Jauchzet, frohlocket …

„Jauchzet, frohlocket …“
Ich habe ihn noch im Ohr, liebe Gemeinde, diesen großartigen Chorsatz, der am 4. Advent auch in unserer Kirche erklang.
„Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage, rühmet, was heute der Höchste getan“!
So heißt es gleich zu Beginn des Weihnachtsoratoriums von Johann Sebastian Bach.

An diesen Bach’schen Aufschlag möchte ich den Predigttext für die Christvesper gleich anhängen – mal sehen, wie weit es geht und trägt:

„Jauchzet, frohlocket …“ 16 Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.

„Jauchzet, frohlocket …“ 17 Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde.

Wenn das kein Grund zur Freude, wenn das kein Anlass zum Jauchzen und Frohlocken ist, dann weiß ich auch nicht!
Gott liebt diese Welt!
Um das ewige Leben zu erlangen, reicht es, an Gottes Sohn zu glauben.
Und: ein Gericht wird nicht stattfinden, weil die Welt durch Gottes Sohn gerettet wird.

„Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage, rühmet, was heute der Höchste getan“!
Jawohl! Und das tun wir ja ganz besonders in unseren Weihnachtsgottesdiensten. Und mit uns als Gemeinde frohlocken Gospelchor und Bläser um die Wette.
Herrlich!

Und ich gäbe einiges dafür, wenn ich jetzt auch „Amen“ sagen könnte. „Amen“ – und gut ist!

„Mach doch, dann kommen wir schneller nach Hause!“, höre ich da jemanden denken.
Ja. – Aber.

Aber, es gibt ein „aber“.
Nur das Jauchzen und Frohlocken zu betonen, das wird dem Predigttext nicht gerecht. Und unserem Weihnachtsfest doch auch nicht.

Unser Weihnachtsfest ist doch hoch belastet.
Es ist belastet mit Erwartungen.
Schön soll es werden. Und die Familie soll zusammenkommen. Und bitte keinen Streit. Das Essen soll gelingen. Und alle Wünsche sich erfüllen. Und wenn schon nicht alle, dann wenigstens ein Großteil. Bitteschön.
Jetzt keine Krise. Und Krieg sowieso nicht.
Wenigstens nicht an Heiligabend.
Schließlich bleiben doch die ganzen Spannungen und Problem, die es sonst auch gibt.

Und gleichzeitig habe ich das starke Bedürfnis, dass Weihnachten anders ist. Vielleicht so etwas wie ein jauchzender, ein frohlockender Gegenentwurf zu meinem Alltag.
Das wäre wirklich schön. Und daran möchte ich glauben.
Und daran, dass … Gott die Welt geliebt (hat), dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, … sondern das ewige Leben haben.

Daran möchte ich glauben.
Und wenn das nicht so ist, wie geht es dann weiter?

Der Evangelist Johannes liefert eine Antwort; es ist diese hier: 18 Wer an ihn (Gottes Sohn) glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, denn er glaubt nicht an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes.

Ich höre das, liebe Gemeinde – und mein Frohlocken wird schon etwas kleiner.
An Weihnachten, da will ich doch großzügig sein. Und weitherzig. Ich habe nichts dagegen, dass alle gerettet werden. Das ist okay, wirklich; hab’ ich kein Problem mit.
Und jetzt sollen die, die nicht glauben, gerichtet werden?
Das ist ein Problem!

Ich denke, das Beste ist es, jetzt auch noch den Rest vom Text aus dem Johannesevangelium anzusehen. Denn das war immer noch nicht alles.
Was aber wiederum auch ganz gut ist – denn es nährt zugleich meine Hoffnung, dass es nicht mit dem Gericht endet.
Vielleicht wird es ja wieder gut. Alles gut?!

Also, die letzten Verse heißen so:
19 Das ist aber das Gericht, dass das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse.
20 Wer Böses tut, der hasst das Licht und kommt nicht zu dem Licht, damit seine Werke nicht aufgedeckt werden.
21 Wer aber die Wahrheit tut, der kommt zu dem Licht, damit offenbar wird, dass seine Werke in Gott getan sind.

