Halbzeit im Advent

Liebe Gemeinde,
Die dritte Kerze am Adventskranz zeigt uns an: Es ist Halbzeit bis Weihnachten. Zwei Adventswochen liegen hinter uns – und heute in zwei Wochen ist bereits der zweite Weihnachtsfeiertag.
Und mitten in diese Adventszeit hinein platzt uns heute jemand dazwischen. Er tut es nicht gerade leise und dezent. Das ist nicht seine Art. Im Gegenteil: er ist ein Mann der deutlichen Worte – Johannes der Täufer. In unserem Predigttext meldet er sich lautstark zu Wort. Wir hören einen Abschnitt aus dem 3. Kapitel des Lukasevangeliums (Lk 3, 1-14):

(Textlesung)

Liebe Gemeinde!
Diplomatisch, ja geschweige denn geschickt war Johannes nicht. „Ihr Schlangenbrut!“, beschimpft er die Menschen, die zu ihm kommen. Wer so poltert, läuft Gefahr den Bogen zu überspannen. Die Menschen wenden sich dann vorschnell ab, weil ihnen der Ton nicht gefällt und die eigentliche Botschaft wird gar nicht mehr gehört.
Also – versuchen wir einmal den scharfen Ton beiseitezulegen und hören wir auf die eigentliche Botschaft, denn die ist nämlich reines Evangelium, „Frohe Botschaft“, die uns hier im Lukasevangelium zugesprochen wird – so heißt es in Vers 6: „Alle Menschen werden den Heiland Gottes sehen.“
Die, die so sehr nach Heil suchen, werden endlich fündig! Die, die so manche Frage quält, werden endlich Antworten finden!
Aber warum ist Johannes dann so ruppig im Ton, was bringt ihn so auf die Palme?

Wenn wir uns diesem zornigen Mann in seinem Büßergewand nähern wollen, müssen wir in die Wüste gehen, denn dort lebte er. Abgeschieden von der Zivilisation, ernährt von wildem Honig und Heuschrecken war er auf der Suche nach einem Halt im Leben, der nachhaltig trägt.

Die Wüste ist ein besonderer Ort. Dort gelten die vertrauten Regeln und Sicherheiten unseres Alltags nicht.
Das gilt auch für die persönlichen Wüsten, die wir manchmal mitten im Leben erleiden und durchwandern müssen.
Sei es eine Krankheit, die einen selbst oder einen nahen Menschen aus dem Alltag reißt – oder eine zerbrochene Beziehung. Persönliche Wüste erfahren wir auch dann, wenn sich manche Lebens-Pläne zerschlagen …
Die Wüste unterbricht die Lebenszusammenhänge, sie erzeugt eine Leere, die bedrückend und bedrohlich sein kann.
Und doch: Die Wüste kann auch offen machen für Veränderungen. Ich muss mich neu orientieren, einen Neuanfang suchen, vielleicht einen neuen gangbaren Weg, den ich mitten im Trubel des Alltags gar nicht entdeckt hätte.
Auch Jesus war hin und wieder so ein Wüstenmensch, wenn er sich dorthin zurückzog, um sich neu zu sortieren.

Wüstenmenschen – Menschen, die selbst ihre persönliche Wüstenzeit durchlebt haben, – erkennen einander, wenn sie sich begegnen. Oft nicken sie sich gegenseitig still und wissend zu, während andere um sie herum mit viel Blabla so viel und doch so wenig sagen.
Wüstenmenschen haben oftmals eine innere Erkenntnis gewonnen, eine Art inneren Schatz, den sie seither mit sich mit führen.

So auch Johannes: Auch er hat so einen Schatz, eine Verheißung Gottes empfangen.
Nicht den Mächtigen in Rom und Jerusalem wurde diese Erkenntnis zuteil, nicht einmal im Tempel, wo man sich Gott so nahe weiß. Nein, das Wort Gottes geschieht zu Johannes in der Wüste:
„Gottes Heil kommt zu den Menschen und es wird alle erreichen. Alle Menschen werden den Heiland Gottes sehen. Da wird nichts mehr dazwischen stehen zwischen Mensch und Gott. Es werden neue Maßstäbe für gelingendes Leben gelten: alles was schief gegangen und krumm erscheint wird von Gott gerade gerichtet und in Ordnung gebracht werden! Die in den dunklen Tälern der Angst und der Not gefangen sind, sollen erhöht werden und den freien Blick auf Gottes Sonne der Liebe und Gerechtigkeit haben. Ja, alle Menschen werden den Heiland Gottes sehen.“

Angefüllt mir dieser Erkenntnis, aufgeladen mit Wüstenenergie kehrt Johannes zurück zu den Menschen und er will die Anderen bewegen, sie anstecken, dass auch sie verstehen …
Doch wen trifft Johannes da an? Da kommen Menschen zu ihm, die scheinbar wie er, auf der Suche sind – na klar, denn damals war es durchaus in, auf der Suche zu sein. Gestern folgte man dem jenem Prediger, morgen dann dem anderen Rabbi. Und dann hatte man aber noch seine wirklichen eigentlichen Probleme: nämlich erst einmal genug zusammenzubekommen, um das Dach über dem Kopf und genug Brot im Haus zu haben. Und dann noch die Kinder erziehen, und überhaupt diese ungerechten politischen Verhältnisse mit den Römern im Land.

