Volkszählung 2011

Die Volkszählung brachte für Leute wie Maria und Josef – und das waren die meisten damals – die Volkszählung brachte für die Leute nur eins mit sich: Ärger und jede Menge zusätzlichen Aufwand. Schließlich klingelten keine ehrenamtlichen Interviewerinnen und Interviewer an der Haustür. Auch Fragebögen kamen nicht ins Haus geflattert. Maria und Josef blieb nichts anderes übrig: sie mussten sich nach Betlehem aufmachen, den Gebirgsweg tagelang hoch und runter klettern, mit dickem Bauch, nur um sich in die Steuerlisten einzutragen. Geld und Besitz sollten sie nachweisen. Und da verstanden die Römer keinen Spaß, das wussten alle. Ein römischer Geschichtsschreiber berichtete über die Volkszählungen seiner Landsleute:
„In den Städten wurde die Bevölkerung zusammengetrieben, alle Marktplätze waren verstopft von herdenweise aufmarschierenden Familien. Überall hörte man die Schreie derer, die mit Folter und Stockschlägen verhört wurden… Und wenn der Schmerz gesiegt hatte, schrieb man steuerpflichtigen Besitz auf, der gar nicht existierte.“ (Lactantius, De Mortibus persecutorum, zit. nach: Helmut Gollwitzer / Pinchas Lapide: Ein Flüchtlingskind. München 1981, 16) Eine Stille Nacht brauchten Maria und Josef also gar nicht zu erwarten.

Kein Wunder, dass solche Steuerschätzungen äußerst unbeliebt waren. Es gab Widerstand, ja Aufstände. Doch der Aufwand lohnte sich für die Römer. Sie füllten nicht nur ihr Staatssäckel. Sie konnten zudem mit harter Hand demonstrieren, wer Herr im Haus ist. Als erfahrene Diktatoren wussten sie natürlich: eine Volkszählung fördert vieles ans Licht, was offiziell gar nicht existiert: Geld und versteckte Konten. Immobilien, von deren wirklichen Wert niemand ahnt – jedenfalls nicht das Finanzamt. Menschen, die nicht registriert sind. Illegale.

Es sind Menschen, die untergetaucht sind, weil sie verfolgt werden. Flüchtlinge, die niemand haben will. Männer und Frauen, die nie eine Geburtsurkunde besessen haben oder einen Paß. Und Kinder. Illegale Kinder.
Allein in China gibt es 10 bis 40 Millionen Kinder, die offiziell gar nicht existieren. Seit China um 1980 die Ein-Kind-Politik eingeführt hat, müssen überzählige Babys abgetrieben werden. Oder ihre Eltern werden hart bestraft. Die Kinder, die trotzdem versteckt geboren werden, wachsen ohne Rechte und Schutz auf, es gibt sie nach außen hin nicht. Manche von ihnen haben inzwischen selbst schon Kinder, natürlich gleichfalls illegal. Mit der größten Volkszählung aller Zeiten wollen die Behörden sie jetzt aufspüren. Seit 1. November sind Freiwillige zum Zählen unterwegs. Seitdem schrecken Millionen Familien zusammen, wenn es bei ihnen klingelt oder klopft.

Welches Risiko Maria und Josef eingingen, wissen wir nicht. Was die Weihnachtsgeschichten über sie und über die Reise nach Betlehem erzählen, ist historisch widersprüchlich. So widersprüchlich, dass sich die Forschung sogar gefragt hat, ob Maria und Josef in Wahrheit auf der Flucht vor der Volkszählung waren und sich in Betlehem der Erfassung ihrer Daten entzogen haben. Und dieser Widerstand wäre so gefährlich gewesen, dass selbst Jahrzehnte später nur verschlüsselt darüber berichtet werden konnte.
Wurde das Baby Jesus also in der Krippe versteckt wie einst Mose im Körbchen, vom ersten Schrei an sorgfältig vor den Augen und Ohren des Imperiums verborgen? Vielleicht hat die andere Weihnachtsgeschichte, die von Matthäus, doch recht, die wissen will, dass er schon als Säugling in Gefahr war und bei Nacht und Nebel nach Ägypten gebracht werden musste.

