Adventliche Worte

Liebe Gemeinde,

die Kinder in der sechsten Klasse reden, wenn sie etwas über Jesus von Nazareth erfahren sollen, zunächst auch über Johannes den Täufer. Und dabei erfahren sie auch etwas darüber, wie dieser Johannes geschichtlich einzuordnen ist. Sie lesen in der Schrift die Parallelstelle zu Lukas und erfahren dort, dass sich Johannes von Heuschrecken und wildem Honig ernährte und ein Gewand aus Kamelfell trug. Viele stellen ihn sich als einen wahrhaft wilden Gesellen vor. Vielleicht liebe Gemeinde, war es das ja auch. Aber, wie so oft, ist die Beschreibung des Äußeren in der Schrift nicht an sich so wichtig, sondern sie verdeutlicht gewissermaßen mehr das Innere, das Eigentliche, oder: wenn Sie es ganz evangelisch haben wollen: das Wort, die Botschaft des jeweiligen Menschen.

Das, liebe Gemeinde, scheint mir überhaupt das Schwierige zu sein an jeglichem Unterricht in diesen Dingen. Man kann – wenn man sich Mühe gibt – alles historisch lernen und erfassen, was die Wissenschaft dort zu bieten hat. Man kann die Sprachen studieren und das Land bereisen. Man kann alte Texte lesen und somit den Gestalten der Bibel historisch so nahe kommen, wie es eben nur möglich ist. Aber damit wird man noch zu keinem Glaubenden, noch zu keinem also, der „Vertrauen hat“. Denken Sie z.B. an die Feste, die wir feiern: sie sind allesamt: Erinnerungsfeste. Wir feiern also etwas, weil wir uns an etwas erinnern wollen. Weihnachten etwa, auf welches wir ja nun mit schnellen Schritten zueilen. Aber, liebe Gemeinde, wir feiern es nicht, weil vor 2000 Jahren ein Kind mit Namen Jesus geboren wurde, der Zeit seines Lebens als Jesus von Nazareth bekannt war und das letzte oder die letzten drei Jahre seines Lebens gepredigt und geheilt hat. Das alles nämlich ist zunächst nämlich ziemlich weit weg von mir selbst. Wir feiern Weihnachten, liebe Gemeinde, weil Jesus der Christus – also: der Erlöser der Welt – geboren wurde und weil wir glauben, dass er auch unser Erlöser ist. Mein Heiland, liebe Gemeinde, ist an Weihnachten für mich geboren. Darum geht es. Also um die Botschaft, das Evangelium – die frohe Kunde für einen jeden Menschen. Ich beobachte, dass je weiter die Menschen von der Botschaft für sich entfernt sind, sie umso mehr Kult treiben sie und umso wichtiger wird die historische Ausstattung, aber auch der Kitsch und der Tand. Aber der Glaube wird sich daran nicht entzünden, sondern er braucht die offene Herzenstür. Und die wird erreicht und durchschritten von dem, was uns die Gestalten der Schrift sagen. Von ihrer Botschaft. Und so haben wir heute, im Advent – im Warten auf die Botschaft Jesus – eine andere, vorbereitende Botschaft von eben jenem Wegbereiter Jesu: von Johannes dem Täufer. Hören wir das heutige Predigtwort auf dem Evangelium des Lukas im dritten Kapitel, die Verse eins bis 14:

[TEXT]

Ja, liebe Gemeinde: es sind tatsächlich adventliche Worte – also Worte der Vorbereitung auf die Ankunft, das große Geschehen der Erlösung. Zuvor aber predigt Johannes die Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden. Und er tut dies mit harten Ansagen: „Ihr Schlangenbrut, wer hat denn euch gewiss gemacht, dass ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet?“ Ja, wer hat euch gewiss gemacht? War es die Berufung auf den Stammvater, diese Zugehörigkeit zum Volk, die eine falsche Sicherheit auslöste? Was sagt Johannes? „Gott kann dem Abraham aus diesen Steinen Kinder erwecken.“ Johannes spricht die Frucht an, die wir bringen sollten: jeder Baum, der keine Frucht bringt, an den ist schon die Axt gelegt.