Das war’s dann jetzt aber auch.
Vom Text.
Es geht um das Licht. Und ich muss sagen, das ist schon ein ziemlicher Hoffnungsschimmer für mich.
Denn wenn das Licht dadurch das Gericht ist, dass es die dunklen Werke aufdeckt, dann kann ich das gut hören.

Also: noch einmal, mit etwas anderen Worten:
Gott liebt diese Welt.
Mein Glaube an Gottes Sohn verheißt mir ewiges Leben.
Es gibt allerdings auch ein Gericht. Es besteht darin, dass aufgedeckt wird, was bislang im Dunkeln geschehen ist.
Und unsere Entscheidungshilfe zwischen Licht und Dunkelheit ist die Wahrheit.

Liebe Gemeinde, ich denke, wir haben schon eine ziemlich genaue Vorstellung davon, was von unserem Tun und Lassen ins Licht gehört und was in die Dunkelheit.
Wissen tun wir das.

Und wir sprechen das sogar aus – nämlich dann, wenn wir es bei anderen feststellen. Das ist ja auch so viel einfacher.
Und ich zeige jetzt gar nicht mit dem Finder auf Sie und Euch – mir geht es ganz genauso.
Die Fehler der anderen sind ein gefundenes Fressen für mich.

Wenn mit Gottes Sohn das Licht in die Welt gekommen ist und wir Weihnachten feiern, dann soll das Konsequenzen haben.

1. Die Fehler der anderen – die sollen die anderen auch selber herausfinden. Das schaffen die auch ohne meine Mithilfe. Vielleicht nicht so schnell und so gründlich, wie ich das gerne hätte – aber sei’s drum.
2. Und zweitens – und das ist jetzt schon schwieriger – zweitens: Dieser Text aus dem Johannesevangelium fordert mich dazu auf, mich mit dem zu beschäftigen, was ich gerne am liebsten im Dunkeln lassen möchte. Was keiner sehen soll. Was mir unangenehm ist und peinlich.
Da gibt es auch einiges.

Das werde ich Ihnen jetzt aber nicht erzählen. Verlange ich umgekehrt ja auch nicht von Ihnen!
Mir das selber klar zu machen – das ist schon was.
Das ist dann der berühmte Anfang. Einsicht ist bekanntlich der erste Schritt zur Besserung.
Und wie geht es dann weiter?

Wie wäre es hiermit?
An Weihnachten nicht nur die mir unangenehmen Seiten überspielen und durch ganz viele Lichterketten so tun, als gäbe es keine Dunkelheit – nein.
Stattdessen dies: Weihnachten ernst nehmen als Fest der Liebe. Und zur Liebe gehört doch auch Ehrlichkeit. Und Vertrauen. Und Nachsicht. Und Verzeihen. Und Großzügigkeit. Und Versöhnung.

Vielleicht gelingt es mir, dieses Weihnachtsfest dazu zu nutzen, mit jemandem wieder Kontakt aufzunehmen, von dem ich bisher dachte, dass er sich blöd benommen hat.
Vielleicht hat sein Benehmen ja auch mit meinem Verhalten zu tun.
Eine Entschuldigung kann manchmal Wunder wirken.

Vielleicht schaffe ich es ja, wieder auf meine Verwandte zuzugehen, zu der der Kontakt so abgekühlt ist. Ein klärendes Gespräch mit der ehrlichen Frage, warum sie sich denn gerade so verhalten hat – das hat es ja noch gar nicht gegeben. Und wäre ein guter Neuanfang!

Zwei Beispiele von mir, liebe Gemeinde.
Es gibt noch viele mehr.
Und es gibt Eure Geschichten.
Wenn ein wenig Weihnachtslicht mit dem Gradmesser der Wahrheit darauf fällt, wenn das, was noch im Dunkeln ist, sich ins Licht traut, dann haben wir Weihnachten verstanden.

Vielleicht ist unser Jauchzen und Frohlocken dann nicht mehr so überschäumend. Aber es käme dann – wie auch bei unserer Kantorei – von Herzen. Amen.

Predigtlied: EG 41 – Jauchzet ihr Himmel, frohlocket ihr Engel (Mel.: EG 316 – Lobe den Herren)

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