Gott hat seine Liebe gestanden.

Liebe Gemeinde,

Sehnsucht nach Liebe.

Wir sind alle sehr unterschiedlich. Aber eines haben wir alle gemeinsam. Sehr unterschiedlich mag der Grund sein, warum wir heute hier in dieser Kirche sind. Den einen hat die Tradition, den anderen der mütterliche Befehl hierher gebracht Oder sind es der feste Glaube oder die vage Erwartung gewesen? Oder die Liebe zu dieser Kirche, das Wissen um Gebet, Gesang und schöne Musik?

Wie dem auch sei. Nun sind wir hier. In all unserer Unterschiedlichkeit. Geduldig – ungeduldig. Jung und alt und irgendwo zwischendrin. Kirchlich – unkirchlich. Bisweilen ein wenig fromm- aber sonst meistens nicht.

Wir sind alle sehr unterschiedlich. Aber was ist uns allen gemeinsam? Nein, mit banalen Feststellungen wollen wir uns nicht aufhalten.

Was uns allen gemeinsam ist, ist dies: In jedem von uns schlummert ein tiefes Verlangen nach Liebe. Ich könnte auch sagen: Ein tiefes Verlangen nach Anerkennung, nach Geborgenheit, nach Leben.

Das mag auch für diejenigen gelten, die spontan widersprechen möchten. Es soll durchaus Menschen geben, die dieses tiefe Verlangen nach Liebe und Anerkennung sich und anderen nicht mehr eingestehen können. Es wurde zu oft mit Füßen getreten und missachtet. Nun ruht es eingekapselt in der Lebens-Enttäuschung. Müsste man es zugeben, sofort rollten Tränen über die Wangen. Aber über Geständnisse haben wir es nachher noch einmal.

Alles in allem: Es ist gut, dass dieses Verlangen nach Liebe in uns ist. Sagen wir es noch präziser: In uns allen ist eine wunderbare Gabe, andere zu lieben und in uns allen ruht das Verlangen, im Herzen eines anderen Menschen wohnen zu dürfen. Wenigstens in einem. Ein kleines Plätzchen mag uns genügen. Das meine ich mit dem Satz: „Uns allen ist etwas gemeinsam“. Innigste Sehnsucht nach Liebe. Hätten wir diese Kraft, diesen innigsten Wunsch nicht, wir wären wie leblose Steine, wären bloß Fleisch, das bald verfault.

Gegenrede: Vom Leben in der wirklichen Welt.

Genug – jetzt reicht es aber! Soviel Zucker kann ja keiner ertragen. Von wegen Liebe! So ein süßlicher Quatsch! Die Lebkuchen haben ihnen wohl das Hirn verklebt! Wir leben in einer anderen Welt: Da wird gekündigt, geschieden, getrennt. In der wirklichen Welt gibt es: Habgier und Eitelkeit, Hochmut und Trägheit. In der wirklichen Welt sind die einen faul, fett und dumm und die anderen egomanisch, eitel, rechthaberisch, macht- und rachsüchtig. In der wirklichen Welt regiert das Geld. Dort ist Gott nicht einmal Randnotiz. Dort gibt es ihn schlichtweg nicht, in der wirklichen Welt. Daran wird keine noch so süßlich daher gesülzte Weihnachtspredigt etwas ändern.

In der wirklichen Welt machen wir Krieg, vergewaltigen wir Frauen und missbrauchen Kinder. Halleluja! Die wirkliche Welt kennt keine Liebe, nur Wollust. In der wirklichen Welt sind Grenzen, sind wir getrennt nach unseren Hautfarben. In der wirklichen Welt verhungern die armen Menschen, weil wir ihre Felder für unseren fetten Bauch haben müssen. In der wirklichen Welt kämpft jeder gegen jeden. In der wirklichen Welt hat Darwin die Bibel geschrieben und unser Gesetz steht in den Genen. In der wirklichen Welt verachten wir Menschen, die anders sind. In der wirklichen Welt platzen Bomben in Gottes Namen. Das reicht uns an Religion in der wirklichen Welt.