Warum, liebe Gemeinde, ist es wichtig, dass wir solche Worte hören? Warum ist es wichtig, dass wir immer wiederkehrend Zeiten der Buße und der Reue einlegen? Weil Johannes und Jesus zusammen gehören; weil deren Botschaft zusammen gehört. Wo Johannes den Menschen schonungslos sagt, wer sie wirklich sind, breitet Jesus die Arme aus und lädt diese Geschundenen ein in sein Reich Gottes, damit sie Vergebung und Erlösung empfangen mögen. Deswegen, liebe Gemeinde, ist der Advent eine Zeit des Fastens und der Umkehr – wir haben die Farbe lila in der Kirche gedeckt! Deswegen ist es eigentlich eine stille Zeit – oder war es einmal zumindest. Weil alles, was dieses Bedenken des eigenen Status, des eigenen Standes vor Gott, verdecken will, beiseite gehört. Weihnachten, liebe Gemeinde, wird nicht dort, wo wir uns gegenseitig treure Geschenke machen. Es ist ja doch erstaunlich, wenn man zur Zeit die Werbung betrachtet im Fernsehen oder auf den Plakatwänden: mit wie viel himmlischen Symbolen dort uns etwas verkauft werden will. Und erschreckend viele versprechen uns indirekt, wenn wir nur ihr Produkt kaufen, dann wird es auch bei uns ein himmlisches Fest. Aber, liebe Gemeinde, Sie wissen es natürlich: das ist gelogen – es ist einfach nicht wahr. Gar nichts dagegen, dass wir etwas kaufen und uns gegenseitig damit Freude machen – aber dadurch geschieht Weihnachten nicht. Sondern Weihnachten wird dort wahr, wo der Mensch vor Gott sich begreifen kann als gerettet, als erlöst, als geheilt – als angenommen von diesem Gott, dessen Wesen mit dem großen menschlichen Wort Liebe beschrieben wird. Das ist das wahre Geschenk der Geburt Christi für uns: sein Leben und Sterben, sein Auferstehen und dass er uns einbezieht in sein Heilsgeschehen. Wie will ich aber den Wert eines solchen Geschenkes erfassen, wenn ich mir doch im Herzen denke: „Eine Erlösung? Die brauche ich nicht!“ Oder: „Ich als Sünder? So ein Quatsch!“

Die Adventszeit als stille Zeit oder wie man es sich heute auch noch wünscht: als besinnliche Zeit, dient tatsächlich diesem einen: Sich besinnen, wie es mit mir steht. Sich besinnen, wo ich stehe. Und dann bleibt mir nicht viel anderes übrig, als zu erkennen, dass leider auch ich zu den Bäumen gehören, die nicht genügend Frucht bringen. Und das, liebe Gemeinde, wo ich doch so viel weiß von diesen Früchten: wie sie sein sollten, wozu sie dienen und selbst auch: wie ich sie hegen und pflegen kann, damit es schöne Exemplare werden können. Aber nein: ich stehe wieder da, wo ich schon einmal angefangen habe und muss wieder und wieder sehen: ich habe diese Früchte nicht. Und deswegen wäre es Recht, dass an mich als nutzlosen Baum die Axt gelegt wird und ich Platz machen für Bäume, die fähig sind, die Frucht zu tragen, für die sie bestimmt sind.

Johannes predigt diese Buße. Er predigt sie noch zur Vergebung der Sünden. Und er ist damit adventlicher Bote des Christus, welcher nach ihm kommen wird und dessen Botschaft ebenfalls von der Vergebung der Sünden handelt. Aber auf einem anderen Weg.

Weil Jesus weiß, dass diese Bäume niemals ausreichend Frucht bringen können, gibt er sich selbst dar: die Frucht des Weinstocks als sein Blut, das Brot als sein Leib und er versöhnt damit die Menschen mit Gott, Gott mit den Menschen – und überwindet die Kluft, die beide getrennt hat. Mit anderen Worten: Gott mach den Menschen gerecht – aber nicht aus dessen Werken, seinen Früchten, sondern aus reiner Gnade und Liebe.

Dieses Geschenk des Lebens beginnt in der Geschichte mit der Geburt Jesu. Es ist ein Geschenk, das uns tragen kann ein Leben lang.

