Machen wir die Tore weit?

Liebe Gemeinde,

wie geht es Ihnen, wenn Sie einen lieben Gast erwarten? Einen ganz besonderen? Einen Mann – eine Frau – ein Kind. Da gibt es vieles vorzubereiten: die Zimmer werden gerichtet, das Bett frisch bezogen und eine Blume auf den Nachtisch gestellt. Das Essen wird vorbereitet, es wird gekocht, gebraten, gebacken. Getränke werden eingekauft: ein guter Wein, ein besonderer Saft oder eine Limonade. Und wenn alles bereit ist, wenn auch wir uns frischgemacht und umgezogen haben, dann gehen wir vielleicht ans Fenster, um hinauszuschauen und den lieben Gast ganz früh zu sehen. Oder wir stehen am Gartenzaun, um ihn gleich zu sehen, wenn er um die Ecke biegt. Oder wir warten auf dem Balkon, um ihm von da aus den ersten Gruß zuwinken zu können.
Und dann ist er da, unser lieber Gast, und wir öffnen die Tür oder das Gartentor und breiten die Arme aus und heißen ihn willkommen. Mit einem herzlichen Händedruck, mit einer Umarmung, mit einem Kuss – je nach dem, um wen es sich handelt.

Heute morgen, liebe Gemeinde, haben Sie Ihre Tür geöffnet, um aus Ihrem Haus hinaus- und in die Kirche hineinzugehen. Und wir haben zusammen den Psalm gebetet, der in einer anderen Weise von Toren und Türen spricht.

„Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehren einziehe!“ Da denken wir weniger an alte Stadttore, moderne Schlagbäume oder an unsere Haustüren. Sondern eher an unseren Glauben an Gott, unser Leben mit Gott. Wir sind offen und bereit, auf das Evangelium zu hören, uns hineinnehmen zu lassen in die gute Nachricht. Aber dann kommt der Predigttext. Es ist die grosse Bußpredigt von Johannes, dem Täufer. Das war der, der in die Wüste gegangen war, um sich dort – fastend und betend – auf seinen Auftrag vorzubereiten. Auf den Auftrag, Jesus als den kommenden Heiland anzukündigen. Das hatte sich damals natürlich herumgesprochen und die Menschen kamen in Scharen zu ihm, um ihm zuzuhören. Und es ist schon überraschend, ja erschreckend, was er ihnen predigte. Er tadelte die Leute mit harten Worten, er beschimpfte und attackierte sie.

"Ihr Schlangenbrut! Wer hat euch eingeredet, dass ihr dem kommenden Zorngericht Gottes entkommen werdet? Bringt nun Früchte hervor, die beweisen, dass ihr eure Einstellung geändert habt!“ Stellen Sie sich einmal vor, Johannes würde uns so nennen. Da werde ich ganz schnell ärgerlich. Was weiß er denn von mir? Wie kommt er dazu, beurteilen zu wollen, dass ich so schlecht bin, dass es ihm das Recht gibt, mich mit „Ausgeburt des Bösen“ anzureden? Wie kommt er dazu, mir mit der Anrede „Schlangenbrut“ zu unterstellen, dass ich mit meinen Worten Gift verspritze und das fördere, was dem Leben nicht dient? Da sprechen mich die Worte des Propheten Jesaja, den er vor seiner Zornattacke zitiert, mehr an. Der sagte: „Bereitet dem Ewigen den Weg, ebnet seine Pfade.“ Und nahm damit Bezug auf das Psalmwort, das wir zu Beginn bedacht hatten.

Nun werde ich aber doch nachdenklich. Denn wenn wir die drei Aussagen aufeinander beziehen– „Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, daß der König der Ehren einziehe!“ und „Bereitet dem Ewigen den Weg, ebnet seine Pfade“ und „Bringt nun Früchte hervor, die beweisen, dass ihr eure Einstellung geändert habt!“ – dann sind wir ganz schnell bei der Frage, ob es uns denn anzumerken ist, dass wir uns auf die Ankunft Gottes freuen? Ist unsere Einstellung zu Gott so, dass andere spüren: „Die bereiten sich auf etwas ganz Grosses vor!“ Strahlen wir etwas aus von dem adventlichen Glanz, von dem wir singen und zu Hause sicher gern die Lieder von der CD hören? Ist es das, was Johannes uns heute zu sagen hat? Meint er das, wenn er uns heute fragt, ob unsere Einstellung zu Gott so ist wie zu dem lieben Gast, den wir voller Ungeduld erwarten? Machen wir unsere Türen und Tore weit auf, um ihn zu empfangen? Liebe Gemeinde, ich denke, wir können diese Fragen nicht aus vollem Herzen mit JA beantworten. Es ist zu vieles, zu vieles anderes, was uns umtreibt und beschäftig, was uns wichtig ist und den ersten Platz in unserem Herzen einnimmt.

