Es wird einmal ein Wunder geschehen

24.12.2010, Heiligabend/Christnacht 2300 Uhr
über: Lukas 2, 1-20

Liebe Gemeinde,
Zunächst präsentiere ich ihnen heute in der Weihnachtsnacht etwas Geklautes: den Anfang einer Predigt, die evtl. nun zur gleichen Zeit, in New York, wo es ja jetzt erst Nachmittag ist, ein Deutscher Pastor hält, auf Deutsch für seine dortige Deutschsprachige Auslandsgemeinde
. Diese Predigt habe ich im Internet gefunden. Hören wir dem Kollegen in New York ein wenig zu:

„Wir Deutschen in der so genannten neuen Welt durchleben nun die sentimentalsten Tage des Jahres. Insgeheim sehnen wir uns zurück in die Heimat, zu den echten Weihnachtsmärkten,

– dorthin, wo es Glühwein noch ohne Lizenz zu trinken gibt;
– dorthin, wo die Verkaufsbuden vor echter mittelalterlicher Kulisse aufgebaut sind,

– dorthin, wo echte Kirchenglocken aus Bronze, die zur Christmette rufen, deutlich vor der Zeit gegossen wurden, als die ersten europäischen Siedler den Boden unseres Gastlandes betraten,

– echte Glocken mit majestätischem Klang, und nicht
– iPod- oder Tonband-Konserven.

Dies alles versetzt uns zurück in unsere Kindheit, und ein wenig Wehmut zieht in unsere Herzen ein; denn auch, wenn Deutschland durch den Siegeszug des Fliegens und verhältnismäßig billiger Tickets über das Internet in kürzerer Zeit erreichbar ist als Kalifornien, so ist doch in fast unerreichbarer Ferne, in die Abenddämmerung der Vergangenheit gerückt, was uns zu Weihnachten mit Deutschland verbindet. Grund für eine ein wenig sentimentale Trauer.

Wir können es ruhig bekennen, auch wenn wir schon seit etlichen Jahrzehnten – und das nicht schlecht – in den USA leben: Wir hängen noch immer an den deutschen Traditionen, in denen wir aufwuchsen und die unser Leben prägten.

Sonst wären Sie wohl heute auch nicht hier, um ein wenig innezuhalten, deutsche Weihnachtsatmosphäre zu schaffen, sie hautnah mitzuerleben.

Dieses Innehalten ist wohltuend; denn das hinter uns liegende Jahr hatte es für dieses Land wahrlich in sich.

Auch wenn auf den Cable News Shows von wirtschaftlicher Erholung schwadroniert wird, sehen wir in den Ladenlokalen rechts und links gähnende Leere, sowohl an den Straßen als auch in den ShoppingMalls.

Viele Menschen verlieren nach wie vor in atemberaubendem Tempo ihre Arbeit, ebenso ihre Häuser, die ihnen im Grunde noch nicht einmal wirklich gehört haben.

Unsere Bezirke und der Staat New York haben aufgrund massiv weg brechender Steuereinnahmen und aufgrund der wegen der hohen Arbeitslosigkeit gleichzeitigen Mehrausgaben Schwierigkeiten, die Grundversorgung aufrecht zu erhalten.

In praktisch jeder Familie gibt es einen oder mehrere Menschen, die in irgendeiner Form von Arbeitslosigkeit betroffen sind. Menschen, die sich das nie haben träumen lassen, sind mittlerweile von Lebensmittelkarten und Suppenküchen abhängig, wollen sie überleben.

Da es keine Kirchensteuer gibt – Gott sei’s gelobt oder auch geklagt, je nach Standpunkt – sind natürlich auch die Kirchen von dem wirtschaftlichen Niedergang betroffen, in einem seit den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts nicht mehr gekannten Ausmaß.

Viele Gemeinden, deren Dienste gerade in diesen Zeiten besonders benötigt würden, müssen ihre Pforten schließen.

Aber trotzdem redet alle Welt von Wachstum.
Wir sollen wachsen!
Wir sollen durchstarten.
Wachst, wachst, wachst über euch hinaus!
Ihr könnt es schaffen!
Wachsen ist das Zauberwort und das in vielen Facetten:

Aber hier in den USA dehnt sich persönliches Wachsen ins wirtschaftliche Wachsen hinein. Persönlich sollen wir wachsen durch die Teilnahme an sündhaft teuren Seminaren. Wo den Teilnehmern mit viel Tamtam Selbstverständlichkeiten beigebogen werden sollen:

"A sense of accomplishment" – räumen Sie Ihre Wohnung am Beginn des Wochenendes auf: Das schafft Behaglichkeit und die Überzeugung, etwas geschafft zu haben.

Und wenn wir erst einmal persönlich gewachsen sind, dann sind wir "better people", bessere Menschen.

Und wenn wir erst einmal bessere Menschen sind, dann sind wir in der Lage, alles zu schaffen, mehr zu können als uns eigentlich möglich.

Erst dann, so die Werbung, haben wir unser volles Potential ausgeschöpft.

Auch in den Kirchen wird von "Wachsen" gesprochen, mehr vom "spirituellen Wachsen", geistlichem Wachstum. Durch geistliches Wachstum sollen wir immer näher zu Jesus kommen.

Wachstum- ein amerikanisches Zauberwort. An ihm – und das nur nebenbei – soll die Welt und ihr geistliches Wesen genesen.

Je perfekter ein Mensch, desto effizienter und perfekter das, was er anpackt, womit er sich identifiziert, sei es in seiner eignen Familie, in seiner Firma, in seinem geistlichem Leben, in seiner Kirche, so wird uns in Hochglanzbroschüren versprochen.

