Stillesein und Hoffen

Heute ist der Abend des Zurück- und Vorausblickens. Da sind kritische Gedanken schon ganz angebracht, aber bitte nicht zu stark! Der Rückblick soll doch lieber versöhnlich ausfallen und der Vorausblick von Vertrauen und Zuversicht geprägt sein. Bei so einem Wunsch nehme ich mich nicht aus! Was uns aber heute Abend als Predigttext aus dem Propheten Jesaja zugemutet wird, klingt ganz anders. Es ist wenig zuversichtlich. Aber vielleicht ist das ja sehr gut so, verhindert so ein sperriger Predigttext doch, dass wir es uns zu schnell bequem auf unseren Plätzen machen und hören, was wir gern hören möchten.

Die Zumutung aus Jesaja finden wir im 30. Kapitel des gleichnamigen Prophetenbuches, die Verse 15 – 17:

[TEXT]

Das ist schlicht und einfach die Ansage einer Katastrophe.

Die Situation war damals folgende: Der Kleinstaat Juda bestand wie auch die anderen kleinen Länder der Region zwischen den beiden Großmächten Ägypten und Assyrien. Die Assyrer hatten in diesen Jahren die Oberherrschaft. Den Machthabern in Jerusalem passte das jedoch gar nicht. Sie wollten sich gern zu eigener Herrlichkeit aufschwingen. Weil ihnen dazu aber verständlicherweise die Mittel fehlten, suchten sie sich Verbündete und fanden sie in den Ägyptern, die ihrerseits gern den Assyrern eins auswischen würden. Jesaja, der Prophet, Berater und Kritiker der Könige in Jerusalem kann darin überhaupt keinen Sinn erkennen. Nur die Oberherrschaft zu wechseln, was soll das bringen? Wenn Juda zu alter Größe wie unter David und Salomo zurückfinden will, dann bleibt ihm nur ein ganz eigener Weg, ein Weg mit seinem Gott Jahwe. Anders herum: Wenn nur Gottes Gebote beachtet werden, dann ist die Frage einer fremden Oberherrschaft zweitrangig. Das meint offensichtlich Jesaja und sagt es den Leuten immer wieder sehr deutlich. Was ist das Ergebnis? Redeverbot!

Irgendwie kommt uns das doch bekannt vor, dass diejenigen, die Unpopuläres sagen oder veröffentlichen, nach Möglichkeit zum Schweigen gebracht werden.

Denen, die sich an ihren hochfliegenden Plänen berauschen, kommt Jesaja mit einem Wortspiel. Ihr wollt dahinfliegen? Ihr werdet dahinfliehen! Ihr wollt auf Rennern reiten? Eure Feinde werden euch überrennen! Was damals die stolzen Rosse waren, sind heute die Maseratis oder Düsenjets. Der hektischen Aktivität setzt Jesaja etwas ganz Schlichtes, aber sehr Unpopuläres entgegen: stille sein und hoffen. Und resigniert stellt er fest: Aber ihr wollt nicht.

Genau dieser Satz scheint mir der Knackpunkt unseres kurzen Schriftabschnittes zu sein. Schier unausweichlich droht die Katastrophe. Aber sie ist nur deshalb unausweichlich, weil die Leute nicht wollen. Sie könnten aber wollen! Wir könnten wollen! Und wie sähe das aus? Wie würden wir stark werden durch Stillesein und Hoffen?

Da ist zunächst das Missverständnis auszuräumen, als seinen Stillesein und Hoffen gleichzusetzen mit Tatenlosigkeit. „In der Ruhe liegt die Kraft“, sagt so mancher. Und wenn diese Redeweise kein Vorwand für pure Faulheit ist, dann wird hier eine Aufgabe ruhig und besonnen und zielstrebig angegangen, um möglichst effektiv zu einem Ergebnis zu kommen.

In der Ruhe liegt die Kraft – so könnte man ganz schlicht und weltlich die Worte des Propheten Jesaja in unsere Alltagssprache übertragen. Doch wenn wir etwas genauer hinsehen, dann eröffnet sich auch und vielleicht gerade in diesen einfachen Worten eine geistliche Dimension.

Wo Ruhe gefunden wird,
bleibt Zeit zum Nachdenken,
bleibt Zeit für persönliche Bilanzen,
bleibt Zeit, Pläne zu schmieden und notfalls auch wieder zu verwerfen,
bleibt Zeit, die Pläne und Bilanzen im Blick auf Gottes Gebot zu bedenken,
bleibt Zeit zum Gebet,
bleibt Zeit, bei der Freude über Erfolge den Dank an Gott nicht zu vergessen,
bleibt Zeit, mehr als nur die eigenen Interessen zu verfolgen.

Diese Liste ließe sich noch sehr lange fortsetzen. Und dabei merken wir: Das Wort des Propheten ist wohl drohend und mahnend. Das empfinden wir ganz richtig so. Aber es zeigt auch eine Chance auf, die ergriffen werden will.

In der Ruhe liegt die Kraft – so einfach ist das. Die besondere Chance liegt nun darin, dass wir die Ruhe als eine besondere Gabe Gottes entdecken, die er uns mit der eigenen Ruhe am 7. Tag nach seinem Schöpferhandeln mitgegeben hat. Ruhe ist eine Gottesgabe. Und der regelmäßige Wechsel von Arbeit und Ruhe ist ein Geschenk der biblischen Religionen Judentum und Christentum an die Weltkultur.

In dieser Ruhe liegt Kraft. Auch an uns liegt es, dass wir hier die Kraft Gottes entdecken, die uns tröstet und umfängt, die uns aufmuntert und auf den Weg sendet, die uns Ideen gibt, geschickt macht, wie es so schön im Lutherdeutsch heißt, zu allem guten Werk. So kommt Hoffnung zustande und hält durch und lässt sich durch nichts kleinkriegen.

Durch Stillesein und Hoffen würden wir stark sein. Hier öffnet sich die geistliche Tiefendimension der Welt für uns.

Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so lass uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
all deiner Kinder hohen Lobgesang.

Durch Stillesein und Hoffen würden wir stark sein. Sollten wir – anders als die Leute zur Zeit Jesajas – nicht doch wollen?

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