Doch Johannes ist entsetzt: „Das, was ich empfangen habe ist etwas völlig neues etwas einmaliges, etwas, was die ganze Welt aus den Angeln heben wird – und ihr denkt an nichts wichtigeres als an euren üblichen Kleinkram, an materielle Interessen und an Wohlstand?“
„Ihr Schlangenbrut!“, sagt er ihnen nun, „- was denkt ihr eigentlich, was wirklich zählt im Leben! Gerade in der Not haltet ihr euch an falsche Sicherheiten: weder Geld noch Wohlstand noch Abraham als euer Vorfahre können euer Leben wirklich retten.

Rettung kommt nur durch die Zeitenwende, die Gott einleitet!
Es ist Halbzeit. Und die zweite Halbzeit der Weltgeschichte wird unter anderen Vorzeichen statt finden. Denn jetzt schickt Gott seinen Sohn als Spielmacher auf das Feld.
Also lasst ab von dem Leben, wie ihr es bisher gekannt habt und stellt euch auf etwas völlig Neues ein. Es kommt jemand, der die Welt verändern wird. Der euch heilsam durcheinanderbringen will, sodass ihr euer Leben neu sortieren, neu ausrichten könnt, nicht nach euren alten eingefahrenen krummen Wegen, die euch auf Dauer die Luft zum Atmen nehmen. Richtet euer Leben doch mal nach den Maßstäben Gottes aus: nach Liebe, Gnade und Gerechtigkeit. Das macht euch heil.

Liebe Gemeinde! Vor etlicher Zeit hat ein Patient in der Klinik kurz vor seiner Entlassung mir von seiner Wüstenzeit erzählt: „Was war ich dumm.“, saget er. „Das ganze Leben lang nur gerackert und gerannt. Was habe ich mir alles für Sorgen gemacht: um das Haus, um die Altersvorsorge, um die Ausbildung der Kinder. Und dann kam der Schlaganfall – und mit einem Schlag war plötzlich alles ganz anders: Wie unwichtig schienen mir plötzlich die Sorgen von früher. Ich drohte mit einem Mal das wirklich Wichtige zu verlieren: Meine Frau meine Familie, ja sogar mich selbst. Und als ich dann zur Untersuchung durch diese Röhre gefahren wurde, da konnte ich kaum noch klar denken und doch dachte ich an den Psalm 23: Der Herr ist mein Hirte mir wird nichts mangeln. Und ob ich schon wanderte im finstern Tal fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir. – und auf einmal fühlte ich eine Geborgenheit und Gelassenheit, wie ich sie seit Jahren nicht kannte. Ja!“, sagte der Patient schließlich und lächelte dabei, „Dieser Schlag hat mein Leben verändert – und ich bin jetzt Gott sei Dank viel gescheiter als zuvor.“

Johannes meint es gut mit uns, wenn er uns mit diesem Paukenschlag wachrütteln will.

Jesus, auf den Johannes verweist, greift später den Ruf zur Umker auf. Doch er unterscheidet sich auch von Johannes. Er bleibt nicht als Mahner in der Wüste. Jesus geht zu den Menschen, setzt sich mit ihnen an den Tisch, feiert mit ihnen, lacht mit ihnen.
Bei Johannes klingt es wie eine Drohung, bei Jesus wie eine freundliche Einladung. Da ist es gut, dass Advent heißt: Jesus kommt in die Welt – nicht als Drohung, sondern als freundliche Einladung zu heilsamem Leben.

Halbzeit im Advent: Sie brauchen auf ihren Stollen und ihre Plätzchen nicht zu verzichten. Aber nutzen sie doch auch die Zeit, um vielleicht alleine oder vielleicht mit einem lieben Menschen zusammen nachzuspüren, was wirklich wichtig ist im Leben und was das Leben nachhaltig heil macht: Da wird dann die Zeit der Buße zu einer Zeit der Muße, darüber nachzudenken.

Amen.

Anmerkung: Meine Gedanken zur "Wüstenzeit" wurden angeregt durch: „Die Wüste lebt“, Lukas 3, 7-14 von Christoph Dinkel

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