Advent dient dazu, dass wir nicht vergessen, wie wertvoll dieses Geschenk in Wahrheit ist. Wie gar nicht selbstverständlich es ist, dass gerade wir es bekommen – die Bäume ohne Frucht. Wie leicht hätte sich doch Gott andere Kinder erwecken können – selbst aus Steinen, liebe Gemeinde. Aber er wollte bei seinen Geschöpfen bleiben und es ihnen ermöglichen, dass sie einst heimkehren in die goldene Stadt Jerusalem, wo das lebendige Wasser in einem nie versiegenden Strom fließen kann und wir endlich – endlich: Gott sehen von Angesicht zu Angesicht und keine Frage unbeantwortet bleiben muss und alle Tränen abgewischt werden von unseren Augen.

Lassen Sie diese Botschaft von der freimachenden Gnade Gottes in Ihre Herzen – dann wird es bei Ihnen wahrlich Weihnachten werden können.

Wer dies gefasst hat – und gleichzeitig: wer davon ergriffen worden ist, der darf dann hinzutreten wie die Menschen aus unserem Predigtwort und fragen: „Was soll ich tun?“ Die, die so fragen, werden dann aber nicht fragen, damit sie etwas erlangen, sich etwas verdienen mit ihrem Tun. Sondern sie werden fragen aus Dankbarkeit, aus frohem Herzen. Damit sie etwas weitergeben können von der Liebe, die sie erfahren haben. Aus den Beispielen des Johannes können wir lernen – auch heute noch.

Da ist die Menge, die zu hören bekommt: „Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat; und wer zu essen hat, tue ebenso.“ Denn Gemeinschaft unter Menschen dieser Welt kann es nur geben, wenn wir aufeinander achten und von dem, was wir haben, zu teilen bereit sind. Sie dürfen sich das ganz bildlich vorstellen: keiner kann zwei Hemden sinnvoll auf einmal anziehen. Das eine, das er anhat, zeigt an, dass er genug hat für sich – ein anderes kann er verschenken. Bleiben Sie nicht an der Anzahl hängen: jeder von uns hat mehr als ein Hemd. Es geht um das Grundsätzliche: haben wir so, dass wir leben können? Wenn ja, dann können wir auch abgeben an die, die mit diesem Leben zu kämpfen haben.

Da sind die Zöllner, die zu hören bekommen: „Fordert nicht mehr, als euch vorgeschrieben ist!“ Wir kennen sie kaum noch die Zöllner, die an den Grenzen sitzen und Wegezoll verlangen. Aber wir kennen die, die verkaufen und Geld dafür haben wollen, dass wir diese Dinge oder Leistungen beziehen dürfen. Und an den Spitzen dieser Pyramiden wird sehr viel Geld gemacht. Und es gibt immer wieder gute Begründungen, warum dies so ein muss. Da höre und lese ich v.a. Wettbewerb, Konkurrenzfähigkeit, Aktienkurse u.v.a. mehr, von denen ich freilich nicht viel verstehe. Aber ich frage mich trotzdem: wie kann es sein, dass der Arbeiter, der die Produkte betreut, z.B. am Fließband nur ein 80zigstel oder 100stel von dem verdient, der der Firma vorsteht? Auch hier denke ich, müsste mehr Gemeinschaft herrschen können.

Schließlich die Soldaten, die zu hören bekommen: „Tut niemandem Gewalt oder Unrecht und lasst euch genügen an eurem Sold!“ Zunächst eine seltsame Forderung für Soldaten, deren Handwerk doch gerade die Gewalt ist. Aber auch hier bleiben Sie bitte nicht am Bilde kleben, sondern erweitern es im Sinne des Gesagten. Wer die Macht hat und die Fähigkeit, Gewalt auszuüben, weil es seine Stellung ermöglicht, der tue darin kein Unrecht, sondern achte auf die, die ihm anbefohlen sind.

An Menschen, die bereits so handeln, wie es der Täufer empfiehlt kann man manchmal erkennen, dass sie von Christus wissen und nicht nur historisch und betrachtend, sondern in ihrem Herzen von diesem Gesalbten berührt worden sind. Erkennen, dass sie eine Ahnung haben von jenem Geschenk an sie persönlich, für ihr Leben und dass sie etwas weitergeben von jener Liebe an die Menschen, mit denen sie zu tun haben.

Advent darf uns auf das Geschenk vorbereiten, dass wir solche Menschen werden können – Sie und ich.

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