Gottes Geständnis

Liebe Gemeinde am Heiligabend des Jahres 2010,

so sicher wie der Sonntagvormittag dem Gottesdienst und der Kirche gehört, so sicher der Sonntagabend dem Tatort und seinen Kommissaren. Sie zeigen uns unsere Welt, deren menschengemachte Abgründe – und sorgen letztlich für Recht und Ordnung (in unseren Wohnzimmern). Es beginnt immer wieder alles damit, dass ein Verbrechen geschieht. Kein Unfall, sondern eine böse Tat. Was machen die Kommissare Franz Leitmayr und Ivo Batic dann? Sie ermitteln, d.h. sie machen ihre Augen und Ohren auf, stellen Fragen, lassen ihre Erfahrung spielen und ihrer Intuition freien Lauf, und sie treten miteinander in einen oft sehr streitbaren Dialog. Am erfolgreichen Ende ist der Täter quasi überführt, die Indizienlast ist erdrückend, und am Höhepunkt steht dann das Geständnis der Täterin. Sie bricht zusammen und gesteht ihre Tat. Zuletzt wird sie abgeführt, ein hartes Urteil droht und ein Leben in Unfreiheit.

Als Kommissar Johannes seine Ermittlungen aufnimmt, war auch ein Verbrechen geschehen. Man hatte einen offenbar Unschuldigen ans Kreuz geschlagen. Ein sinnloses Verbrechen. Nun geht dieser Kommissar den Dingen auf den Grund. Nicht die Täter freilich interessieren ihn zuerst, sondern vielmehr das Opfer. So beleuchtet er die Beweggründe von dessen Tun und die Hintergründe seines Lebens. Er lässt sich berichten, hört die tradierten Erzählungen, sperrt Augen, Ohren und eben seine Intuition weit auf. Schließlich kann er den Fall lösen. 

„Also“ sagt er, „Also, damit hätten wir es“. Und was er herausgefunden hat, führt dann dazu, dass wir ihn gemeinhin nicht als Kriminalkommissar sondern als Evangelisten bezeichnen. Als einen, der eine sagenhaft gute Nachricht verkündet.

Aber auch er hat ein Geständnis vorzuweisen. Seine Nachforschungen zum Leben des Jesus von Nazareth haben die Psyche der Welt offengelegt. Und sie führen dazu, dass der Haupt-Akteur dieser Welt eines einzigartigen, revolutionären Geständnisses überführt wird – in aller Öffentlichkeit: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ Die Indizien des Lebens dieses Jesus von Nazareth, der in dem Stall von Bethlehem geboren war, deuten darauf hin, in Verbindung mit einer Schau des Herzens, dass sein Leben doch nicht sinnlos zu Ende gebracht worden ist. Es ist völlig anders. Hinter ihm steht Gott selbst, identifiziert sich gar mit ihm, ist so eng mit ihm verbunden, dass er, Gott dabei zum „Vater“ wird. Ja, der bislang als allmächtig wahrgenommene Gott steht dahinter oder steckt darin. Er hat ihn, den Sohn, in die Welt gesandt und der Welt gegeben. Und ist somit selbst auf der Erde angekommen.
 Das alles aber ist nicht mehr und nicht weniger als ein Eingeständnis seiner Liebe zu dieser Welt. In Jesus von Nazareth, im Gottessohn aus dem Stall, gesteht einer, der Vater von allen seine große Liebe.

Geständnisse besonders die der Liebe sind intim und peinlich. Sie machen den, der gesteht schutzlos, sie liefern ihn aus – an das Gegenüber, an den oder die, die das Geständnis hören. Der Gott, der seine Liebe gesteht in einem Kind, wird auf diese Weise ganz klein, zum Spielball der Interessen, ausgeliefert menschlichem Urteilen, wird zertreten im Staub der Geschichte.

Geständnisse sind immer umstürzlerisch, jedoch nie folgenlos. Das Geständnis macht aus einem geachteten oder gefürchteten Mann einen Verbrecher; es offenbart anstelle einer anständigen Fassade ein kaputtes oder kaputtgemachtes Leben, irregeleiteten Ehrgeiz, schamlose Gier. Und es hat Folgen – im Rechtsstaat heißen die Gefängnis. Das Geständnis schließt den Fall ab und den Gestehenden ein.