Eine solche illegale Familie darf niemals auffallen, keinerlei Spuren hinterlassen, keine Fehler machen. Jeder schwatzhafte Nachbar, jede Verkehrskontrolle kann zur Falle werden. Und dennoch brauchen sie Arbeit und Brot, ein Dach über dem Kopf und medizinische Hilfe, wenn das Baby krank wird. Wer Leuten wie Maria und Josef Arbeit gibt, kann sie schamlos ausnutzen, denn sie werden es nicht wagen, einen Lohn einzuklagen, wie niedrig er auch sei. Menschen ohne Papiere müssen unsichtbar bleiben um jeden Preis. Sie sind auf andere angewiesen und sind ihnen gleichzeitig ausgeliefert, Sie hängen von der Solidarität und vom Mitgefühl anderer ab. Das ist verdammt wenig zum Überleben. Oder ziemlich viel. Es lässt sich nicht erkaufen und ist im Grunde das Wichtigste, was auch unser Leben ausmacht. Verständnis, Solidarität, Mitmenschlichkeit, dazu ein Engelshauch von Glück. Das hat den windschiefen Stall von Betlehem in eine Schutzhütte für die gebärende Maria verwandelt. Es hat dem Jesuskind Aufschub verschafft für den ersten Atemzug. Es ist die Lücke im System für die illegalen Kinder in China und für alle jene, die der Zählbarkeit entschlüpfen.

[Lied: „Wer klopfet an?“ O zwei gar arme Leut. / „Was wollt ihr dann?“ O gebt uns Herberg heut. / O, durch Gottes Lieb wir bitten, öffnet uns doch eure Hütten.“ / „O nein, o nein!“ O lassset uns doch ein! / „Das kann nicht sein.“ Wir wollen dankbar sein. / „Nein, es kann einmal nicht sein, / drum geht nur fort, ihr komm nicht ‚rein!“
„Wer vor der Tür“ – Ein Weib mit seinem Mann. / „Was wollt denn ihr?“ – Hört unsre Bitte an: Lasset uns bei euch heut wohnen, / Gott wird euch schon alles lohnen.“ / „Was zahlt ihr mir! Kein Geld besitzen wir. / „Dann fort von hier!“ -O öffnet uns die Tür! / „Ei, macht mir kein Ungestüm, da packt euch, geht wo anders hin!“
„Da geht nur, geht! – O, Freund, wohin, wo aus? / „Zum Viehstall dort!“ Geh, Josef nur hinaus! / Sei es denn durch Gottes Willen, wollen wir die Armut fühlen. / „Jetz packt euch fort!“ O, das sind harte Wort! / „Zum Viehstall dort!“ O, welch ein harter Ort! / „Ei, der Ort ist gut für euch, ihr braucht nicht viel, da geht nur gleich!“]

Maria und Josef können sich nicht beschweren. Wer sich nicht registrieren lässt, ist rechtlos. Vogelfrei. Frei? Die meisten Menschen aller Zeiten haben nie eine Geburtsurkunde besessen oder gar einen Ausweis, fälschungssicher, digital und aller zehn Jahre zu erneuern. Sie haben einfach so gelebt, ohne Erlaubnis, ohne amtliche Bestätigung, dass ihre Füße den Erdboden berühren dürfen. Sie haben sich gestattet zu leben, so wie die Brennnesseln am Weg, die Spatzen in der Luft oder die Mücken, die in der Sonne tanzen.

Jesus wurde hineingeboren in eine Weltordnung, die alles erfassen, besteuern und unterordnen wollte. Ob seine Eltern sich damals der Volkszählung entzogen haben, wissen wir nicht. Als Erwachsener hat er sich jedenfalls entschieden, sich nicht von Erlaubnissen abhängig zu machen. Das einzige amtliche Dokument, das es über ihn gab, bestand aus vier Worten und war nur wenige Stunden gültig. Pontius Pilatus persönlich hat es ausgestellt. Es war das Todesurteil, das über seinem Kreuz hing. Wir kennen die Anfangsbuchstaben: INRI, Jesus von Nazareth, König der Juden.
Das hatte er davon. Er hat sich entschieden, vogelfrei zu bleiben. Und am Ende ist er sogar dem Netz des Todes entschlüpft.

Wir tragen uns fleißig in allerlei Listen ein und haben die Übersicht verloren, bei wem und wozu unsere Daten überall gespeichert sind. Ein verlorener Ausweis versetzt uns in Panik.
Doch das Leben, das Leben hat sich in der Krippe eingenistet, unverschämt und unerlaubt, und es lässt sich nicht registrieren und zählen. Es strampelt und schreit und duftet nach Milch und feuchtwarmer Windel.
Es schreckt aus bösen Träumen auf und greift strahlend nach jeder Hand. Das Leben ist ein Geschenk, ein anstrengendes. Ein Weihnachtsgeschenk. Und wer es anfasst, wird davon selbst ganz lebendig.

Mehr Predigten: www.queerpredigen.com

Mehr Weihnachtspredigten: hier

drucken