Versetz Dich hinein….

Predigt zu Micha 5,1-4a

Pastor Carsten Sauerberg, 23774 Heiligenhafen, evangelisch

Liebe Gemeinde;
„Und Du Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der Messias kommen. Und er wird der Friede sein.“

Reisehinweis des Auswärtigen Amtes: Wer über die Weihnachtstage nach Bethlehem reisen möchte, sollte das nur in Gruppen und unter Militärschutz tun.

Friede, aber nicht in Bethlehem. Friede. Oft benutztes, oft missbrauchtes Wort. Friede zu Camp David, Friede zu Brest-Litowsk, westfälischer Friede, Friedensvertrag von Versailles, Pax Romana usw. Und nie hielt es, was versprochen wurde. Nie blieb Friede.

Die Macht kommt aus den Gewehrläufen, sagen die Revolutionäre.
Die Macht kommt aus Bethlehem, sagt der Profet Micha.

Der Messias kommt aus Bethlehem, sagt der Profet Micha.
Der Friede kommt aus Dir, der Du klein bist, sagt der Profet Micha.

Ist da der Fehler, dass die anderen, vielen Friedensschlüsse dieser Welt immer auf Größe und Macht und Waffen aufbauten und so nie hielten, was sie versprachen? Ist da das Geheimnis, dass Frieden, der halten soll, was das Wort verspricht, klein und machtlos daher kommen muss, nur so wird er überzeugen?

Der Friede aus Bethlehem, von dem Micha spricht, hat einen Namen und ein Gesicht: Jesus.
Jesus: Gott in Menschenfleisch und Menschengeist. Jesus: Gottes Verkörperung im Armeleutebaby, im Zimmermann, im Prediger und Arzt, im Verurteilten und im Opfer. Gott, der sich hineinversetzt in den Menschen. In diesen, einen, konkreten, Bethlehemer Menschen.

Sich hinein versetzen. So fängt Frieden an. So küsst der Himmel die Erde. Sich mit Sympathie, mit Mitleid, mit Empathie, mit Einfühlung hinein versetzen in den ganz Anderen.

Bethlehem. Jerusalem. Tel Aviv und Jericho, Gaza und Hebron, Nazareth und der Golan. Da sitzen sie nun zusammen am Tisch, einige aus Israel, einige der Palästinenser, ein paar Amerikaner dabei, hilflose, nach Kompromissformeln fahndende Diplomaten. Positionen vertretende, auf den Tisch pochende, von seelischen Verletzungen geprägte Menschen: Ihr stiehlt uns das Land mit Euren Siedlungen. Ihr beschießt uns mit Raketen aus den Bergen. Ihr lasst unsere Jugend nicht zur Arbeit in Eure Städte, so hungern sie. Ihr kontrolliert Eure Leute nicht, und darum können unsere Kinder in Tel Aviv nicht Bus fahren, ohne Angst vor Bomben. Und außerdem ist das unser Land, wir waren immer hier. Nein, unser Land WIR waren immer hier. Es ist unser Jerusalem, hier fuhr Mohammed gen Himmel. Es ist unser Jerusalem, hier ist der Zion, auf dem der Tempel stand.

So wird das nichts. So wird nie Friede.

Sich hinein versetzen. Sich im Anderen, auch und gerade im ganz Anderen verkörpern. So ist Gottes Vorbild. So ist Jesus.

„Du“- sagen. Fühlen, wie heilig ist Dir Dein Buch? Fühlen, was sagt Dir Deine Fahne? Fühlen, wie geht es Dir als Frau, fühlen, wie geht es Dir als Mann? Fühlen, wie sieht Dein Haus aus, Dein Alltag? Hineinfühlen, wie Gott sich in Jesus hineinversenkt, so tue es auch.

Nicht machtvoll pochen auf den Tisch, sondern zaghaft Fragen auf seine Oberfläche legen. Fragen nach der Welt des anderen, des so genannten Feindes. So wird er mir näher, so wird er mir begreiflicher, anschaulicher, er wird mir fühlbar, der Feind, ist er nun noch Feind? Oder nur noch der Andere, der anders Aufgewachsene, Geprägte, der der eben nicht so ist wie ich? Ist da eine Hand? Hab ich eine Hand? Kann sich Hand mit Hand treffen?

Die Macht zum Frieden kommt nicht aus den Gewehrläufen, sagen wir Christen. Sie kommt aus dem kleinen Anfang des einfühlsamen Fragens. Sie wächst und wächst und das Schwert des Herodes erwischt sie nicht. Sie wächst über sich hinaus, am Ende übers Kreuz hinaus: da hängt er scheinbar geschlagen und vernichtet und leblos und der Hauptmann unterm Kreuz, mit dem Schwert Hand, er sagt. Wahrlich, dieser hier ist wirklich Gottes Sohn. Und beginnt zu glauben. Der mit dem Schwert und Rüstung und den Erfahrungen von Blut und Schlacht und Todesgeruch glaubt auf einmal an den Frieden. Er hat sich in Jesus hineinversetzt und
Jesus sich in ihn.

Ich steh an Deiner Krippen hier,
O Jesu, du mein Leben.
Ich komm und bring und schenke Dir,
was Du mir hast gegeben.
Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn,
Herz, Seel und Mut, nimm alles hin
Und lass Dirs wohl gefallen.

Sich hineinversetzen. Das ist das Geheimnis des Messias aus dem kleinen Bethlehem, das Geheimnis, wie er Friede sein wird. Ein Friede, der hält, was das Wort verspricht.

Amen

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