An dieser Stelle könnten wir natürlich unsere Gesangbücher und Bibeln zuklappen, resigniert seufzen und nach Hause gehen mit der traurigen Frage: „Was soll ich denn machen?“ Aber – wir wären ja nicht in der Kirche, wir hätten uns nicht zum Singen und Beten und zum Hören auf Gottes Wort versammelt, wenn wir nicht doch daran festhalten wollten, dass wir etwas ändern können. Vielleicht hilft uns die kleine Geschichte, die ich erzählen will.

Es war einmal ein Kloster, in dem nur noch fünf alte Mönche lebten. Nur wenige kamen, um das Kloster zu besuchen, kein junger Mann wollte in den Orden eintreten. In dem dichten Wald um das Kloster stand eine kleine Hütte, die ein Rabbi zum Studium und Gebet nutzte. Als der Abt des Klosters sich wieder einmal mit Gedanken über den vom Aussterben bedrohten Orden quälte, entschied er, dem Rabbi einen Besuch abzustatten, und ihn um Rat zu fragen. Der Rabbi hieß den Abt in seiner Hütte willkommen. Als die Zeit des Aufbruchs gekommen war, sagte der Abt: „Der eigentliche Grund meines Kommens ist eine Frage. Gibt es nichts, was mein Kloster retten könnte?“ – Da antwortete der Rabbi: „Ich kann dir nur eines sagen: der Messias ist einer von euch.“ Bei seiner Rückkehr ins Kloster kamen die Mönche zusammen: „Was hat er gesagt?“ – „Er sagte nur, dass der Messias einer von uns sei. Ich weiß nicht, was er damit meinte“, berichtete der Abt bedrückt. In den folgenden Tagen, Wochen und Monaten erwogen die Mönche diese Aussage immer und immer wieder und fragten sich, welche Bedeutung die Worte des Rabbis für sie hätten. „Der Messias ist einer von uns? Meint er möglicherweise einen der Mönche, hier, im Kloster? Wenn ja, welchen? Natürlich meint der Rabbi nicht mich. Auf keinen Fall. Ich bin doch nur ein ganz normaler Mensch.“ Aber nach und nach begannen die alten Mönche, sich selbst und die andern aufmerksam, mit außerordentlichem Respekt und grosser Liebenswürdigkeit zu behandeln. Weil der Wald um das Kloster sehr schön war, besuchten immer noch Menschen ab und zu das Kloster. Sie spürten, ohne sich dessen bewusst zu sein, die Aura der Achtung und Liebe, die die fünf Mönche umgab. Sie kamen immer öfter wieder und brachten ihre Freunde, die wiederum ihre Freunde mitbrachten, um ihnen diesen besonderen Ort zu zeigen. Manche der jüngeren Männer kamen mit den alten Mönchen ins Gespräch. Nach einer Weile fragte einer, ob er eintreten könne. Dann noch einer. Und noch einer. So wurde das Kloster, wegen des Geschenks des Rabbis, ein leuchtendes Zentrum des Lichts und der Geistlichkeit in der Gegend.

Ja, liebe Gemeinde, wenn wir uns die Einstellung der Mönche zu eigen machten und in uns selbst und in dem Menschen, der uns begegnet – ob jung oder alt, Kindergartenkind oder Erwachsene, ob im Beruf oder im Privaten – jemanden sähen, den Gott erwählt hat – dann könnten wir auf die Frage des Johannes ruhig antworten. Und könnten sagen: „Ja, wir machen unsere Türen und Tore weit, damit Gott einziehen kann.“ Und es wäre uns anzumerken, dass wir uns auf ein ganz besonderes, ein wunderschönes Ereignis vorbereiten.

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