Die wirkliche Welt kennt keine Liebe. Und besser noch: Sie hat auch keine Liebe verdient. Denn wer vermag das Hässliche zu lieben und wer reicht dem Tod freiwillig die Hand. Ein Spinner?
Geben sie es doch zu. Gestehen sie: Sie glauben doch selber nicht an die Liebe – oder? Gestehen sie!

Liebe gestehen

Es ist ja seltsam, dass wir Liebe gestehen müssen. Als wären wir Verbrecher, die den Kreis aus Angst, Gleichgültigkeit und Hass widerrechtlich verlassen haben. Gestehe endlich! Du liebst? Weißt du denn nicht, was du da tust? Du bedrohst die wirkliche Welt! Unerhört. Langes Schweigen. Nein, das Schweigen gründet nicht in Unsicherheit, gründet nicht in nochmaligem Prüfungsgang, ob denn die Liebe echt und wahrhaftig sei. Oh Gott, wenn du wüsstest, wie stark die Liebe in mir ist. Dann gestehe endlich! Langes Schweigen.

Wer Liebe gesteht, weiß, dass er dazu stehen muss. Wer Liebe gesteht, weiß um die Folgen. Er wird verurteilt zum Freispruch: Fortan bin ich gebunden: In Freiheit, voll Glück mit jubelnder Seele. Gestandene Liebe eröffnet eine neue Welt, die Welt in der es fortan heißt: Wir – du und ich. Und: Ich für dich und du für mich. Wer Liebe gestanden hat wird zum Leben verurteilt. Lebe fortan in Bindung und Freiheit. Verlasse das Gefängnis deiner Einsamkeit. Liebe verpflichtet zum Leben für einen anderen, für etwas außer mir. Liebe befreit. Gestandene Liebe eröffnet einen neuen Kosmos. Liebe eröffnet Zukunft dir und mir, Gott und dem Menschen.

Und wenn Gott uns nun seine Liebe gesteht in Christus, so ist er an uns gebunden: Will uns tragen – muss uns ertragen. Bleibt uns verbunden obgleich wir uns immer wieder losreißen. So lautet also der einfache, herrliche Satz aus dem Johannes-Evangelium:
Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.

Ahnen Sie, was das bedeutet? Ahnen sie, was das bedeutet für die „wirkliche Welt“ wenn Liebe in ihr wirken würde und nicht nur der Mensch kalt und einsam? Sie ahnen es? Dann preise Gott sie selig und schenke ihnen ein frohes Fest! Sie haben einen Zipfel vom ewigen Leben ergriffen. Nicht wieder loslassen!

Was ist denn „Ewiges Leben“?

Zwischenüberlegung. Was heißt „Ewiges Leben“? Eine kurze Antwort. Ewiges Leben meint nicht unendliche Existenz, wohl aber ein Sein und Bleiben in Gott. Folgende Frage könnte uns weiter helfen: Was möchte ich, dass man dereinst von mir sagt? Was möchte ich, das von mir bleibt? Wenn wir darauf antworten, verschwinden in der Regel alle Themen, die sich alltags so in den Vordergrund drängen. Ich vermute, alle Antworten nach dem Bleibenden legen aus, was Liebe bedeutet: Dasein für andere, Dienst am Leben. Ewiges Leben ist das Leben in Wahrheit.
Nur wenn ich zu sehr davon entfernt bin, glaube ich auch kaum, dass etwas von mir bleiben wird. Nicht einmal ein Platz für meine Asche…

Die Sehnsucht aber nach Liebe und Leben mag heute jede/r in sich spüren und mutig zulassen. Besser noch: Gott öffne mehr als eure Ohren. Er öffne eure Herzen für diese großartige Ankunft des Lebens.

