

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