Je weiter und höher der Mensch wächst, desto exzellenter wird er in jeder Hinsicht, in jeder Dimension, in seinem Glaubensleben. Denn "excellence" im Glauben ist "uplifting", erbaulich, Garantie für eine perfekte, enge Beziehung zu Jesus. Wenn viele Menschen "Exzellenz im Glauben" erreicht haben, werden auch die Kirchen wieder besser und erfolgreicher arbeiten können. Dann werden sie sichtbar werden als "City on the Hill", Heilige Stadt auf dem Berge im Sinne eines neuen Jerusalems in unseren Orten. Und die suchenden Zeitgenossen werden nur so in die Gottesdienste strömen -und wenn es nicht klappt? Dann wurde eben nicht hoch genug gewachsen.“

Soweit – liebe Gemeinde – das Zitat aus dieser Predigt, die wie gesagt ungefähr jetzt und heute Abend und zu dieser Zeit in New York vor einer Deutschen Auslandsgemeinde gehalten wird und im Internet vorab veröffentlicht wurde. Nun- liebe Heiligenhafener – hier ist nicht New York, aber wollen wir ehrlich sein: Etwas von dieser Wachstumsphilosophie, von dieser Idee, das Erfolg planbar und machbar ist und positives Denken und ÜberSichHinauswachsen Wege zum Glück sind – etwas von dem hat sich auch in uns festgesetzt.

Aber geht das denn so?

„Alles wird gut“. So sagt er es bei jeder Gelegenheit. „Alles wird gut“. Er ist Unternehmer. Er hat Verantwortung für zig Mitarbeiter. Er hat viel gewagt und investiert die letzten Jahre. Er will nach vorne, will wachsen. Auch persönlich, er will Zuversicht ausstrahlen, er liest Bücher über Persönlichkeitspsychologie, lässt sich coachen: Alles wird gut. Und wenn es mal nicht gut geht? Dann weiter: Jede Krise ist ne Chance. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel, was kann ich jetzt machen? Machen. Nie: was bin ich jetzt, wie fühl ich mich jetzt, ist es Zeit für Tränen? Ist mir zum Heulen zu Mute? Zeit zum Innehalten? Was sagt mir das Leben gerade? — weiter. Alles wird doch gut. Nach vorne. Aber sieh doch hin, mein Freund, sieh auf Deine Haut, Stellen, die nicht heilen wollen, es schuppt, einen Hörsturz hattest Du auch schon mal. Sieh auf deine Gesten, wenn Du still sitzt, zuckt Dein Auge, zittert Dein Knie. Alles wird gut, sagt dein Mund, aber du bist verdammt dünnhäutig -und wund- und taub für deine Seele, und hinter deinem Optimismus lauert die Furcht, die Dich zittern lässt. Die Furcht davor, dass alles eben nicht gut ist.

„Ich weiss, es wird einmal ein Wunder geschehn
und dann werden tausend Märchen wahr.
Ich weiss, so schnell kann keine Liebe vergehn,
die so gross ist und so wunderbar.“[
Das singt Zarah Leander. Bekannte Verse. Es braucht ein Wunder, wenn alles gut werden soll. Und es braucht eine wunderbare Liebe.

Wir haben ein Wunder, wir feiern ein Wunder, heute Abend, heute Nacht. Ein seit 2010 Jahren nicht vergehendes Wunder.
Der Himmel wächst zur Erde hinunter, die Liebe wird nicht verdient, sondern sie wird empfangen, sie wird gelegt in Maria, sie wird gelegt in die Krippe, in die Hirten, zu den Königen, in die Welt, in diese Welt, in Deine Welt, in Dich und mich. Wunderbare Liebe. Wunderbare Geburt.

Sei still, mein Freund. Sieht doch hin, mein Freund. Erfühle es, mein Freund. Das Wunder ist da. Merkst du die Knie, sie zittern nicht mehr, merkst du, deine Hände, sie werden ruhig, der Atem wird langsamer, merkst Du, die Haut heilt, es heilt Dich, es liebt dich, dieses Jesuskind ist die Liebe, die dich liebt. Ja, es ist nie alles gut. Ja, es ist ein Kreuz mit dem Leben, ja, es ist ein Tod am Ende und viele kleine Tode mittendrin. Sieh, mein Freund, Du bemerkst das, du trauerst, du weinst, du bittest sogar? Du tröstest ja auf einmal auch, Du hörst ja hin und stellst Dich nicht mehr taub. Du bist ja ein Mitfühler, ein Macher und Geber zugleich…

Ich habe verstanden, sagt er. Meine Seele hats ergriffen, sagt er. Ich nicht, niemand nicht muss da erst hin wachsen. Es kommt zu uns, wir sind ihm gut genug, wie wir auch sind. Er sagt weiter: So kann ich leben ohne immer mehr, mehr, weiter, weiter zu müssen.
Leben mit meinen Grenzen, Kreuzen und Niederlagen, selbst mit dem Gefühl, eines Tages zu sterben und dann ein letztes Hemd ohne Taschen zu tragen.
Ein Gotteswort, ein Gotteskind. Gelegt in die Krippen unserer Herzen und Seelen.

Ich weiss, es wird einmal ein Wunder geschehn
und dann werden tausend Märchen wahr.
Ich weiss, so schnell kann keine Liebe vergehn,
die so gross ist und so wunderbar.“ So ist es gut.

Amen

drucken