Nein – es geht nicht darum, dass die Welt besser wird. Auch wir werden uns nicht ändern. Das mögen wir wollen, aber nur mit Mühsal bewegen wir ein kleines Bisschen. Es geht darum, in welchem Licht wir die wirkliche Welt sehen! Es geht darum, wo wir leben: Im Glauben und seinem Wissen oder bloß in der „wirklichen Welt“?

Die Sehnsucht nach Leben ist immer auch Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung. Mancher mag sich eher dafür schämen und sich deswegen gar als schwach fühlen. Und ich sage: Sei froh, dass sie noch da ist und in dir lebendig, diese unstillbare Frage, wie man denn in Wahrheit leben kann? So vermagst du Gott zu hören!

Ewiges leben meint: Leben in der Liebe, die in Gott gründet. Das ist die herrliche Freiheit der Kinder Gottes. Das ist es, was wir in der dunkelsten Nacht eines jeden Jahres feiern: Gott liebt diese Welt. Er hat es gestanden. Und nun ist er gefangen, gefangen im Leben, gefangen auch im Leid. Ist Mensch geworden mit uns. O armer Gott, was für ein Kreuz hast du auf dich geladen? Gott liebt diese Welt obgleich so wenig Liebenswürdiges in ihr ist. Man erinnere die eben gehörte Gegenrede. Man bedenke die millionenfachen Versuche, der düsteren Welt, gegen Gott zu kämpfen.

Gottes Liebe, so wir denn das Geständnis hören und annehmen, eröffnet unserem Kosmos eine neue Dimension, eine Dimension, in der der Tod überwunden ist. Unsere Liebe mag erkalten, verdorren und zur traurigen Erinnerung werden. Und doch bleibt die Sehnsucht nach Leben, nach Liebe im Herzen eines jeden Menschen lebendig. Weil wir Gottes Liebensgeständnis zwar verlieren, aber nie wirklich vergessen können.

Weihnachtswünsche

Das ist das Wissen unseres Glaubens. Was wir wissen? Wir wissen, dass wir von der Liebe leben. Glauben sie nicht? Es mag sich ja ändern – geben sie ihrem Herzen, ihrer Seele, ihrem Glauben eine Chance. Dann werden sie wissen. Das ist der erste Weihnachtswunsch für sie, dass sie zum Menschen werden, der um die Liebe weiß.

Und der zweite Wunsch lautet: Obgleich sie in der Fremde der kalten Welt leben halte Gott sie fest als Bürger seines Reiches und seiner Zukunft. Der Heilige Geist möge ihnen stets dir rechte Geduld schenken.

Wir bewundern Gewalt, Brutalität, hofieren den eitlen Menschen, verneigen uns vor Geld, Schönheit und Macht, schweigen zu kriminellen Politikern, raufen und rauben, schreien und brüllen, verlachen die „Gutmenschen“. Das alles halten wir für real, geboten und wirklich. Wir leugnen alles Wissen um Liebe und lassen es uns jeden Tag neu in unseren Nachrichten bestätigen: Dass unsere Welt voll Dreck und Wunden ist, voll Krieg, Gewalt, Gier und Hass.

Aber leben ohne Liebe könnten wir nicht. Es gäbe uns nicht einmal. Der dritte Weihnachtswunsch lautet: Möge Gott uns nie vergessen obgleich wir seiner so wenig gedenken in unserer traurigen wirklichen Welt ohne Liebe.

Und der vierte Weihnachtswunsch: Die Liebe möge sie nun heimbegleiten und all ihre jungen und alten Geschwister mitnehmen: Den Trost, die Hoffnung und das Lachen, die Zuwendung, das nette Wort, den Witz, das Evangelium, die einfach Geste, den Kuss. Liebe heilt. Möge Gott ihnen, ihrem Leben, ihrer Familie Liebe schenken in Christus Jesus.

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