Das Geständnis der Liebe Gottes hat ungeheuerliche Folgen. In ihm demonstriert Gott sein Innenleben, seine wahre Natur. Das Bild der Allmacht zerbricht dabei – er selbst gesteht Mensch sein zu wollen. Gott liefert sich unserem Urteil aus.

Dabei zugleich kreiert dieses Geständnis eine neue Welt, schleust den Himmel auf und eröffnet wahrhaft neues Leben. Nicht mehr furchtsame Untertanen müssen wir sein, sondern in die Freiheit der Glaubenden dürfen wir eintreten.

Gottes Geständnis „bedroht“ zugleich die wirkliche, reale Welt vor unseren Augen, in der wir kräftig mitmischen: Da wird gekämpft, gekündigt, geschlagen und gestritten, geschieden und die Natur versaut. Da herrschen Habgier und Eitelkeit, Arroganz und Trägheit, Macht- und Rachsucht. Das Geld regiert, Grenzen werden errichtet, Mauern gebaut, Kinder werden missbraucht und Frauen vergewaltigt. Armut und Krieg, Gleichgültigkeit und soziale Kälte, Neid, Einsamkeit und Korruption sind Kennzeichen der sogenannten Realität. Eine Welt voll Dreck und Wunden. Gott liebt sie trotzdem.

Gottes Geständnis der Liebe zu dieser einen Welt, verändert sie, bestreitet ihre Endgültigkeit, öffnet eine neue Welt inmitten der alten. Das Geständnis der Liebe eröffnet Zukunft, dir und mir, Gott und seinen Menschen. Diese Zukunft trägt einen gewaltigen Namen: ewiges Leben! Ewiges Leben, das ist ein Sein bei Gott und Bleiben in Gott, ein Leben in Wahrheit, ein Leben in der Liebe, die in Gott gründet.

Den Umgang mit diesem einzigartigen Geständnis einzuüben ist daher (lebens)wichtig. Es geht für uns alle darum, dieses Geständnis nicht versickern zu lassen, diese Liebe wahr- und aufzunehmen und am Brennen in uns zu halten.

Kinder machen es so, indem sie alles Nachspielen mit den Figuren der Krippe.
Wir alle dürfen, ja sollen das genauso tun.

So inszenieren wir das auch in der Kirche, wir spielen das nach – unablässig: Bei der Taufe sagen wir den Kindern, ob Wunschkindern oder nicht, dass sie noch viel mehr sind, als ein Ergebnis der elterlichen Produktion und Familienplanung. Ihr Lebensrecht geht weit über das hinaus, was ihnen die Eltern besten Willens bereitstellen können. In der Hochzeit tun wir so, als wäre die Verbindung viel tiefer, fester und verheißungsvoller, als es der selbstbestimmte Wunsch zweier Menschen zur Lebensplanung es je erzeugen könnte. Und im Sterben und beim Begraben behaupten wir, dass die Lebensleistung gar nicht entscheidend ist, auch diesen Toten erwischt Gottes Liebe und auch ihr blüht das Leben in der Herrlichkeit Gottes.

Wir tun das im Wissen um dieses alles umstürzende und definitive Geständnis. Gott hat seine Liebe gestanden, und nun ist er dabei zu behaften. Das Wissen um das Geständnis der Liebe Gottes gilt es einzuholen im alltäglichen Leben. Das ist Aufgabe genug. Als die, vor denen eben dieses Geständnis abgelegt worden ist, verstehen wir uns anders, gehen anders mit uns und miteinander um.

Gottes Geständnis ist mit ganzem Herzen und allen Sinnen zu vernehmen. Gib deinem Herzen die Chance, dieses Liebesgeständnis heute wieder und neu zu hören. Dann wirst du mit dem menschgewordenen Gott so leben, wie er mit dir leben will. Auf Augenhöhe – ganz und gar und für alle Ewigkeit!

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